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Wolfgang Grönebaum als Darsteller

in Filmfälle 30.08.2011 11:32
von Oma Thürmann • 736 Beiträge
Ermittler, Zeuge, Opfer, Täter – keine dieser Rollen fehlt im darstellerischen Werk von Wolfgang Grönebaum, der langjährigen Stimme von XY. Von gemütlich bis entschlossen reicht das charakterliche Spektrum, von Diebstahl bis Mord das kriminalistische.

Zwei der Filmfälle bilden eine Schnittmenge mit den Brandfällen, da habe ich mich der Einfachheit halber selbst kopiert und die Besprechungen aus dem "Kurt Grimm lässt es brennen"-Thread übernommen statt zu verlinken, ist vielleicht lesefreundlicher für alle, die jenen Thread nicht kennen.

Sollte ich einen Wolfgang-Grönebaum-Filmfall übersehen haben, bitte ich um Nachricht (und um Nachsicht, natürlich).


001 – 20.10.1967 – Diebstähle und Hehlerei (Das Geheimnis der sitzenden Katze)
010 – 25.10.1968 – Überfall auf Geldboten in einem Kaufhaus-Parkhaus in Frankfurt/M.
019 – 12.09.1969 – Mord an Unbekanntem bei Limburg an der Lahn
036 – 30.04.1971 – Mord an 9-jähriger Bärbel H. bei Hannover
048 – 14.07.1972 – Mordversuch an Campern Anneliese und Matthias B. im Moseltal bei Trier
057 – 15.06.1973 – Banküberfall mit Bombenattrappe in Ulm
075 – 11.04.1975 – Mordserie im Münsterland
078 – 04.07.1975 – Mord an Automobilfacharbeiter Heinz Nikolaus D. in Rüsselsheim
090 – 08.10.1976 – Mord an 10-jähriger Karin T. bei Duisburg
098 – 29.07.1977 – Observation von Schwerkriminellen in Düsseldorf
117 – 13.07.1979 – Mordversuch im Haus des Diplomingenieurs Gustav R. in Schwelm (Gewehrfalle)
141 – 11.12.1981 – Unbekannter Toter bei Waltrop
156 – 10.06.1983 – Mord an Baufacharbeiter Joachim F. in Hamburg
157 – 08.07.1983 – Mord an unbekanntem Einbrecher (?) in Frankfurt/M.
169 – 05.10.1984 – Versicherungsbetrug mit Metallfolienbildern in Castrop-Rauxel



Sendung Nr. 1 – 20.10.1967 – Diebstähle und Hehlerei (Das Geheimnis der sitzenden Katze)

Der dritte Filmfall der ersten Sendung, kein Grauen, keine Gewalt, "nur" kriminalistische Kleinarbeit aus einer Zeit, in der die Ganoven noch "Nerz-Willi" hießen. Der Film sollte den Zweck erfüllen, einem Hehler nachzuweisen, dass er gestohlenen Schmuck bereits zu einem Zeitpunkt besaß, zu dem er ihn noch nicht besessen haben wollte, und der Film erfüllte diesen Zweck.

In aller Offenheit bekennt der im Studio anwesende zuständige Staatsanwalt, dass er eine bestimmte Frau "leider nicht zwingen kann, das Geheimnis preiszugeben" (wenigstens sagt er nicht "leider nicht MEHR"). Das Geheimnis, das ist eine Punzierung in diversen Schmuckstücken; die Frau, das ist die Dame Elfie, die wir gleich in der ersten Einstellung mühelos erspähen: Freistunde in einer nordrhein-westfälischen Haftanstalt, gefilmt von der hohen Gefängnismauer aus. Die Damen müssen ordentlich im Kreis marschieren, und was leuchtet da blond inmitten der mausgrauen Herde? Der wohltoupierte Schopf der Dame Elfie! Elfie ist wunderbar: attraktiv, stolz, ein wenig verlebt, aber ungebrochen, eine echte Schlampe! Kein Wunder, dass sie uns vorgestellt wird als die Dame, "die dem Frankfurter Staatsanwalt den Schlaf raubt". Aufrechten Ganges und angewiderter Miene ob der schäbigen Umgebung (und vielleicht auch Gesellschaft) dreht sie in unwürdiger Anstaltskluft ihre Runden auf dem harten Pflaster des Innenhofes der JVA. Die Kamera schwenkt an den vergitterten Fenstern des Gefängnisses hoch und wieder herunter, und aus dem, was ich für eine Arrestzelle im Souterrain halte, ist für eine Sekunde ein Winken mit einem Tuch zu sehen – nicht jede kommt in den Genuss der Freistunde.

Die Missgunst eines Nachbarn ist Elfie zum Verhängnis geworden, denn ein von ihr getragener Pelzmantel war dem Neidischen (oder dem wachen Gesetzestreuen?) Anlass gewesen, die Aufmerksamkeit der Ordnungsmacht auf die Trägerin zu lenken, mit Erfolg, gehörte der Mantel doch zur Beute aus einem Einbruch in ein Pelzgeschäft an der Düsseldorfer Königsallee. Flugs wurde weiter ermittelt, Elfies Kontakte wurden ausgespäht, und am 26. April 1966 wird ein überregional operierender österreichisch-ungarischer Einbrecher- und Hehlerring gesprengt. Wolfgang Grönebaum bleibt es als Kriminalmeister Heinemann vorbehalten, im Kofferraum des Wagens von Nerz-Willi, der mit Elfie liiert ist (was man ihm nicht gönnt und ihr nicht wünscht), zwar keine Pelze, dafür aber Schmuck im Wert von 100.000 DM zu finden. Der anfänglich leicht überhebliche Triumph Grönebaums ("Ich hab 'n prima Zimmer für Sie reserviert") weicht schrittweise einer Ohnmacht, denn die Verdächtigen sind polizei-erfahren und sie mauern. Als dann Nerz-Willi seinem Anwalt gar den beschlagnahmten Schmuck übereignet, droht dreifaches Unheil: Der Verlust von Beweismaterial, die Zahlung von Anwaltshonorar mittels Diebesgut und als Gipfel die Ermöglichung einer Kaution durch eben dieses Diebesgut. Das ist der Moment, in dem sich Grönebaum in einen Mann mit einer Mission verwandelt: Nach innen grimmig, nach außen kontrolliert und konsequent handelnd, arbeitet er sich verbissen in die Feinheiten der Goldschmiedekunst ein und kann, begleitet von einem munter jazzig plingelnden Xylophon, auf einer Ochsentour durch diverse Juweliergeschäfte mit Hilfe der Punzierungen den Weg vieler Schmuckstücke vom Hersteller zum Händler nachvollziehen und so den Diebstahl bei Einbrüchen beweisen. Nerz-Willi dekonstruiert nun aber geschickt den zeitlichen Zusammenhang zwischen Diebstahl und Erwerb, indem er behauptet, den Schmuck erst wenige Tage vor der Verhaftung rechtmäßig erworben zu haben, wohingegen die Diebstähle wesentlich länger zurückliegen.

Die Möglichkeit, den zeitlichen Zusammenhang doch wieder rekonstruieren zu können, verdankt die Kripo dem zufälligen Fund zweier Ringe, die im Saum eines Rockes der Dame Elfie eingenäht waren. In dieser kurzen Szene fährt Kurt Grimm einmal mit dem Skalpell durch die bundesrepublikanische Nachkriegsgesellschaft, und zwar durch die weibliche: Elfie begleitend, betritt eine streng frisierte, brave, junge und kühle Justizvollzugsbeamtin, die in der Eingangsszene bereits die Freistunde beaufsichtigt hat (gespielt von Renate Schubert, die später einige Auftritte als Frau Fechner in "Ein Herz und eine Seele" hatte), die Kleiderkammer der JVA und macht in forschem Ton interne Hierarchien deutlich: "So, hier ist die bestellte Vorführung. Sind die Sachen fertig? Wir haben's ein bisschen eilig!" Das kränkt die Ehre der kriegsgestählten Garderobiere, sie keift zurück: "Bei uns ist IMMER alles fertig, Frau Wachtmeister!" In Elfies Welt hingegen gibt es ganz andere Prioritäten, also empört sie sich: "Wie sehen die Sachen denn aus? Ist ja alles ganz verknautscht!" Durch diese Beschwerde sieht sich eine zweite Gewitterziege aus der Kleiderkammer zu einer kleinen Belehrung veranlasst: "Sie sind hier nicht im Luxushotel, mein Kindchen, mit Zofe und so. Vielleicht können Sie sich das später mal wieder leisten!" Natürlich lässt Elfie die naheliegende schnippische Replik nicht aus: "Ich schon, Sie aber wahrscheinlich nicht!" Die Wachtmeisterin entdeckt die Ringe im Rocksaum, eine Schere tut den Rest. Dann folgt die inszenatorische Krönung: Als Elfie erklärt, welchen der beiden Ringe sie wann von ihrem Freund geschenkt bekommen hat, sehen wir im Vordergrund die von der Wachtmeisterin gehaltenen Ringe, Elfies Finger zeigen nacheinander erklärend auf die Schmuckstücke, und im Hintergrund, ja, da stehen dragonerhaft die beiden kratzbürstigen Trümmerfrauen und schauen sehr, sehr humorlos aus der Wäsche, so als sei ihnen bitter klar, dass Elfie wohl Recht haben dürfte bezüglich des Luxushotels und der Zofe.

Die Punzzeichen in diesen beiden Ringen blieben bis zur Sendung unidentifiziert, eine sitzende Katze und ein großes C mit einer Krone (das Eduard Zimmermann in der Besprechung mal kurz zum "Hohen C" macht), doch da sich in dem vermutlichen Diebesgut aus dem Besitz Nerz-Willis Stücke mit den gleichen Punzierungen fanden, sah die Kripo die Möglichkeit, dem mutmaßlichen Hehler den Besitz dieses Schmuckes bereits zum Zeitpunkt des Verschenkens an Elfie nachzuweisen, würde man nur Hersteller und Verkäufer finden. Und genau das gelang: Noch während der Sendung wurde der Berliner Juwelier Elias Katz als Hersteller des Schmuckes mit der Katzen-Punzierung ausfindig gemacht, dort waren die guten Stücke auch gestohlen worden.

In "Das unsichtbare Netz" widmet Eduard Zimmermann diesem Fall einige Seiten (53-58, 75 und 78-80). In der Beschreibung der Sendung liefert Zimmermann ein Beispiel für seine visionäre Klarheit und sein Bewusstsein bezüglich der Sendungs-Wirkung (S. 75): "Ich ziehe den Ehering ab, um zu demonstrieren, wo man das Punzzeichen suchen kann. Millionen Menschen werden es mir nun gleichtun oder ihre Schmuckschatullen hervorholen." Einige Seiten weiter findet sich auch ein Foto vom Schaufenster des Berliner Juweliers in der Schloßstraße in Steglitz, über dem Eingang eine Leuchtreklame mit einer sitzenden Katze und dem Werbeslogan: "Kleines Geld – großer Schatz – bei Katz" (inzwischen – es sind ja kaum 45 Jahre vergangen – ist Katz auch Leihhaus und ein paar Kilometer weiter Richtung Stadtmitte gezogen).


Sendung Nr. 10 – 25.10.1968 – Überfall auf Geldboten in einem Kaufhaus-Parkhaus in Frankfurt/M.

Am Vormittag des 11. Dezember 1967 stellt der Chauffeur zweier Bankangestellter ein Fahrzeug im Parkhaus eines Frankfurter Kaufhauses ab. Ach, was für ein Fahrzeug! Ein heller Mercedes mit Heckflossen, wenn mich nicht alles täuscht, aus der Baureihe W 110, produziert von 1961 bis 1968. Ein weiteres, aber ungleich umstritteneres zeittypisches Kulturobjekt gerät im Laufe des Filmes mehrfach ins Bild: Die durchbrochenen Beton-Außenwände des Parkhauses sind ein schönes Beispiel für den seinerzeit in voller Blüte gestanden habenden Brutalismus in der Architektur (In England wird gerade heftig diskutiert, wie mit Gebäuden aus jener Zeit zu verfahren sei, immerhin hat es die Preston Bus Station einmal in eine Anthologie namens "Boring Postcards" geschafft – sollte man so etwas einfach abreißen?).

Die Kamera folgt den beiden Geldkurieren, die die Einnahmen des Vortages abholen, auf ihrem Weg durch den Verbindungsgang zwischen Parkhaus und Kaufhaus und bleibt dabei an einem warnenden Plakat hängen: "Mach' die Augen auf: Ladendiebe sind unterwegs!", daneben prangen die illustrierten Bedien-Hinweise für einen Feuerlöscher (!). Die zwei gehen zur Hauptkasse und machen sich mit 300.000 DM im Handgepäck auf den Rückweg. Im Parkhaus stürzen vier Maskierte aus einem VW-Bus, einer der Geldboten kann, obwohl auf ihn geschossen wird, entkommen, der andere wird ebenso niedergeschlagen wie der Fahrer, und ein silberner Koffer wechselt den Besitzer. In klassischer Parallelmontage folgt ein Wettrennen zum Ausgang: Der flüchtende Geldbote eilt die Feuertreppe hinab, der VW-Bus legt sich reifenquietschend in die Parkhaus-Kurven. Am Ausgang ist den Tätern der Fluchtweg versperrt, da der Bote schneller war und der alarmierte Parkhauswächter mittlerweile die Schranke geschlossen hat (Parkgebühr übrigens immerhin 2 DM). Daher setzen sie ihre Flucht zu Fuß fort, nicht ohne vorher den VW in Brand zu setzen. Das Bedrohungspotenzial, das von einem brennenden Fahrzeug in einem Parkhaus ausgeht, wird filmisch leider ein wenig vernachlässigt: ein paar Flammen, ein wenig Rauch, eine heulende Sirene, panische Schreie der umherirrenden Augenzeugen, und dann wird auch schon zur Kriminaltechnik übergeblendet.

Nach mehr als zwei Wochen hat deren Kleinarbeit Erfolg; hinter einem Fernschreiber schmückt Wolfgang Grönebaums mächtiger Schatten eine kahle Bürowand, und zupackend darf der von ihm dargestellte Kripo-Beamte verkünden: "Ich glaube, jetzt wird's heiß" und "Freunde, jetzt gibt's Arbeit", denn der Weg des VW-Busses kann mit Hilfe des Herstellers nachvollzogen werden. Und das ist durchaus wörtlich zu nehmen, Grönebaum muss nämlich den Etappenhasen geben, zunächst geht es zum Autohändler, dann zu dem Teppichgeschäft, an das der Händler den VW verkauft hat, der aber nach einem Unfall bereits weiterveräußert wurde, und zwar an eine Werkstatt. Spätestens bei dieser dritten Station ist der anfängliche Tatendrang mürrischer Routine gewichen, aber endlich gibt es eine konkrete Spur: Auch die Werkstatt hat den Wagen inzwischen verkauft, und sie hat Namen und Anschrift des Käufers. Erneut ergreift Dynamik die Sonderkommission "Parkhaus", Waffen und Handschellen werden eingesteckt, doch die Ermittler erleben eine Enttäuschung: Der vom Böses im Schilde führenden Käufer angegebene Name führt zu einem Möbelgeschäft, dessen Inhaber zwar von verdachterregend schleimiger Auskunftsfreude ist, aber weder mit dem Kauf des Wagens noch mit dem Überfall zu tun hat.

Die Fragen im Studio beziehen sich auf den VW-Bus, auf den Käufer, von dem es sogar ein Phantomfoto gibt, und auf eine Frau, die in einem Darmstädter Café eine aus dem Überfall stammende Geldbanderole verloren hat, doch all das scheint nicht zielführend gewesen zu sein: Über eine Klärung ist nichts bekannt.


Sendung Nr. 19 – 12.09.1969 – Mord an Unbekanntem bei Limburg an der Lahn

"Georg Westphal genießt den Tag, aber der Tag ist noch nicht zu Ende." Wenige Augenblicke später nämlich wird der Mann, der im Film Georg Westphal genannt wird und der soeben noch einem Ruder-Zweier hinterhergesehen hat, im flachen Wasser der Lahn nahe der Autobahnbrücke bei Limburg ein stinkendes Etwas finden, das er für einen Tierkadaver hält, und wieder wenige Augenblicke später wird ein menschlicher Arm diesen Irrtum korrigieren. Die Geschehnisse liegen zum Zeitpunkt der Sendung schon über sechs Jahre zurück, es ist Pfingstmontag, der 1. Juni 1963, doch die Atmosphäre wirkt herbstlich, der Gedanke an einen sonnigen Frühlingstag liegt fern. Bald stehen Einsatzfahrzeuge am Flussufer, zwei Männer tragen eine Bergungskiste herbei. Anderntags berät Wolfgang Grönebaum als Kriminalbeamter am Ufer stehend die Lage; ein Plastiksack, der zum Transport der Leichenteile benutzt wurde, ist gefunden worden, schließlich meldet ein Taucher: "Ich habe den Kopf gefunden." Aus einem Boot wird ihm ein Plastikbeutel gereicht, und der Mann verschwindet wieder im Wasser... Die eigentliche Bergung sehen wir nicht, stattdessen leitet eine Blende zur Großaufnahme des Schädels über, der zwei Monate später in einem Glaskasten im Büro der Ermittler ausgestellt ist – Lagebesprechung im Beisein des Opfers.

So weit, so grausig, doch filmisch gibt der Fall danach nicht mehr viel her: Eine recht dröge Konferenztisch-Szene schließt sich an, erzwungen durch die Fülle an Ermittlungs-Details, die alle nicht weitergeholfen haben und von Grönebaum und den anderen Beamten sachlich referiert werden: Todesursache waren vermutlich Hammer- oder Beilschläge; der Tote war etwa 45 Jahre alt; das linke Bein wurde inzwischen auch gefunden; sämtliche Vermisstenkarteien wurden durchforstet; die Öffentlichkeit wurde um Mithilfe gebeten; eine Spur in "Gastarbeiter"-Kreise, hervorgerufen durch die italienische Herkunft des Plastiksacks, verlief im Nichts; auch die US-Streitkräfte vermissen niemanden; ein vager Anhaltspunkt ergab sich lediglich aus zahnärztlicher Sicht: Die Prothese des Toten erweckte den Eindruck, als habe sie jemand vom Fach für sich selbst angefertigt, genauso gut könnte sie allerdings ein Provisorium sein. Ein weiterer Ansatz kommt hinzu, als bei einer erneuten Suche das rechte Bein des Toten gefunden wird; wieder sehen wir die Motorboote der hessischen Bereitschaftspolizei auf der Lahn; und dieses Fundstück wird, wie schon der Arm, deutlich gezeigt, sanft wiegt es sich im seichten Wasser; der Film schließt mit diesem letzten Schocker und hinterlässt einige Fragezeichen.

So gibt es denn im Studio viel zu besprechen; der TV-erfahrene Kriminaldirektor Konrad Gaulke, der schon den allerersten XY-Fall zu einem erfolgreichen Ende führen konnte, weiß zu berichten, dass im zuletzt gefundenen rechten Bein noch zwei von einer Operation stammende Nägel stecken. Die Situation ist eigentlich vielversprechend: Die Operation muss etwa zwischen 1960 und 1963 durchgeführt worden sein, aber ohne Abschluss der Behandlung, denn die Nägel werden üblicherweise entfernt; sie wurde in einem gut ausgestatteten Krankenhaus durchgeführt (unter Röntgenkontrolle!) und ist außergewöhnlich gut gelungen (Gaulke in seiner unnachahmlichen Art: Die Operation "lässt auf große Fertigkeit des Chirurgen schließen"); die Art der Verletzung deutet auf einen Motorrad- oder Roller-Unfall. Ausführlich wird dann noch die Zahnprothese vorgestellt, und auch der Plastikbeutel einer italienischen Wolldecken-Firma kommt zur Sprache, insbesondere das ihm beigefügte Bild einer Schauspielerin. Damit nicht genug: Zur Tatzeit fand in Limburg das Frühlingsfest statt (schade, dass die Struktur des Falles es Kurt Grimm nicht möglich gemacht hat, dieses in Szene zu setzen), auf dessen Gäste es mehrfach Überfälle gab. Gaulke und Zimmermann dürfen also gleich drei weitere Theorien präsentieren: Der Tote könnte ein auswärtiger Besucher des Volksfestes, ein Schaustellergehilfe oder "ein Mitglied einer anderen umherziehenden Landfahrergruppe" gewesen sein (unklar bleibt der Ursprung dieser Vermutung, soll sie etwa verklausulieren, dass die Überfälle von "Landfahrern" begangen wurden und das Opfer daran beteiligt gewesen sein könnte, oder wo sonst liegt der Zusammenhang zwischen Frühlingsfest und "Landfahrern"?).

In der Spätsendung zeigt man sich sehr optimistisch, den Toten aufgrund der eingegangenen Hinweise identifizieren zu können; in der Folgesendung ist der Optimismus aber wieder verflogen, statt einer Erfolgsmeldung werden lediglich das Foto der Zahnprothese und das Röntgenbild des Knies erneut veröffentlicht, der Tote bleibt unidentifiziert.


Sendung Nr. 36 – 30.04.1971 – Mord an 9-jähriger Bärbel H. bei Hannover

In seiner vierten Rolle spielt Wolfgang Grönebaum erstmals keinen Kriminalisten. Bevor er aber erscheint, ist schon einiges passiert.

Rekonstruiert wird zunächst der Morgen des 11. Januar 1971, ein Montag. Aus einem imposanten Kastenradio klingen um 7.30 Uhr die Kurznachrichten durch die Küche der Familie des Regierungsobersekretärs Heinz Wulf in Bemerode bei Hannover (damals noch eigenständig, erst 1974 eingemeindet), wo sich Inge, die 10-jährige Tochter der Familie, auf den Schulweg macht, ausgestattet mit einer modisch bebommelten hellen Plüschmütze. Es ist der erste Schultag nach den Weihnachtsferien, und wir erfahren, dass außer den Kindern auch die meisten Männer um diese Zeit das Haus verlassen, während die Frauen den Frühstückstisch abräumen. Auch Frau Wulf tut dieses, recht schick im Kostümchen, ehe sie ihrem beschlipsten und beanzugten Gatten, der sich ob der kalten Nacht besorgt über den vereisten Zustand der Scheiben seines Käfers zeigt, in den Mantel hilft.

Der Blick in eine zweite Familie beginnt mit einem wesentlich mickrigeren Transistorradio, während der Wettervorhersage und der Verkehrshinweise kämmt die schürzentragende Frau Meineke ihren 10-jährigen Sohn Rolf, schnell noch die Mütze auf die frisch gekämmten Haare, ein paar Worte zwischen Ermahnung und Ermunterung, bevor auch Rolf sich aufmacht, hinaus in die Kälte.

Die dritte Großaufnahme eines Rundfunkempfängers zeigt ein Kofferradio der Mittelklasse, und erst sie führt in die Familie des späteren Opfers. Nach Nachrichten, Wetter und Verkehr läuft inzwischen Musik, dann die Zeitansage: Es ist 7.37 Uhr. Die fürsorgliche (und gleichfalls beschürzte) Mutter der 9-jährigen Bärbel H. verstaut ein Brotpaket im Tornister ihrer Tochter, hält sie zur Eile an und legt ihr das Weihnachtsgeschenk ans Handgelenk, eine Armbanduhr. Anders als bei den ersten Kindern, deren Kleidung nur zu sehen war, werden Bärbel H.s Sachen auch beschrieben, und schon verspürt man diesen dumpfen Schlag in die Magengrube: ein roter Wintermantel mit schwarzem Pelzbesatz, eine schwarze Wollmütze, Zopfhalter mit je zwei blauen Kunststoffherzen, in einer Plastiktüte gibt ihr die Mutter außerdem noch die Blockflöte mit, aber das ist jetzt wirklich nicht der Moment des Lästerns über blockflötespielende Kinder. Zum Abschied, und da zerreißt es einem endgültig das Herz, gibt es auf freundliche Bitte des Mädchens ganz pädagogisch unkorrekt noch zwei Süßigkeiten mit auf den Weg. Bärbel H. geht den Flur des Treppenhauses hinunter, die Kamera folgt ihr nicht, sondern verharrt auf den verlassenen Stufen; die letzten Schritte des Kindes, das bereits um die Ecke gebogen ist, verhallen im leeren Flur. Aus der Ferne dann noch ein letztes Betuddeln: Mutter H. weist ihr Kind vom Fenster aus darauf hin, dass es zweckmäßig sei, die Handschuhe anzuziehen. Bärbel H. tut wie ihr geheißen, und die Mutter zieht hinter dem Fenster beruhigt die Gardine zu.

Mittels der bislang vorgestellten und weiterer Zeugen kann der Ablauf nahezu minutengenau rekonstruiert werden: Ein Kraftfahrer sieht das Mädchen noch kurz nach 7.40 Uhr auf dem Gehweg, und er sieht auch einen mysteriösen Opel Rekord mit eingschalteten Scheinwerfern und nicht vereisten Scheiben neben einer Gaststätte stehen, der Regierungsobersekretär Heinz Wulf sieht wenig später beides aber nicht mehr, lakonisch düster resümiert Wolfgang Grönebaum als Sprecher: "Der Bürgersteig zu seiner Linken ist jetzt leer, Bärbel H. ist verschwunden."

In der Schule fällt das Fehlen von Bärbel H. zunächst nicht auf; irritierenderweise beginnt der gestrenge Herr Lehrer, nachdem er energisch das Lärmen der lieben Kleinen beendet hat, die Unterrichtsstunde mit den kontextlosen Worten "Ein großartiges Gefühl…", während die Kamera auf den leeren Stuhl des Opfers schwenkt. Im Laufe des Nachmittags wird Bärbel H. dann vermisst, eine Suchaktion beginnt: Feuerwehren, Freiwillige, eine Hundertschaft der Bereitschaftspolizei, ein Bundeswehrhubschrauber, Lautsprecherwagen der Polizei, aufmerksam verfolgen die Bürger in den Fenstern den Suchaufruf (All das innerhalb weniger Sekunden ins Bild gesetzt! Redet da noch jemand von "betulich"?). Ein Ergebnis bleibt aus, nur die Hinweise auf den Opel Rekord mit hannoverschem Kennzeichen mehren sich, zuletzt gesehen um 7.42 Uhr, genau wie Bärbel H.

Nach zehn Tagen endet die Ungewissheit. Kraftvolle Bilder rühmen das Werk von Waldarbeitern bei Celle, etwa 40 Kilometer von Bemerode entfernt, einer von ihnen ist Wolfgang Grönebaum (mit Kinnbart!): Der zu fällende Baum wird angesägt, die Motorsäge knattert, mit wuchtigen Hammerschlägen werden Metallkeile in Fallrichtung in den Stamm getrieben, das Holz knirscht bereits, ein Blick in die Krone zeigt ein erstes Schwanken. Wohlgefällig stützt sich der Förster auf seine Flinte und betrachtet das Werk der Arbeiter, die Kamera folgt seinen Augen in die Wipfel, und schließlich kracht der Baum genau dort auf die Erde, wo er sollte. Ende der Normalität: Im flachen Wasser eines Baches findet der abseits der Arbeit umherstreifende Förster nahe einer Brücke die Leiche von Bärbel H., erstickt an einem Knebel. Berufsgruppen, die im Regelfall nicht in den Wald gehören, nehmen ihre Arbeit auf: Spurensicherer, Gerichtsmediziner, Ermittler. Wolfgang Grönebaum und seine Kollegen können präzise Auskunft erteilen: Zu Beginn der Vorwoche war ihnen ein heller Opel aus Hannover aufgefallen, der einen sonst nur von Einheimischen genutzten Waldweg befuhr und dessen Fahrer sich nach dem Weg erkundigte. Ein Phantombild entsteht, doch auch die Ausstrahlung in Aktenzeichen bleibt erfolglos, der Mörder ist bislang unbekannt.


Sendung Nr. 48 – 14.07.1972 – Mordversuch an Campern Anneliese und Matthias B. im Moseltal bei Trier

Zu diesem bildmächtigen Filmfall gibt es bereits eine sehr launige Aufarbeitung von Entlauber, die alles Wichtige würdigt: Das campende Jungehepaar und seinen Verwandtenbesuch am Moselufer, den unheimlichen Schatten des Täters am Zelt, zwei sinnlose Schrotladungen auf die Schlafenden, die verzweifelte Suche nach Hilfe, per Boot bei Nacht über die Mosel setzende Anwohner, bräsige Ermittlungen und das schlimme Schicksal der Opfer; hier der Link. Deswegen beschränke ich mich auf ein paar Bemerkungen zu Wolfgang Grönebaum. Zum ersten und einzigen Mal verkörpert er einen Angehörigen der Oberschicht, nämlich einen Möbelfabrikanten, und der kommt nicht gut weg: In Hausmantel und Seidenschal gewandet, beschäftigt ihn stets und ausschließlich das Wohlergehen seiner abhanden gekommenen Kostbarkeiten, die er im Laufe des Films wiedersieht, zunächst Jacke und Hose ("Ist natürlich ziemlich vergammelt jetzt") sowie eine Tasche ("Und die Tasche war natürlich ganz, als sie geklaut worden ist"). Gekonnt wird dabei der Kontrast bebildert: Die Szene beginnt mit einer Großaufnahme von Gegenständen, die bei der Tasche gefunden wurden, nunmehr auf einem Tisch des Fabrikanten ausgebreitet sind und sich mit dem gediegenen Ambiente (Ölgemälde, Kerzenhalter, verglaster Waffenschrank, prächtige Tapete) ein klein wenig beißen: leere, zerbeulte Konserven- und Bierdosen, anderer Verpackungsmüll und eine leere Flasche, die gar bedrohlich wackelt, als der Fabrikant sie mit der Jacke streift – da dürfte nach Abzug des Polizisten eine Extraschicht für die Putzfrau fällig geworden sein, die leider nicht ins Bild kommt, obwohl sie sich gut in die Reihe ehrlich arbeitender und/oder sozial kompetenter Menschen gefügt hätte: die Beschossenen und deren Verwandte, die zur Hilfe eilenden Dorfbewohner, der Streifenpolizist, wieder einmal Waldarbeiter, die Krankenschwester und die Ermittler.

Später darf der Möbelmann dann auch sein Gewehr identifizieren, die Reaktion ist identisch: "Es war halt nicht so verrostet, und der Schaft hier, der ist abgesägt worden […] Ich weiß nur nicht, wie ich den Schaft wieder hinkriegen soll, wer macht denn sowas heutzutage noch?" Da kann ihn der ob dieser Sichtweise offenkundig etwas angepiekte Kriminalbeamte beruhigen: Die Flinte gibt es ohnehin nicht so schnell zurück, schließlich ist sie Beweisstück in einem Mordversuch. Nur der Status des Fabrikanten erreicht also die Oberschicht, denn neben der sozialen verfehlt auch seine intellektuelle Kompetenz selbst die Mittelklasse deutlich (wie schon Entlauber zutreffend festgestellt hat): In besagter Tasche findet der Bestohlene einen Illustriertenausschnitt, der einen Mordversuch mit einer Schrotflinte thematisiert, aber ein Zusammenhang mit seiner geliebten belgischen Schrotflinte, die ihm immerhin bei demselben Einbruch entwendet wurde wie die Tasche, kommt ihm nicht in den Sinn, wohl aber eine abschätzige Bemerkung über Illustrierte im Allgemeinen: "Also das hier, das ist nicht von mir. In meinem Hause sind gar keine Illustrierten. Die lese ich höchstens mal beim Friseur."

Ein stumpfer Mensch in einer glänzenden Umgebung – eine einzigartige und jedenfalls gelungene Rolle für Wolfgang Grönebaum, sozusagen der Gegenentwurf zum liebenswerten Landwirt in der "Gewehrfalle" (13.07.1979), der noch der Besprechung harrt.


Sendung Nr. 57 – 15.06.1973 – Banküberfall mit Bombenattrappe in Ulm

"Noch sind die Tage, an denen in Deutschland die Bomben politischer Extremisten explodierten, in frischer Erinnerung", sagt Wolfgang Grönebaum als Sprecher; und so befolgen Kunden und Angestellte einer Bank in Ulm am Nachmittag des 4. Dezember 1972 die Anweisungen eines Bankräubers, der mit einem in Weihnachtspapier eingewickelten Bombenpaket unter dem Arm und einer Pistole in der Hand die vorweihnachtliche Idylle trübt. Eduard Zimmermann hat in der Einleitung auf die Flexibilität der Straftäter hingewiesen, sich aktuelle Entwicklungen zunutze zu machen, und die Tat so in einen kriminalistischen und kriminologischen Zusammenhang gestellt.

Kurt Grimm geht die Umsetzung mit konstantem Wechsel von Komik und Bedrohung an. Bewährte Quellen der Komik sind Dialekt und Unbedarftheit: Der Bankkundin Frau Ziegler ist die Stückelung ihrer 500-DM-Auszahlung ganz gleich, ihre Begründung ist in sich stimmig: "Och, des isch egal, i geb's doch glei wieder aus". Freilich, hätte sie das Geld zum Tapezieren verwenden wollen oder zum Fisch-Einwickeln, so wäre sie gut beraten gewesen, Fünfmarkscheine zu wünschen; so aber ist es doch wirklich egal. Vorher war der Täter samt Bombe bereits auf seinem Weg durch die weihnachtlich geschmückte Ulmer Innenstadt gezeigt worden, also war die Zeit reif für diesen Durchatmer, ehe es ernst wird: Der etwas ungelenke, aber durchsetzungsfähige Räuber betritt die Bank und beschreibt mit mutmaßlich vorgetäuschtem jugoslawischen Akzent seine Ausrüstung: "Da Bombe drin, ist scharf!" Mit etwa 33.000 DM Beute (auch ihm war die Stückelung egal: "Bloß Scheine!"), aber ohne die auf dem Banktresen zurückbleibende Bombe macht sich der Mann auf die Flucht, beobachtet von einer reaktionsschnellen Kundin, die pathologischer Hass auf ihre Mitmenschen zu treiben scheint, denn hektisch weist sie zwei Männer an, sich gefälligst an die Verfolgung des Bewaffneten zu machen: "Laufe Se em do hinteher, de Pollizei muss do glei da sei, na laufe Se halt!" Doch die zu Helden Erkorenen, assistiert von zwei Schülern, lassen sich nicht so einfach in den Tod schicken, sie halten Abstand; aber als die Umgebung einsamer wird und der Täter deswegen seine kleine Entourage bemerkt, wird es trotzdem brenzlig, er zückt die Waffe und richtet sie auf die Verfolger, die ob der veränderten Sachlage der Rachegöttin endgültig den Befehl verweigern und sich zurückziehen.

Während die Schalterhalle der Bank geräumt wird, um das Bömbchen näher zu beäugen, kollidieren in einem nahen Bekleidungshaus erneut Gefahr und Witz, als eine Verkäuferin einen Fremden dort ertappt, wo er nicht hingehört, nämlich im Warenlager beim Umziehen hinter einem Kleiderständer, und ihn das auch empört wissen lässst: "Was mache Sie denn hier? Des isch hier net für Kunde, Sie!" Bedächtig gibt dieser in reinstem Hochdeutsch eine ebenso nebulöse wie philosophische Antwort: "Das hat nichts zu bedeuten" und subtrahiert sich dann flink, sodass die Verkäuferin einen Ladendieb vermutet. Mit wunderbar wackeligen Kameraschwenks über das in dem Kaufhaus herrschende Gewusel wird verständlich gemacht, dass sie ihn schnell aus den Augen verliert.

Es ist bereits dunkel, als ein Spezialist vom LKA Stuttgart bereitsteht, das Paket auf einem unbebauten Gelände zu entschärfen, wohin es von zwei Polizisten, die hoffentlich nicht Frauen noch Kinder hatten, ungeschützt in einem Streifenwagen-Käfer transportiert wurde, locker auf dem Schoß gehalten wie ein Weihnachtsgeschenk. Dann endlich darf Wolfgang Grönebaum als Sprengstoffexperte losschwäbeln, begleitet von der wohlmeinenden Ermahnung eines Kriminalisten, der sich allerdings weniger um die Gesundheit des Entschärfers sorgt als vielmehr um die Spuren: "Und schaue Sie zu, dass Sie des Ding unversehrt auseinande kriege, nich dass Sie sprenge müsse. Vielleicht isch da eine Visitekatte drin", wird dem Frontschwein zugerufen, aus sicherer Entfernung natürlich. Wie zum Gebet vor dem Paket kniend, nimmt es Grönebaum leicht mürrisch zur Kenntnis, mit einer Mimik, die zu sagen scheint: "Ja, vielleicht aber auch eine Bombe, du Klugscheißer". Der Wind zaust sein Haupthaar, und er greift zum Werkzeug: In einer chirurgischen Operation wird zunächst mit einer Pinzette das Weihnachtspapier ein wenig aufgepellt, danach mit einer Schere weiter entfernt, und schließlich öffnet ein Skalpell den freigelegten Karton. Nichts ist zu hören außer dem Reißen des Papiers, dem Ratschen beim Schneiden des Kartons und dem Ablegen der Instrumente. Im Licht einer Taschenlampe kommt zunächst Beunruhigendes zum Vorschein: "Des sieht verdammt scharf aus, da hat's Drähte drin, 'ne Batterie und e' Uhrwerk!" Erneut kommt die Pinzette zum Einsatz, ein Draht wird angehoben, eine Kneifzange angesetzt, Zwischenschnitt zur Großaufnahme von Grönebaums Gesicht, und dann der erlösende Knips ohne Bums. Erleichtertes Zurücklehnen und Ausatmen mit kurzzeitig leerem Gesichtsausdruck, dem der überstandene Ernst der Lage anzusehen ist, gefolgt von der Erfolgsmeldung: "'S isch alles klar, Entwarnung!" Als zur genaueren Untersuchung auch die Kripo-Hasenfüße wieder näher herangetreten sind, wird jedoch deutlich, dass die Aufregung umsonst war: Der Sprengstoff ist Kitt; und eine leise Heiterkeit macht sich breit, die sich gerne einstellt, nachdem scheinbar tatsächliches Ungemach sich als vermeintliches erwiesen hat (selbst wenn man nicht Bombenentschärfer ist, kennt man das ja, wenn das verloren geglaubte Portemonnaie nur unter dem heimischen Sofa geruht hat und vom Staubsauger aufgespürt wurde). Grönebaum bewertet die Attrappe, immer noch erleichtert und doch schon mit einem Hauch Ironie: "Schaut euch des a, 'e tolle Konschtruktion, abe statt Sprengstoff gewöhnlicher Kitt, sowas heb i no nit erlebt."

Trotz einer Menge Krimskrams aus der Bombenattrappe, der im Studio ausgebreitet wird (ein Magnet, ein Uhrwerk, eine Frischhaltedose, ein Metallrohr, ein Klumpen Kitt; nein, ein Fragezeichen war nicht dabei), und trotz Fragen zur im Kaufhaus gefundenen Kleidung des Täters und einem Phantombild blieb der Fall ungeklärt.


Sendung Nr. 75 – 11.04.1975 – Mordserie im Münsterland

Vier Morde in einem Filmfall, das zwingt zum Komprimieren, bleiben doch im Schnitt nur gut drei Minuten pro Tatdarstellung. Also müssen Details aus dem Leben der Opfer größtenteils entfallen, übrig bleiben die Taten selbst, und die haben es in sich.

Das erste Opfer ist die 23-jährige Prostituierte Edeltraud van B., die auf dem Straßenstrich in Münster arbeitet. Als sie am Abend des 21. November 1971 "aus beruflichen Gründen" in den Käfer des Täters steigt, ist dann doch Zeit für eine kleine Innenansicht der Prostitution. Auf die neidvolle Bemerkung "Guck, unsere Kleine hat schon wieder 'ne Tour" reagiert eine Kollegin mit einem versöhnlichen (aber unrealistischen) "Gönn ihr doch was, die steht schon lang genug rum". Richtig überzeugt scheint Miss Günstig nicht, sie beendet das Gespräch mit einem wegwischenden "Ach". Kein gutes Licht auf den Service der Damen wirft dann das Erstaunen der beiden Zeuginnen darüber, dass der Wagen mit Edeltraud van B. "ungewöhnlich lange", nämlich 20 Minuten, auf einem nahen Parkplatz stand. In Münster war also der ganz quicke Quickie üblich, wieder was gelernt. Der Käfer kurvt anschließend zügig von dannen, und als er die Zeuginnen passiert, spiegelt sich Entsetzen in ihren Gesichtern: Edeltraud van B. sitzt reglos im Fahrzeug, ihr Mund ist halb geöffnet, ihr Kopf nach hinten über den Sitz gelehnt (in einer Zeit vor der Kopfstützenpflicht, die für Neuzulassungen erst seit 1999 besteht), und schon entschwindet der Wagen in der Nacht. Auf der Bundesstraße 54 findet das Grauen seine Fortsetzung, bei einem Überholvorgang fällt der Tochter einer Autofahrerin auf, dass die Käfer-Beifahrerin leblos im Auto umherschlenkert: "Sag mal, hast du das gesehen, Mutti? Die ist umgekippt, der ist wohl schlecht, was?" Mutti unterstreicht dann, was ohnehin alle wissen: Frauen fahren besser und umsichtiger (sehr verbreitet war diese Erkenntnis Mitte der Siebziger allerdings noch nicht, wenn man sich einmal gewisse Episoden von "Der 7. Sinn" aus jener Zeit ansieht), Männer rasen rücksichtslos: "Schon möglich, der fährt aber auch wie'n Verrückter." Die Tochter bleibt besorgt: "Der könnte doch wenigstens anhalten, wenn ihr schlecht ist." Tja, so sind die Kerle eben… Doch die Sorge ist ja unbegründet, Edeltraud van B. ist überhaupt nicht schlecht, das wird spätestens dann deutlich, als ein Totenwald um Mitternacht ins Bild kommt: Autoscheinwerfer erleuchten kahle Stämme, ein Landwirt auf dem Heimweg findet die tote Frau am Wegesrand, sie wurde erwürgt, ihre Handtasche fehlt. Kameraschwenk vom entgeisterten Bauern auf die vom Minirock freigegebenen nackten Beine der Toten, Wischblende. Knapp zweieinhalb Minuten hat Teil 1 gedauert, Horror und comic relief auf engstem Raum, eine meisterliche Miniatur.

Der zweite Teil, dem mehr als vier Minuten gehören, wird von einer Diskothek geprägt: "Rheine's Tenne" heißt der Beatschuppen, vorgestellt wird er mit der Großaufnahme eines Wagenrades, herrlich! Es dudelt "Dann kamst du", Vicky Leandros' deutsche Version ihres 1972er Grand-Prix-Siegertitels "Après toi". Kleine Vicky-Leandros-Anekdote am Rande: Sie berichtete einst, dass sich das Publikum bei einer Veranstaltung Titel aus ihrem Repertoire wünschen durfte, leichtsinnigerweise schriftlich. Auf einem der Zettel hatte sich jemand "Kali nichta" gewünscht, und zwar in folgender farbenfroher Schreibweise: "Karli, nicht da". Einem Monat nach Erscheinen der "Dann kamst du"-Single verbringt die 20-jährige Büglerin Barbara S. am Abend des 13. Mai 1972 einige Stunden in der Tenne, beim Verlassen der Lokalität erklingt "Soley Soley" von Middle Of The Road ("Just a little bit closer, can you lay by my side"), und es scheint sich ein Two- oder Three-Night-Stand entwickelt zu haben, möglicherweise mit dem Mörder (Dann kamst du!): Die Frau kommt nicht mehr nach Hause, tanzt aber am nächsten Abend, es ist ein Sonntag, erneut in der Tenne, jetzt zu "Poppa Joe" von The Sweet ("With his coconut-rum they can all have fun, they can drink it till the sun goes down", und sicher auch noch länger). Am Montag bleibt sie folgerichtig der Arbeit fern, fragt telefonisch bei ihrer Bank nach dem Eingang des Gehalts, erhält allerdings keine Auskunft und hält sich am Abend nochmals in der Tenne auf, und zwar in Begleitung eines jungen Unbekannten, diesmal läuft Danyel Gérards Hit "Butterfly", aber nicht, wie gelegentlich behauptet wird, in dessen englischer Version, sondern in der auch textlich veränderten Coverversion von Jim Ed Brown, den ungehört bleibenden Ratschlag enthaltend: "Never fly in the heat of the sun". Ein langer Schwenk malt ein Genrebild: "Tanzende in rustikaler Umgebung, NRW um 1972" könnte es heißen; letztlich verlässt Barbara S. mit dem Unbekannten die Lokalität, gefilmt zwischen Wagenrad und Holzpfahl, die Kamera schwenkt zurück und zeigt die Diskothekenbesucher durch die Speichen des Rades hindurch, dazu singt José Feliciano "Che sarà della mia vita - chi lo sa" (Was wird aus meinem Leben, wer weiß es) – perfekt! Forstwart Grönebaum (mit Hut und Fernglas), der wegen des beklagenswert herbstlichen Zustandes seines Waldes eigentlich zu rügen wäre, kann zwei Tage später, also am Mittwoch, dem 17. Mai 1972, mit der in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldet, vorgetragenen Information dienen, dass die Leiche am Dienstagabend noch nicht in seinem Wald lag ("Als Forstwart kenn ich mich ja aus hier, ich seh jede kleinste Veränderung sofort, und außerdem war gestern Bockjagd, und da haben wir hinterher das ganze Revier abgefahren und nach Wild Ausschau gehalten"). Selbst so eine Lappalie wie eine tote Frau wäre dem pflichtbewussten Mann also aufgefallen, woraus die Kripo schließt, dass sich Barbara S. nach ihrer letzten Sichtung am Montag in der Tenne noch irgendwo aufgehalten haben muss – tot oder lebendig. Auch sie wurde erwürgt, auch ihre Handtasche fehlt.

Am 6. August 1973 liegt Nebel über einer Bundesstraße bei Bentheim, wo die 18-jährige Schülerin Marlies H. und ihr Freund Peter sich aufmachen, nach Wien zu trampen, während die Kälte ihren Atem sichtbar macht. Um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, trotz deutlichem Übergepäck mitgenommen zu werden, trifft Peter eine Entscheidung, die ihm noch schwer zu schaffen gemacht haben dürfte: Die beiden trampen getrennt und wollen sich an der Düsseldorfer Kunsthalle treffen. Etwa eine Stunde danach hat der junge Mann es bis nach Ochtrup geschafft, wo es zu einer Begebenheit kommt, die den Schauderfaktor aus Teil 1 erreicht: Ein Citroën DS mit ausländischem Kennzeichen fährt an ihm vorbei, auf dem Beifahrersitz seine Freundin, mit zurückgelehntem Kopf und geschlossenen Augen, auf sein Winken nicht reagierend. An der Düsseldorfer Kunsthalle (da sind wir ja architektonisch wieder beim Brutalismus, wie schon beim Geldboten-Überfall im Frankfurter Parkhaus) bleibt er allein und meldet Marlies H. schließlich als vermisst. Der junge Mann geht, die Kamera schwenkt auf Max Ernsts Habakuk, und es ist wenig rätselhaft, was der prophezeien will. Vier Monate später behält der Habakuk recht: Kahle Stämme, lange Schatten, in einem Wald bei Coesfeld hält die Kamera gnädig Abstand zur Fundstelle, der Zoom wird früh gebremst. Pass und Jugendherbergsausweis der Toten fehlen.

Studentenstadt Münster: Freudig kann die Studentin Erika K. am 22. Oktober 1974 das positive Ergebnis ihrer Zwischenprüfung an der pädagogischen Hochschule telefonisch ihrer Mutter mitteilen. Gegen 15 Uhr will sie sich per Anhalter auf den Heimweg nach Nordhorn machen. Da geschieht Erstaunliches: Das goldene Ford-17M-Coupé, das den Anhalter aus Fall 2 unbeteiligterweise kurz vor dem Citroën passiert hatte, hält bei Erika K., aber sie steigt nicht ein, beobachtet von einer Sekretärin zwischen Bogenhanf und Dieffenbachie. Wenig später ist die Tramperin verschwunden, leider hat die Sekretärin nur gesehen, in welchen Wagen sie nicht eingestiegen ist, nämlich in den notorisch unschuldigen Requisiten-Ford. Am Abend desselben Tages fällt bei Bentheim ein langsam fahrender Mercedes Diesel auf (Baureihe W 110), dessen Fahrer auf einer schmalen Waldstraße eine Gelegenheit zu suchen scheint, in den Wald abzubiegen, und der solches auch schließlich tut. Der Wagen hält, gutmütig tuckert der Diesel, der Fahrer steigt aus, öffnet die Beifahrertür, trägt die ermordete Erika K. aus dem Fahrzeug und legt sie auf den Waldboden. Ihre Handtasche behält er ebenso wie eine Plastiktasche, enthaltend ein Lehrbuch mit dem sinnigen Titel "Jugend und Krise".

Wer nach dem fünften Bier seine Zunge testen möchte, kann Folgendes auszusprechen versuchen: "In ihrer roten Knautschlackjacke". Beim zuständigen Kommissar geht das (ohne Bier) so: "In ihrem roten Knautsch-Leck, äh, Knautsch-Le-Lack-Jacke" (Habe mal von einem Juristen gehört, der während einer Verhandlung mehrfach kläglich an "Tattag" gescheitert ist, wer kennt das nicht).

In der Folgesendung kann Eduard Zimmermann die Handtasche der Erika K. präsentieren, in der Nähe des Fundortes waren außerdem Kleidungsstücke verbrannt worden, die wohl dem Täter zuzuordnen sind; weitere Ermittlungsergebnisse blieben allerdings aus. Die Serie riss ab, aber in der Sendung vom 4. November 1977 und in der Hörzu Nr. 7/1978 wurde erneut auf sie eingegangen. Seinerzeit hatte sich im Rhein-Neckar-Raum eine ähnliche Serie entwickelt, bei der Zusammenhänge zu den Taten im Münsterland vermutet wurden. Im Netz kursiert mittlerweile eine Latrinenparole unklaren Ursprungs, wonach die Taten der Rhein-Neckar-Serie von Bernd B. begangen worden seien, einem wegen einer anderen Tat (Mord an Sylvia L., FF 1 der Sendung vom 09.09.1977) Verurteilten. Das stimmt nicht. Fehlt nur noch, dass irgendein selbsternannter Hobbyermittler auf die kreative Idee kommt, zu klären, ob Bernd B. Anfang der Siebziger Jahre einen goldfarbenen Ford 17M fuhr. 2009 hat die Kripo Heidelberg jedenfalls wieder Ermittlungen aufgenommen, der Hoffnungsträger heißt natürlich DNA, hier der Link zum Blog des Journalisten Christian Jung, der über einen Fall jener Serie (Mord an Maria Theresia M.) auch in der Rhein-Neckar-Zeitung vom 14.08.2009 geschrieben hat.
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#2

Re: Wolfgang Grönebaum als Darsteller

in Filmfälle 30.08.2011 18:06
von Gelöschtes Mitglied
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Hallo Oma Thürmann!
Super, das du wieder ein Rewiew zu ein paar Fällen schreibst, in denen Wolfgang Grönebaum nicht nur gesprochen hat, sondern auch als Darsteller im Film mitgespielt hat-darauf erstmal. Freue mich schon auf die anderen Fälle. So denn, einen schönen Gruß von schildi

PS.: Eine kleine Korrektur: Am 16.06.1983 wurde keine XY-Sendung ausgestrahlt. Der Fall wurde am 10.06.1983 in XY gezeigt. Er ist noch ungeklärt! Nur so als freundlicher Hinweis!
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#3

Re: Wolfgang Grönebaum als Darsteller

in Filmfälle 30.08.2011 18:39
von Oma Thürmann • 736 Beiträge
Hallo schildi,

danke für Aufmunterung und Hinweis, schon korrigiert!
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#4

Re: Wolfgang Grönebaum als Darsteller

in Filmfälle 30.08.2011 18:42
von Gelöschtes Mitglied
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Hallo Oma Thürmann!
Bitte, bitte, keine Ursache-habe ich gerne gemacht!
So denn, einen schönen Gruß von schildi
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#5

Re: Wolfgang Grönebaum als Darsteller

in Filmfälle 31.08.2011 11:50
von Oma Thürmann • 736 Beiträge
Der dritte Fall ist fertig - die Leichenteile in der Lahn liegen bereit.
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#6

Re: Wolfgang Grönebaum als Darsteller

in Filmfälle 02.09.2011 14:12
von Oma Thürmann • 736 Beiträge
Fall Nummer vier ist online: Mord an 9-jähriger Bärbel H. bei Hannover.
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#7

Re: Wolfgang Grönebaum als Darsteller

in Filmfälle 05.09.2011 16:25
von Oma Thürmann • 736 Beiträge
Der Mordanschlag auf ein campendes Ehepaar bei Trier ist bereit: Wolfgang Grönebaum als Fabrikant.
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#8

Re: Wolfgang Grönebaum als Darsteller

in Filmfälle 07.09.2011 14:42
von Oma Thürmann • 736 Beiträge
Der nächste Fall: Grönebaum entschärft eine Bombenattrappe.
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#9

Re: Wolfgang Grönebaum als Darsteller

in Filmfälle 09.09.2011 19:12
von Oma Thürmann • 736 Beiträge
Die Münsterland-Mordserie ist online.
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#10

Re: Wolfgang Grönebaum als Darsteller

in Filmfälle 27.09.2011 12:11
von Oma Thürmann • 736 Beiträge
Der erste Beitrag ist voll, also geht es hier weiter:


Sendung Nr. 78 – 04.07.1975 – Mord an Automobilfacharbeiter Heinz Nikolaus D. in Rüsselsheim

"Heinz D. hat, soweit bekannt, keine Feinde. Aber irgendwo in dem Spannungsfeld seines Lebens zwischen Monotonie und dem Versuch bescheidener Abenteuer muss er sich dann doch einen Todfeind zugezogen haben."

Das Opfer erfährt Unterdrückung und gibt Unterdrückung weiter. Dieser Fall führt in die entfremdete und eintönige Welt des Proletariats und der abhängigen Lohnarbeit. Eine Welt, meine Damen und Herren, die den meisten von Ihnen… – ach nee, falscher Textbaustein. Zumal erst das Grauen zu seinem Recht kommt, und zwar sehr direkt, denn in der Einleitung präsentiert Eduard Zimmermann eine schwarze Lederjacke, die im Nacken und Rücken von mindestens zehn Messerstichen durchlöchert ist, markiert mit roten Ringen. Vorgestellt wird das Opfer zunächst mit seinem (wie zu zeigen sein wird: symbolträchtigen) Primärhobby, der Brieftaubenzucht, und mit seinem auffälligen Fahrzeug, einem bronzemetallic-farbenen Opel Rekord Coupé mit schwarzem Dach (Der Requisite sei es nachgesehen, dem Kennzeichen einen Buchstabendreher verpasst zu haben: FH - HJ 771 statt FH - JH 771, war sicher nicht politisch gemeint). Werkzeugmacher Heinz Nikolaus D. aus Flörsheim bei Rüsselsheim, seit über 30 Jahren beim Produzenten seines Pkws beschäftigt (Lehre noch im Krieg begonnen, wie war das mit dem Autokennzeichen?), seit 25 Jahren verheiratet und seit sieben Jahren Vorsitzender des örtlichen Brieftaubenzüchter-Vereins, fährt einige seiner Täubchen nach Mainz. Fest zupackend greift Heinz D., hier in seiner dialektisch definierten Eigenschaft als Herrscher, nach den Tieren in der Transportbox und befördert die von ihm Abhängigen durch ein höchst einseitig passierbares Klappgitter in einen Spezialtransporter. Mit diesem werden sie etwa 70 Kilometer weitertransportiert und schließlich zu einem Trainingsflug "aufgelassen", so der fachkundige Sprechertext. Die Klappe des Transporters öffnet sich, eine Schar Tauben fliegt der Kamera entgegen, laut schlagen die Flügel, und die Vögel schwingen sich himmelwärts, in eine Freiheit, die jedoch nur ein Trugbild ist, denn bekanntermaßen endet solch ein Flug von einem Gefängnis in ein anderes wenig später im Heimatschlag, in der vergitterten Enge des Alltags. Ein Blick auf die Uhr beim Abflug, ein Blick auf die Uhr bei der Ankunft, minutengenau wird die Zeit registriert; eine Aufgabe, die zur betrieblichen Kontrolle des todgeweihten Geflügelhalters, dann in seiner dialektisch definierten Eigenschaft als Beherrschter, die Stechuhr übernimmt, die einige Szenen danach ins Bild kommen wird – ist das noch Kunst oder ist das schon Marxismus?

Wischblende vom Taubenschlag in die Küche des Opfers, wo dessen Ehefrau ein Stullenpaket in eine Plastikbüchse verfrachtet, daneben steht die Thermosflasche, treusorgend verstaut Frau D. beides in einer Aktentasche und mahnt ihren Gemahl zeitansagend zur Eile: "Heinz, mer habe gleich halb zehn, du musst langsam los." Halb zehn abends, wohlgemerkt, denn Heinz D. arbeitet seit 13 Jahren ausschließlich in der Nachtschicht, was den Vorteil hat, dass er seine Frau, die tagsüber berufstätig ist, nur wenig sieht. Obwohl er viel lieber noch den Fernsehkrimi zu Ende sehen würde, fügt er sich in sein Schicksal (das die Ermordung noch nicht sein kann, da er Sakko statt Lederjacke trägt, es ist nur ein x-beliebiger Beispieltag) und macht sich auf die immergleiche Fahrt zur Arbeit. Auf dem immergleichen Stellplatz auf dem Gelände einer nachts geschlossenen Tankstelle parkt er sein Fahrzeug. Im Betrieb angekommen, beginnt die immergleiche Arbeit: "Nacht für Nacht bohrt Niko, wie ihn seine Kollegen nennen, Löcher in vorgegebene Werkstücke." Die Maschinen quietschen und rattern, das kurze Gespräch unter den Kollegen ist kaum zu verstehen. Wenn man als Brieftaube auf die Welt gekommen ist, bleibt als Ausweg aus der fremdbestimmten Existenz die Flucht oder der Habicht – oder beides. Und als Mensch? Sex and Drugs and Rock'n'Roll! In den Worten von Wolfgang Grönebaum (als Sprecher): "Vielleicht ist dieses bis zur Eintönigkeit gesteigerte Gleichmaß eine der Ursachen dafür, dass der Mann einen Ausgleich gesucht hat, von dem nur einige seiner Arbeitskollegen etwas ahnten." Oder in den Worten von Wolfgang Grönebaum (als Arbeitskollege): "Komm, tu doch ned so, isch weiß doch Bescheid, mit deine Freistunde, wennde ned zur Schicht kommst. Der Schorsch, der hat disch do auch scho e mal gesehe, mit so e Tusnelda. Und was is midm Ball der einsamme Hezze in Wiesbade, da warste doch auch, odde?" Die Sex-Vermutung bezüglich seiner Fehlzeiten weist Heinz D. zurück, er schiebt stattdessen auf Kollege Grönebaums investigative Frage, was er denn tatsächlich vorhabe, Drugs vor: "Muss ma e Bier trinke." Zu Rock'n'Roll ist es da nicht mehr weit: Don Juan pokert! Illegal selbstverständlich, aber dank einer Flörsheimer Insider-Lokalität dennoch ohne jede Angst vor Entdeckung und, so sagen Gerüchte, mit Erfolg: Im Buschfunk ist von einem Geheimkonto mit 12.000 DM aus Poker-Gewinnen die Rede.

Wischblende von der Pokerrunde in die Küche des Opfers, wo dessen Ehefrau ein Stullenpaket und so weiter. Wieder Plastikbüchse, wieder Aktentasche, wieder Thermosflasche, wieder Zeitansage durch die Gemahlin (exakt wortgleich!), wieder unwilliges Sich-Fügen, eingeleitet mit einem herzhaften "Scheiße!" Im TV verpassen wird Heinz D. diesmal die Aufzeichnung des DFB-Pokal-Zweitrundenspiels Mönchengladbach gegen Köln (das die Borussia trotz einer 3:1-Führung noch 3:5 verlor), die Gattin tröstet, nein: höhnt mit einem mordmotiv-würdigen Spruch: "Die spiele doch bald wiedda"; aber ach, sie ist ja gar nicht das Opfer, Heinz D. zieht schließlich nicht ihr, sondern sich selbst noch in der Küche die mordprophetische Lederjacke an. Dann kommt es an diesem 29. Januar 1975 zu einem ersten sensationellen Aufbrechen der Monotonie: Während bei der vorherigen Verabschiedung Heinz D. gesagt hatte: "Also, tschüss dann" und seine Frau geantwortet hatte: "Mach's gut", ist es jetzt genau umgekehrt.

Wie vieltausendmal zuvor wird also Heinz Nikolaus D. taubenähnlich aufgelassen, um sich in sein zweites Verlies zu begeben. Eine Gießkanne lässt es regnen, meist nur da, wo der Arbeiter sich gerade aufhält, und wie in der Inszenierung des Beispieltages werden die Stationen des Weges abgearbeitet: Gartenpforte schließen, ins Auto einsteigen, losfahren, dieselben Straßen, das Brückenschild "Main", Kameraschwenk auf die Brücke, der Stellplatz an der Tankstelle, all dies jetzt aber mit einem leise tappelnden Schlagzeug. Nachdem Heinz D. ausgestiegen ist, sticht ihm ein Unbekannter, der über den sich wiederholenden Ablauf im Bilde war, mehrfach in den Rücken. Beklemmend die Szene des Todeskampfes: Die Zuschauer sehen kurzzeitig mit den Augen des Opfers in die Welt, verschwommen durch den Regen und die tödlichen Verletzungen. Zwei Arbeitskollegen finden Heinz D., der noch eine knappe Beschreibung des Täters stammeln kann und eine Woche später stirbt. Nutzlos liegt sein aufgespannter Regenschirm auf dem nassen, spiegelnden Asphalt, daneben die Aktentasche mit dem wohlbekannten, immergleichen Inhalt.

Im Studiogespräch werden drei Theorien bezüglich des Motivs erörtert: ein eifersüchtiger Ehemann, ein rachsüchtiger Poker-Verlierer und eine kuriose Taubenzüchter-Spur. Neun Tage nach Heinz D.s Tod meldete sich bei der Rüsselsheimer Polizei ein Anrufer, der angab, jemanden erstochen zu haben, weil der seine Brieftauben vergiftet habe. Dabei tut er kund: "Isch hab mei Neffe verlore". Was nun für manch einen außerhalb Hessens Beheimateten so klingen mag, als sei Heinz D.s Onkel am Telefon gewesen, konnte der das Gespräch geführt habende Beamte glücklicherweise umgehend klären: Der Anrufer will die "Nerven" verloren haben. Von einer Klärung des Mordes ist trotzdem nichts bekannt.


Sendung Nr. 90 – 08.10.1976 – Mord an 10-jähriger Karin T. bei Duisburg

Auf dem etwa fünf Kilometer langen Heimweg von ihrem früheren Wohnort Duisburg-Walsum, wo sie eine Freundin besucht hat, nach Möllen verschwindet am 8. Mai 1976 die 10-jährige Karin T. Auf dem Hinweg radelte sie noch in Begleitung ihrer 15-jährigen Schwester (dargestellt von Carolin Ohrner, die Älteren werden sich noch mit Schaudern an ihren Bruder Thomas erinnern, der 1981 als "Manni, der Libero" schauspielerisch wie fußballerisch dilettieren durfte: Ein Komparse wusste seinerzeit zu berichten, dass quälend oft gedreht werden musste, bis Thomas Ohrner ausnahmsweise nicht am Ball vorbeigesäbelt hatte; nun aber Schluss mit dem aufdringlich-belanglosen Insider-Geschwätz!), für den Rückweg beschließt sie aber spontan, früher und alleine loszufahren, in der Erwartung, dass die ältere Schwester, die sich bei einer ihrer Freundinnen aufhält und sie eigentlich abholen will, sie ohnehin einholen werde. Bevor sie diese schicksalhafte Entscheidung trifft, die so alltäglich und banal ist, wie es schicksalhafte Entscheidungen zu sein pflegen, werden zwei Zeugen vorgestellt, die auf Karin T.s Rückweg eine Beobachtung machen werden: Ein Ehepaar, das zwischen Walsum und Möllen in Sichtweite eines abkürzenden Feldweges wohnt. Der Mann ist, wie die Kerle so sind; breit ist das Spektrum ihrer Interessen: Alkohol, Fußball und noch etwas drittes, das zu Gunsten der beiden Erstgenannten im Normalfall ausfällt. Mit der Begründung, einen Sonnenstich vermeiden zu wollen, beendet der Herr des Hauses das Kaffeestündchen im Garten und legt den "Kicker" auf den Tisch, um sich erstens etwas zu trinken zu holen (ihr abgeklärt-resigniert-liebevoller Kommentar: "Wenn du nur 'n Grund findest") und zweitens die Sportschau zu sehen. Seine Ankündigung enthält ein Detail, das mich seit Jahrzehnten kontinuierlich erzürnt: "Der MSV spielt heute gegen Berlin". Der Verein heißt aber nicht "Berlin", der Verein heißt "Hertha", ist doch nicht so schwer und tut auch gar nicht weh. Weh tut hingegen etwas anderes, Hertha verlor nämlich 1:2, darüber bin ich aber nach mehr als 35 Jahren hinweg. Es ist halt so: Mal verliert man und mal gewinnen die anderen.

Auf dem Heimweg trifft Karin T. die nächste folgenschwere Entscheidung, sie bleibt nicht auf der Landstraße, sondern nimmt die Feldweg-Abkürzung. Gegen 18.15 Uhr räumt die Gattin des zebragestreiften Hertha-Ignoranten das Kaffee-Geschirr ab und sieht dabei, wie Karin T. auf dem für Kraftfahrzeuge gesperrten Weg von einem Pkw überholt wird. Unscharf und verschwommen ist das Bild im schon fahlen Abendlicht, und der Wagen wirbelt dazu eine mächtige Staubwolke auf, sodass die Zeugin, nachdem das Auto vor einer Schranke am Waldrand gewendet und neben dem Mädchen angehalten hat, nicht sagen kann, ob Karin T. eingestiegen ist. Hinter den Büschen, die den Garten der Zeugin begrenzen, entzieht sich der Wagen ihren und unseren Blicken. Wenig später erreicht auch die große Schwester den Abzweig, fährt aber geradeaus weiter. Zu Hause kommt sofort Unruhe auf, als sie von der Mutter, die mit einem wunderbar nachhaltigen Naturprodukt, einem Reisstrohbesen, den Gehweg reinigt, erfahren muss, dass Karin noch nicht eingetroffen ist. Beim sofortigen Abfahren der bekannten Abkürzung findet die große Schwester Karin T.s Fahrrad. Als einzige Sequenz ist die Auffindungs-Szene mit Musik unterlegt; es ist der Moment, in dem ein vages Unwohlsein in nackte Angst umschlägt. In allen anderen Szenen gibt es nur die Geräusche der Handlungen: Das Schrappen des Besens, das Klappern des Geschirrs, die Fahrradklingeln, das Schnappen des Speichenschlosses, das Patschen beim Fangen eines Balles, vorüberfahrende Autos, ein knatterndes Moped und so fort.

Knapp zieht sich die Musik noch in die nächste Szene, in der Karin T. zur selben Zeit etwa 15 Kilometer entfernt in einem Wald bei Hünxe von einem Ehepaar gesehen wird, wie sie von einem unbekannten Mann mit festem Griff an der Schulter gehalten und vor ihm hergeführt wird. Zu dieser Szene sei eine requisitorische Kleinigkeit notiert: Der Pkw des beobachtenden Ehepaares trägt das Kennzeichen DU - WT 17; in der Szene, in der Katrin T. ihre Freundin in Walsum verlässt, steht am Straßenrand ein Fahrzeug mit dem Kennzeichen DU - VT 17 und einem verräterisch großen Zwischenraum zwischen dem Trennstrich und dem "V"…

Danach dominiert wieder der Originalton: Bei der folgenden Suchaktion im Wald sind die klirrenden Hundeketten zu hören, die Schritte der Suchenden und das Einstechen ihrer Stöcke in den Waldboden. Dunkel ragen die Baumstämme wie Grabstelen empor, die Kamera fährt an ihnen hoch, die Kronen versperren den Blick in den Himmel, die Suchaktion wird ergebnislos abgebrochen. Nur mühsam schreiten die polizeilichen Ermittlungen voran; die Beamten werden erst nach einigen Tagen über die Beobachtung in Hünxe informiert und beschließen, die Bevölkerung wegen eines Druckerstreiks mit Lautsprecherwagen und Handzetteln um Mithilfe zu bitten. An der Bürowand hängt zwischen zwei Mord-Plakaten eines zur Vorbeugung von Straftaten gegen Kinder; aber der Humor der Kriminalisten Robert Atzorn und Wolfgang Grönebaum ist trotz Atzorns schniekem Seitenscheitel und der auch sonst deprimierenden Lage ungebrochen, denn alle stehen ermittlungstechnisch im Dunkeln, nur der Grönebaum nicht: "Also ich kann das von mir nicht sagen, ich hab nämlich 'n helles Köpfchen". Heiterkeit bricht aus, auch beim namen-, rat- und ideenlosen Kollegen der beiden.

Am 19. Mai 1976 erhält eine am Geschehen unbeteiligte Frau in Walsum den Anruf eines Mädchens, das sich als Karin T. vorstellt und angibt, in Hünxe zu sein und nicht nach Hause zu können. Trotz der Möglichkeit, dass der Anruf ein Kinderstreich gewesen sein mag – schließlich enthielt er mit dem Namen des Opfers, dem Ort Hünxe und dem Anrufziel Walsum öffentlich bekannte Informationen –, schätzte die Polizei ihn als authentisch ein, denn die Angerufene konnte bei einer Hörprobe die Stimme einer zweiten, nur geringfügig älteren Schwester Karin T.s als der Stimme der Anruferin sehr ähnlich identifizieren.

Ausgestrahlt als Vermisstensache, wurde der Fall Karin T. kurz nach der Sendung zum Mordfall. In einem Wald bei Xanten wurde die Leiche des Mädchens gefunden, wie Eduard Zimmermann am 5. November 1976 mitteilen musste. Ein Zusammenhang zu den Verbrechen des im Juli 1976 verhafteten serienmordenden Waschraumwärters Joachim K. wurde seitens der Polizei ausdrücklich ausgeschlossen, in der Folgesendung wurde aber eine Beziehung zu Taten im Kölner Raum für möglich gehalten, die in den Jahren 1969 bis 1971 begangen worden waren; im Filmfall-Thread wird darauf eingegangen.


Sendung Nr. 98 – 29.07.1977 – Observation von Schwerkriminellen in Düsseldorf

Ein untypischer und leider auch wenig memorabler Filmfall beschert Wolfgang Grönebaum eine Hauptrolle: Als Oberkommissar Hellwig von der Kripo Düsseldorf ist er mit der Beobachtung von Gewohnheitsverbrechern betraut. Diese Aufgabe führt ihn am 3. Oktober 1976 mit einem Kollegen ins Gefängnis, wo einer seiner Klienten nach einem misslungenen Kaufhauseinbruch aufhältig ist; insgesamt drei Metall- und Holztüren müssen aufgeschlossen, geöffnet und wieder zugeschlossen werden, bis die Beamten mit dem Sorgenkind sprechen können. Der Mann ist polizeierfahren und entsprechend hartleibig, es entwickelt sich ein zäher Dialog. Aber auch Grönebaum ist polizeierfahren und bleibt im Vertrauen auf die weitere Ermittlungsarbeit gelassen.

Die folgende Durchsuchung der Wohnung des Inhaftierten wird von der Vorspannmusik begleitet, und die Beamten spielen auf der Suche nach Beuteverstecken Ostern im Oktober – erfolgreich. Hinter einer Treppenverkleidung und einer doppelten Wand komme zwei Nester mit einem bunten Allerlei zum Vorschein: Pelze, Antiquitäten, Waffen, Fälscherutensilien und ein Sprechfunkgerät (Grönebaum ist aufrichtig empört: "Das ist doch der Gipfel, das ist doch ein Polizeigerät!").

Erneut machen sich die Beamten auf den Weg in die Haftanstalt, wo sie nochmals vergeblich versuchen, dem Verdächtigen goldene Brücken zu bauen. Über eine von dem Mann angemietete Garage führt eine Spur zu einem mutmaßlichen Komplizen, der sogleich observiert und beim Versuch, in eine Villa bei Düsseldorf einzubrechen, inklusive eines Mittäters festgenommen wird. Auch diese beiden entpuppen sich als Schweiger, weswegen nun im Studio versucht wird, erstens Beutestücke ihren Eigentümern zuzuordnen (ein Samowar, eine Porzellanfigur, eine Uhr, kostbare sakrale Bücher, Pfeifenköpfe) und zweitens das Umfeld der Inhaftierten auszuleuchten. Da mag man die Meinung vertreten, dass es auch ein Studiofall getan hätte, aber so gibt es wenigstens die Gelegenheit, Wolfgang Grönebaum ein weiteres Mal als abgeklärten, desillusionierten, aber nicht resignierten, ironisch und leicht von oben herab agierenden Wühlarbeiter zu erleben, als Prototyp des Realisten. Seine zu Beginn des Falles gemachte Bemerkung wirkt wie ein Motto für alle am Geschehen Beteiligten: "So ist das Leben!"


Sendung Nr. 117 – 13.07.1979 – Mordversuch im Haus des Diplomingenieurs Gustav R. in Schwelm (Gewehrfalle)

Eine lebenspralle Rolle für Wolfgang Grönebaum; suchte man nach Superlativen, so könnte man sagen: seine beste. Als gutmütiger sauerländischer Landwirt Walter Eckersberg sitzt er zu Beginn des Films am 7. Juli 1978 auf einer zünftigen, aus naturbelassenen Ästen zusammengezimmerten Holzbank, den Hut auf dem Kopf, Gummistiefel an den Füßen, die Ärmel des Karo-Hemdes hochgekrempelt, die Pfeife im Mund – eine ideale Mischung aus Arbeit und Genuss verkörpernd. Neben ihm hat ein kleiner Feriengast Platz genommen, Holger R., der etwa 5 jährige Sohn des Diplomingenieurs Gustav R. aus Schwelm, und streichelt den Schäferhund Arco, der genauso tiefenentspannt daherkommt wie sein Herrchen. Der Vater des Jungen, Betreiber einer Maschinenfabrik, ist mit Walter Eckersberg befreundet, beide verbindet die Jagd-Leidenschaft. Für den Abend ist die Ankunft der Eheleute R. geplant, um ihren Sohn nach ein paar Ferienwochen abzuholen, also muss der Landwirt in rollendem Sauerländisch (Heinrich Lübke wäre vor Neid erblasst) dem Jungen vermitteln, dass dieser sich erstens beim Herumtoben in der Scheune nicht allzu unmäßig beschmutzen möge und zweitens Arco ihn keineswegs bei der Heimreise begleiten könne, schließlich müsse der Hund auf den Hof aufpassen. Zwei eher unerfreuliche Mitteilungen für den pausbäckigen Kleinen mit der modischen Mireille-Mathieu-Frisur, aber wenn man es so knorrig freundlich erklärt bekommt, dann weiß man es auch zu tragen. Inzwischen ist ein Traktor samt heubeladenem Hänger auf den Hof geknattert, und die Bäuerin hat das Abendessen bereitet. Die Pfeife will noch zu Ende geraucht sein, dann gehen Bauer und Junge zu Tisch, ein Muhen dröhnt über den Hof, und die Hühner gackern, als Arco um die Ecke fegt.

Ein würdiges Pendant zum Landwirt bildet der gänzlich dünkelfreie Diplomingenieur Gustav R. in Gestalt des hier noch jungen (später dann unverwüstlichen) Karl-Heinz Lemken. Bevor wir ihn sehen, wie er den Aufbruch von Schwelm zum Bauernhof vorbereitet, kommt ein weißes Etwas ins Bild, das auf einen flüchtigen Blick für eine Thermoskanne zu halten wäre, sich im Lauf des Films aber als Steingutflasche entpuppen wird, die Hochprozentiges birgt – das angemessene Gastgeschenk für Walter Eckersberg. Ausführlich verabschiedet sich das Ehepaar R. vom als Fahrer angestellten Werner Meinert, der sich während der Abwesenheit der Familie R. auch um deren Haus kümmert und innerhalb weniger Sekunden von den beiden Sympathieträgern mehrfach betont höflich als "Herr Meinert" angesprochen wird, ehe diese sich in ihrer grünmetallic-farbenen S Klasse der Baureihe W 116 (mein Tipp: 280 SE) auf den Weg ins Sauerland machen.

Dort hat sich Walter Eckersberg nach Einnahme der abendlichen Mahlzeit noch an die Arbeit gemacht: Breitbeinig steht er auf dem Traktor-Anhänger und befördert mit kräftigen Schwüngen das Heu in die Scheune, während sich der kleine Holger neben ihm im Heu lümmelt. Die Eltern treffen ein, es gibt ein großes Hallo, der Landwirt packt die Heugabel weg, greift das Kind unter den Achseln und reicht es den Wagen hinunter in des Vaters Arme. Von unten gefilmt, thront Wolfgang Grönebaum wie ein Denkmal des Unbekannten Agrararbeiters auf dem Wagen, den rechten Arm in die Hüfte gestemmt, mit der linken Hand die ins Heu gesteckte Gabel im Griff, das Bäuchlein vorgeschoben, und klagt ein wenig, aber nicht zu sehr, über die Trockenheit (die klimatische, der eigenen wird ja bald abgeholfen werden). Holger will seinen Eltern zunächst ein süßes Kälbchen zeigen, was alle mit herzhaftem Lachen quittieren; Eckersberg schickt seine Gäste schon mal vor und spricht einen pflichtbewussten und gleichzeitig doch verheißungsvollen Satz: "Ich hab noch 'n paar Minuten zu tun, dann setzen wir uns gemütlich zusammen."

Derweil tut sich im Haus der Familie R. Schlechtes: Zu dezent dosierter Spannungsmusik dringen zwei Einbrecher über das Dach in das Anwesen ein, stehlen Bargeld und Schmuck und machen selbst vor dem Sparschwein des kleinen Holger nicht halt. Dazu entwenden sie einige Jagdwaffen.

Auf dem Bauernhof stehen inzwischen zwei Flaschen und vier Gläser Bier plus ein Saftglas auf dem Tisch – und natürlich die Steingutflasche mit dem Klaren! Die Herren fachsimpeln über die Jagd, auch die Damen unterhalten sich prächtig, und Holger wird nicht müde, weil er mit Arco spielt. Es wird spät, es wird fröhlich; es wird also ratsam, an diesem Abend nicht mehr nach Hause zu fahren. Unkompliziert bietet Frau Eckersberg ein Nachtlager an und lässt keine Einwände gelten: Familie R. ist nicht auf eine Übernachtung vorbereitet und hat kein Nachtzeug dabei, na und? Nehmen Sie eben welches von uns. Mit diesen Menschen möchte man befreundet sein!

In Schwelm ist es inzwischen zu Üblerem als Einbruch und Diebstahl gekommen: Die Täter haben ein Gewehr am Treppengeländer montiert und den Abzug per Kabel so mit der Klinke verbunden, dass sich beim Öffnen der Tür ein Schuss lösen soll. In Großaufnahme blicken die Zuschauer in den Doppellauf der Flinte, Schnitt auf Klein-Holger, der beim Nachhausekommen immer als erster durch die Tür stürmt…

Herzlich ist am nächsten Morgen die Verabschiedung, Walter Eckersberg begrüßt die vorbildliche Entscheidung seines Freundes, den Jungen entgegen dessen Willen nicht auf den Vordersitz zu lassen, denn Kinder gehören auf den Rücksitz. Die S-Klasse rollt vom Hof, munter winkt das Landwirtsehepaar. In Schwelm ist es der Umsicht des so respektvoll behandelten Angestellten Werner Meinert zu verdanken, dass es nicht zu Personenschäden kommt. Am Morgen hat er festgestellt, dass Familie R. entgegen ihrer ursprünglichen Absicht am Vorabend nicht nach Hause gekommen ist, daher will er die Jalousien hochziehen. Beim Öffnen der Haustür fällt ihm das Kabel auf, vorsichtig lugt er durch den Türspalt und erkennt die Gewehrfalle.

Das Motiv für die Teufelei ist unklar; am Tatort sind ein Schraubenzieher und ein Kittmesser zurückgeblieben. Damit sowie mit den erbeuteten Waffen hofft die Polizei den Tätern auf die Spur zu kommen; soweit bekannt ist, vergeblich.


Sendung Nr. 141 – 11.12.1981 – Mord an Unbekanntem bei Waltrop

Schon das Hintergrund-Foto bei Eduard Zimmermanns einleitenden Worten ist schlimm: Ein Grab, das für eine Freifläche auf einem Friedhof zu halten wäre, hätte es ein begabter Bildbearbeiter nicht mit einer perforierten Linie markiert. Zimmermann bezeichnet die Ruhestätte eines Unbekannten auf dem Gemeindefriedhof von Waltrop bei Recklinghausen als "schmucklos", fast schon ein Euphemismus.

Im Filmfall lässt Kurt Grimm erst einmal seiner Leidenschaft freien Lauf: Ein reitbegeisterter Polizist wird nahe einer Bauschutthalde bei Waltrop ausführlich beim Ausritt gefilmt, und zwar nur zu dem Zweck der Bestätigung, dass am Nachmittag des 21. Juni 1981 am späteren Auffindeort noch keine Brandstelle existierte. Das ist noch ermittlungsrelevant genug, aber anschließend führt uns Grimm auf einen Reiterhof, dessen doch auffallend dezentrale Rolle anderntags darin bestehen wird, dass der Rentner, der die Leiche findet, einen sich in der Nähe aufhaltenden Studenten auffordert, von eben diesem Reiterhof aus die Polizei anzurufen. Aber selbstredend sind es schöne Bilder!

Wischblende, es ist Nacht, und die Bilder werden schaurig statt schön: Ein mit zwei Personen besetztes Auto fährt erst bedrohlich auf die Kamera zu, dann wechselt die Perspektive und der Zuschauer wird kurz zum Komplizen, mit den Tätern blickt er aus dem Fahrzeug auf die von den Autoscheinwerfern nur spärlich erhellte Schuttkippe. Die Kamera ist sofort wieder draußen und wird, wie es uns vertraut ist, gen Boden gerichtet; im Schatten verlassen die Täter das Fahrzeug, heben das in einen Flokati gewickelte Opfer aus dem Kofferraum, schleppen es zu den Klängen einer klagenden Klarinette ein paar Meter und legen es auf den Boden. Nun könnte die uns ebenfalls vertraute Standard-Verbrennung beginnen, aber Grimm macht es anders: Respektvoll schwenkt die Kamera vom Opfer weg und wendet sich einem stockdunklen Gebüsch zu. Später erst erfahren wir: Das Opfer hat noch gelebt! So bleibt alles Weitere zunächst den Ohren überlassen: Es plätschert, es ritscht, es rauscht und pufft, und als Ergebnis dessen wird das Gebüsch unstet erleuchtet. Ruppig folgt der Schnitt auf das bildschirmfüllende Feuer, vor das die beiden Täter wie vor ein offenes Grab treten, um innezuhalten und es kurz zu betrachten, ehe sie einen Kanister wegwerfen und die Szene verlassen. Rückwärts fährt der Wagen davon, im Vordergrund züngeln die Flammen, auf die abschließend zögernd gezoomt wird, und wieder ist da dieser Hauch einer Klarinette.

Der nächste Morgen hält für einen mit Stock spazieren gehenden Rentner die Auffindung der Brandleiche bereit, der arme Mann sieht, was wir gemeinsam mit ihm sehen, und greift sich mit der Linken ans Herz: "Mein Gott, das ist… das ist ja ein Mensch! Der ist verbrannt!" Kurz davor ist er von einem über den unebenen Weg rumpelnden roten VW-Käfer überholt worden, am Steuer der eingangs erwähnte Student, der gleich zum Telefonieren geschickt werden wird. Zuvor allerdings erläutert Wolfgang Grönebaum dessen Anwesenheit: "Der junge Mann nutzt einen vorlesungsfreien Tag zu einem Abstecher ins Grüne." Gefühlte fünf Meter hinter der Kippe stoppt der Käfer, der Student öffnet die Fahrertür, bleibt im Auto sitzen und widmet sich einem mitgebrachten Imbiss. Unter "ins Grüne" versteht halt jeder ein bisschen was anderes… Oder ist der Blick auf die Pelikane am Dortmund-Ems-Kanal so romantisch, dass einen die Angst beschleicht, man könne sie vergrämen, stiege man aus?

Die Ermittlungsarbeit beginnt; als Kommissare versuchen sich bierruhig Wolfgang Grönebaum und obercool desinteressiert Ulli Kinalzik, den man mit einer Pinzette in den Resten des Brandes herumpieksen sieht, ehe er ein grauenhaft aufgesetztes Rheinisch zum Besten gibt, woll. Zwei Dialog-Preziosen bleiben allerdings noch zu würdigen. Der mit der Begutachtung des gefundenen Schmucks beauftragte Juwelier kommentiert die Damenringe des Toten mit einem süffisanten: "Aber vielleicht war der Herr auch etwas feminin…" Natürlich findet Ulli Kinalzik das komisch. Kurz danach, nämlich in einem umständlichen Versuch, zum Verbrennen bei lebendigem Leibe überzuleiten, informiert der Gerichtsmediziner Wolfgang Grönebaum bezüglich der Todesursache: "Die Stichverletzungen am Halsbereich waren zwar auch lebensgefährlich, aber gestorben wäre der Mann sicher an den schweren Schädelverletzungen" und Grönebaum, im Spiegel gefilmt, gibt so naheliegend wie rau zurück: "Was heißt 'wäre', der ist doch tot!" Wer wollte da widersprechen?

Ein letztes kleines Kuriosum soll nicht übergangen werden: Der zuständige Beamte im Studio hat offenbar mit dem Teleprompter zu kämpfen, er erweckt einmal sogar den Eindruck, um die Ecke schauen zu müssen, wohl weil sein Blickwinkel nicht stimmt. Aber dann flitzen die Äuglein wieder von links nach rechts.

Der Tote konnte nicht identifiziert werden, der Fall ist ungeklärt.


Sendung Nr. 156 – 10.06.1983 – Mord an Baufacharbeiter Joachim F. in Hamburg

SPD-Mitglied Wolfgang Grönebaum darf einen Gewerkschaftler spielen, sogar einen Betriebsratsvorsitzenden, diesmal auf Hamburgisch und erstmals mit letalem Ausgang für seinen Protagonisten. Zunächst einmal muss Joachim F. am 29. November 1982 sein Frühstück allein einnehmen, denn seine Gattin weilt zur vierwöchigen Kur in Bad Oeynhausen, zweimal täglich werden turtelige Telefongespräche geführt, für den 1. Dezember ist die Abholung vereinbart. Auffällig in Bild und Ton wird schon hier der erste spätere Raubgegenstand vorgestellt, ein Radiorekorder. Geschickter, als es die Gemahlin vermuten würde, räumt der Mann den Frühstückstisch ab und macht sich von Hamburg-Langenhorn auf in die Innenstadt zur Arbeit.

Von der Tätigkeit auf dem Bau ist Joachim F. freigestellt, um sich ganz seinen gewerkschaftlichen Aufgaben widmen zu können, und da Kurt Grimm offenbar bewusst ist, dass diese Spezies "Arbeiter" unter konventionell werkelnden Proletariern nicht gar so beliebt ist, wird sich beeilt, zu sagen und zu zeigen, dass Joachim F. stets um eine basisnahe Ausübung seines Funktionärspostens bemüht ist; wir sehen ihn auf einer Baustelle, im Vordergrund trägt ein Arbeiter einen schweren Holzbalken auf der Schulter, dahinter hat der Betriebsratsvorsitzende das Ohr am Mund der Werktätigen und informiert sich über Mängel bei der Arbeitskleidung für den Winter.

Während Joachim F. also seiner Tätigkeit nachgeht, zieht eine zeittypische Erscheinung durch sein Wohngebiet, nämlich eine Drückerkolonne. Mit auswendig gelernten Sprüchen wird versucht, Zeitschriften-Abonnements zu verticken: "Guten Tag, entschuldigen Sie, ich war im Gefängnis und hab keine Lehrstelle, aber ich bekomm eine, wenn ich zwanzig Abonnements verkauf." Auf die ablehnende Antwort der Belästigten folgt eine stupide Unterstellung: "Haben Sie etwas gegen straffällige Jugendliche?" Leider antwortet niemand: "Nein, jedenfalls nichts Wirksames." Nebenbei wird auch ein gewisses Interesse der Werber an den Wohnverhältnissen registriert sowie die Absicht, wegen vieler abwesender Bewohner später noch einmal vorbeizuschauen. Das Thema war seinerzeit hochaktuell, 1986 nahm sich der Regisseur Uwe Frießner in seinem immer noch sehenswerten Fernsehfilm "Der Drücker" der Problematik an (nach einem autobiografischen Roman von Andreas Blechner, der mittlerweile, so schließt sich ein kurioser Kreis, Betriebsratsvorsitzender bei VW Salzgitter ist), prägnant besetzt mit Heinz Hoenig als Rattenfänger mit BMW 7er-Coupé, Herbert Raule (ein Laien-Darsteller, wie ich glaube) als dauerblaffendem Kolonnenführer mit Militärhintergrund, Uli Krohm als tumbem, brutalem Alt-Drücker und Andreas Buttler als weichem Opfer am unteren Ende der Verdienst-, Abzock- und Abhängigkeits-Kette. Hinreißend die abweisende Reaktion eines Werbe-Opfers: "Ich lese nicht, ich habe Kabelfernsehen!" Fast dreißig Jahre danach hat sich nichts Wesentliches geändert; der Abo-Verkauf ist vom Bewerben fragwürdiger Fördermitgliedschaften in Vereinen (in der Regel ohne Widerrufsrecht, weil das Haustürwiderrufsgesetz nicht zum Tragen kommt) verdrängt worden; Vereine, die vorspiegeln, sich für Tierschutz oder hungernde Kinder einzusetzen. Die Strukturen sind geblieben: Labile und perspektivlose Jugendliche werden angeworben, in Abhängigkeiten manövriert, an die Verkaufsfront geschickt, ausgenutzt, bedroht und nicht selten misshandelt: "Scheine schreiben" ist das einzige, das zählt, genau wie in den Achtziger Jahren, aktuell am 10. Oktober 2011 thematisiert im WDR-Kriminalreport. Wenn man also in Fußgängerzonen oder Supermärkten beispielsweise mit der Frage bedrängt wird, ob man denn Tiere möge, hilft nur energisches Weitergehen oder die Antwort: "Ja, sehr sogar – wenn sie gut durch sind".

Nach diesem kleinen Ausflug zu "Vorsicht, Falle!" telefoniert Joachim F. am frühen Abend noch von seiner Arbeitsstelle aus (der alte Sparfuchs!) erneut mit seiner Frau und bestätigt den Mittwochs-Termin, ehe er in die heimische Doppelhaushälfte zurückkehrt. "Die weiteren Ereignisse des Abends lassen sich später nur sehr lückenhaft rekonstruieren." In seltener Offenheit wird dafür der gesicherte Teil des Abends beschrieben: Joachim F. genehmigt sich einige (!) Gläser Cognac. Dazu rückt der zweite spätere Beutegegenstand in den Mittelpunkt: ein Fernsehgerät (vielleicht war der Cognac ja ein Kommentar zum Programm). Zwischen 20 und 23 Uhr betreten ein oder zwei Täter auf unbekanntem Weg das Haus und töten Joachim F. aus unbekanntem Grund mit zahlreichen Messerstichen. Am Mittwoch wartet Frau F. dann vergebens darauf, abgeholt zu werden, fährt schließlich mit dem Zug nach Hause und findet ihren ermordeten Ehemann – im Dunkeln, denn die Stromversorgung des Hauses ist lahmgelegt worden.

Thema des Studiogesprächs sind die Drücker (Nepper, Schlepper, Betriebsratsmörder?) und die gestohlenen Gegenstände (zwei Fernseher, ein Plattenspieler, ein Radio, zwei Uhren, eine Goldkette, ein Koffer). Seltsam ausdrücklich, so als gebe es Anhaltspunkte, wird aber auch nach möglichen neuen Bekanntschaften Joachim F.s aus den letzten Monaten seines Lebens gefragt, nach Lokalen, in denen er sich aufgehalten haben könnte, und nach einer möglichen Verabredung am Abend der Tat. Ein Ermittlungserfolg ist nicht überliefert.


Sendung Nr. 157 – 08.07.1983 – Mord an unbekanntem Einbrecher (?) in Frankfurt/M.

Kurz und kläglich ist der vorletzte Auftritt Wolfgang Grönebaums vor der Aktenzeichen-Kamera. Ein Mann hat sich in der Nacht zum 15. Mai 1981 in einem Lagerhaus im Frankfurter Westhafen einschließen lassen, knackt von innen ein Vorhängeschloss und lässt zwei Komplizen ein, von denen einer, der uns besonders interessiert, ein leuchtend rotes Hemd trägt, nicht die ideale Berufskleidung für Nachtarbeiter, sozusagen das rote Schaf unter den Einbrechern, dessen Textbeitrag sich auf ein gewispertes "Los" beschränkt. Schön gefilmt ist zwar der Schatten eines Gabelstaplers in der Halle, aber dann ist der Einbruch auch schon vorbei, erbeutet wurden Teppiche und Diktiergeräte. Kurz nachdem die Gribbo am folgenden Morgen mit den für die Lagerhalle Verantwortlichen um die Wedde gebabbelt und den Einbruch aufgenommen hat, entdeckt ein Lagerarbeiter in seiner Mittagspause ein paar hundert Meter stromabwärts eine im Main treibende männliche Leiche – bekleidet mit einem leuchtend roten Hemd. Nach der Bergung folgt eine dieser routinierten Fundort-Szenen: Die Kamera ruht zunächst auf dem Boot der Wasserschutzpolizei, schwenkt dann hoch zum Ufer, wo vor Bahngleisen der Tote liegt, vor ihm kniend der Gerichtsmediziner mit seinem offenen Köfferchen, daneben stehen zwei Streifenbeamte und ein prachtvoll schnauzbärtiger Wasserschutzpolizist. Und weil der Hintergrund nicht leer sein darf, parkt dort, wo sonst die Bahngleise im Nirgendwo verschwinden würden, ein schwach blinkender Rettungswagen. Etwa zehn Sekunden bleibt diesem Bild Zeit, auf den Zuschauer zu wirken – eine quälende Ewigkeit. Einer der Streifenpolizisten fühlt sich dann offenbar zu Höherem berufen und stellt eine Frage, deren Beantwortung ihn nichts angeht, nämlich die Frage nach dem Todeszeitpunkt. Der Gerichtsmediziner antwortet vorsichtig (grob vor sechs Stunden), aber in der Folge verständigt man sich flugs darauf, dass es sich wohl um einen Fall für die Kripo handeln dürfte. Die gerichtsmedizinische Untersuchung kann diese tollkühne Theorie untermauern: Der Mann wurde erdrosselt.

Nach einigen erfolglosen Ermittlungen beschließt die Kripo zu prüfen, ob es denkbar sei, dass der Mann im Westhafen ins Wasser geworfen wurde und nicht, wie bislang vermutet, vom Mainufer aus. Wegen der geringen Strömung im Hafenbecken herrscht dieser Idee gegenüber zunächst Skepsis, aber ein durchaus unheimlicher Versuch verleiht der Annahme Plausibilität: Platschend wird eine Schlenkerpuppe ins Hafenbecken geworfen, sanft treibt sie auf dem Wasser, und zwar "gemütlich zur Hafeneinfahrt", wie es der Wasserschützer ebenso gemütlich zusammenfasst. Das Ergebnis dieser Rekonstruktion sowie die Tatsache, dass der Tote Algen im Körper hatte, die nur im Hafenbecken vorkommen, führt zu der These, eine Verbindung zwischen Einbruch und Mord zu sehen: War das Opfer einer der Einbrecher oder hat es sie bei der Tat gestört? Soweit bekannt, konnten trotz in der Spätsendung referierter positiver Ansätze keine Antworten auf diese Fragen gefunden werden.


Sendung Nr. 169 – 05.10.1984 – Versicherungsbetrug mit Metallfolienbildern in Castrop-Rauxel

"Castrok-Raupsel" sagt Eduard Zimmermann in der Einleitung, und natürlich verkneife ich mir den Witz mit der lateinischen Übersetzung von Wanne-Eickel, muss stattdessen komischerweise an Uli Hoeneß denken, der einmal davon sprach, dass einige schon "mit den Schufen harren", und bevor das die geneigten Leserinnen und Leser auch tun, soll es flink zur Straftat gehen, denn die ist "gefickt eingeschädelt". Metall-Druck wird die involvierte Firma in Castrop-Rauxel genannt, aber dort scheint so manches nur Kulisse zu sein, gedruckt wird nämlich nichts, die Fenster sind rot verhängt, und der geräumige Hof liegt am 4. Februar 1984 fast menschenleer (es ist Samstag) zwischen drei Lager- und Bürogebäuden, lediglich zwei Pkws (ein Angestellten-Fahrzeug versteckt sich hinter einem Chef-Coupé) und ein Lkw verlieren sich auf dem Gelände. Der Chef persönlich, eine herrliche Knallcharge, die ihren großen Auftritt später noch bekommen wird, fährt den Stapelgabler ('tschuldigung, genug geblödelt!), mit dessen Hilfe der Lkw beladen wird, und zwar mit Kisten voller "Metallfolienbilder", Billigschrott aus England, der bei Metall-Druck umgepackt und teils gerahmt wird, um schließlich auf Rummelplätzen und Trödelmärkten an die Liebhaber von Geschmacksverbrechen verkauft zu werden.

Karl-Heinz Lemken darf den Lkw-Fahrer geben, die Fahrt soll angeblich zu einem Großabnehmer nach Österreich gehen, allerdings führt der nächste Schnitt auf eine Dattelner Müllkippe am Montagmorgen. Vor der Fehl-Assoziation "Leichenfund" ist man gefeit, schließlich waren vorher kurz die Bildchen zu sehen: Röhr-Hirsch und irgendein Obst-Stillleben. Und die werden nun ihrer Bestimmung zugeführt; Lemken fährt hupend auf die Halde, während eine Kettenraupe gewaltsam den Müll zusammenschiebt. Lemken erkundigt sich nach dem Ablageort, der Raupenfahrer weist ihn ein und kündigt lustvoll an, was man ihm aufs Wort glaubt: "Ich schieb dat Zeuch schon zusammen!" Ja, der Mann hat die Kunstwerke noch gar nicht gesehen, ist aber schon randvoll mit Vorfreude auf ihre Bearbeitung. Lemken dreht kurz am Rädchen unter dem Fahrersitz, schon kippt der Kipper, die Holzkisten gehen zwischen Altmatratzen und blauen Säcken zu Bruch, geben die formidablen Bildchen im Wert von über einer Million DM frei, und der Wind darf mit ihnen spielen.

Dann ist es Dienstag, der 7. Februar 1984, und Lemken ist kurz nach 22 Uhr mit dem leeren Lkw auf der Sauerlandlinie vorgeblich auf dem Weg nach Österreich. Weil er es halt nicht besser weiß (Truck Stop sei verflucht), hört ein deutscher Trucker Dave Dudley, den verdammten alten Reaktionär, aber nicht mit "Hello Vietnam" oder vergleichbarem Polit-Kitsch, sondern mit dem sexuell unappetitlichen "My Love Train Is Rollin' On Your Track"; wofür der Typ sich hält, also nee. Outlaw geht jedenfalls anders. Schon auf der Raststätte Katzenfurt bei Wetzlar macht Lemken, die Frachtpapiere stets am Mann, ein Päuschen, bei dem der Lkw entwendet wird.

Kommissar Grönebaum empfängt Trucker Lemken abgeklärt im Büro: "Dat is ja nich mehr neu mit den Lastwagen, da wird alles Mögliche geklaut: Butter, Zigaretten, Radios, aber 'Metallfolienbilder'?". Dieses letzte Wort spricht er so verächtlich aus, als hätte er die Objekte des Grauens schon gesehen, hat er aber noch gar nicht. Es gibt immer wieder Momente im Leben auch eines erfahrenen Kriminalisten, da wird er mit bis dahin Unvorstellbarem konfrontiert, und gleich ist es mal wieder so weit. Grönebaum stellt eine unvorsichtige Frage: "Wat issn dat überhaupt?" Lemken hat Beispiele dabei, reicht sie über den Schreibtisch, schaut sehr ernst drein und sagt nur ein einziges Wort: "Hier". Ein bitteres Lachen, das sicher eine Traumatisierung verhindert hat, durchzuckt den Kriminalisten: "Oa, o weia! Und sowat kaufen die Leute?" Anstatt den Komödienstadl abzukürzen und zu antworten: "Nee, eben nich, deshalb musste ich den Dreck ja auf die Halde kippen" (dann hätte man ihn wenigstens fragen können, warum er die Dave-Dudley-Kassette nicht gleich mit weggeschmissen hat), hält Lemken tapfer durch und belegt mit den Frachtpapieren die erbärmliche Ladung seines Fahrzeugs.

Der nächste Auftritt gehört dem Heinz Mellenkamp genannten Chef der Schwindelbude, "gespielt" von Heiner Lauterbachs Abschlepp-Kumpel Franjo Marincic, bekannt und beliebt vor allem aus "Heiße Feigen", aber auch aus "Intime Stunden auf der Schulbank" und "Liebesgrüße aus der Lederhose 4: Die versaute Hochzeitsnacht" (bitte nicht unvorbereitet betrachten: Erstgenannter Film ist eine pornographische Produktion, vom zweiten gibt es eine Soft-, aber auch eine Hardcore-Version, und wer den dritten freiwillig konsumiert, hängt sich auch Metallfolienbilder ins Zimmer) sowie aus "Ein Kaktus ist kein Lutschbonbon" (auch hier sei zur Vorsicht geraten: In der Hauptrolle agiert Jürgen Drews, und laut einer launigen Rezension ist der Streifen selbst für den geeichten Trashologen mit Hang zum audiovisuellen Masochismus eine ziemliche Herausforderung, eine Einschätzung, die ich nach einem todesmutigen Selbstversuch bestätigen kann: Beispielsweise steht am Bahnhof eine palästinenserbetuchte Gestalt mit umgehängtem Plakat: "Student aus Teheran sucht Geisel mit reicher Familie"; etwas später skandiert die "Liga der Leistungsverweigerer": "Wir brauchen Geld für Schnaps und Bier, auf Arbeitsplätze scheißen wir"; in einer Telefonzelle findet ein junger Mann den [handlungstragenden!] Erotik-Comic, woraufhin die Beule in seiner Hose zu rauchen beginnt…; bei Franjo Marincic als Achmed vom Bosporus kommt es in selbiger Region [Hose, nicht Bosporus] gar zu Funkenflug, Blinklicht und Sirenengeheul, schließlich gerät er auf der Flucht nach einem Bankraub in ein schlammiges Stock-Car-Rennen und muss sich von Jürgen Drews in den Matsch schmeißen lassen; ach ja, und Corinna Drews [damals noch Corinna Gillwald] zieht sich kurz mal aus, sehr niedlich). Aber besser weiter mit dem Filmfall: Angekündigt wird der umtriebige Unternehmer mit einem ausgiebigen Blick auf sein blau-metallic-farbenes Mercedes-Coupé, das bereits in der Eingangs-Szene im Bild war, dann wird er selbst abgefeiert, in seinem Büro sitzend: Rotes, zu weit aufgeknöpftes Zuhälter-Hemd mit über das Sakko geklapptem Kragen, üppige Brustbehaarung, Goldkettchen um Hals und Handgelenk, goldene Ringe an Ring- und kleinem Finger jeder Hand, lässig die Zigarette vor der Brust haltend, die andere Hand meist weltmännisch unter dem Tisch, Metallfolienbilder an der Wand – ein unaufdringlicher, seriöser Geschäftsmann wie aus dem Bilderbuch, der Polizei verblüffenderweise nicht unbekannt. Finanzielle Schwierigkeiten kennt der Mann nicht, seine Firma befindet sich nach einem "Blitzstart" momentan "in einer, wie sagt man, in einer Konsolidierungsphase". Aber: "Et läuft. Sie sehen ja, ich hätt verkaufen können nach Österreich, wenn diese blöde Geschichte nicht passiert wäre." Der Ermittler zeigt sich aufrichtig betroffen: "Ja, zu ärgerlich. Aber ich nehm doch an, dat Se versichert sind."

Den entscheidenden Ansatz liefert der Müllkippenraupenfahrer, der vom Lkw-Diebstahl ("mit so Bildern") in der Zeitung gelesen hat und nach dessen Fundmeldung der Versicherungsbetrug der Beweisbarkeit entgegensteuert. Die folgende Untersuchung von Mellenkamps finanziellen Verhältnissen führt dann zum eigentlichen Anliegen des Films, denn der ergeht sich nicht allein in Kunstkritik. Mellenkamp hat erhebliche Bankschulden; bei Stellung der Sicherheiten für die Firmenkredite bewies er privat gänzlich anderen Kunstsinn als geschäftlich, immerhin übergab er der Bank keine Folienbildchen, sondern wertvolle Ikonen und eine umfangreiche Schmucksammlung. Daran war nur eine Bagatelle auszusetzen, denn die Gegenstände befanden sich zwar in seinem Besitz, nicht aber in seinem Eigentum. Der Bank war's egal – noch widerwärtiger als die Phrasen des Metall-Druck-Chefs, über den man wenigstens lachen kann, ist nur das Vier-Ph(r)asen-system des Bänkers, da möchte man nur noch speien: Ph(r)ase 1: Schwammig postulieren, dass alles in feinster Ordnung sei: "Die Firma hat nur im Rahmen unserer Richtlinien bei uns Kredit erhalten." Ph(r)ase 2: Auf Nachfrage mauern: "Ich kann hier verständlicherweise nicht so ohne Weiteres ins Detail gehen." Ph(r)ase 3: Die Kripo droht mit einem richterlichen Beschluss, daraufhin werden ganz ungeniert die geklauten Sicherheiten präsentiert: "Sie werden verstehen, dass wir bei diesen Werten durchaus in der Lage waren, den Kreditrahmen der Firma Metall-Druck auszuweiten." Ph(r)ase 4: Den empörten Einfältigen spielen: An der Herkunft der Ikonen und des Schmucks zweifeln? "Dazu hatten wir doch nicht den geringsten Grund." Der Kriminalist kommt der Realität etwas näher: "Aber wir, wir haben da schon ganz erhebliche Zweifel."

Bis auf eine Ikone konnten alle der Beute aus einem am 15. Dezember 1977 bei Nürnberg verübten Einbruch zugeordnet werden (FF 2 der Sendung vom 1. Juni 1979), nach der Herkunft der letzten Ikone wird ebenso geforscht wie nach der diverser Schmuckstücke und Uhren. Der Ausgang ist unbekannt.
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#11

Re: Wolfgang Grönebaum als Darsteller

in Filmfälle 05.10.2011 14:30
von Oma Thürmann • 736 Beiträge
Frisch hinzugefügt ist der Fall Karin T. aus dem Jahr 1976, der auch in den immer noch unrealisierten Fußball-Thread passen würde.
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#12

Re: Wolfgang Grönebaum als Darsteller

in Filmfälle 11.10.2011 16:21
von Oma Thürmann • 736 Beiträge
Ein Päckchen mit zwei neuen Fällen: ein eher unauffälliger (Schwerstkriminalität in Düsseldorf) und zum Ausgleich mein persönlicher Liebling: Die Gewehrfalle von Schwelm - Wolfgang Grönebaum als Landwirt.
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#13

Re: Wolfgang Grönebaum als Darsteller

in Filmfälle 11.10.2011 20:42
von Punker • 369 Beiträge
Hallo Oma Thürmann,

bist Du denn auch ein Lindenstrasse-Fan?
Wolfgang Grönebaum hat ja über Jahre den bekannten Hausmeister Kling dort gespielt.
LG
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#14

Re: Wolfgang Grönebaum als Darsteller

in Filmfälle 11.10.2011 22:43
von Oma Thürmann • 736 Beiträge
Hallo Punker,

Wolfgang Grönebaums Rolle in der Lindenstraße ist mir zwar geläufig, aber ansonsten bin ich vollkommen ahnungslos, was diese Sendung betrifft. Tja, womit man nicht sozialisiert wurde, damit ist das ja oft so eine Sache...

Schöne Grüße von der Oma
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#15

Re[2]: Wolfgang Grönebaum als Darsteller

in Filmfälle 12.10.2011 09:01
von Punker • 369 Beiträge
OT>Hallo Punker,

OT>Wolfgang Grönebaums Rolle in der Lindenstraße ist mir zwar geläufig, aber ansonsten bin ich vollkommen ahnungslos, was diese Sendung betrifft. Tja, womit man nicht sozialisiert wurde, damit ist das ja oft so eine Sache...

OT>Schöne Grüße von der Oma

Hallo Oma Thürmann,

aus der Lindenstrasse sind ja neben dem Hausmeister 'EGON KLING' eine Reihe von Darstellern auch bei XY gewesen bzw. noch immer vertreten.

VG
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