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02.08.1968 FF 1 (Kripo Stade) Mordfall Friedrich Prüß und Mordversuch an einem Taxifahrer (Der Maschinenpistolen- Gangster)

in Filmfälle 28.01.2013 21:26
von bastian2410 • 1.543 Beiträge
02.08.1968 FF 1 (Kripo Stade) Mord an Friedrich P. und Mordversuch an einem Taxifahrer (Der Maschinenpistolen- Gangster)

Heimo hat es ja angedeutet. Hinter diesem Fall werden wir immer ein „?“ setzten müssen. Die Tat wurde leider juristisch nicht aufgearbeitet, da der mutmaßliche Doppelmörder von der Polizei bei einem Feuergefecht in Notwehr erschossen wurde. Es liegen jedoch- wie es schön heißt- schwerwiegende Verdachtsmomente gegen diesem Mann vor, die doch sehr für seine Täterschaft im Fall Friedrich P. sprechen. Zudem gilt er auch in einem weiteren Mordfall aus Neuenkirchen im Alten Land (Landkreis Stade) als tatverdächtig. Ein kurzer Überblick über dem Ermittlungsstand:

Am 20. Februar 1980 fällt zwei Polizisten einer zivilen Funkstreife gegen 2 Uhr morgens ein roter VW Golf auf, der mit überhöhter Geschwindigkeit durch die Innenstadt von Buxtehude donnert. Die Beamten nehmen die Verfolgung auf und fordern den Fahrer zum Halten auf. Als der Golf- Fahrer den Polizeiwagen mit Blaulicht bemerkt, drückt er auf das Gaspedal. Auf der Kreisstraße 40 zwischen Buxtehude und Rüpke gelingt es ihm sogar, den Streifenwagen abzuhängen.

15 Minuten später entdecken die Beamten den Golf an einer Nebenstraße entlang des Wetterndeiches. Das Auto war von reifglatter Fahrbahn in den Graben gerutscht. Als die Beamten den Wagen kontrollieren, finden sie diesen verlassen vor. Einer der Beamten glaubt, hinter sich, jenseits des Deiches, ein Geräusch gehört zu haben, und geht in diese Richtung.

Plötzlich wird der Polizeimeister völlig überraschend aus der Dunkelheit vom Strahl einer Taschenlampe geblendet. Dann knallen Schüsse und treffen den Beamten schwer. Verletzt läßt der Polizist sich den Deich hinunterrollen. Er hört weitere Feuerstöße, auch sein Kollege wird getroffen und schwer verletzt.

Nach gut 20 Schüssen tritt die Gestalt aus dem Dunkel hervor, mit einer Maschinenpistole im Anschlag. Geistesgegenwärtig zieht der 34jährige Polizist seine Dienstwaffe und gibt im Liegen zwei gezielte Schüsse in die Richtung ab. Sie treffen den Golf- Fahrer in den Arm und in die Brust. Er bricht tot zusammen. Erst jetzt können die Beamten über Funk einen Notruf absenden. Beide werden sofort in das Kreiskrankenhaus Buxtehude gebracht und operiert.

Der Golf- Fahrer ist schnell identifiziert- es ist der 40jährige Maschinenschlosser Kurt H. aus Rüpke bei Neu Wulmstorf im Landkreis Harburg. Bei dem Toten werden eine Maschinenpistole „Uzi“ gefunden sowie zwei schussbereite Pistolen, zwei Gesichtsmasken, ein Stilett, eine blaue Schlüsseltasche mit 12 langstieligen Dietrichen, elf Nachschlüssel für Sicherheitsschlösser und sieben Nachschlüssel für Vorhängeschlösser. Die Kennzeichen an seinem Golf waren am 15. 5. 1976 in Salzhausen von einem Passat abgeschraubt worden. Es ist zu vermuten, dass H. gerade auf dem Weg zu einem Raubüberfall war.

Noch können sich die Beamten von Kurt H. kein Bild machen, die Waffen werden zur waffentechnische Untersuchung zum BKA nach Wiesbaden geschickt. Ersten Ermittlungen zufolge hatte der gelernte Maschinenschlosser das Leben eines Biedermannes geführt. Abwechselnd arbeitete er vier Wochen auf einer BP-Bohrinsel vor Abu Dhabi im Persischen Golf. Dann baute er vier Wochen zu Hause in Rüpke an seinem weißen Bungalow, packte nebenan bei seinem Bruder auf dem elterlichen Bauernhof mit an oder half den Nachbarn. Der gelernte Maschinenschlosser war geschieden, hatte zu seiner ehemaligen Frau und seinem Sohn aber ein gutes Verhältnis.

Der Verdacht, dass Kurt H. jedoch ein gefährlicher Verbrecher ist, erhärtet sich schnell. Die waffentechnischen Untersuchungen des Bandeskriminalamtes ergeben einwandfrei, dass mit der Uzi- Maschinenpistole in den vergangenen 20 Jahren mindestens zwei Menschen ermordet wurden. Kurt H. besaß die Waffe seit 1961, machte mehrmals skrupellos davon Gebrauch und verübte auch zahlreiche Einbrüche. Er war vom 1. 7. 1960 bis 30. 6. 1961 als Soldat bei einem Panzerpionierbataillon in Lüneburg stationiert. Während dieser Zeit wurde die "Uzi" Nr. 66 470 aus einer Waffenkammer beim ehemaligen Fliegerhorst innerhalb seines Kasernengeländes gestohlen.

Durch Vergleiche mit Projektilen und Geschoßhülsen, die an früheren Tatorten gefunden worden waren, steht fest, dass mit dieser Maschinenpistole am 10. Oktober 1967 auch Friedrich P. erschossen wurde.

Gegen 2.15 Uhr hatte er nach einem Kneipenbesuch zusammen mit dem Gastwirt und einem Taxifahrer in Zeven (Kreis Bremervörde) einen Mann beobachtet, der sich am Hofeingang des Kaufhauses Wischhusen zu schaffen machte. Die Hunde des Gastwirtes witterten einen Fremden und schlugen an. Der Mann flüchtet daraufhin in einem Ford, den er in der gleichen Nacht in Daensen im Landkreis Harburg gestohlen hatte. Friedrich P. und dem Taxifahrer kommt der Mann verdächtig vor und sie entschließen sich, die Verfolgung aufzunehmen.

Die Verfolgungsjagd führt durch die engen Straßen von Zeven. Während der Fahrt fällt dem Taxifahrer auf, dass der Einbrecher die Kennzeichen umgebogen hat. Auf der Auffahrtsstraße nach Bremen gelingt es dem Taxifahrer, zum Ford aufzuschließen. Als das Taxi das Gangsterauto überholen will, eröffnet der Verbrecher für die Verfolger überraschend aus einer Maschinenpistole das Feuer und gibt 12 Schüsse ab. Friedrich P. und der Taxifahrer Adolf V. werden von den Schüssen getroffen und schwer getroffen.

Trotz der lebensgefährlichen Verletzungen gelingt es Adolf V., mit seinem Taxi das nächste Krankenhaus anzufahren. Für Friedrich P. kommt jedoch jede Hilfe zu spät. Er stirbt bereits im Taxi auf dem Weg ins Krankenhaus.

Der Fluchtwagen wird am nächsten Tag im Obstgarten einer Gastwirtschaft in Daensen sichergestellt- fast an der gleichen Stelle, an dem der Wagen vorher gestohlen wurde. Polizeibeamte finden in dem Wagen eine 9-mm-Geschoßhülse.

Mit der sichergestellten Maschinenpistole wurde bereits zweieinhalb Jahre vor der Tat in Zeven ein weiterer Mord verübt. Im Februar 1965 wird die Frau des Leiters der Altländer Sparkasse in Neuenkirchen (Kreis Stade) von einem Unbekannten durch zwei Schüsse getötet.

Thea A., Mutter von Zwillingen im Alter von 13 Jahren, wird in der Nacht des 9. Februar 1965 von einem Geräusch aufgeweckt. Als sie die Schlafzimmertür öffnet, steht ihr ein Mann mit gezogener Pistole gegenüber und drückte zweimal ohne ein Wort zu sagen ab. Als der Ehemann durch die Schüsse aufwacht, flüchtet der Täter. Er schickte seine Söhne ins Nachbarhaus und verständigt Polizei und einen Arzt. Er kann jedoch nur Tod feststellen, beide Schüsse waren sofort tödlich.

Der Täter hatte sich durch ein Kellerfenster an der Rückfront des am Lühedeich gelegenen Gebäudes Zutritt zu der Wohnung verschafft. Im Erdgeschoß des Gebäudes befindet sich die Altländer Sparkasse. Der Täter hatte offenbar versucht, in der Wohnung des Sparkassenleiters die Schlüssel zu den Kassenräumen zu stehlen, wurde jedoch von Thea A. überrascht.

Sofort nimmt die Mordkommission der Stader Kriminalpolizei ihre Ermittlungen am Tatort auf. Sogar ein Spürhund – heue würde man Mantrailer sagen- wird eingesetzt. Das Täterfahrzeug findet die Kripo Stade am Abend der Tat auf einem abgelegenen Weg der Feldmark Neuenkirchen. Der Wagen wurde ein Tag zuvor aus einer verschlossenen Garage in Dollern (Kreis Stade) gestohlen.


Tatsächlich wird nur 24 Stunden später ein Mann festgenommen. Der Festgenommene hatte in stark angetrunkenem Zustand in einer Gaststätte in Grünendeich (Kreis Stade) von dem Überfall und von Schusswaffen geredet und sich durch Andeutungen verdächtig gemacht. Später stellt sich heraus, dass der Mann ein Wichtigtuer war. Ein Jutesack für Hundefutter, der am Tatort gefunden wurde und in dem der Täter möglicherweise das Geld wegbringen wollte, führt die Ermittler auch nicht auf die Spur des Täters.



Nachdem Kurt H. in Notwehr erschossen wurde, durchsuchen die Beamten seinen Bungalow in Rübke. Sie finden versteckte Sparbücher und Pfandbriefe im Wert von mehr als 200 000 Mark sowie Hinweise auf ein dänisches Konto. H. hatte als Hydraulik-Schlosser auf Ölbohrinseln im Persischen Golf Reparaturarbeiten ausgeführt und dabei rund 1000 Mark netto pro Woche verdient. Er hatte sich also durch „ehrliche Arbeit“ ein kleines Vermögen angehäuft. Trotzdem war der 40jährige während seiner vierwöchigen Urlaube zu Hause häufig auf Raubzüge und Einbruchstouren unterwegs. Diebesgut aus mehreren Einbrüchen können bei der Hausdurchsuchung sichergestellt werden.

Insgesamt können durch die Sicherstellung des Diebesgutes Kurt H. 17 Einbrüche seit 1967 nachgewiesen werden. Die Verbrecherlaufbahn von H. begann bereits Anfang 60er mit Einbrüchen in Waffengeschäften in der Umgebung von Zeven, Buxtehude und Stade. Mitte der 60er spezialisierte er sich auf Einbrüche auf Radio- bzw. Elektrogeschäfte, zu seiner Beute gehörten TV- Geräte und Kofferradios. Viele dieser Einbrüche wurden in der Aktenzeichen xy- Sendung rekonstruiert. Die Elektrogeräte, die bei der Hausdurchsuchung sichergestellt wurden, konnten anhand der Individualnummer 17 Einbrüchen in Niedersachsen zugeordnet werden.

Ungeklärt bleibt, ob Kurt H. auch ein Doppelmörder ist. Fest steht, daß mit Schüssen aus seiner MPi am 9. Februar 1965 die Hausfrau Thea A. in Neuenkirchen und am 10. Oktober 1967 Friedrich P. in Zeven umgebracht worden sind. Fest steht auch, daß die Schnellfeuerwaffe 1961 bei der Bundeswehr in Lüneburg gestohlen wurde, als Kurt H. dort als Soldat stationiert war.

Starke Verdachtsmomente gegen H. sind, dass die Morde in seinen Operationsgebiet passierten. Die Tatwaffe, die seit dem Diebstahl 1961 im Besitz von H. war, spricht ebenfalls gegen den Maschinenschlosser. Es ist unwahrscheinlich, dass die Waffe zum relevanten Tatzeitpunkt im Besitz einer anderen Person war. Auch der Tatablauf- der Modus Operandi- entspricht den typischen Täterverhalten von Kurt H. Die Fluchtwagen wurden immer aus einer verschlossenen Garage- in der Regel im Landkreis Harburg- gestohlen, immer mit gestohlenen Kennzeichen- mit Vorliebe mit Hamburger (HH) Kennzeichen- ausgestattet.


Da es nach dem Tod des Tatverdächtigen zu keinem Prozeß gekommen ist und somit kein Urteil gefällt wurde, bleibt ein gewisser Restzweifel- auch wenn viel gegen den 40jährigen spricht. Juristisch gilt Kurt H. als unschuldig.
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#2

Re: 02.08.1968 FF 1 (Kripo Stade) Mord an Friedrich P. und Mordversuch an einem Taxifahrer (Der Maschinenpistolen- Gangster)

in Filmfälle 01.02.2013 06:18
von bd-vogel • 570 Beiträge
Danke, Bastian, für diesen doch vieles (wenn auch nicht im juristischen Sinne) klärenden Review zu einem Fall, den XY damals in der Augustsendung 1968 sehr packend inszenierte (denn lange ahnt der FF-Zuschauer nicht, daß die Verfolgungsjagd solch ein Ende nehmen wird... umso "hammermäßiger" dann Wolfgangs Texte).

Bernhard.
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#3

Re: 02.08.1968 FF 1 (Kripo Stade) Mordfall Friedrich Prüß und Mordversuch an einem Taxifahrer (Der Maschinenpistolen- Gangster)

in Filmfälle 02.02.2013 02:32
von bastian2410 • 1.543 Beiträge
thx, Bernhard.

by the way. Ist mir jetzt erst aufgefallen.

Kurt H. galt damals auch in einem weiteren xy- Fall als tatverdächtig (FF 3 07.09.1979 Kripo Stade). Am 1. März 1979 wurde der Filialleiter der Stadtsparkasse Buxtehude Günter D. in Hedendorf ermordet. Der Täter muss gewusst haben, daß zum Monatsbeginn mehr Geld als sonst in der Bank verwahrt wird. Die Beute beträgt 33500 DM.

Der Täter muss sich unter einem Vorwand mit seinem Opfer verabredet haben. Günter D. war wie gewohnt zum Mittagessen in sein Stammlokal gegangen. Er hatte es jedoch diesmal eiliger als sonst und beendete seine Mahlzeit sehr rasch, um zur Sparkasse, in der er allein arbeitete, zurückzugehen. Zeugen sahen ihn dort vor der Tür stehen, offensichtlich wartete er auf jemanden.
Wenige Tage vor der Tat erkundigte sich ein Mann, der sich als Polizist und mit dem Namen Siegfried Klose vorstellte, in einem persönlichen Gespräch bei D. über Anlagemöglichkeiten. Kurz vor seinem Tod telefonierte der Filialleiter mit der Hauptstelle der Sparkasse und bat er um die tägliche Übersendung von Kurszetteln.

Das Opfer hatte die Daten des angeblich neuzugezogenen Kunden notiert: den Namen Siegfried Klose, das Geburtsdatum 1. 1. 48 und den Ort Nottensdorf. Die Mitarbeiterin der Sparkassen- Hauptstelle in Buxtehude glaubt sich außerdem an einen Anruf D. um 14.10 Uhr zu erinnern. Das Gespräch wurde unterbrochen. Um 14.30 Uhr wurde die Leiche von Günter D. von zwei Kunden der Bank gefunden.
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#4

Re: 02.08.1968 FF 1 (Kripo Stade) Mordfall Friedrich Prüß und Mordversuch an einem Taxifahrer (Der Maschinenpistolen- Gangster)

in Filmfälle 02.02.2013 09:14
von Heimo • 1.330 Beiträge
Beim zuletzt genannten Fall gab es aber durchaus mehrere Tatverdächtige, so auch einer, der dienstlich mit einem grün-weißen PKW unterwegs war.

Aufgrund der örtlichen Nähe ist mir der von Bastian aufgeführte Fall recht gut bekannt. Auch wenn ich heute durch den Ort (Neukloster) komme, weiß ich immer noch, wo jenes Sparkassengebäude ist.
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#5

Re: 02.08.1968 FF 1 (Kripo Stade) Mordfall Friedrich Prüß und Mordversuch an einem Taxifahrer (Der Maschinenpistolen- Gangster)

in Filmfälle 04.02.2013 04:17
von bastian2410 • 1.543 Beiträge
Heimi hat Recht. Es gab im Fall D. auch einen anderen Tatverdächtigen. Am Anfang (dh nach dem Tod von H.) wurde gegen den mutmaßlichen Mörder von P. auch in diesem Fall ermittelt. Am Ende der Ermittlungen wurde H. jedoch als Täter "eigentlich" auch ausgeschlossen. Das Täterverhalten wich im Fall D. doch ab. So suchte der Täter vor der Tat den persönlichen Kontakt zum Opfer, dies entsprach nicht dem modus operandi von Kurt H.

@Heimo

wie gesichert ist die Info, dass der mutmaßliche Mörder von D. Selbstmord beging (laut Netakte)?
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#6

RE: 02.08.1968 FF 1 (Kripo Stade) Mordfall Friedrich Prüß und Mordversuch an einem Taxifahrer (Der Maschinenpistolen- Gangster)

in Filmfälle 07.12.2013 19:03
von Heimo • 1.330 Beiträge

@Bastian

Also, auf einen Zeitungsartikel kann ich nicht verweisen. Es ist eher so, dass ich das mal aufgeschnappt habe.

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