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Mord wegen Corona? Der Tankstellenmord von Idar-Oberstein

in Kriminalität 22.09.2021 07:52
von Metropolis 1971 • 59 Beiträge

Hallo,

wie vielleicht einige von euch über diverse Medien und soziale Netzwerke mitbekommen haben, wurde am Samstag, den 18.09.2021 in meiner Heimatstadt Idar-Oberstein ein Tankstellen-Angestellter ermordet. Hierbei handelte es sich aber nicht, wie man vermuten könnte, um einen klassischen Überfall, sondern um ein Motiv, welches bei mir nur ein entsetztes Kopfschütteln hinterlässt. Aus diesem Grund poste ich hier die Artikel der NZ der letzten Tage, so dass sich jeder selbst ein Bild davon machen kann.

Nahe-Zeitung vom 20.09.2021 – Tödliche Schüsse in Obersteiner Tankstelle

ldar-Oberstein. Schreckliches Gewaltverbrechen in der Schmuckstadt: Ein 49 Jahre alter Mann hat am Samstagabend gegen 21:20 Uhr einen erst 20 Jahre alten Kassierer der Aral-Tankstelle in der Idar-Obersteiner Hauptstraße erschossen. Nach knapp zwölfstündiger Fahndung konnte die Polizei am Sonntagmorgen zum GIück Entwarnung geben. Spezialkräfte hatten den Tatverdächtigen - einen deutschen Staatsbürger, der nach NZ-Informationen in ldar-Oberstein lebt - gegen 8:45 Uhr widerstandslos festgenommen. ,,Es besteht keine Gefahr mehr", betonte die Polizei danach. Zu seinem Motiv gebe es aktuell noch keine Erkenntnisse, erklärten die Ermittler. Das Fachkommissariat 11 der Kriminaldirektion Trier habe eine Sonderkommission eingerichtet, um die Hintergründe der Tat sowie den Ablauf der Geschehnisse mit Hochdruck aufzuklären, hieß es in einer Pressemitteilung vom Sonntagvormittag weiter.
Bislang gesichert bekannt ist, dass der mutmaßIiche Täter am Samstag bereits gegen 20:30 Uhr erstmals die Aral-Tankstelle in der ldar-Obersteiner Hauptstraße aufgesucht hatte und schon zu diesem Zeitpunkt in Streit mit dem 20-jährigen Kassierer - er kommt nach NZ-Informationen aus dem Stadtgebiet - qeraten war. Der 49-jährige mutmäßtiche Täter trug bei diesem ersten Besuch, bei dem er ein Sixpack Bier kaufte, ein dunkles Tshirt, das auf dem Rücken die Aufschrift einer amerikanischen Biermarke hat. Das zeigten Fahndungsfotos, die die Polizei am Sonntagmorgen veröffentlicht hatte. Der Mann trug zu diesem Zeitpunkt keine Mund-Nasen-Schutz- Maske. Diese hatte er in der hinteren Hosentasche stecken. Eine knappe Stunde später kehrte der 49-Jahrige zurück und erschoss nach einem zweiten kurzen Wortwechsel den Tankstellen- Angestellten, so die Auskunft von Karl-Peter Jochem, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Trier, am Sonntagmorgen auf NZ-Anfrage. Als der Mann gegen 21.20 Uhr das zweite Mal in der Tankstelle erschien und das Verbrechen beging, hatte er die Kleidung gewechselt und trug nun eine graue Hose sowie ein weißes T-Shirt. Er kaufte offenbar erneut ein Sixpack Bier, den er unter dem Arm trug. Eine Mund-Nasen-Schutz-Maske hatte er nun unters Kinn geschoben. Das zeigten zwei weitere Aufnahmen aus einer Überwachungskamera, die die Polizei aus Fahndungsgründen herausgegeben hatte. Der mit einer Pistole bewaffnete Unbekannte war nach der Bluttat zu Fuß geflüchtet. Er wurde von einem Großaufgebot der Polizei – deren Dienststelle befindet sich nur wenige Meter vom Tatort entfernt – zunächst im Stadtgebiet Idar-Oberstein gesucht. Wenig später wurden auch Spezialkräfte hinzugezogen und Polizeihubschrauber eingesetzt.
Zunächst konnte der Todesschütze trotz zahlreicher Hinweise aus der Bevölkerung und der Veröffentlichung der Fahndungsfotos noch nicht ermittelt werden. In der Nacht hatten die Ermittler zwar einen 59-Jährigen in Zusammenhang mit dem Gewaltverbrechen überprüft, gegen ihn hatte sich aber kein hinreichender Tatverdacht ergeben, so die Auskunft der Polizei Trier am Sonntag um 6 Uhr. Knapp vier Stunden später konnten die Ermittler dann aber die Festnahme des 49-jährigen Tatverdächtigen und damit einen Fahndungserfolg vermelden. Unklar bleibt, ob der Zugriff des Mannes in dessen Haus oder an anderer Stelle erfolgte. Dazu äußerte sich die Polizei am Sonntag nicht, Wie es auf NZ-Nachfrage heißt, gebe es aber keine Anhaltspunkte für einen Raubüberfall.
Unterdessen verdichten sich nach Informationen unserer Zeitung die Hinweise, dass das Nichteinhalten der Maskenpflicht den Streit zwischen dem Täter und dem Kassierer auslöste. Offiziell bestätigt wird das von der Polizei aber nicht. Sie macht auch keine weiteren Angaben, ob sich zum Zeitpunkt des Tötungsdelikts noch weitere Menschen in der Tankstelle befunden haben. Nach NZ-Informationen gab es aber offenbar einen zweiten Kassierer,,der durch eine Hintertür flüchten konnte, zur nahe gelegenen Polizeidienststelle lief und dort Alarm schlug. Die Polizei verwies auf NZ-Anfrage darauf, dass für den Fortgang der weiteren Ermittlungen die Staatsanwaltschaft Bad Kreuznach die Hoheit über weitere Presseauskünfte hat. Eine entsprechende Anfrage unserer Zeitung an die Justizbehörde blieb am Sonntag aber bis Redaktionsschluss unbeantwortet. Die Polizei hatte die Bevölkerung am Samstagabend wegen der Bedrohungslage auf ihrem Twitter-Kanal auf dem Laufenden gehalten. Bereits in der Nacht betonte sie aufgrund anderslautender Gerüchte in den sozialen Netzwerken, dass lediglich ein Einzeltäter gesucht werde. Sie bat die Bevölkerung im gesamten Stadtgebiet, keine Anhalter mitzunehmen und der Polizei sofort verdächtige Personen zu melden. Die Bluttat hatte sich schon kurz nach den tödlichen Schüssen wie ein Lauffeuer verbreitet und sorgte in der Schmuckstadt vor allem bei den gastronomischen Betrieben in der Nähe für schnelle Reaktionen. ,,Wir sind von der Polizei angerufen und über die Tat informiert worden. Auf deren Rat hin haben wir sofort alle Gäste von der Terrasse hereingerufen, alle Rollläden geschlossen und die Musik ausgemacht. Den Besuchern haben wir gesagt, dass sie Ruhe bewahren und nicht in Panik geraten sollen. Das ist auch nicht qeschehen“, sagt beispielsweise Dimitri Sacharov, Inhaber des Café Eckstein am Idarer Marktplatz. Nach und nach seien die Gäste dann entweder selbst auf direktem Weg nach Hause gefahren oder von Angehörigen abgeholt worden. ,,Natürlich ging nach dem Vorfall nichts mehr, und es war viel früher Schluss als sonst an einem Samstagabend", so Sacharov. In den anderen Restaurants und Lokalen der Schmuckstadt gab es wegen der unklaren Situation und der Bedrohungslage ein ähnliches Szenario. Große Aufregung herrschte beispielsweise im Palacio Granada. Dort machte nach NZ-lnformationen plötzlich die Runde, dass ein Mann, auf den die zu diesem Zeitpunkt vorliegende Beschreibung passte, mit einem Roller vor der Diskothek vorgefahren sei und auf sich aufmerksam gemacht habe. Letztlich ließ sich diese Info aber nicht verifizieren.
Der Idar-Obersteiner Oberbürgermeister, der nach der Bluttat in permanentem Kontakt mit der Polizei stand, hatte in einer ersten Reaktion von einer ,,unfassbaren und schrecklichen Tat, die für große Aufregung in unserer Stadt sorgt“, gesprochen. Nach der Mitteilüng von der Festnahme des Täters erklärte Frank Frühauf: ,,Darüber sind wir alle sehr, sehr erleichtert, und mein ganz großer Dank geht an die ganze Blaulichtfamilie, vor allem an die Polizei, der es gelungen ist, den Täiter innerhalb von zwölf Stunden zu fassen. Das war eine großartige Leistung." Frühauf und die Polizei bedankten sich unisono bei den Bürgern für ihre Besonnenheit und ihre Unterstützung. ,,Sie sind dem Aufruf, zu Hause zu bleiben und nicht rauszugehen, vorbildlich gefolgt, Außerdem haben sie der Polizei viele Hinweise gegeben", sagt der OB. Seine Gedanken seien bei den Angehörigen des Opfers. Auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Joe Weingarten, ein gebürtiger Idar-Obersteiner, hatte das Verbrechen kommentiert. Er betonte auf seiner Facebook-Seite: ,,Die schreckliche Gewalttat in Idar-Oberstein entsetzt und bestürzt mich. Ich bin in Gedanken bei den Angehörigen," Eine Stellungnahme gab es"auch von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU): ,,Hier in unserer Region kennt nahezu jeder die Tankstelle. Einige kannten auch das Opfer oder dessen Familie. Schrecklich und unfassbar“

Nahe-Zeitung vom 21.09.2021 – Todesschütze gibt als Tatmotiv Corona an

ldar-Oberstein. Noch immer ist das Entsetzen groß über den gewaltsamen Tod eines jungen Tankstellenmitarbeiters, der am Samstagabend in der Hauptstraße in Idar-Oberstein von einem 49-jährigen deutschen Staatsbürger erschossen worden ist. Bei einer Pressekonferenz am Montagnachmittag
enthüllten Vertreter von Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei weitere Details der Tat - und dass der mutmaßliche Täter geständig ist und als Tatmotiv die von ihm als belastend empfundene Corona-Pandemie angibt. Laut Polizei und Staatsanwaltschaft wollte sich der mutmaßliche Täter am Sonntagmorgen offenbar selbst stellen und ließ sich von seiner Lebensgefährtin zur Polizeiinspektion Idar-Oberstein bringen. Dort waren zu dem Zeitpunkt aber bereits Hinweise auf seine Identität eingegangen. Bei der Öffentlichkeitsfahndung waren im Internet Fotos der Uberwachungskameras veröffentlicht worden. So wurde der Mann erkannt und von Sondereinsatzkräften gegen 8:48 Uhr widerstandslos festgenommen.
Oberstaatsanwalt Kai Fuhrmann (Bad Kreuznach) und Polizeipräsident Friedel Durben (Trier) nannten auch weitere Einzelheiten vom Tatabend. Danach war der Mann gegen 19:42 Uhr ohne Mund-Nasen-Schutz in die Tankstelle gekommen und wollte ein Sechserpack Bier kaufen, Als der Kassierer, das spätere Opfer, ihn auf die Maskenpflicht hinwies, habe er dem Sixpack einen Schubs versetzt und mit einer Drohgebärde das Gebäude verlassen. Gegenüber der Staatsanwaltschaft gab er an, dass der Arger sich zu Hause aufgestaut habe, Er habe die Waffe eingesteckt und sei erneut zur Tankstelle gefahren. Diesmal trug er zunächst eine Maske, nahm gegen 21:25 Uhr wieder ein Sixpack Bier aus dem Regal, stellte es auf die Theke - und nahm den Mund-Nasen-Schutz ab. AIs der 20-Jährige ihn erneut auf die geltende Maskenpflicht hinwies, habe er ihm aus kürzester Distanz ohne Warnung in den Kopf geschossen. Der Student, der als Aushilfskraft in der Tankstelle arbeitete und sich so den Führerschein finanzieren wollte, war sofort tot. Der Täter flüchtete zu Fuß. Ein zweiter Angestellter, der bei der Bluttat im Verkaufsraum zugegen war, flüchtete nach draußen und alarmierte die Polizei. Der Notruf ging gegen 21:34 Uhr ein. Sofort wurde der Tatbereich großräumig abgesperrt, eine Großfahndung eingeleitet und die Bevölkerung sowie ÖPNV und Taxizentrale über die Gefahrenlage informiert. Aufgrund der anzunehmenden Gefahr, die von dem flüchtigen und mutmaßlich bewaffneten Tatverdächtigen ausging, warnte die Polizei daniber hinaus alle Autofahrer davor, im Raum Idar-Oberstein Anhalter mitzunehmen, und riet dazu, zu Hause zu bleiben und die Türen geschlossen zu halten, Alle verfügbaren Einsatzkräfte und Fahrzeuge des Polizeipräsidiums Trier wurden zusammengezogen. Die Fahndung, an der auch Schutzhunde und ein Hubschrauber beteiligt waren, Iief bis spät in die Nacht - zunächst ohne Erfolg. Ein 59-Jähriger aus ldar-Oberstein, der aufgrund von Zeugenhinweisen kurzzeitig festgenommen worden war, wurde wieder auf freien Fuß gesetzt - er sah dem Täter lediglich ähnlich. Der mutmaßliche Todesschütze war bislang polizeiIich noch nicht in Erscheinung getreten. Er wurde am Montag der Haftrichterin vorgeführt, die Haftbefehl (,,Mord aus niedrigen Beweggründen") erließ. .Der Mann wurde umgehend in eine Justizvollzugsanstalt überführt. Auch bei der Haftrichtervorführung blieb er bei seiner Darstellung, er habe sich durch Corona und die einschränkenden Maßnahmen so sehr in seiner Freiheit eingeschränkt gefühlt, dass er keinen anderen Ausweg mehr gesehen habe, als ein Exempel zu statuieren.
Zur Person des 49-Jährigen will die Staatsanwaltschaft ,,zum derzeitigen Zeitpunkt" noch keine näheren Angaben machen. Bei der Durchsuchung der Wohnung des Festgenommenen in einem Stadtteil von ldar-Oberstein wurden weitere Waffen und auch Munition gefunden, deren Herkunft noch nicht geklärt ist, Laut Oberstaatsanwalt Fuhrmann hatte der Mann keine Erlaubnis, eine Waffe zu besitzen oder zu führen.
Oberbürgermeister Frank Frühauf sprach in der Pressekonferenz von einer,,unfassbar schrecklichen Tat". Die Anteilnahme in der Bevölkerung sei riesengroß, was man an den niedergelegten Blumen und Kränzen vor der Tankstelle erkennen könne, Er sei froh, dass der Täterschnell gefasst worden sei, und dankte den Einsatzkräften.

Nahe-Zeitung vom 22.09.2021 – Bluttat wegen Maskenpflicht?

ldar-Oberstein. Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) hat entsetzt auf zustimmende Reaktionen nach der Bluttat in Idar-Oberstein reagiert, ,,Es ist empörend und widerlich, wenn die furchtbare Bluttat von Idar-Oberstein nun im Netz für noch mehr Hass und noch mehr Menschenverachtung missbraucht wird", erklärte Laubrecht, ,,Der Radikalisierung gewaltbereiter Corona-Leugner muss sich unser Rechtsstaat mit allen Mitteln entgegenstellen". In diversen Kanälen von Verschwörungsideologen wird die Gewalttat von ldar-Oberstein bereits als Notwehr, logischer Schritt oder Beginn eines Befreiungskampfs gegen die angebliche ,,Merkel-Diktatur " gefeiert. Der mutmaßtiche Täter, ein 49 Jahre alter Deutscher aus dem Kreis Birkenfeld, hat laut Staatsanwaltschaft zum Motiv für den tödlichen Schuss auf einen 20-Jährigen gesagt, er lehne die Corona-Maßnahmen ab und die Situation in der Pandemie belaste ihn stark. Er habe sich in die Ecke gedrängt gefühlt und ,,keinen-anderen Ausweg gesehen", als ein Zeichen zu setzen. Nach bisherigen Erkenntnissen wollte sich der Täter am Samstagabend an einer Tankstelle in ldar-Oberstein Bier kaufen, ärgerte sich über den Hinweis auf die Maskenpflicht, ging nach Hause und kehrte mit einem Revolver zurück. Nach einem erneuten Disput schoss er dem 20-jährigen Tankstellenkassierer in den Kopf .
Laut dem Rheinland-Pfälzischen Innenminister Roger Lewentz (SPD) registrieren die Sicherheitsbehörden bereits eine deutliche Instrumentalisierung der Tat in den sozialen Netzwerken. ,,Wenn Anhänger rechtsextremer Verschwörungsideologien und Corona-Leugner die Tat zu Propagandazwecken missbrauchen und einen Mord für ihre perfiden Zwecke nutzen, dann betreiben sie abscheuliche Stimmungsmache und zeigen dadurch ihr wahres Antlitz", sagte Lewentz.
Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) machte deutlich, dass man die Entwicklung genau beobachte. ,,In Rheinland-Pfalz verfolgen wir Hass und Hetze konsequent und ziehen alle zur Verantwortung, die im Netz Hass säen. " Trotz einer ersten Aussage des mutmaßlichen Täters bleibt das konkrete Motiv unklar. Nach Einschätzung des Kriminalpsychologen Rudolf Egg muss das Aggressionspotenzial des Mannes genau untersucht werden. ,,Man muss bei einer Tat immer. Unterscheiden zwischen dem unmittelbaren AnIass und dem eigentlichen Grund", sagte der Fachmann aus Wiesbaden, ,,Was da wirklich an diesem Tag und an diesem Abend war, worüber er sich noch geärgert hat", sei noch vöIlig unklar. Möglicherweise habe der Verdächtige ganz andere Gründe als die Corona-Auflage gehabt. ,,Niemand, der auch nur halbwegs vernünftigen Verstandes ist, wird einen ihm völlig unbekannten jungen Mann einfach deshalb erschießen, weil er sagt: ,Du musst jetzt eine Maske aufsetzen! "', betonte Egg, ,,Das ist kriminalpsychologischer Nonsens." Der pensionierte Kriminalpsychologe Egg war Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsches Forum für Kriminalprävention sowie Direktor der Kriminologischen Zentralstelle des Bundes und der Länder. Bei den Entstehungszusammenhängen der Tat müsse man ,,sehr, sehr aufpassen", mahnte Egg.,,Manchmal ist es nur zeitlich miteinander verknüpft, ohne wirklich ursächlich.zu sein." Bei Menschen mit hohem Gewaltpotenzial seien die Anlässe oft auch zufällig.Der letzte Tropfen, der das Fass der Aggressivitätsneigung zum Überlaufen gebracht hat, den kann man nicht als die Ursache ansehen“, sagte Egg aus seiner langjährigen Erfahrung. Viele orientierten sich bei ihrer Tat ,,an dem, was zeitgeistig vorhanden ist".
Aus der Bundespolitik gab es weitere bestürzte Reaktionen. Die Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock sagte: ,,Die Radikalisierung des Querdenkermilieus bereitet mir große Sorgen." AlIe seien gefordert, sich gegen den zunehmenden Hass zu stellen. Ähnlich reagierte auch CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak. „Ein junger Mensch wird nahezu hingerichtet, weil er auf die Maskenpflicht hinweist." Das sei ein ,,unfassbares Maß an Radikalisierung". Die Bundesvorsitzende der Linken, Susanne Hennig-Wellsow, mahnte: ,,Die Aufklärung schulden wir zuallererst dem Opfer und seiner Familie. Aber sie ist für uns alle von elementarer Bedeutung," Es müsse auch ermittelt werden, woher und warum der Mann eine Waffe hatte, ob er allein gehandelt hat oder ,,in irgendwelchen Chats unterwegs war, die Umsturzfantasien verbreiten“.

Nahe-Zeitung vom 22.09.2021 – Nach Tankstellenmord : Gibt es eine Gedenkfeier?

ldar-Oberstein. Nach der tödlichen Attacke auf einen TankstelIenkassierer in ldar-Oberstein diskutiert die Stadtverwaltung über eine angemessene Gedenkfeier für den getöteten 20-Jährigen. ,,Momentan ist alles im Fluss, es gibt verschiedene Vorschläge mit Blick auf eine öffentliche Gedenkveranstaltung", sagte ein Sprecher der Stadt am Dienstag, Klar sei, dass man auf die Tat reagieren wolle, alIerdings wolle man nichts ohne Absprache mit den Angehörigen machen. Für das Rathaus wurde bereits am Sonntag Trauerbeflaggung angeordnet, entsprechende Anregungen seien auch aus der Bevölkerung gekommen.
Der Schock in der Bevölkerung ist nach wie vor groß - vor allem die Fassungslosigkeit, wieso die Situation wegen einer solchen Lappalie wie einem vergessenen Mund-Nasenschutz derart eskalieren konnte, sodass am Ende ein junger Mensch auf grausame Weise starb. Noch immer werden Blumen am Tatort niedergelegt. Gruppen von Schülem und Studenten nehmen Abschied von dem 20-Jährigen.
Rückblick: Weil dieser ihn auf die Maskenpflicht hingewiesen habe, soll ein 49-Jähriger den jungen Kassierer am Samstagabend an einer Tankstelle erschossen haben. Davon gehen die Ermittler nach der Tat in Idar-Oberstein aus. Der Deutsche hat die Tat nach seiner Festnahme am Sonntagmorgen gestanden, er sitzt in Untersuchungshaft. Der Vorwurf lautet ,,Mord aus niedrigen Beweggründen". Der mutmaßliche Täter sagte nach Angaben der Ermittler aus, dass er die Corona-Maßnahmen ablehne. Zum Motiv habe er angegeben, dass ihn die Situation der Pandemie mit all deren Einschränkungen für die persönliche Freiheit stark belaste.
Nach bisherigen Erkenntnissen wollte er am Samstagabend Bier an der Tankstelle in der Hauptstraße in Idar-Oberstein kaufen, er hatte aber seine Maske vergessen. Er ärgerte sich über den Hinweis des jungen Kassierers auf die Maskenpflicht und die Tatsache, dass er sein Bier nicht bekam, er fuhr nach Hause und kehrte mit einem Revolver zurück. Nach einem erneuten Disput, als der 49-Jährige den Mund-Nasen-Schutz an der Kasse herunterzog, habe er dem 20-Jährigen in den Kopf geschossen. Die Ermittlungen laufen weiter. Derzeit gebe es noch keine neuen Erkenntnisse etwa zur Frage, woher die Tatwaffe stamme. Auch seine Zugehörigkeit beziehungsweise Nähe zur Querdenker-Szene werde derzeit überprüft, sagt der Leitende Oberstaatsanwalt Kai Fuhrmann auf NZ-Anfrage.
Die Tat sorgt bundesweit für Schlagzeilen: Bild, FAZ, Spiegel,Tagesspiegel präsentierten den Vorfall an prominenter Stelle in Print wie im lntemet, Fernsehsender berichteten in Wort und Bild.
Bundespolitiker sprachen ihre Anteilnahme aus, äußerten sich aber auch besorgt über die zunehmende Radikalisierung der "Querdenker". Wie stark radikalisiert Teile der Corona-Leugner-Szene bereits sind, zeigen auch Reaktionen arrf den Mord in der Messenger-App Telegram. Dort wird die Tat nicht nur entschuldigt, sondern sogar ausdrücklich befürwortet, berichtet das Redaktions-Netzwerk Deutschland: ,,Eine Zecke weniger", kommentiert etwa ein Mitglied des Telegram-Kanals des rechtsextremen Aktivisten Sven Liebich aus Halle/Saale die Tat. Die ,,Querdenker" wähnen sich im Bürgerkrieg: ,,Es herrscht Krieg für mich, da wird nicht mehr diskutiert. Weg mit 3G oder Bürgerkrieg - dafür stehe ich mit meinem Leben", heißt es an anderer Stelle oder: ,,Wenn's die Richtigen, trifft, hab ich nichts dagegen."


zuletzt bearbeitet 22.09.2021 07:55 | nach oben springen

#2

RE: Mord wegen Corona? Der Tankstellenmord von Idar-Oberstein

in Kriminalität 22.09.2021 16:02
von Metropolis 1971 • 59 Beiträge

Hier noch ein Link zu einem interessanten Beitrag zu diesem Fall.

https://www.zdf.de/nachrichten/zdfheute-live

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RE: Mord wegen Corona? Der Tankstellenmord von Idar-Oberstein

in Kriminalität 22.09.2021 17:45
von K41P • 25 Beiträge

So einen Vorfall darf es eigentlich niemals geben. Ein Kassierer, der seiner Arbeit nachkommt und die Regeln zum Wohle aller durchsetzt wird hier Opfer. Mir ist absolut schleierhaft, wie sich hier die Aggressionen gegen diesen armen Menschen richten können! Eine Person, die die Regeln weder gemacht hat, und die sie noch ändern kann. Und hält er sich nicht daran, wird er selbst in den sozialen Medien zur Zielscheibe (siehe Maps Rezensionen oder Twitter Kampagnen).

Und ein weiterer Punkt warum ich es unmöglich finde: Ich verstehe jeden Frust über Maßnahmen wie Ausgangssperren ab 20 Uhr. Aber in der aktuellen Phase der Pandemie gibt es doch überhaupt keinen Grund mehr, sich wirklich aufzuregen. Jeder hat es in der Hand, sich impfen zu lassen und damit fast allen Maßnahmen aus dem weg zu gehen. Und selbst ungeimpfte sind in der aktuellen Phase so frei wie lange nicht mehr. Man kann raus, sich treffen, mit Test ins Restaurant etc. Da darf doch so eine kleine Maske als Überbleibsel der Maßnahmen nicht so einen Hass auslösen. Es ist wirklich unglaublich. Statt fünf Minuten Maske mehrere Jahre Gefängnis, je nach dem wie die Gerichte entscheiden unter Umständen Lebenslänglich.

Ob es sich hierbei um Mord oder Totschlag handelt werden am Ende wohl die Richter entscheiden. Deshalb finde ich es auch falsch, wenn einige Politiker sich hier über die Gerichte stellen und wenige Stunden nach der Tat schon von Mord etc. sprechen.
Andere schaffen es doch auch, sich mit den Begrifflichkeiten im Rahmen zu bewegen. Klingt mir immer sehr nach Populismus der Zeitung mit den großen Buchstaben.

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#4

RE: Mord wegen Corona? Der Tankstellenmord von Idar-Oberstein

in Kriminalität 22.09.2021 19:27
von Metropolis 1971 • 59 Beiträge

Natürlich muss letzten Endes das Gericht entscheiden, ob es sich hierbei um Mord oder Totschlag handelt. Ich bin kein Jurist, aber für mich spricht die eine Stunde, die zwischen dem Beginn des Streites und der Tat liegt, dafür dass es eindeutig als Mord zu bewerten ist. Totschlag, als juristischer Laie betrachtet, beinhaltet für mich auch immer etwas spontanes. Und ich gebe dir Recht, das jeder es in der Hand hat sich impfen zu lassen. Aus meiner Sicht die einzige Möglichkeit irgendwann unser normales Leben, und damit auch den Wegfall der Maskenpflicht, zurückzubekommen. Aber das muss natürlich jeder für sich entscheiden. Was aber gar nicht geht, ist das was in Idar-Oberstein passiert ist, und das was danach in den a-sozialen Netzwerken passierte, nämlich das ein solcher Wahnsinn auch noch für gut geheißen wird.

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#5

RE: Mord wegen Corona? Der Tankstellenmord von Idar-Oberstein

in Kriminalität 23.09.2021 04:38
von Metropolis 1971 • 59 Beiträge

Nahe-Zeitung vom 23.09.2021

Die Staatsanwaltschaft Bad Kreuznach geht von langwierigen Ermittlungen nach den tödlichen Schüssen in Idar-Oberstein aus. Unter anderem ist unklar, woher der 49-jährige mutmaßliche Schütze die Tatwaffe hatte. Bei der Waffe handelt es sich um einen großkalibrigen Revolver der Marke Smith & Wesson, sagte ein Sprecher der Anklagebehörde. "Die Herkunft ist weiter ungeklärt. Wir müssen da tiefer forschen."
Nach Informationen der Nahe-Zeitung hat der Vater des Todesschützen im März 2020 in Herrstein (Kreis Birkenfeld) versucht, seine Ehefrau und Mutter des jetzigen mutmaßlichen Täters zu erschießen. Die damals 72-jährige überlebte schwer verletzt, der 70-jährige erschoss sich anschließend selbst. Sein Sohn, der wegen Mordverdacht in Untersuchungshaft sitzt und ein Geständnis abgelegt hat, wuchs in Herrstein auf. Ob auch die Tatwaffe, die im jetzigen Haus des Verhafteten im Idar-Obersteiner Stadtteil Enzweiler gefunden wurde, aus dem Bestand des Vaters stammt, wollte die Staatsanwaltschaft nicht bestätigen. Oberstaatsanwalt Kai Fuhrmann verwies auf die laufenden Ermittlungen.

https://www.ruhrnachrichten.de/nachricht...en-1676623.html


zuletzt bearbeitet 23.09.2021 04:55 | nach oben springen


#7

RE: Mord wegen Corona? Der Tankstellenmord von Idar-Oberstein

in Kriminalität 25.09.2021 15:29
von Metropolis 1971 • 59 Beiträge

Nahe-Zeitung vom 25.09.2021 – Bilder bleiben im Kopf – Alex im Herzen

ldar-Oberstein. ,,Alex ist tot. " Bis zu diesem Satz verbrachten Elke und Stefan Matheis, seit 2010 Eigentümer der Aral-Tankstelle in der Obersteiner Hauptstraße, einen ganz normalen Samstagabend in ihrem Haus in Bechhofen (Pfalz). ,,Alex ist tot": Diesen Satz schreit ein Tankstellenmitarbeiter nur eine Minute nach dem tödlichen Schuss auf seinen Kollegen Alexander W. ins Handy. Nach einem kurzen Blickkontakt mit dem Täter rennt er geistesgegenwärtig aus dem Hauptausgang raus und direkt in Richtung Polizeidienstelle, die sich nur ein paar Meter von der Tankstelle entfernt befindet. Und er teIefoniert dabei unter Schock mit seinem Chef Stefan Matheis, dessen Ehefrau sofort die in Idar-Oberstein wohnende Tochter – Juniorchefin der Tankstelle – anruft: ,,Fahr zur Tankstelle, es ist etwas passiert." Was genau, das ist zu diesem Zeitpunkt niemandem klar. Die 30-Jährige ist wenige Minuten später gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten am Tatort. Die Tochter findet Alex hinter der Kassentheke liegend. Der Täter
hat dem 20-Jährigen aus kürzester Distanz mitten ins Gesicht geschossen. Das Paar findet ein Blutbad vor, der Lebensgefährte der Juniorchefin versucht sofort zu helfen, beginnt mit einer Herzdruckmassage. Vergebens. Das Ehepaar Matheis macht sich umgehend auf den Weg zur Tankstelle. Das Gelände ist abgesperrt. Alle treffen sich schließlich au{ der Polizeidienststelle: die Mutter des Getöteten, auch die beiden jungen Mädchen, die sich im Verkaufsraum der Tankstelle befanden, mit Alex geplaudert und ihre Einkäufe bezahlt hatten, sie hören draußen den Schuss. Der Täter hatte direkt hinter ihnen gestanden. Auch zwei Kunden, die gerade am Tanken waren, erleben die Tragödie unmitteibar, hören den Schuss, sehen, was danach passiert. Aufschluss gibt das Videomaterial, das Stefan Matheis umgehend im Beisein der Polizei sichtet: Es eilt, das Material muss zu Fahndungszwecken so schnell wie möglich gefiltert werden. Der Täter ist auf der Flucht, womöglich Gefahr im Verzug. Dabei wird klar: Der Täter hat die Maske unters Kinn gezogen steht direkt vor Alex. Der 20-jährige Schüler, der seit dem 1. Dezember 2020 an Wochenenden an der Tankstelle jobbte, sagt ganz ruhig: Der Kunde möge doch bitte die Maske anziehen. Das waren seine letzten Worte. Nur Sekunden später schießt der 49-jährige Täter aus Idar-Oberstein Alex ins Gesicht, er dreht sich ganz ruhig um; geht langsam zum Ausgang, blickt entspannt, so beschreibt es Stefan Matheis, nach oben in die Kamera - und zieht die Maske provozierend hoch. Eiskalt, brutal sei der Blick des Mannes gewesen. Als verschaffe ihm die Tat Genugtuung. Er flüchtet in aller Ruhe zu Fuß.
Das Ehepaar Matheis steht unter Schock. Es fließen oft Tränen, es dauert, bis man begreift, was passiert ist: Raubüberfälle auf ihre Tankstellen in Homburg (Saarland) und Kaiserslautern - seit 1989 ist man im Tankstellengeschäft – gab es schon viele: Aber niemals kam jemand körperlich zu Schaden. Auch die Aral-Tankstelle in der Idar-Obersteiner Hauptstraße war 2014 schon einmal Schauplatz eines Überfalls. Damals betrat der Täter um 22:23 Uhr die Tankstelle, und zwang die 25-jährige Angestellte mit vorgehaltenem Revolver, das Bargeld in der Kasse herauszugeben. Doch damit nicht genug: Abgebrüht suchte er danach mit seiner Beute nicht sofort das Weite. Die junge Frau mußte ihn mit ihrem Auto bis in den Stadtteil Weierbach fahren – eine Strecke von mehr als fünf Kilometern. Dort endete das Horrorerlebnis, das sie zumindest äußerlich unverletzt überstand. Der Mann stieg aus und setzte seine Flucht zu Fuß fort.
Im aktuellen Fall leiden die Tochter der Tankstellenbesitzer und ihr Lebensgefährte unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, ebenso der zweite Mitarbeiter, der die Tat mit ansehen musste und zum Glück fliehen konnte, Alle drei erhalten in Trier bei Experten Hilfe, die die Organisation Weißer Ring initiiert hat. Die Berufsgenossenschaft hingegen sei nicht in dem Maß tätig geworden, wie man es sich gewünscht hätte. In der Tatnacht habe man zudem keine medizinische Hilfe oder Seelsorge organisiert, kritisiert Elke Matheis. Die schrecklichen Bilder. Sie bleiben. Auch für Stefan Matheis. Einen Tatortreiniger informierte niemand, Auch da gab es keine Unterstützung oder Angebote. Stefan Matheis will seiner Familie und Mitarbeitern ersparen, sich darum kümmern zu müssen. Er reinigt selbst alles penibel bis ins kleinste Detail, Vier Stunden dauert diese Arbeit, die er wie im Tunnel erledigt. Nicht nachdenken. Nicht fühlen. Das kommt später. Am frühen Sonntagnachmittag nach der Tat - das Team der kriminaltechnischen Untersuchung hat seine Tätigkeit beendet, und der Täter hat sich am frühen Morgen gestellt - öffnet die Tankstelle wieder. ,,Wie kann man nur...? ", kritisieren einige Menschen in den sozialen Netzwerken. Für das Ehepaar Matheis völlig unverständlich: ,,Wir haben das bewusst so gemeinsam mit unseren Mitarbeitern entschieden. Das ist ja eine psychologische Frage: Wir können doch hier keine Hemmschwelle aufbauen. Für uns alle ist das unfassbar grausam. Aber hier arbeiten Menschen. Wir halten zusammen. Wie eine große Familie. Wir sind zudem die einzige Tankstelle in der näheren Umgebung mit 24-Stunden-Betrieb", stellt das Ehepaar klar. Zur Trauer und zum Schock kommt dann auch angesichts verletzender und provozierender Reaktionen Wut dazu. Und dann ist da die riesige Anteilnahme, die einfach nur gut tut: Das Blurnenmeer, die Kuscheltiere, die Kerzen, die Bilder, die Kinder gemalt haben. Fotos, die Alex mitten im Leben zeigen - diese Trauerecke. Raum für Schmerz bleibt. Sie ist für Alex. ,,Ein sehr freundlicher, höflicher umgänglicher Mitarbeiter, ein hübscher und humorvoller junger Mann, mit dem alle sehr gern gearbeitet hätten. Und er wird nie vergessen", sagt das ganze Team der Tankstelle. Die Spendenbox - das Geld soll die Mutter des Getöteten für eine würdevolle Beerdigung erhalten - wurde schon zweimal geleert. Es werden wohl mehr als 5000 Euro. Kaum jemand, der beim Bezahlen an der Kasse nicht einen Schein reinwirft und traurig auf das Porträtfoto mit dem schwarzen Rand blickt - kaum jemand, der draußen nicht innehält. Der 18. September wird immer ein schwarzer Tag bleiben. Das weiß das Ehepaar Matheis. Wie schreibt jemand auf einem pinkfarbenen Karton an der Trauerstelle? ,,Ehrt Alex, indem ihr Menschlichkeit bewahrt."

Nahe-Zeitung vom 25.09.2021 - Staatsanwalt: Es gab Zeugen der Bluttat

ldar-Oberstein/Bad Kreuznach. Die Staatsanwaltschaft Bad Kreuznach hält sich weiterhin bedeckt mit Informationen zur Bluttat in der Tankstelle in Idar-Oberstein am Samstagabend und zur Person des mutmaßlichen Täters. Der 49-Jährige werde intensiv befragt. Daten von seinen Geräten (PC, Handy etcetera) ausgewertet, berichtet Oberstaatsanwalt Kai Fuhrmann. Noch immer sei unklar, woher die Tatwaffe (es handelt sich um einen großkalibrigen Revolver der Marke Smith&Wesson) und weitere Waffen und Munition, die in der Wohnung des Mannes gefunden wurden, stammen.
Auch ob er der Querdenker-Szene oder ähnlichen Gruppierungen zuzuordnen ist oder ob er zum Tatzeitpunkt unter Drogen- oder Alkoholeinfluss stand, sei noch nicht verifiziert. ,,Wir stehen derzeit vor einer unglaublichen Flut an Daten, die ausgewertet werden müssen", sagte Fuhrmann gegenüber der NZ. Fuhrmann bestätigte, dass es Augenzeugen der Bluttat gab, die sich beim Todesschuss in den Räumen der Tankstelle aufgehalten haben. Wie viele es waren, in welcher Funktion sie dort waren und was sie ausgesagt haben - all das will Fuhrmann noch nicht an die Öffentlichkeit geben. Derzeit werden auch die Videoaufnahmen ausgewertet. Interessant: Eine der Kameras verfügt über eine Audiospur. Da allerdings der Femseher laut eingestellt lief, müssen jetzt
Techniker mühsam versuchen, die Gespräche zu rekonstruieren. Der mutmaßliche Täter von Idar-Oberstein war dem Verfassungsschutz nicht bekannt. Eine Nachbarin hat inzwischen mehreren Medien gegenüber angegeben, der Täter habe eine ,,kurze Zündschnur" gehabt. Es habe etliche Zwischenfälle gegeben, bei denen er sich wegen Lappalien in Rage geredet und sie dabei auch beleidigt habe. Unternommen habe sie nichts, weil sie Angst vor dem Mann hatte. In der Tatnacht habe sie ihn auf den Fahndungsfotos erkannt und dies per Messenger einem befreundeten Polizisten mitgeteilt und um Anonymität gebeten. Als der die Nachricht am Sonntagmorgen las, war der Mann schon festgenommen - in seinem Auto vor der Polizeiwache. Ob er sich stellen wollte, ist weiterhin unklar. Seine Lebensgefährtin hatte ihn dorthin gefahren.
Nachdem der kaltblütige Mord in einschlägigen Internetforen gefeiert wurde, wächst die Sorge, dass es Nachahmüngstäter geben könnte: In Schweich an der Mosel hat am Mittwoch gegen 11 Uhr ein Mann eine Angestellte eines Supermarktes bedroht. Nachdem die Kassiererin ihn auf das korrekte Tragen der Mund-Nasen-Maske hingewiesen hatte, äußerte dieser, er könne sie auch erschießen und verließ anschließend den Markt. Die Polizei
fahndete im Anschluss mit Hochdruck nach dem bis dato Unbekannten und konnte als Tatverdächtigen einen 56-Jährigen aus einem Trierer Stadtteil identifizieren. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft erließ das Amtsgericht Trier einen Durchsuchungsbeschluss für die Wohnräume des Beschuldigten. Die Ermittlungen dauern an. ,,Wir gehen mit aller Entschiedenheit gegen solche Bedrohungen und Ankündigungen von Nachahmungstaten des schrecklichen Tötungsdeliktes in Idar-Oberstein vor. Solche Straftaten verunsichern die Bevölkerung und sind nicht zu tolerieren", sagte der Trierer Polizeipräsident Friedel Durben.
Auch in einem Zug auf der Strecke Mainz-Bad Kreuznach kam es am Donnerstag zu einem besorgniserregenden Vorfall. Nach Angaben der Polizei war eine Frau von einer anderen Reisenden von hinten in den Oberschenkel getreten worden, worauf diese sich umdrehte und die Täterin nach dem Grund
ihres Handelns befragte. Da diese außerdem keine Mund-Nasen-Bedeckung trug, schob die Geschädigte nach, sie möge doch bitte eine Maske aufsetzen. Die Angreiferin wurde laut und verbal aggressiv, dabei beleidigte sie die Frau und schloss ihre Schimpftiraden mit den Worten: ,,Sie wissen ja was in Idar-Oberstein passiert ist, Sie gehören ebenfalls abgeknallt.“ Daraufhin forderte die Frau die Täterin auf, sich auszuweisen, was diese nicht tat. Die Frau konnte aber ein Foto der Angreiferin fertigen und kontaktierte später die Bundespolizei. Diese veranlasste die Videoauswertung in der Regionalbahn, auf der die Täterin gut zu erkennen ist. Aktuell laufen die Ermittlungen der Bundespolizei, um die Frau zu identifizieren.

Süddeutsche Zeitung vom 25.09.2021 – Politischer Terror

Wer hätte gedacht, dass man sich einmal in die siebziger Jahre zurückwünschen würde? Als Staat und Gesellschaft gegen Terrorismus mobil machten, mit bisweilen übertriebenen Mitteln vielleicht und besessen von dieser einen Gefahr, aber eben auch mit einer klaren Ansage: Politische Gewalt und politische Morde sind in einer Demokratie nicht tolerabel. Weswegen nicht nur die Taten Widerspruch erfordern, sondern auch alle Worte, die sie verharmlosen oder sogar einfordern.
Wo ist diese Selbstverständlichkeit hin? Kein Parlamentarier hätte damals auch nur indirekt um RAF-Sympathisanten gebuhlt. Keine Staatsanwältin hätte Morddrohungen erst einmal als zweideutig abgetan. Und wer massenwirksam publizierte, hielt sich in der Regel nicht damit auf, sich in die Motive der Extremisten einzufühlen. Auch die allermeisten Bürgerinnen und Bürger stellten das politische System nicht infrage, bloß weil einige Extremisten es abschaffen wollten.
Das ist heute anders, wenn nun manche Corona-Leugner, radikale Maskenverächter und andere Verschwörungstheoretiker sich in einer Diktatur wähnen und daraus ein militantes Widerstandsrecht ableiten wollen. Jeder, der auch nur höflich an die geltenden Corona-Schutzmaßnahmen erinnert, ist für sie Vollstrecker eines Unrechtsstaates. Aus dieser Logik heraus fühlte der Mörder von Idar-Oberstein sich ermächtigt, den jungen Tankstellen-Kassiere zu erschießen. Den Behörden erklärte er hinterher, sein Opfer „sei verantwortlich für die Gesamtsituation, da es die Regeln durchgesetzt habe.“
Der Magdeburger Soziologe Matthias Quent sieht in dem Verbrechen die „Qualität eines terroristischen Aktes“. Das Neue an dieser Form politischen Terrors ist, dass er nicht mehr nur bestimmte Bevölkerungsgruppen trifft – was grauenvoll genug ist - , sondern potenziell alle meint, die sich an die geltenden Vereinbarungen halten. Jetzt rächt es sich um so mehr, dass Politik und Justiz lange unterschätzten, wie dringlich der konsequente Kampf gegen rechtsextremistisches Gedankengut und Verschwörungsdenken ist.
Denn wie mutmaßlich im Fall des Mörders von Idar-Oberstein braucht es gar keine Terrorzellen, um aus einem möglicherweise nicht sehr gefsetigten Menschen einen politischern Verbrecher zu machen. Es genügt die übliche Ladung Hetze, Gewaltfantasien und Fehlinformationen in sozialen Medien sowie eine Bereitschaft, sich in extremistische Theorien hineinsteigern zu wollen. Wie manche, die sich im Netz verlieren, so hat auch dieser Maskenverweigerer Sätze gepostet wie „Ich freue mich auf den nächsten Krieg.“ Das hat niemand ernst genommen, es geschieht zu häufig. Dann aber folgte seinen Worten eine mörderische Tat.
Jetzt zwar nicht dem Mörder, aber generell ideologisierten Maskenverweigerern und ihrem Hang zu „gesellschaftlichen Dissens“ (so CDU-Mann Friedrich Merz) mit gewisser Nachsicht zu begegnen, ist unangemessen. Die Lehre aus diesem fürchterlichen Ereignis muss sein, endlich die Reihen geschlossen zu halten, Unrecht Unrecht zu nennen und gewaltbereite Extremisten auszugrenzen. Das schützt nicht nur Befürworter der Corona-Politik. Es schützt am Ende auch die Meiningsfreiheit der vielen Impfzweifler und Regierungskritiker, die mit potenziellen Tätern nichts gemein haben und nicht mit ihnen verwechselt werden sollten.

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