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03.05.1996 FF3 (Kripo Oldenburg-Land) Banküberfall Groß Ippener

in Filmfälle 22.03.2020 23:46
von bastian2410 • 1.565 Beiträge

03.05.1996 FF3 (Kripo Oldenburg-Land) Banküberfall Groß Ippener


Es ist schon der Wahnsinn, was passiert, wenn man in den lokalen Zeitungsarchiven nach „Überfall Groß Ippener“ sucht und den Suchzeitraum auf die 90er beschränkt. Man erhält eine Trefferanzahl ähnlich wie bei Mädels, die in diesem Zeitraum nach den Backstreet Boys oder ich als Teenager nach Pamela Anderson gegoogelt haben.

Groß Ippener ist eine Gemeinde in der Samtgemeinde Harpstedt im Landkreis Oldenburg in Niedersachsen, hat keine 1000 Einwohner, aber 2 Banken. Und diese Banken werden in regelmäßigen Abständen überfallen. Groß Ippener hat zu dieser Zeit die höchste Überfallquote auf Banken pro 100 Einwohner in Deutschland. Fast 20-mal wurden diese beiden Banken in den letzten 10 Jahren überfallen. Großer Vorteil der kleinen Gemeinde für Räuber ist die Entfernung von 6 km zur nächsten Polizeistation und die gute bzw. schnelle Verkehrsanbindung an die A 1. Daher findet quasi ein Bankräuber- Tourismus in dem kleinen Ort statt.

Am 5. April 1995 ist es dann wieder so weit. Es ist 8.50 Uhr als bei der Polizei in Wildeshausen die Meldung eingeht: „Überfall auf die Landessparkasse in Groß Ippener" Ein Zeuge hatte die Beamten verständigt, nachdem er eine verdächtige Beobachtung am Eingang der Bank gemacht hatte. Er berichtet den Beamten, dass ein Mann darauf gewartet hätte, dass ein Mitarbeiter der Bank die Türen zu den Kassenräumen öffnet. Dann war der Mann in diesem Augenblick auf das Bankgebäude zugelaufen, hatte sich im Laufen eine Kapuze über den Kopf gezogen und trug dabei eine Pistole in der Hand.
Als der Zeuge die Polizei informiert, zwingt der Räuber in der Bank den Angestellten mit vorgehaltener Waffe, den Tresor zu öffnen und das Bargeld in eine Plastiktüte zu stecken. Beute insgesamt 40000 DM. Dann fesselt der Räuber sein Opfer und lässt ihn im Tresorraum auf dem Boden liegend zurück. Zuvor allerdings schüchtert der Gangster den Mann ein und droht ihm, nicht die Polizei zu verständigen.

Nachdem der Zeuge die Polizei über den Bankraub informiert hatte, kehrt er zur Bank zurück und sieht, wie der Täter mit einer Plastiktüte in der Hand aus der Sparkasse zu einem in der Nähe geparkten Pkw flüchtet. Dabei erkennt er auf dem Beifahrersitz des Wagens eine weitere Person- vermutlich eine Frau.
Als sich das Fluchtauto auf den Weg in Richtung Autobahn in Fahrtrichtung Bremen macht, nimmt der Zeuge die Verfolgung des blauen Golfs mit dem amtlichen Kennzeichen HE-JA 77 auf. Auf der Rastanlage Langwedel auf der A 1 gelingt es dem Verfolger die Autobahnpolizei zu alarmieren, die sofort die Fahndung einleitet.

Die sofort eingeleitete Fahndung bleibt erfolglos. Bereits kurze Zeit später finden die Beamten das Fluchtauto auf einem Supermarktparkplatz in Vreden im Kreis Nienburg- von dem beiden Insassen fehlt jede Spur. Ermittlungen ergeben, dass der blaue Golf Ende März in Helmstedt gestohlen wurde. Einen Tag vor dem Überfall fiel der Wagen auf dem Rastplatz Lehrter See auf, als ein Tankbetrug begangen wurde.

Viele Hinweise finden die Beamten nicht im Fluchtwagen, lediglich eine Gürteltasche und einen Schlüsselbund mit zwei markanten Schlüsseln. Ein Schlüssel mit einer Individualnummer gehört zu einem Postfach. Leider konnten weder der Zeuge noch der Bankangestellte den Täter beschreiben, daher konnte auch kein Phantombild angefertigt werden. Weitere Ermittlungen führten ins Leere.

Daher entscheidet sich die Kripo Oldenburg-Land, den Überfall am 03.05.1996 in Aktenzeichen xy vorzustellen. Überraschend viele Anrufe zu diesem Raub gehen ein, die Kripo erhält über 80 Hinweise. Und einer dieser Hinweise führt auf die Spur des Täters. Ein Zeuge aus Helmstedt hatte sich gemeldet und berichtet, dass einer der gezeigten Schlüssel zu einem Postfach im Helmstedt gehört. Die Überprüfung dieses Postfaches führt tatsächlich zum Täter, denn der Mann hatte das Schließfach unter seinen richtigen Namen gemietet.
Personenermittlungen ergeben, dass der Inhaber des Schließfaches aus Bielefeld kommt und bereits wegen Raubes vorbestraft ist. Nach einer Observierung wird der Mann dann am 24. Mai 1996 in Bielefeld festgenommen.

Er gesteht bereits beim ersten Verhör die Tat in Groß Ippener. Grund war die Finanzierung der eigenen Drogensucht und die seiner Lebensgefährtin. Zudem gesteht er weitere Straftaten. So hat er im Juni 1992 in Hannover einen Kiosk angezündet und zusammen mit einem Komplizen im Dezember 1994 eine Bankfiliale in Erxleben (Sachsen-Anhalt) überfallen.

Der 29jährige war in der Gegend von Groß Ippener aufgewachsen und ist dann nach Bielefeld gezogen. Vor den Banküberfällen in Erxleben und Groß Ippener hatte er bereits für einen Raubüberfall auf eine Spielhalle in Harpstedt und andere Delikte eine Haftstrafe von fünf Jahren verbüßt. Von der Ippener Beute war bei der Festnahme nichts mehr übrig geblieben.

Die weiteren Vernehmungen führen 5 Monate nach der Festnahme des Täters zu zwei weiteren Festnahmen. Zwei Männer im Alter von 35 und 37 Jahren werden im Oktober 1996 in Hannover und Hameln festgenommen. Die drei Männer hatten gemeinsam im Dezember 1994 eine Bank in Erxleben ausgeraubt und 133000 DM erbeutet. Auch gibt er an, bei seinen Straftaten immer im Auftrag eines Mannes aus dem Hannoveraner Rotlichtmilieu gehandelt zu haben. Er habe den drei Männern gesagt, die Banken in den neuen Bundesländern seien ein Lacher und leichte Beute. Den Namen seines Auftraggebers nannte er aus Angst jedoch nicht- auch später vor Gericht nicht. Während seiner Untersuchungshaft wurde er mehrmals bedroht und davor gewarnt, diesen Namen nicht zu nennen.

Am 27. Juni 1997 verurteilt das Landgericht Oldenburg den Bielefelder wegen schweren Raubes, schwerer räuberischer Erpressung, Diebstahls und Brandstiftung zu acht Jahren Haft. Das Gericht wertete die Vorgehensweise bei den Taten strafverschärfend. In Erxleben sei der Angeklagte mit einer abgesägten Schrotflinte und einer Handgranate bewaffnet gewesen, in Groß Ippener mit einer Pistole. Den Bankangestellten hätte er in Angst und Schrecken versetzt mit seiner Drohung, „ihnen das Gehirn wegzublasen, falls die Bullen kommen würden". Zudem sei die Beute beträchtlich gewesen. Diese schweren Straftaten hatte der Angeklagte begangen, obwohl er wegen anderer Raubdelikte noch unter Bewährung stand.
Das Gericht sah bei der Urteilsfindung aber auch Strafmilderungsgründe. Der Angeklagte, der eine schlechte Kindheit gehabt habe, habe ein volles Geständnis abgelegt und Taten zugegeben, die ihm ohne Geständnis nicht hätten nachgewiesen werden können. Außerdem habe er Mittäter benannt und während der Untersuchungshaft eine geplante Geiselnahme von Mitinsassen verhindert. Das Gericht wertete auch strafmildernd, dass der 30jährige immer im Auftrag eines Mannes aus dem Hannoveraner Rotlichtmilieu gehandelt habe. Dieser Mann habe den Angeklagten in der Hand gehabt. Ihm habe auch der Kiosk gehört, den der Angeklagte habe anzünden müssen.

Eine Mittäterin beim Bankraub in Groß Ippener war eine 29jährige Frau. Auch sie wurde mit dem Bielefelder angeklagt, erschien jedoch nicht vor Gericht (sie befand sich auf freien Fuß). Ob sie später separat verurteilt wurde, ist mir leider nicht bekannt.

Nach der Ausstrahlung wurden noch mindestens zwei weitere Überfälle in den 90er auf die Banken in Groß Ippener verübt. Am 1. April 1997 wurde erneut die Volksbank von drei Tätern überfallen und rund 20000 DM erbeutet. An diesem Tag waren zwei bewaffnete Männer durch ein Fenster in die Filiale eingedrungen, hatten den Angestellten gezwungen sich auf den Boden zu legen und Bargeld verlangt. Die Vermutungen der Kripo gehen davon aus, dass dieser Überfall von überregional agierenden, osteuropäischen Gruppen begangen wurde. Die gleiche Gruppe verübte nur 2 Tage später einen weiteren Überfall in Paderborn, nachdem ihr Fluchtauto in Unna gesichtet wurde. Die Volksbank schloss nach diesem Überfall ihre Filiale in Groß Ippener und installierte einen Geldautomaten.

Anm.: Mittäterin in Groß Ippener war tatsächlich eine Frau, eine damals 29jährige aus dem Rotlichtmilieu aus Hannover. Auch sie wurde nach der TV- Ausstrahlung festgenommen, jedoch nach der Vernehmung auf freien Fuss gesetzt. Sie wurde wegen Beihilfe angeklagt, erschien jedoch nicht vor Gericht. Über eine spätere Verurteilung ist nichts bekannt.


Zwei Fälle, die wieder einmal nachdenklich machen, gerade im Hinblick auf das Anhalterunwesen." (Zitat Zimmermann FF 3 17.01.1986)

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