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Super-Recognizer

in Kriminalität 02.11.2016 11:29
von Oma Thürmann • 737 Beiträge

Spannendes Beispiel dafür, wie in High-Tech-Zeiten menschliche Fähigkeiten bei Ermittlungen der Technik (noch) überlegen sein können:

Wie Super-Recognizer Gesichter wiedererkennen
Die Metropolitan Police in London hat eine besondere Einheit. Dort arbeiten Super-Recognizer: Menschen, die sich Gesichter ungewöhnlich gut merken können. Was können sie leisten?
Zeigt man ihnen Fotos von Unbekannten, prägen sie sich Gesichtszüge, Ausdruck und Proportionen innerhalb von Sekunden ein. Selbst Jahre später würden sie die Gesichter in einer Menschenmenge wiedererkennen. Seit es die Einheit gibt, habe sich die Zahl der Identifizierungen verdreifacht, sagt Scotland-Yard-Kommissar Mick Neville, der die Abteilung leitet.

Zwei dieser Spezialermittler, Eliot Porritt und Andy Eyle, halfen der Kölner Polizei Anfang des Jahres, die Täter zu ermitteln, die in der Silvesternacht Frauen sexuell belästigt hatten. Die beiden prägten sich zunächst die Gesichter jener Frauen ein, die Anzeige erstattet hatten. Dann durchsuchten sie die Videoaufzeichnungen der Überwachungskameras am Kölner Hauptbahnhof nach ihnen. Erkannten sie die Frauen im Gewusel, verfolgten sie ihren Weg durch den Hauptbahnhof, bis die Täter sich ihnen näherten. Diese Bilder nahmen sie als Ausgangspunkt, um sie mit den Fahndungsfotos zu vergleichen. Innerhalb von zwei Wochen identifizierten sie so mehrere Verdächtige.

Doch wieso fällt es Super-Recognizern so leicht – und anderen Menschen so schwer, Gesichter zu erkennen? Mit dieser Frage beschäftigte sich als Erster der amerikanische Wahrnehmungspsychologe Richard Russell. Eigentlich untersuchte er Gesichtsblindheit – sogenannte Prosopagnosie. Dabei handelt es sich um ein Leiden, das es Menschen erschwert, selbst nahestehende Personen wiederzuerkennen. Wenn es Menschen gibt, die Gesichter besonders schlecht erkennen können, müsste es auch das andere Extrem geben, vermutete Russel.

Super-Recognizer nehmen die Nase in den Blick
Um das Phänomen zu erforschen, suchte Russel über eine Anzeige Menschen, die sich Gesichter besonders gut merken können. Vier Probanden meldeten sich. Russel unterzog sie mehreren Tests, zeigte ihnen Kinderfotos von Prominenten und bat sie anzugeben, um wen es sich handelte. Die Tests wurden immer schwieriger – die Bilder kleiner, die Qualität schlechter. Doch selbst dann lagen die Super-Recognizer weit über den Ergebnissen normaler Personen.

Anna Bobak von der britischen Bournemouth University konnte zeigen, wohin Super-Recognizer blicken, wenn sie sich Gesichter merken. "Während die meisten Menschen ihrem Gegenüber in die Augen schauen, blicken Super-Recognizer auf die Nase. Sie orientieren sich also stärker an der Gesichtsmitte", sagt sie. Die Psychologin glaubt, dass die Konzentration auf die Mitte des Gesichts eine Analyse mehrerer Gesichtsbereiche erlaubt. "Schaut man nur auf die Augen, entgeht einem der untere Gesichtsteil. Geht man von der Gesichtsmitte als Blickfixpunkt aus, kann man die Form, Größe und Position von Nase, Mund und Augen von diesem zentralen Punkt aus besser miteinander vergleichen."

Drei Hirnregionen sind wahrscheinlich an der Gesichtserkennung beteiligt: Die sogenannten unteren Okzipitallappen an der Rückseite des Gehirns analysieren das Gesicht. Der vordere Schläfenlappen versorgt sie mit Informationen wie etwa dem Namen der Person. Und der sogenannte rechte Gyrus fusiformis, eine Gehirnwindung des Schläfenlappens, ist für das Erkennen zuständig.

Menschen benutzten in der Regel ganzheitliche Verarbeitungsstrategien, um ein Gesicht zu erkennen, sagt Anna Bobak. Dabei glichen sie innerhalb von Millisekunden die Gesichtsproportionen ab und berechneten die Abstände der einzelnen Gesichtszüge. Die dafür erforderlichen Augenbewegungen und die Bearbeitung der Infos laufen bei Super-Recognizern wohl besonders effizient ab.

Das primäre Sehzentrum im Gehirn liegt weit hinten im Hinterhauptlappen. Dort werden die Informationen, die über den Sehnerv vom Auge kommen, aufgearbeitet und dann an die sekundären Sehzentren weitergeleitet. Diese sorgen dafür, dass aus dem einfachen Bild ein dreidimensionaler Eindruck mit erkennbar unterschiedlichen Strukturen wird. Hier werden Gesichter erkannt und dann auf eine Weise weiterbearbeitet, die kleinste Unterschiede identifizierbar und Gesichter auch aus anderen Winkeln und bei unterschiedlicher Beleuchtung wiedererkennbar macht. In diesem Areal muss die Fähigkeit der Super-Recognizer verborgen liegen.

Viele von ihnen sind sich ihrer besonderen Fähigkeiten lange nicht bewusst. Manche hätten dann beim Fernsehen ein Aha-Erlebnis, sagt der britische Psychologe Josh Davis, der mit der Londoner Super-Recognizer-Einheit zusammenarbeitet. Sie erkennen einen Schauspieler, den sie irgendwann in einer Nebenrolle gesehen haben, wieder und fragen den Kumpel auf dem Sofa: "Kennst du den?" Wenn der den Kopf schüttelt, merken sie allmählich, dass nicht jeder ein Personengedächtnis wie sie besitzt.

Ein Anruf per Skype, und das eigene Gesicht ist für immer und ewig im Gehirn von Eliot Porritt registriert. Auch er wusste lange Zeit nichts von seinem Talent. Porritt grinst in die Kamera, wenn er von seinem Talent erzählt. Die anderen Kollegen bei Scotland Yard machten sich gerne mal lustig über seine Abteilung, sagt er. "Ah, die Superhelden-Bande kommt", sagen sie dann. Er räuspert sich. So viele Vorteile bringe es gar nicht, ein Super-Recognizer zu sein, meint er. "Also, wenn ich eine Frau anspreche und sage: ,Hey, ich kenne dich’, denkt sie doch einfach: ,Schon wieder so ein Trottel.’" Er zuckt mit den Schultern. "Selbst wenn ich versuche, ihr zu erklären, dass ich sie schon einmal gesehen habe und das meinetwegen vor ein paar Jahren in einer bestimmten Bar, hält sie mich garantiert für einen Stalker!"

Erst kürzlich hat Porritts Schwester ein paar Super-Recognizer-Tests im Internet gemacht. Sie hat sehr gut abgeschnitten. Dass das Talent sich innerhalb der Familie vererbt, hält Anna Bobak für durchaus möglich. Demnach würde es sich um eine genetische Veranlagung handeln. Alle Versuche, Probanden ein besseres Personengedächtnis anzutrainieren, verliefen wenig erfolgreich. Schätzungsweise ein bis zwei Prozent der Bevölkerung besitzen diese Gabe, die bei Mann und Frau ähnlich häufig vorkommt. "Frauen sind einen Tick besser, doch der Unterschied ist so gering, dass er nicht ins Gewicht fällt", sagt Bobak. Noch ein anderer Faktor könnte eine Rolle spielen. Eine Studie der Psychologin Sarah Bate von der University of Exeter kam zu dem Schluss, dass Menschen mit hoher Empathiefähigkeit Gesichter leichter wiedererkennen als Probanden mit niedrigem Einfühlungsvermögen.

Die Super-Recognizer sind besser als Software
Das Potenzial der guten Gesichtserkenner scheinen Wissenschaftler und Sicherheitskräfte erst allmählich zu begreifen. "Wir wissen noch zu wenig über Super-Recognizer", sagt der Londoner Kommissar Mick Neville. "Da draußen müssen noch viel mehr sein, von denen wir nicht wissen, weil ihnen ihre Fähigkeit selbst nicht bewusst ist." Aus seiner Sicht ist das ein verschwendetes Potenzial. Seine Experten setzt er gezielt beim Grenzschutz und in der Forensik ein. Bewusst stellt er sie auch Kriminaldiensten anderer Ländern zur Verfügung, um zu zeigen, welche Vorteile es haben kann, bei der Personalauswahl auf diese Fähigkeit zu achten.

Doch braucht man Super-Recognizer überhaupt – in Zeiten immer besser funktionierender Gesichtserkennungs-Software? Das russische Programm Find-Face braucht angeblich nur ein Foto von einem Menschen auf der Straße, um ihn auf dem russischen Facebook-Pendant VK unter Millionen Nutzern wiederzufinden. Der Algorithmus nennt sich Face N – er ist in der Lage, Strukturen zu analysieren, die gleichbleibend sind, unabhängig davon, ob jemand einen langen oder kürzeren Pony trägt, geschminkt ist oder nicht. Nach einem Bericht in der englischen Zeitung The Guardian plant die Stadtverwaltung von Moskau, Face N zu nutzen, um Bilder aus Überwachungskameras mit Datenbanken von Fahndungsfotos abzugleichen.

Auch Facebook hat mit Facebook Moments einen Dienst zum Teilen von Bildern entwickelt, der diese sofort nach Zeitpunkt und Ort sortiert und Personen wiedererkennt. Doch diese Programme arbeiten meist nur dann richtig gut, wenn die Bilder aus einer idealen Perspektive aufgenommen wurden. Frontal, mit neutralem Gesichtsausdruck. Die Super-Recognizer erkennen dagegen auch Menschen auf den oft unscharfen Schwarz-Weiß-Bildern der Überwachungskameras – auch aus ungünstigen Perspektiven.

Als es 2011 in London zu Unruhen kam, identifizierte die Gesichtserkennungs-Software von Scotland Yard unter 4000 Verdächtigen, die von Überwachungskameras aufgenommen worden waren, gerade mal eine Person. Porritts Kollege Gary Collins hingegen erkannte 180. Ein kleiner Erfolg – Mensch schlägt Maschine.


http://www.badische-zeitung.de/bildung-w...-124849973.html


Auch die neuen Blumen wird Heidi B. mit sich herumtragen, bis sie verwelkt sind.
Sie besitzt keine Vase und auch keinen Platz, wohin sie die Blumen stellen könnte. (19.06.1970, FF 2)

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