#31

Re: Kurt Grimm lässt es brennen

in Filmfälle 27.07.2011 14:28
von Oma Thürmann • 716 Beiträge
Weiter geht es mit einem Brand, der keiner wurde: Mord an der Nürnberger Rentnerin Johanna K.
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#32

Re: Kurt Grimm lässt es brennen

in Filmfälle 28.07.2011 17:45
von Oma Thürmann • 716 Beiträge
Die Oma war fleißig und hat einen neuen Beitrag gestrickt: Der Aqua-Tropicana-Fall, Mord an Jeanette G. bei Kiel.
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#33

Re: Kurt Grimm lässt es brennen

in Filmfälle 29.07.2011 14:50
von Oma Thürmann • 716 Beiträge
Auch der Beitrag auf Seite 2 hat seine maximale Länge erreicht, daher folgen die letzten austehenden Fälle hier:


Sendung Nr. 205 – 06.05.1988 – Mord an Kaffeefahrten-Moderator Gustav R. bei Verden

Pferde zu Beginn, Feuer zum Schluss, und ein mysteriöser, puzzle-artiger Mordfall. Bevor die Pferde allerdings ins Bild kommen, gibt es einen Blick in ein schleimiges Milieu: Kaffeefahrten. Der phrasensichere Moderator Gustav R. aus Bad Reichenhall (Hatte der eigentlich jemals einen Auftritt in "Vorsicht Falle"?) und seine dauergrinsende Assistentin Susanne N. haben im Auftrag einer deutschen Firma österreichische Rentner nach Ungarn verschleppt (Nein, das wird kein blöder Witz der Marke "Ein Russe, ein Franzose und ein Schwede…"), wo handgefertigte Besteck-Sets gegen Westgeld verschachert werden. Diesen Kontrast lässt sich Kurt Grimm nicht entgehen; der Moderator tönt herablassend (unter Verwendung jenes Demonstrativpronomens, von dem man einst auf dem Land gesagt hat: Der und die stehen im Stall, und du stehst daneben): "Und an Devisen sind die nun einmal hier besonders interessiert", während am Ende der Rentnertafel die ungarische Servierkraft noch ein paar Kännchen bringt. Draußen steht vor dem Bus der zweifelhaften Reisegesellschaft sehr provisorisch das selbstgeschriebene Werbeschild einer Konditorei, aus dem Hintergrund klappert ein Zweispänner heran, ein einheimischer Bauer hat die Zügel sicher in der Hand, auf der winzigen Ladefläche liegen zwei Kartoffelsäcke; auf der anderen Straßenseite wird an einem offenbar defekten Fahrzeug aus osteuropäischer Produktion gebastelt. Gemächlich trappelt das Pferdegespann aus dem Bild, die Kamera folgt ihm ein Stückchen, bleibt aber an einem Auto hängen, von dem Wolfgang Grönebaum preisgibt: "R. selbst fährt einen relativ neuen Audi Quattro" (übrigens mit Hufeisen am Kühlergrill). Keine eineinhalb Minuten braucht Grimm für dieses umfassende Sozialepos, humorig und ohne Häme, aber trotzdem schneidend scharf!

Weiter geht es am 21. Oktober 1987 mit der Rückfahrt des schaurigen Duos, natürlich nicht im Rentnerbus, sondern im Quattro, verbunden mit dem existenziellen Kummer der Assistentin, dass am kommenden Wochenende wieder kein langer Samstag sei, was ihr ein gemütliches Einkaufen unmöglich mache. Gustav R. setzt "die Susanne" zu Hause ab, fährt selbst weiter in sein trautes Heim und macht sich anderntags mit 50.000 DM an Bord auf den Weg nach Cloppenburg, um den ausstehenden Restbetrag für den bei einem dortigen Händler gekauften Audi zu begleichen. Windig und vielsagend fabuliert er davon, dass er ohnehin noch "einige andere Sachen" zu erledigen habe "in der Gegend da oben". Am 23. Oktober 1987 gibt er beim Verkäufer des Autos kleinere Reparaturen in Auftrag und erhält einen Mietwagen: einen Audi 100 CC, wie der Verkäufer verkündet und sich dabei angeberisch mit beiden Händen sein Kittelrevers geradezurrt. Gustav R. ist mit der lumpigen Ersatzkarre zufrieden, gibt an, er wolle nach Bremen, wird aber kurz darauf, in entgegengesetzter Richtung fahrend, von einer Polizeistreife wegen verkehrswidrigen Überholens gebührenpflichtig verwarnt. In zwei Telefonaten am Nachmittag und Abend dieses Tages behauptet er aber sowohl gegenüber dem Autohaus in Cloppenburg als auch gegenüber Susanne N., sich in Bremen aufzuhalten. Bald danach verfasst Gustav R. einen an seine Assistentin adressierten Brief, in dem er kundtut, er sei beraubt und verletzt worden und seine Ermordung stehe bevor. Wir sehen seine Hand den Brief schreiben, und da tropft Blut auf das Papier…

Eineinhalb Tage vergehen, ehe R. am frühen Morgen des 25. Oktober 1987 nochmals gesehen wird, und zwar gegen 1 Uhr in Begleitung dreier Männer auf der Raststätte Hollenstedt an der Autobahn Hamburg-Bremen, wobei die Kassiererin den Eindruck hat, er halte sich nicht freiwillig in dieser Gesellschaft auf. Irgendwo im Postbezirk Hollenstedt wird etwa zu dieser Zeit auch der ominöse Brief eingeworfen, der wenige Tage später Susanne N. erreicht.

Einige Stunden danach, um 6.35 Uhr, stirbt Gustav R., und zwar an folgendem lauschigen Plätzchen: "In Ottersberg, 55 Kilometer südlich von Hollenstedt, am Südarm der Wümme." Dort sperren die Täter den (womöglich noch lebenden) gefesselten Mann in den Kofferraum seines Mietautos, eine angezündete Zeitung besorgt den Rest, zu verhallenden Keyboard-Tönen beginnt der Wagen zu brennen. Rücksichtsvollerweise sehen wir nur den Beginn des Feuers, schließlich ist uns ja die Fracht im Kofferraum bekannt.

Der Fall ist ungeklärt, weiterführende Gedanken und Anregungen finden sich im Filmfall-Thread: http://azxy.communityhost.de/thread/?thread__mid=975001479


Sendung Nr. 206 – 03.06.1988 – Mord an Markthändlerin Inge S. in Hamburg

Wie der vorangehende Fall des Kaffeefahrten-Moderators, so führt auch dieser in der Folgesendung ausgestrahlte Mordfall in ein spezielles Milieu, aber in ein ungleich sympathischer dargestelltes: die Welt der Markthändler, die im Lauf des Filmfalls beim Auf- und Abbau ihrer Stände, beim Verkaufsalltag und in gegenseitiger Hilfsbereitschaft gezeigt werden. Am Morgen des 17. Oktober 1987 fehlt gegen 7.30 Uhr ein Bestandteil dieser Welt: Auf einem Markt bei Hamburg wird Inge S., die auf verschiedenen Märkten Süßigkeiten verkauft, von ihrer langjährigen Standnachbarin vermisst. Ein Anruf beim Ehemann ergibt, dass Frau S. am Vorabend nicht nach Hause gekommen ist; die besorgte Kollegin veranlasst den Ehemann zu einer Vermisstenanzeige. In der nächsten Einstellung brennt gegen 10 Uhr der Golf von Inge S. in einem Wald bei Stade, inszeniert als klassischer Autobrand mit entflammtem Innenraum. Ein auf der nahen Bundesstraße 74 vorbeifahrender Autofahrer entdeckt das Feuer (routiniert in einer Mischung aus Sichtachse und verdeckendem Baum gefilmt), fährt zur Brandstelle, erkennt aus der Nähe seine Machtlosigkeit und holt professionelle Hilfe. Auf Löscharbeiten und Präsentation der Spurensicherung am Wrack verzichtet Grimm hier.

Etwa um 14 Uhr finden Spaziergänger am Elbufer bei Bergedorf die Leiche der Markthändlerin, getötet mit zwei Kopfschüssen. Was dem Film noch zu zeigen bleibt, ist die bestürzte Reaktion des Ehemannes und die Rekonstruktion des Vortages, an dem es nur eine Abweichung von der Normalität gab: Inge S. wurde zuletzt gesehen, als ihr ein Unbekannter beim Abbauen ihres Standes half.

Der Fall wurde in der Hörzu-Serie behandelt (Ausgabe 19/1989).

Aus der Diskussion im Filmfall-Thread geht hervor, dass der Mord vermutlich ungeklärt ist: http://azxy.communityhost.de/thread/?thread__mid=489039217


Sendung Nr. 222 – 12.01.1990 – Mord an Metzger und Hauswart Josef B. bei Pfäffikon

"Josef B. ist ein äußerst fleißiger und sparsamer Mann", teilt Isolde Thümmler mit, während die Kamera den Akkordmetzger und seine Kollegen bei der Arbeit zeigt, wie sie in einer Großmetzgerei zu acht an einem Edelstahltisch stehend mit großen Messern in Handarbeit tote Tiere zerteilen. An diesem optischen Leckerli erfreut sich Kurt Grimm im Verlauf des Filmfalls noch ein zweites Mal ausgiebig, und beim dritten Besuch in der Metzgerei wird uns nach Schichtende ein Einblick in den Umkleideraum gewährt, wo an einer Spindtür höchst dekorativ eine blutbefleckte ehemals weiße Schürze hängt. Zweiter filmischer Schwerpunkt neben dem blutigen Gewerbe des Josef B. ist sein Familienleben, das gleichzeitig eng mit seinem Zweitjob verknüpft ist: Er arbeitet nebenher als Hauswart, wobei ihm seine Frau hilft, die darüber hinaus noch stundenweise einer Büroarbeit nachgeht und sich um Haushalt und Kleinkind kümmert. Geradezu zärtlich wird das kleinbürgerliche häusliche Milieu gezeichnet, mit Nähkästchen auf dem Tisch, Porree in der Küche, rührender Fürsorge und putzigen Dialogen rund um das Kleinkind.

All dies sind Impressionen vom 9. März 1989, dem letzten Tag in Josef B.s Leben. Während einer Arbeitspause am Nachmittag hebt er knapp 70.000 Franken von verschiedenen Sparbüchern ab, um damit ein nie geklärtes Geldgeschäft zu tätigen, und lässt das in einen Umschlag gesteckte Geld zwischen zwei Akkord-Schichten bei einem Lokalbesuch auch sichtbar werden: "Jetzt lug emal – luter Tusiger!", staunt ein Kollege. Gegen 20 Uhr lässt sich Josef B. nahe der Metzgerei an seinem Auto absetzen. "Josef B. ist nicht nach Hause gefahren an diesem Abend. Wohin er sich begeben hat, ist bis heute unbekannt."

Eine standardisierte, dennoch wirkungsvolle Feuer-Inszenierung beschließt den Filmfall: Eben noch hat Frau B. sanft das schlafende Kind gestreichelt und behutsam die Zimmertür geschlossen, da kündigt ein tiefer, wandernder Keyboard-Ton Schlimmes an. Der Hof einer Baufirma zwischen Pfäffikon und Schwyz wird vom Scheinwerferkegel eines Autos erhellt, dann erlischt das Licht. Eine Tür klappt, im Dunkeln schleift ein Mann Josef B., der vorher mit zwei Schüssen getötet worden ist, über den Boden. Der Täter holt einen Benzinkanister aus dem Kofferraum, übergießt den Toten und zündet ihn an. Der Benzinkanister bleibt zurück, im matten schwarzen Plastik spiegelt sich das Feuer.

Am Rande seien zwei Besonderheiten erwähnt: Da durchgehend Schweizerdeutsch gesprochen wird, ist der Filmfall untertitelt; und er enthält eine legendäre Panne: Während der ersten Schlachthof-Szene wird kurz ins Studio Zürich fehlgeschaltet, wo sich der ermittelnde Detektiv-Wachmeister offenbar königlich amüsiert.

Vermutet wird, dass jemand den Umstand ausgenutzt hat, dass Josef B. für hohen Ertrag versprechende Geldanlagen empfänglich, entschluss- und auch risikofreudig war (der Mann gehörte zur Ende der achtziger Jahre sicher nicht eben übervölkerten Gilde der Zinshopper!), um ihn in eine Falle zu locken; geklärt ist der Fall nicht.


Sendung Nr. 240 – 08.11.1991 – Brandanschläge auf Lkws einer Münchener Spedition

Leider einer der schwächeren Brandfilme, obwohl das erste Feuer auf einer Autobahnraststätte bei Verona am 9. September 1990, nämlich eine Brandstiftung an zwei Lkws, in denen die Fahrer schlafen, durchaus packend inszeniert ist. Geheimnisvolle Schatten umschleichen die Fahrzeuge, gießen am Heck der Auflieger Benzin aus und entzünden ein Feuer, das leicht Menschenleben hätte kosten können, aber durch den beherzten Löscheinsatz der Fahrer bezwungen wird. Wie gesagt, die Darstellung ist beängstigend, die Flammen lodern unter den Fahrzeugen, schlagen an den Außenwänden hoch und spiegeln sich vervielfältigend im Lack der Lkws und in deren Rückspiegeln. Allerdings leidet die Szene sehr unter einer unangenehm künstlich berlinernden Zeugin, die ungelenk mit dem italienischen Tankwart flirtet ("Na ja, so smart seid ihr ooch wieda nich, wie ihr gloobt") und nach Entdeckung des Brandes die Fahrer weckt ("Uffmachen, et brennt").

Dieser Brandanschlag ist Teil einer Serie, die mit einer Morddrohung gegen Helmut G., den seit einigen Jahren in Verona lebenden Inhaber einer erfolgreichen Münchener Spedition, begonnen hat und sich schließlich eskalierend fortsetzt. Zwischen den einzelnen Stationen spricht ungewöhnlicherweise der ermittelnde Kommissar, der offenbar auf einem Drehstuhl sitzt und es irgendwie hinbekommt, den Unterkörper unmerklich so zu bewegen, dass das Revers seiner Jacke ständig wackelt, als habe er ein freiheitsbegehrendes Hündchen in der Innentasche. Schwer nachzuvollziehen ist, dass man dem bemitleidenswerten Mann, der nun (nett gesagt) auch wahrlich nicht zum Vorlesen geboren wurde, eine solche Textfülle zumutet, die ohne dramaturgische Verluste auch Michael Brennicke hätte übernehmen können.

Höhepunkt der Anschlagsserie ist dann am 11. September 1991 die Brandstiftung an Lkws unmittelbar neben einem Flugbenzin-Lager bei München. Zwar sehen wir verdächtige Beobachtungen und auch das Lager, untermalt von Spannungsmusik, sodass das gesamte Bedrohungspotenzial erschreckend klar wird; als es dann aber brennt, wird zu einem kläglichen Mittel gegriffen: Gesondert aufgenommene Flammen werden einfach über den eigentlichen Film geblendet. Was für ein Jammer!

Ein gutes Jahr später kann Eduard Zimmermann in der Sendung vom 15.01.1993 melden, dass ein neidischer Konkurrent Auftraggeber der Taten war; ein zunächst vermuteter Zusammenhang zur organisierten Kriminalität bestand nicht.


Sendung Nr. 251 – 04.12.1992 – Mord an Rentnerin Johanna K. in Nürnberg

Streng genommen gehört dieser Filmfall nicht in die Reihe, denn es gibt außer einer brennenden Kerze kein Feuer; aber der Versuch der Brandstiftung rechtfertigt die Aufnahme dann doch. Die stark gehbehinderte 79-jährige Johanna K. aus Nürnberg wird am Morgen des 29. Januar 1992 von einem Zivildienstleistenden zum Arzt und zurück in ihre Wohnung begleitet. Etwas später macht sie sich noch auf den Weg zur Apotheke, und in dieser Zeit muss ein Einbrecher in ihre Wohnung eingedrungen sein, den Frau K. bei ihrer Rückkehr überrascht. Die nun folgenden Gewalt-Szenen sind in ruckeliger Zeitlupe gedreht: Mit einem noch verpackten Messer aus der Wohnung verletzt der Einbrecher Johanna K., mit einem weiteren Messer, das er aus der Küche holt, tötet er sie.

Wir haben die alte Dame, die ihr gewiss nicht leichtes Schicksal mit Gelassenheit bewältigt, und auch ihr freundliches Umfeld kennen gelernt: den pflichtbewussten Zivi, die fürsorgliche Ärztin und eine nette Nachbarin, und wir sind vom Geschehenen ohnedies schon genug angegriffen, aber Grimm erspart uns Weiteres nicht: Zu langsam anschwellender Musik durchsucht der Täter die Wohnung, raubt etwas Geld und Schmuck; und abschließend will er Feuer legen. Quälend genau werden die Vorbereitungen gezeigt: Der Mörder schiebt den Vorhang der Besenkammer zur Seite, dreht eine Flasche Nitroverdünnung um, damit er das Etikett lesen kann, nimmt die Flasche an sich, danach noch ein zusammengefaltetes Stück Packpapier und schließlich einen roten Kerzenstummel. Ohne Hast schraubt er die Flasche auf, schüttet die Nitroverdünnung im Flur auf den Teppich, wirft die Flasche weg, streicht das Packpapier glatt, legt es über die getränkte Stelle, nimmt ein Feuerzeug aus seiner Jacke, zündet die Kerze an und stellt sie auf das Papier. Als er aus der Wohnung geht, zoomt die Kamera auf die Kerze: Der Luftzug der geschlossen werdenden Tür lässt die Flamme gespenstisch flackern; wem gelingt es da, an etwas anderes zu denken als an ein Lebenslicht? Ein Brand entsteht nicht.

Am nächsten Tag betätigt Johanna K. die Tagestaste nicht, die sie mit der Notrufzentrale des Roten Kreuzes verbindet. Deprimierend schwenkt die Kamera von der in ihrem Blut liegenden Toten zum Telefon, das verloren im Raum steht, und aus dem Lautsprecher des Notrufsystems klingt die Stimme des DRK-Mitarbeiters: "Hallo, Frau K., was ist los? Frau K., ist was passiert?"

Per Phantombild wird ein junger Mann gesucht, der sich zur fraglichen Zeit möglicherweise als Mitglied einer Drücker-Kolonne in der Nähe des Tatortes aufgehalten hat, die Ermittlungen bleiben aber ohne Ergebnis.


Sendung Nr. 276 – 02.06.1995 – Mord an Schwimmmeister-Gehilfin Jeanette G. bei Kiel

Stilistisch sehr außergewöhnlich beginnt dieser Filmfall, nämlich mit der Vorstellung der beteiligten Personen zu den Klängen einer Böses prognostizierenden Klarinette und unter Verwendung kurzer Clips, die dem Geschehen bereits vorgreifen. Daher ist das brennende Fahrzeug, das im weiteren Verlauf eine wichtige Rolle spielen wird, bereits in der vorspannartigen Eingangssequenz zu sehen. Schauplatz des Geschehens ist das Ostseebad Damp, wo das spätere Opfer Jeanette G. eine Ausbildung zur Schwimmmeister-Gehilfin absolviert (gar nicht so schlimmm, das mit den drei "m"!). Nach der unüblichen Kurzpräsentation des Personals geht es konventionell weiter, mit einer Skizze des Alltags von Jeanette G.: Bei der Arbeit im Schwimmbad "Aqua Tropicana" und daheim mit ihrem während ihrer Abwesenheit vorbildlich die Waschmaschine bestückenden Freund (schließlich sind wir nicht mehr in den Siebzigern), mit dem sie sich gegen Abend zu einem Lokalbesuch aufmacht.

Der folgende Tag, der 18. Juli 1994, bringt das Unheil. Auf dem Weg zur Arbeit nimmt Jeanette G. im rotbraunen Mercedes 240 D ihres Freundes gegen 13.15 Uhr wahrscheinlich einen Anhalter mit, der sie dazu zwingt, in einen Waldweg einzubiegen. Der Wagen fährt durch Pfützen, die Kamera schwenkt mit, friert aber ein, als das Fahrzeug hinter einem Baum verschwindet. Die Bestätigung dessen, was zu ahnen ist, folgt in der Studio-Besprechung des Falles: Jeanette G. wird vergewaltigt und ermordet.

Die nächste Station ist eine mysteriöse Begebenheit auf einem Parkplatz in Damp. Etwa um 15 Uhr wird ein Ehepaar von einem jungen Mann gebeten, ein Auto, von dem er sagt, es gehöre seinem Freund, nach Kiel zu fahren, da sein Freund bei einem See-Unfall verletzt worden und er selbst mit seinem eigenen Pkw vor Ort sei. Für diese Gefälligkeit bietet er 50 DM, doch das Paar hat keine Zeit und lehnt ab. Die Kripo hält es für möglich, dass es sich um den Mörder von Jeanette G. mit dem rotbraunen Mercedes gehandelt hat.

So nimmt der Mann also die Brandstiftung in Angriff: An einer Tankstelle füllt er einen Kanister mit Benzin, und mit leicht veränderter Kameraperspektive wiederholt sich das Verschwinden des Autos auf dem Waldweg hinter dem Baum. Auf einer Lichtung nimmt die Kamera das Fahrzeug wieder in Empfang, der Täter steigt aus, verteilt den Inhalt des Kanisters gründlich im Innenraum und auf der Karosserie; Bläser und schwirrende Streicher begleiten seine Handlungen. Rückwärts gehend (!) tritt er zurück, wohl um keinen Blick auf sein Werk auszulassen, wickelt einen Stein in einen Lappen, den er mit Benzin tränkt, anzündet und durch das Fahrerfenster ins Wageninnere wirft. Es gibt eine Verpuffung, weißer Rauch steigt auf, das Auto beginnt zu brennen.

Entdeckt wird das Feuer von einer Polizeistreife, einer der Beamten ist sogar mit dem Lebensgefährten von Jeanette G. befreundet und benachrichtigt ihn sofort (während der andere Streifenbeamte im Hintergrund kontrollierend um das brennende Fahrzeug geht). Im Schwimmbad erfährt der Chef von Jeanette G. derweil durch den Anruf ihres Freundes von dem Brand und macht sich besorgt auf den Weg zum Ort des Geschehens. Dort ist mittlerweile die Feuerwehr eingetroffen und hat die Flammen bereits gelöscht. Brechstangen kommen zum Einsatz, um zunächst die Motorhaube, dann den Kofferraum zu öffnen, dahinter räumen weitere Feuerwehrmänner ihre Arbeitsgerät schon wieder in den Löschwagen. Im Kofferraum wird eine weibliche Leiche gefunden, der bald darauf eintreffende Schwimmmeister identifiziert sie als Jeanette G.

Abschließend eine persönliche Bemerkung: Abgesehen von ein paar Erinnerungen aus Kindheitstagen, die in diesem Zusammenhang nicht zählen, hat mich in all den Jahrzehnten Aktenzeichen XY nichts so schaudern lassen wie die Vorstellung, ganz arglos das Angebot anzunehmen, ein Fahrzeug, in dessen Kofferraum eine Leiche versteckt ist, freundlicherweise irgendwohin zu fahren. Dabei gibt es doch, objektiv gesehen, wesentlich grässlichere Szenarien in den Filmfällen. So beruhige ich mich jedesmal damit, dass die Episode auf dem Parkplatz bestimmt ganz harmlos war und der junge Mann tatsächlich mit seinem Freund einen See-Unfall hatte…

Der Fall ist ungeklärt.

Link zum Filmfall-Thread: http://azxy.communityhost.de/thread/?thread__mid=564577625


Sendung Nr. 283 – 23.02.1996 – Mord an pensioniertem Arzt Dr. Peter L. in Hamburg

Die traurige Geschichte ist schnell erzählt: Am Vormittag des 23. Mai 1995 wird der pensionierte Internist Dr. Peter L. während der Abwesenheit seiner Frau in der gemeinsamen Hamburger Wohnung von vermutlich zwei Tätern überfallen, die ihm durch Schläge mehrere Schädelbrüche zufügen und etwas Schmuck sowie einen Rezeptblock rauben. Schließlich zünden sie die Wohnung und auch ihr gefesseltes Opfer an. Einem Nachbarn gelingt es, Dr. Peter L. aus der Wohnung zu bergen, aber der schwer Verletzte stirbt 18 Tage nach der Tat.

Das Erzählmuster ist konventionell: Das Ehepaar L. wird vorgestellt, nach einem entspannten Frühstück in gediegenem Ambiente räumen beide gemeinsam ab, Herr L. widmet sich der Zeitungslektüre, Frau L. macht sich auf, einige Besorgungen zu tätigen, für den Folgetag ist eine Fahrt in das Wochenendhaus nach Timmendorf geplant, Dr. L. schreibt ein Rezept aus, damit seine Frau, die ihn hier liebevoll spöttisch "Herr Doktor" nennt, ihm ein Medikament mitbringen kann. In dieser Szene kommt es zu einem der raren Anschlussfehler: Zunächst ist Dr. L. schreibend im Bild, die Kappe seines Füllfederhalters hat er in der linken Hand, in den folgenden Close-Ups auf die zitternden Hände des Schreibenden liegt die Kappe aber auf dem Tisch, beim Rückschnitt hat er sie wieder in der Hand.

Das Feuer gewinnt seine visuelle Kraft aus dem Hochzüngeln; alle gezeigten Brandherde werden an herabhängenden Stoffen gelegt: an der Bettdecke, einer Tischdecke und an Gardinen, sodass rasch die Impression eines Flammenvorhangs entsteht. Ungewohnt blutig ist die Darstellung des Opfers: Während der Fesselung ist sein blutgetränktes Hemd zu sehen, und nachdem Dr. L. am Rücken angezündet wurde, sieht man ihn blutüberströmt in der verqualmten Wohnung am Boden liegen und erlebt quälend lange, wie er verzweifelt versucht, die geschundenen Hände aus der Fesselung zu befreien. Die Sehgewohnheiten haben sich geändert, sagt man da wohl. Musikalisch begleitet werden Überfall und Brandstiftung von jenem zittrigen Keyboard-Ton, der schon aus den Siebzigern vertraut ist (die unbekannte Tote bei Augsburg).

Auch siebziger-like ist die anfängliche Fehleinschätzung des Brandes durch den Nachbarn, der den Rauch aus der Wohnung unter sich aufsteigen sieht und mit dessen Frau sich folgender Dialog entwickelt: "Also, da qualmt's vielleicht!" – "Wo qualmt's?" – "Da unten bei den L.s. Ich glaub, die grillen auf dem Balkon." Achselzucken bei der Gemahlin. Wenig später, während seine zauberhafte Gattin gerade den Mittagsrotwein zu entkorken sich anheischig macht, erkennt der Nachbar jedoch den Ernst der Lage und greift ein. Er wirft sich beherzt gegen die Tür, unter der dichter Rauch hervorquillt, sprengt sie so auf und schleppt das blutüberströmte, mittlerweile auch von lebensgefährlichen Brandverletzungen gezeichnete Opfer ins Freie. Zügig bahnt sich der Rettungswagen mit Blaulicht und Sirene den Weg durch Hamburgs Straßen, während Dr. L. notversorgt wird. Auch bei der Einlieferung des Opfers ins Krankenhaus bleibt uns ein letzter realistisch blutiger Anblick nicht erspart (mittlerweile der vierte!), als Dr. L. auf einer Trage in die Notaufnahme transportiert wird, inzwischen mit einem Kopfverband am malträtierten Schädel. Dann schließen sich lautlos die gläsernen Automatiktüren hinter den Rettungskräften, dem Opfer und seiner Frau, die ihn im Notarztwagen begleitet und ihm noch Mut zugesprochen hat…

Für das, was dem erfahrenen Aktenzeichen-Zuschauer wie die klassische Junkie-Tat erscheint, wird in der Fallbesprechung ein mögliches persönliches Motiv nachgereicht: Dr. L. hatte einen Sitz im Beirat einer Immobilien-Beteiligungsgesellschaft; die zuständige Beamtin schließt nicht aus, dass er sich dort Feinde gemacht haben könnte. Für Spekulationen ist noch weiterer Raum, denn Tage vor der Tat wurden mehrmals zwei verdächtige Frauen im Treppenhaus beobachtet, deren Anliegen war: "Wollen zu Doktor, brauchen Doktor, sie krank", auch die Rezepte sind als Tatmotiv ja nicht völlig auszuschließen. Außerdem waren zur Tatzeit zwei wie Handelsvertreter wirkende Männer in Tatortnähe unterwegs, die als Zeugen gesucht werden. Von einer Klärung ist nichts bekannt.


Sendung Nr. 288 – 23.08.1996 – Brandstiftung an Scheune eines Antiquitätenhändlers in Pforzheim

Das Opfer der Straftat ist ein Musterbeispiel für Integration, eine exil-iranische Familie. Die Eheleute Mohamadi, wie sie anonymisierend genannt werden, betreiben einen florierenden Kunst- und Antiquitätenhandel in Pforzheim, ihre beiden Töchter wachsen zweisprachig auf, sind gut in der Schule und helfen brav im Haushalt. Allein, der Ehemann muss Schutzgeld zahlen, regelmäßig trifft er sich mit zwei Dunkelmännern, die später per Phantombild gesucht werden, am Pforzheimer Bahnhof. Irgendwann brennt die am Wohnhaus der Familie gelegene Scheune, die zum Wohngebäude ausgebaut werden sollte. Der eigentliche Brand bleibt dem Zuschauer verborgen, denn die Feuerwehr packt ihr Arbeitsgerät bereits wieder zusammen, es qualmen nur noch ein paar Überreste im Hintergrund, dem Gebäude ist kaum ein Schaden anzusehen (da sind doch nicht etwa die Sparzwänge der Neunziger spürbar?). Auf dem Hof herrscht ein munteres Gewusel aus Polizei, Feuerwehr, Nachbarn und Schaulustigen, schnell wird Brandstiftung vermutet, und als der Betroffene eintrifft, nimmt ihn ein mit bemerkenswert stumpfer Arroganz und Aggressivität dargestellter "Gribbo"-Ermittler badisch (mag wohl auch südfränkisch sein) ins Visier, flankiert von seinem meist schweigenden Kollegen. Jedes Wort ist ein Vorwurf, angefangen mit der Begrüßung "Ach so, Sie sind der Herr Mohamadi?" mit steigender Intonation zum Satzende und mit wissendem Unterton, so als lege die Identität eine strafbare Handlung nahe. Auf dieser Sensibilitätsstufe geht das sogenannte Gespräch auch im Büro weiter, pampig kündigt der Hochmütige an, man werde überprüfen müssen, ob die Scheune wirklich nicht mehr versichert war. Mensch, was für ein Crack, wie will der das bloß rausbekommen? Unverständlicherweise fasst Herr Mohamadi schließlich doch Zutrauen zu dem groben Klotz und offenbart, dass er seit eineinhalb Jahren von Landsleuten erpresst werde, sich vor zwei Tagen aber erstmals zu zahlen geweigert habe. Der Mann von der Gribbo stellt dann noch die Frage, ob der Antiquitätenhändler von den Schutzgelderpressern bedroht worden sei…

Den Gegenpol zu diesem Eingeborenen bildet die rührende Nachbarin der Mohamadis, bei der sich die Töchter in Sicherheit gebracht haben. Sie empfängt den Hausherren nach dessen unwürdiger Befragung erleichtert: "Gott sei Dank, Herr Mohamadi, dass Sie da sind" und gibt die Mädchen wieder in seine Obhut.

In der Studio-Besprechung des Falles kommt bedauerlicherweise der Eindruck auf, die Darstellung der Film-Beamten sei von der Wirklichkeit inspiriert worden. Eduard Zimmermann gibt zu bedenken, dass üblicherweise andere "Volksgruppen" für Schutzgelderpressung zuständig seien (Italiener, Chinesen, Vietnamesen zum Beispiel), und der anwesende Beamte hält eine brilliante kriminalistische Analyse parat: "Wir haben uns auch zunächst gewundert, aber so ist es nun einmal. Wenn eine Sache klappt, dann versuchen es alle." Zimmermann quittiert das mit einem knappen "Klar!". Ein ganz böser Traum, Hinweise auf eine Klärung gibt es nicht.


Sendung Nr. 300 – 24.10.1997 – Mord an niederländischem Rentner-Ehepaar Truus und Harry L. bei Traunstein

Zu diesem Klassiker der Neunziger gibt es eine exzellente, ausführliche Abhandlung von Heimo: http://azxy.communityhost.de/thread/?thread__mid=289323083 ; um Wiederholungen zu vermeiden, beschränke ich mich im Wesentlichen auf Filmisches.

Auch ein anderer lesenswerter Beitrag beschäftigt sich mit dem Fortgang des weiterhin ungeklärten Falles, dort findet sich unter anderem ein Artikel über die beeindruckend reflektierende Gedankenwelt der Töchter der Opfer: http://azxy.communityhost.de/thread/?thread__mid=443659114

Ein Cello sägt sich durch die Nacht, während vier junge Männer am frühen Morgen des 8. Juni 1997 in eine Disco fahren wollen. Auf einem Waldparkplatz in der Nähe von Nürnberg entdecken sie ein Wohnmobil, aus dessen Inneren Flammen schlagen, stoppen ihr Fahrzeug, eilen zum Tatort, erkennen ihre Machtlosigkeit und alarmieren die Feuerwehr, die kurz nach 1 Uhr vor Ort ist. Das einstmals weiße Wohnmobil ist schwarz verrußt, im Innenraum lodert es noch, aber bald sind die letzten Flammen erloschen. "Allmächtiger!", sagt ein Feuerwehrmann entsetzt, als er ins Wageninnere blickt und ihm zwei verkohlte Beine mit Turnschuhen an den Füßen entgegenragen. Der Schrecken hat aber noch kein Ende: Der brave fränkische Feuerwehrmann nimmt die Leiche in Augenschein und wundert sich: "Do schau mol, do om Hols, wos issn dös?", sein Kollege erkennt: "Kehle durchgschnitte!" – "Moch mi ned schwoch - dös wär jo e Modd!" Wenig später entdecken die beiden eine zweite Leiche. Die Toten werden als Truus und Harry L. identifiziert, ein Rentner-Ehepaar aus den Niederlanden. Der Täter lässt sich mit Taxis noch in derselben Nacht in zwei Etappen vom Fundort bei Nürnberg zurück in die Nähe des Tatortes bei Traunstein fahren, wo er gegen 5 Uhr morgens eintrifft.

Es wiederholt sich ein oft genutztes, aber immer wieder eindrucksvolles inszenatorisches Muster: Auf Tatort bei Nacht folgt Tatort bei Tag, der erste Aufruhr nach dem Fund wird von Aufräum- und Ermittlungsroutine abgelöst; und es ist schwer zu beurteilen, ob die Ordnung nicht sogar größeres Entsetzen generiert als das Chaos. Jedenfalls folgt auf den heißen Schauder der kalte Schauder: Der Fundort ist abgesperrt, Sargträger verrichten ihre Arbeit, die Türen des rußigen Wohnmobils stehen ebenso weit und starr offen wie die Klappe des Leichenwagens, ein letzter Feuerwehrmann verlässt langsam die Szenerie, Streifenpolizisten sichern den Tatort und regeln den spärlichen Verkehr, Kripo-Beamte beginnen zu ermitteln, in weiße Schutzanzüge gekleidete Spurensicherer untersuchen das Fahrzeug. Alle sind damit beschäftigt, das Unfassbare in einen geregelten Ablauf einzugliedern; was kurzzeitig wie aus der Welt gefallen war, wird in diese zurückgeholt.

Konsequenterweise geht es danach noch weiter zurück in die Welt, nämlich in die Welt vor dem Eintritt des Unfassbaren – zurück in die Urlaubsfreuden von Truus und Harry L.: Auf ein leckeres Mittagessen am 7. Juni 1997 folgt ein freundlicher Plausch mit der Bedienung (da denke man zum Kontrast an die Darstellung des selbstgefälligen Heinz W. aus Saarbrücken in der Sendung vom 11. April 1986). Sorgsam werden die Szenen ausgespielt, geradezu zelebriert: zwei glückliche, umgängliche Menschen, die vor dem Hintergrund einer malerischen Landschaft noch ein paar Urlaubsfotos machen – mit dem Apparat, den der Mörder später wegwerfen wird. Dieser sich Zeit nehmende Erzählrhythmus wird auch bei der nächsten Station des Paares am Nachmittag beibehalten, einer ruhigen Stelle am Waldrand nahe einem Flugplatz für Modellflieger bei Traunstein. Genüsslich werden die dort startenden und landenden Flugzeug-Modelle gefilmt, Motoren summen, Propeller schwirren, die Steuernden lassen ihre Maschinen halsbrecherisch anmutende Kunstfiguren vollführen, bewundert von einem schaulustigen Paar, das sich vornimmt, nächste Woche seine "Piper" auch wieder dabeizuhaben. Das Leben ist schön! Zu dieser Idylle wollen die Beobachtungen, die eben dieses Paar wenige Stunden später macht, so gar nicht passen; daher ist es auch verständlich, dass der Mann die Schüsse, die aus der Richtung des in einiger Entfernung geparkten Wohnmobils zu hören sind, trotz einiger Zweifel, wie die Situation einzuschätzen sei, eher mit einem Jäger als mit einem Straftäter assoziiert: "Die Schüsse san von weiter hinten kumme", und außerdem: "Wenn do wos possiert wär, donn hätt' mer dääs scho gmerkt."

Das Unheils-Cello vom Beginn des Films weiß es leider besser, und so beginnt sich der Kreis zu schließen. Zum zweiten Mal sehen wir nur die Beine von Harry L., kurz behost, mit Turnschuhen an den Füßen, eigentlich sommerliche Leichtigkeit verheißend, doch die Wirklichkeit ist eine andere: Der Mörder zieht den Toten ins Wageninnere. Wie in dieser Einstellung nur die Beine, so sind bei der folgenden Abfahrt des Wohnmobils fast nur die Reifen im Bild. Rund 300 Kilometer entfernt stellt der Täter den Wagen ab, inzwischen ist es kurz vor Mitternacht. Der Mann legt Feuer und flüchtet, im Inneren des Wagens ist ein zunächst noch zögernder Lichtschein erkennbar, der langsam aufflammt; ein letztes Mal erklingt das Cello.


Sendung Nr. 305 – 08.05.1998 – Mord an Büro-Aushilfe Kerstin J. in Paderborn

Nicht mehr in Kurt Grimms Verantwortung fällt diese filmische Rekonstruktion, aber Susanne Aernecke hat Gutes in Grimmscher Tradition geleistet, daher zum Abschluss der erste Brand ohne den Meister.

Am Morgen des 3. September 1997 hat Kerstin J. die Einnahmen dreier Kantinen in Paderborn abgeholt und in das Büro der Catering-Firma ihrer Eltern gebracht, wo sie während des Urlaubs der Eltern aushilfsweise deren Aufgaben übernommen hat. Das Büro dieser Firma liegt unmittelbar neben der Lkw-Einfahrt zu dem Betriebsgelände, auf dem sich die letzte Kantine befindet. An der Einfahrt herrscht reges Treiben, Lkws aus dem In- und Ausland rollen auf das Gelände, ein genervter Pförtner muss die Verständigung mit russisch sprechenden Fernfahrern organisieren ("Da draußen ist schon wieder jemand, den man nicht versteht!") und ungeduldig Hupenden die Schranke öffnen.

Ganz im Gegensatz zu diesem geschäftigen Durcheinander steht das einsame Bürogebäude, in dem sich das spätere Opfer ganz allein aufhält: Ein jazziges Saxophon hatte Kerstin J.s Pkw schon an der Einfahrt sacht in Empfang genommen, jetzt klingt es spukig durch einen langen Gang, an dem die leeren Büroräume liegen, und begleitet Frau J. auf ihrem Weg in das Büro, wo sie sich an die Abrechnung der Einnahmen macht und dabei zwischen 7 und 8 Uhr überfallen wird. Zwischen den Reifen eines vom Gelände fahrenden Lkws hindurch sieht man den Täter auf das Bürogebäude zugehen, schwarze Schuhe betreten die Treppe, ein schwarzer Handschuh betätigt die Klingel. Ungut mischt sich das Klingeln an der Eingangstür mit dem Klingeln des Münzgeldes in der Zählmaschine. Die Tat rückt näher, Streicher haben das Saxophon abgelöst, erst in "Psycho"-haftem Stakkato, dann flächig. Kerstin J. wird mit einem Elektroschocker bedroht und schließlich erstochen; der Mörder verlässt das Gebäude zunächst, vermutlich um die Beute in einem Fahrzeug zu deponieren, kehrt dann aber zwecks Spurenbeseitigung zurück, übergießt die Tote mit einer brennbaren Flüssigkeit und legt durch den ganzen elend langen, trostlos grauen Bürogang bis hin zur Eingangstür die längste Zündspur der XY-Geschichte. Er entzündet ein Streichholz, und das Feuer frisst sich in einer schmalen Spur den Gang entlang auf die Kamera zu.

Bereits bei der ersten Abhol-Station hatte sich ein junger Mann recht aufdringlich mit Kerstin J. auf einen Mittagskaffee verabredet (romantischer Begrüßungsdialog der Turteltäubchen: Er: "Hi Kerstin." Sie: "Tag." Er: "Lange nicht gesehen." Sie: "Na ja, 'ne Woche."); wortlos nickend und eher duldend als begeistert hatte sie die Verabredung akzeptiert und sich mit einem kühlen "Ich muss jetzt" getrollt. Gegen 12 Uhr entdeckt dieser Mann, dass Qualm aus dem Büro dringt, und lässt vom Pförtner die Feuerwehr benachrichtigen; wir sehen deren Eintreffen und Eindringen in das verqualmte Gebäude. Raum für Raum kontrollieren die Männer, im dritten werden sie fündig: Wie eine lange Fackel brennt ein Türpfosten, am Boden liegt eine Tote, im Hintergrund betritt der junge Mann den Raum, ein Taschentuch vor dem Mund, Entsetzen im Blick.

In der Sendung vom 16. Juli 1999 konnte die Klärung gemeldet werden: Ein Angestellter des benachbarten Betriebes wurde festgenommen, nachdem man bei ihm die Quittung über den Elektroschocker gefunden hatte.

Link zum Filmfall-Thread: http://azxy.communityhost.de/thread/?thread__mid=297150964
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#34

Re: Kurt Grimm lässt es brennen

in Filmfälle 30.07.2011 13:45
von Oma Thürmann • 716 Beiträge
Der drittletzte Brandfall steht parat: Brandstiftung an einer Scheune in Pforzheim.
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#35

Re: Kurt Grimm lässt es brennen

in Filmfälle 31.07.2011 13:50
von Oma Thürmann • 716 Beiträge
Der legendäre Wohnmobil-Fall aus Sendung 300 ist fertig: Mord an Truus und Harry L.
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#36

Re: Kurt Grimm lässt es brennen

in Filmfälle 01.08.2011 14:20
von Oma Thürmann • 716 Beiträge
"Alles geht vorbei, nur die Wurst hat zwei" (Jennifer Rostock); der abschließende Fall ist bereitgestellt: Mord an der Büro-Aushilfe Kerstin J. in Paderborn.
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#37

Re: Kurt Grimm lässt es brennen

in Filmfälle 02.08.2011 07:00
von Heimo • 1.277 Beiträge
Hallo Oma Thürmann,

danke für diese tolle Arbeit. Du hast Dir richtig Mühe gegeben und etwas Tolles produziert. Ich gebe zu, dass ich am Anfang diesem Thread skeptisch gegenüber stand, da ich den Sinn nicht wirklich erkennen konnte, muss mich aber hernach für diese - zum Glück nicht geäußerte Ansicht - entschuldigen. Ich habe sehr gerne hier gelesen und bin schon fast betrübt, dass es bei XY nicht häufiger gebrannt hat.

An Deiner Arbeit hat mich besonders fasziniert, wie Du diese Fälle aufbereitet hast. In einem der Vorgängerforen gab es mal jemanden (Tatort), der einzelne Filmfälle mit einer Spitze Ironie aufbereitete. Ich habe bei Dir Passagen gefunden, die dem ganz ähnlich waren. Wäre es nicht mal eine Maßnahme für Dich, dass Du Dich hier auch an solche Reviews wagst?
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#38

Re: Kurt Grimm lässt es brennen

in Filmfälle 02.08.2011 17:55
von Oma Thürmann • 716 Beiträge
Hallo Heimo,

gar kein Grund, dich zu entschuldigen: Lob von einem Skeptiker – was kann es besseres geben?! Vielen Dank! Was die Ermunterung angeht, weiterzumachen: Das wird ganz bestimmt passieren, ich weiß im Moment noch nicht genau, wie. Vielleicht wieder mit einem Themen-Thread (möglicherweise Fußball [momentan mein Favorit – übersichtlich und so herrlich abwegig], vielleicht auch Menschen bei der Arbeit [da schreckt mich die schiere Materialfülle ein wenig], vielleicht Berliner Vor-Wende-Fälle) oder auch mit einem einzelnen Filmfall; muss erstmal Material und Ideen sammeln, sonst droht mir noch der Burnout – schlag mich nicht für diesen billigen Witz!

Bezüglich der Ironie-Komponente möchte ich mir einige Vorsicht auferlegen. Wie du schon sagst, das streue ich gerne mal ein, aber es sollte erstens nicht zu dominant werden und sich zweitens nicht auf das tatsächliche Geschehen beziehen, sondern nur auf die filmische Umsetzung. Kurz und gut: Ironie wird sicher ein (dosierter) Bestandteil meiner Beiträge bleiben, aber ich denke nicht, dass es gut wäre, Reviews auf Ironie hin anzulegen. Die von dir erwähnten Beiträge aus dem älteren Forum kenne ich leider nicht, sind die noch irgendwo einsehbar?

Jetzt fahr ich aber erstmal "ins Grüne"; habe ganz in der Nähe eine entzückende Bauschuttkippe entdeckt, garantiert brandleichenfrei, da kann man, ohne das Auto verlassen zu müssen, einen romantischen Imbiss einnehmen und so vom Großstadtlärm abschalten; vielleicht seh ich ja Flamingos…

Schöne Grüße von der Oma
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#39

Re: Kurt Grimm lässt es brennen

in Filmfälle 03.08.2011 18:02
von Haddock • 99 Beiträge
@Oma: Zunächst zum Abschluss noch einmal ein Kompliment für diese Serie, dann die Ermutigung, doch bitte das mit dem Fußball (da hätte ich schon drei, vier Fälle im Hinterkopf) oder mit Berlin vor 1989 zu verwirklichen, außerdem eine Versicherung: Ich fand die Ironie sehr schön dosiert und überhaupt nicht pietätlos oder unangebracht.
In diesem Sinne: Viel Spaß im Grünen und bis bald.
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#40

Re: Kurt Grimm lässt es brennen

in Filmfälle 07.08.2011 12:42
von Oma Thürmann • 716 Beiträge
Bei der Materialsichtung bin ich auf einen weiteren Feuer-Fall gestoßen, der nun auf Seite 1 dieses Threads eingefädelt ist: Eine Tresorknacker-Einbruchserie in Österreich, gesendet am 6. März 1970. Ein frühes Meisterwerk, dessen (Wieder-)Ansicht ich nachdrücklich empfehlen möchte, obwohl das Sujet auf den ersten Blick so unspektakulär zu sein scheint.

Habe dann gleich die Gelegenheit genutzt und die Besprechungen etwas gleichmäßiger auf die drei Teilbeiträge verteilt (dann ist noch Platz für etwaige weitere Ergänzungen).

Angenehme Lektüre und Film-Schau wünscht die Oma.
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#41

Re: Kurt Grimm lässt es brennen

in Filmfälle 12.08.2011 19:05
von Oma Thürmann • 716 Beiträge
Die nächste Fall-Sammlung wird Wolfgang Grönebaum gewidmet sein, bei der Vorbereitung dafür habe ich einen weiteren Feuer-Filmfall gefunden, und zwar einen, in dem (wie beim Waltrop-Toten) Wolfgang Grönebaum mitspielt: Überfall auf zwei Geldboten in Frankfurt/M., ausgestrahlt in der Sendung vom 25. Oktober 1968, nunmehr nachzulesen auf Seite 1 dieses Threads.

Und dann: Schande über mich! Der letzte Fall in diesem Thread, der Mord an Kerstin J., ist gar nicht mehr von Kurt Grimm gedreht worden. Da ich es um den filmisch gelungenen Fall aber schade gefunden hätte, habe ich einen wenig eleganten Einleitungssatz zusammengehämmert und nachgetragen, mit dem ich die Aufnahme des Kuckuckseis in den Kurt-Grimm-Thread schönlüge.
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#42

Re: Kurt Grimm lässt es brennen

in Filmfälle 14.09.2011 16:58
von Oma Thürmann • 716 Beiträge
Auf Seite 1 habe ich einen Nachzügler-Fall mit Kaminfeuer eingefädelt, den Mord an dem Postbeamten Johann B. in Österreich aus der Sendung vom 04.06.1976.
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#43

RE: Kurt Grimm lässt es brennen

in Filmfälle 17.01.2015 22:18
von vorsichtfalle • 667 Beiträge

http://mobil.waltroper-zeitung.de/staedt...art1010,1475756


gut dass solche Fälle nicht in Vergessenheit geraten.

Beachtet auch die original Zeitungsartikel

Vg


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#44

RE: Kurt Grimm lässt es brennen

in Filmfälle 18.01.2015 11:02
von Ede-Fan • 586 Beiträge

Hallo vorsichtfalle,

vielen Dank für den Link! Das ist bei mir in der Nähe. Der Fall war damals wie heute sehr gruselig. Allerdings ist mir die Vermutung neu, daß Täter und Opfer aus der Umgebung stammen.


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#45

RE: Kurt Grimm lässt es brennen

in Filmfälle 18.01.2015 20:31
von Gelöschtes Mitglied
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Hallo!
Wer es genau wissen möchte: Die unbekannte Brandleiche in Waltrop wird als FF 3 in der Sendung vom 11.12.1981 behandelt. Wirklich sehr gruselig!!!
So denn, einen schönen Gruß von schildi


"Bitte denken Sie daran! Wer uns nicht einschaltet, der kann uns nicht sehen!" (Schlußwort von Butz Peters aus der Sendung vom 06.10.2000)
"Er bestellt sich zwar ein Bier, aber trinken wird er es nicht mehr." (Sprechertext Wolfgang Grönebaum aus dem YOGTZE-Fall, FF 1, 12.04.1985)
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