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(Fast) ein Tabu: Nacktheit bei Aktenzeichen

in Rund um XY 21.07.2012 14:59
von Oma Thürmann • 737 Beiträge
Kaum etwas scheint schlechter zusammenzupassen als das seriöse Format Aktenzeichen XY (insbesondere unter der Leitung des hyperseriösen Eduard Zimmermann) und ein unbekleideter weiblicher Oberkörper (insbesondere dessen Frontseite), und dennoch hat es das gelegentlich gegeben - zu Zimmermanns Zeiten und danach. Die paar oberkörperfreien Herren, die in Schwimmbädern und Saunen zu bestaunen waren, lasse ich mal außen vor, weil sie so langweilig sind. Ergänzungen sind willkommen.

086 - 07.05.1976 - FF2 - Zuhälter-Party in Hagen

"Auf der Tanzfläche in Hases Nachtlokal wird an diesem Abend statt des üblichen heißen Strip ein exzellentes kaltes Büffet serviert. Der Gastgeber reicht nur vom Besten, denn die Herren des Gewerbes sind Gutes gewohnt."

Nach gestrenger Definition ist Thérèse-Marie Schrafl überhaupt nicht nackt, als sie die Veranstaltung ihres Dienstherren zu stören wagt, denn sie trägt noch ein Textil, wenn auch ein äußerst durchsichtiges, fast wie Rita Hayworth in Gilda in der Szene am Fenster, als auf der Straße der Karneval tobt ("Make hay while the sun shines" - "You have a strange language, little one"), nur transparenter. Gustav Hase bekommt ob ihres Anblicks urplötzlich (und unverständlicherweise) ganz schlechte Laune, obwohl er mit vielen lieben Gästen und unter exquisiten Umständen gerade seinen 35. Geburtstag in der würdigen Atmosphäre seines eigenen Etablissements begeht: "Ey! Du spinnst wohl! Was willst du denn hier?" Die Antwort "Bloß mal gucken und guten Tag sagen" stellt ihn nicht zufrieden, und so kontert der Experte für Hauptsätze und (kategorische?) Imperative (Marc-Uwe Kling hat, glaube ich, mal spekuliert, ob Kant an einigen amerikanischen Universitäten wegen seines missverständlichen Namens verboten sein könnte): "Komm, hau ab! Ihr habt hier unten nichts zu suchen! Das ist Männersache hier!" Die Schöne trollt sich schmollend, und den Rest-Zorn des Alpha-Nagetiers bekommt hierarchisch konsequent dessen Haudrauf Erich ab, dem nochmals seine Aufgabe erläutert wird, ehe der Herr Hase sich wieder Willi aus Frankfurt, dem Kieler Graf und natürlich dem Sprudelwasser zuwenden kann.

Wenig später reitet die Kavallerie in den Hasenstall ein, stellt endlich die Fahrstuhl-Musik ab, stoppt den Kaviar-Verzehr, vollstreckt den einen oder anderen Haftbefehl, fertigt schicke Portrait-Fotos und ist trotzdem unzufrieden, denn ob der dünnen Ausbeute mutmaßt man einen Maulwurf. Erst ein Jahr später kommt es zu weiteren Festnahmen und der Sicherstellung von ödem Diebesgut wie Teppichen und Antiquitäten, wofür die rechtmäßigen Eigentümer gesucht werden.

Thérèse-Marie Schrafls XY-Karriere ist wechselhaft: Von verrucht (Prostituierte in FF2 vom 09.04.1976, Mordserie bei Frankfurt/M., Animierdame in FF3 vom 13.05.1983, Mord an Vladimir K.) über bürgerlich bieder mit Chic-Ambitionen und Hang zur Tiffigkeit (Boutique-Verkäuferin in FF3 vom 08.10.1976, Sekretärin in einer Münzhandlung in FF3 vom 07.07.1978, Ehefrau eines Baufirma-Geschäftsführers in FF 1 vom 04.05.1979, Vergewaltigungs-Opfer in FF 2 vom 18.04.1980, Tochter eines Einbruch-Opfers in FF2 vom 26.06.1981, Arzt-Ehefrau in FF3 vom 13.05.1983) bis zu staatstragend (Kripo-Beamtin in FF3 vom 23.04.1982, Brandstiftung in Gaststätten).

Das weitere Oeuvre Frau Schrafls konnte nur lückenhaft rekonstruiert werden: Als Theresia Maria Schrafl (bei imdb als Theresia Maria Scharfl) gibt es einen hirnzerreißenden Auftritt in der TV-Serie "Vater Seidl und sein Sohn", und zwar in der Episode "Glück und Glas" (1979) an der Seite von Walter Sedlmayr. Mit einer Freundin betritt sie eine Gaststätte, gibt sich als Geschäftsfrau aus (was sich später bestätigt: Supermarkt-Kassiererin), hört erst Sedlmayr und Hans Clarin bei Witzen über "Neger" und "Schwarzarbeit" zu (na wenigstens nicht über Schwule), und man denkt, es kann nicht nicht schlimmer kommen, bis wieder einmal klar wird: Schlimmer geht immer. TM Schrafl tanzt mit Hans Clarin; i glaub, i muss glei spein. Schwamm drüber.

Fazit: Weil Thérèse-Marie Schrafl zwar bekleidet, aber trotzdem nackt war (see-through, wie die Fachidioten sagen), verzeichnen wir die nullte Nacktszene in Aktenzeichen XY. Nun also zur ersten, und die kam schon in der Folgesendung:

087 - 04.06.1976 - FF2 - Mord an Boutique-Verkäuferin Gisela G. und versuchte Vergewaltigung in Gelsenkirchen

"Etwa ab elf Uhr an diesem Vormittag ist die 37-jährige Marianne K. allein in ihrer Wohnung. Sie erwartet ihren Sohn Martin erst zum Mittagessen zurück. Die Frau weiß nichts von dem seltsamen Mann, der um diese Zeit durchs Treppenhaus geistert."

Freiwillig nackt ist Irmhild Wagner nicht: Ein ungebetener Besucher mit unlauteren Absichten (der ermittelt werden konnte, aber nur für den Vergewaltigungsversuch, nicht jedoch für den im selben Filmfall behandelten Mord verantwortlich war; Fallbesprechung in der Hörzu 20/1977) hat sie genötigt, sich zu entkleiden. So weit musste sie folgen, aber weiter nicht, denn jetzt ist sie schneller; barbusig und mit blankem Po entkommt sie dem Unhold, verlässt die eigene Wohnung, kann sich auf halber Treppe im Klo verriegeln und sichert sich damit den Kompletteste-Nacktheit-in-Aktenzeichen-XY-Award, bis in ferner Zukunft irgendjemand auf die Idee kommen wird, sagen wir mal, Sasha Grey zu verpflichten.

Irmhild Wagner dürfte einen weiteren XY-Rekord halten: Mit Ehemann Horst A. Reichel und dem gemeinsamen Sohn Robinson Reichel (Tatort-Zuschauern als Berliner Sidekick von Winfried Glatzeder in den 1990ern bekannt) spielte sie Mutter-Vater-Sohn in FF3 vom 05.12.1986, Mord an der 10-jährigen Martina M. bei Duisburg, meines Wissens die einzige derartige Konstellation in der XY-Geschichte. Eine Reihe weiterer bemerkenswerter Auftritte komplettieren Irmhild Wagners Aktenzeichen-Historie: So mimte sie die Radfahrerin, die dem Angriff des biederen Serienmörders Günter K. entkam und so dessen Suizid einleitete (FF3 vom 07.10.1977), durfte als von der bei Duisburg vermissten 10-Jährigen Karin T. zufällig Angerufene eine der legendären Telefonhörerblick-Szenen spielen (FF1 vom 08.10.1976), war zwei weitere Male Mutter eines Opfers (FF1 vom 03.12.1976, Mord an Harald S. bei Nürnberg und FF1 vom 07.12.1979, bei Cuxhaven vermisste Anja B., auch diese Szene mit Hörerblick), hatte Rollen als Zeitungsfrau (FF3 vom 24.04.1981, Bankraub bei Lüdenscheid) und als von Hitchcocks North By Northwest gebannte Disco-Kassiererin (FF3 vom 29.10.1982, Mord an Andrea L. und Ramona S. bei Landau) sowie einen weiteren Auftritt mit Horst A. Reichel (FF1 vom 06.04.1979, sie grandios als tumb-indifferente Bäuerin, er als Angler, Mord an Christiane M. bei Rinteln). Vor allem aber leitete Irmhild Wagner gemeinsam mit ihrem Ehemann fast 50 Jahre lang das "Theater 44" in Schwabing, bis die beiden sich 2009 zur Beendigung dieser Epoche entschlossen, wie der Merkur berichtete. "Es war ein gutes Leben", wird Horst A. Reichel zitiert, und wie schön ist es, eine solche Zwischenbilanz ziehen zu können. Respekt und Bewunderung für zwei starke, idealistische Persönlichkeiten.

Nach diesem Doppelschlag musste sich Kurt Grimm offenbar vom Busen-Overkill erholen, es folgte eine Sendung ohne Nippel, aber schon in Nr. 89 ging es weiter:

089 - 10.09.1976 - FF1 - Morde an Prostituierten in München

"Der Mann, der am 22. August 1975 zu dem Mädchen Waltraud F. in die Winzererstraße in München kommt, ist keiner der üblichen telefonisch angemeldeten Besucher. Er besitzt Schlüssel zu dem Apartment, die er jedoch nur benutzt, wenn er sich davon überzeugt hat, dass er nicht stört."

Der "Freund und Beschützer mehrerer Münchener Callgirls" kommt zu spät. Ihm bleibt nur, die Decke zu liften, mit der die nackte Leiche von Waltraud F. verhüllt worden war. Gesicht und Oberkörper kommen zum Vorschein, und während der überforderte Patron sich müht, das als Drosselwerkzeug verwendete Tuch vom Hals seines Schützlings zu entfernen, ist am braungebrannten Körper deutlich zu erkennen, welche Bikini-Form Frau F. beim Sonnenbaden getragen hat.

"Schwabinger Luxus-Callgirl nackt erdrosselt!" titelte der Boulevard, und bald darauf musste ergänzt werden: "Neuer Callgirl-Mord in Schwabing", angemessen illustriert mit einem Seite-3-Mädchen und einer entblätterten Beispielabbildung; auf beides gönnt uns die Kamera einen Blick und segnet den Fall, zu dem sich die Details Heimos ausführlichem Review (Fall 42) entnehmen lassen, also mit einem dreifachen Nackt-Stillleben, das beim dritten Mord um einen kurzen Blick auf das noch lebende unbekleidete Opfer erweitert wird.

So recht bewährt schien sich das Sex-Sells-Konzept allerdings nicht zu haben, im Dezember 1977 gab es noch einen nackten Rücken in der Praxis des unter Mordverdacht stehenden Arztes Dr. Horst A. zu bestaunen, ansonsten herrschte nach der kurzen 1976er Aufwallung fast dreieinhalb Jahre Textilpflicht, dann aber wurde die Schlagzahl wieder erhöht: Die nächsten drei Szenen folgten 1980 und 1981 binnen zehn Monaten:

124 - 18.04.1980 - FF2 - Vergewaltigungs-Serie in Wiesbaden

"Für eine Sekunde sieht es dann so aus, als gäbe es Rettung."

Und ebenfalls für eine Sekunde ist Cornelia Bayr entblößt, als der Mann mit den vielen Schlümpfen im Auto (Fassbinder-Schauspieler Rudolf-Waldemar Brem) ihr die Bluse aufreißt. Kurz vorher hat Thérèse-Marie Schrafl, die damit eine mittelbare Beteiligung an einer zweiten Nacktszene verzeichnen kann, den sie vernehmenden Kriminalbeamtinnen erklärt, was das ist, Schlümpfe: "Wissen Sie, diese kleinen Zwerge mit den Zipfelmützen!" Soso. Den Wichteln war es dann jedenfalls zu verdanken, dass der Täter ermittelt werden konnte (1980 in der Hörzu behandelt).

Cornelia Bayr hatte ihr Aktenzeichen-Debüt ein Jahr zuvor als Schwester des Mordopfers Christiane M. gegeben (06.04.1979, FF1), als eine Schwester, wie man sie sich nur wünschen kann: "... Christiane hat eine etwas ältere Schwester, die zwar viel Verständnis für Kikis Gefühlslage aufbringt und deshalb nicht alles, was sie weiß, den Eltern erzählt; aber dennoch hält sie ein wachsames Auge auf die 15-jährige Schwester." 1982 steht eine durchaus sehenswerte Tatort-Rolle zu Buche, die gleichfalls in erzwungener Nacktheit gipfelte: Cornelia Bayr spielte in "Kindergeld" ein spanisches Zimmermädchen, das vom überzeugend widerlichen Dieter Kirchlechner beim Diebstahlversuch ertappt und zur Wiedergutmachung in Naturalien genötigt wird. Auch Frau Bayrs erster Tatort-Auftritt war nicht gänzlich unsexuell, wenngleich bekleidet: 1980 gab sie in "Streifschuß" die Tochter eines Mannes, der im Bordell den Herztod starb. Nach zwei kleineren TV-Rollen im Jahr 1983 verliert sich ihre Spur.

130 - 07.11.1980 - FF1 - Mord an Abiturientin Anna G. in Zürich

"Plötzlich sieht er etwas Ungewöhnliches am Waldrand liegen. Er hält es zunächst für eine weggeworfene Schaufensterpuppe. Im Näherkommen erkennt er jedoch, dass er die Leiche einer jungen Frau gefunden hat."

Die Nacktheit ist minimal, der halbe Oberkörper von einem schwarzen Schal bedeckt, gnädig und zügig zoomt die Kamera auf das Wesentliche - den auffälligen Ohrschmuck - und entzieht die freie Brust so dem Blick der Zuschauer. Die Szene ist brilliant gefilmt: Zunächst die malerische Ankunft des die Tote findenden sogenannten Bereiters (zum Zwecke der Bewegung der Tiere mit zwei prächtigen Pferden unterwegs), dann die das Unheil ankündigenden wackeligen, unsicheren Bilder aus seiner Sicht; mit der Erkenntnis wird die Kamera fixiert, es folgt besagter Zoom und schließlich der Blick auf ein neben der Toten liegendes schwarzes Tuch, das vom Wind bewegt wird, gleichsam wie eine letzte, zum Scheitern verurteilte Hoffnung auf Leben in einer erstarrten Szenerie. Im Hintergrund verschwindt der Bereiter mit den Pferden im dunklen Baumtunnel. Wischblende. Ein Radio läuft. Im Wohnzimmer warten beunruhigt die Eltern und die Schwester. Das Radio meldet den Fund der Leiche.

Im August 2010 berichtete der Blick über den immer noch ungeklärten Fall, leider etwas reißerisch, in der Sache dennoch nicht uninteressant.

133 - 20.02.1981 - FF3 - Mord an Sexkino-Geschäftsführerin Christel E. in Pirmasens

"Am Abend des 30. Juli 1980, einem Mittwoch, läuft in dem kleinen Sexkino in Pirmasens ein Film, der schon eine Woche lang vorgeführt wird. Der Gastraum ist deshalb nur mäßig besetzt."

"Ja, das stimmt", würde Peter Nidetzky sagen, "und zwar ein Film, der die Lebensgeschichte eines Wiener Freudenmädchens schildert." Josefine Mutzenbacher - Wie sie wirklich war: 1. Teil, in der Hauptrolle die fabulöse Patricia Rhomberg (1978, Regie Hans Billian, der - so klein ist die Welt - später zweimal als Mordopfer bei Aktenzeichen agierte: 14.01.1994, FF 3 als Rentner Wilhelm S. aus Solingen und 23.02.1996, FF 1 als pensionierter Hamburger Arzt Dr. Peter L.). Selbstredend wählte Kurt Grimm einen familienfreundlichen Bildausschnitt, der die pornografischen Inhalte ausspart. Ob es daran liegt, dass die der Vorstellung beiwohnenden Betrachter den Ernst einer Heiligen Messe an den Tag legen, während sie auf die Leinwand stieren? Es ist jedenfalls hinreißend - wenn in 200 Jahren Screenshots in einem Museum hängen, dann wird darunter stehen: "Sexkino in der Bundesrepublik Deutschland, um 1980", und es wird mehr über gesellschaftliche Wirklichkeit sagen als manche Studie.

Eine besondere Pointe für XY-Freunde hält die gezeigte Mutzenbacher-Verfilmung auch noch bereit, sie enthält nämlich eine spritzige Zwei-gegen-zwei-Szene mit Patricia Rhomberg und Birgit Zamulo, die als einzige mir bekannte Aktenzeichen-Darstellerin über Hardcore-Reputation verfügt (bei den Darstellern fällt mir außer dem unvermeidlichen Peter Bond auch nur Franjo Marincic ein, während die Softcore-Schnittmenge ja beträchtlich ist): In Johnny Wyders "Ein guter Hahn wird selten fett" (aka "Fuck Around The Clock") und in der anonymen Love-Film-Produktion "Die Rammelkiste" durfte Frau Zamulo 1976 jeweils an der Seite von Karin Lorson ran, im letztgenannten 20-Minuten-Kracher um einen Tischler, dessen Tochter, den debilen Lehrling und eine Kundin sogar in derselben Szene. Einige Jahre später, im FF3 der Sendung vom 05.10.1984, verkörperte sie dann das Mordopfer Hannelore Z. aus Neumünster und ist mittlerweile eine renommierte Theaterschauspielerin.

Nach diesem immer noch ungeklärten Mordfall (1981 Thema in der Hörzu) war bei Aktenzeichen ganz lange Schluss mit nackig, erst nach über 14-jähriger Wartezeit war es wieder so weit:

276 - 02.06.1995 - FF3 - Mord an 16-Jährigen Jasmin G. und Yvonne H. bei Limburg

"Diese Plastikschale, meine Damen und Herren, habe ich, als ich sie zum ersten Mal sah, zunächst für ein Küchengerät gehalten. Inzwischen weiß ich, dass sie aus einem Sex-Shop kommt und von einem brutalen Mörder als Folterwerkzeug benutzt wurde."

Die Spuren der Plastikschale werden von der Kamera illustriert und von der Pathologin erläutert: "An der Toten gibt es aber noch eine sehr ungewöhnliche Sache: Runde, nicht unterbrochene Rötungen um die Brüste, zum Teil aus punktförmigen Blutungen. Deren Herkunft können wir uns überhaupt nicht erklären." Die Recherche führt die bis dahin ratlosen Kriminalbeamten in einen Sex-Shop, wo sich das Gerät als Unterdruck-Saugglocke herausstellt.

Über die Inszenierung lässt sich streiten: Ist die Musikauswahl ("All I Wanna Do Is Have Some Fun" von Sheryl Crow in der Disko und "If She Knew What She Wants" von den Bangles als Untermalung der Erklärungen der kundigen Sex-Shop-Fachverkäuferin) noch schwarzhumorig oder schon geschmacklos? Dient das Zurschaustellen der Misshandlungsspuren der Toten noch der Emotionalisierung oder ist es schon voyeuristisch? Wir sind, so denke ich, in einem Grenzbereich; der kleinste gemeinsame Nenner könnte wohl sein, dass der Fall nicht nur wegen seiner Grausamkeit, sondern auch wegen der grenzwertigen Darstellung zu den besterinnerten gehören dürfte [deswegen hatte Oma ihn ja auch zunächst vergessen, Anmerkung des Setzers].

Schauspielerisch ist noch von Interesse, dass Sabine Oberhorner, die Darstellerin der Jasmin G., erst kürzlich wieder in Aktenzeichen zu sehen war, und zwar in FF2 der Sendung vom 14.12.2011 als überfallene Spielhallen-Angestellte.

Die Basis-Informationen zur Klärung des Falles und weiterführende Links sind in diesem Forum-Beitrag zu finden.

296 - 06.06.1997 - FF1 - Mord an frühpensionierter Beamtin Hildegard G. in Nürnberg

"Die Frau heißt Hildegard G., ist 56 Jahre alt und wohnt in Nürnberg. Eine ungewöhnliche Persönlichkeit: zunächst Beamtin, 1993 vorzeitig pensioniert. Seitdem lebt sie von etwas undurchsichtigen Finanzgeschäften, mit überwiegend negativer Bilanz allerdings. Ende 1996 hat sie Schulden von mindestens einer halben Million Mark. Die Gläubiger sind wohlsituierte Herren, zu denen sie gute persönliche Kontakte pflegt. Im Januar 1997 hat sie offensichtlich die Chance, alle ihre Schulden zurückzubezahlen."

Das nimmt kein gutes Ende, wie man sich denken kann - wer kann schon von Geschäften mit negativer Bilanz leben? Elia Zimmermann, in den Jahren 1992 und 1993 mit kontinuierlicher TV-Präsenz als Jürgen Heinrichs Ex in "Wolffs Revier", entblättert sich für die Dusche vor der Sauna, ein verführerisches A-Körbchen präsentierend, da wird manch ein Darlehen und manch ein guter persönlicher Kontakt klar. Tja, und dann könnte es möglicherweise ein filmhistorisches Vorbild für die Duschszene gegeben haben...

Die Einzelheiten und Hintergründe dieses interessanten Kriminalfalls sind in Bastians ebenso interessantem Review nachzulesen.

Nach zweijähriger Züchtigkeit folgte die erste Nacktszene der Nach-Grimm-Ära:

317 - 16.07.1999 - FF1 - Mord an Grazer Schülerin Ulrike R. in Südtirol

"Rund 800.000 junge Menschen ziehen an diesem Wochenende bunt kostümiert, tanzend und singend durch die Züricher Innenstadt. Das Spektakel dauert den ganzen Tag und die ganze folgende Nacht."

Ein klarer Fall von Sekundärnacktheit: Eine äußerst body-gepaintete junge Dame lässt in eingeschnittenen Dokumentaraufnahmen von der Züricher Street Parade 1998, aus solchen besteht der Beginn des Filmfalles überwiegend, ordentlich schwingen und wippen, und zwar just in dem Moment, da Isolde Thümmler "bunt kostümiert" sagt. Bunt unbedingt, aber kostümiert? Na ja, enthemmte junge Leute halt, unter dem Einfluss von diabolischen Beats und chemischen Substanzen. Bloß gut, dass Eva H. (die von Thea Dorn einst in "Eva Braun" umgetauft wurde) nichts davon mitbekommen hat, sonst hätte sie womöglich schon lange vor Duisburg 2010 schwadroniert, dass "ganz andere Mächte mit eingegriffen [haben], um dem schamlosen Treiben endlich ein Ende zu setzen" (Homepage ihres "Verlages"; nenne ich nicht, verlinke ich nicht, um das wirre Pamphlet nicht auch noch mit Klicks zu belohnen). Tatsächlich nehmen die Dinge einen sehr weltlichen Lauf: Die 18-jährige Street-Parade-Besucherin Ulrike R. gerät auf ihrer Rückreise nach Graz auf ungeklärten Wegen und aus ungeklärten Gründen nach Südtirol, wo sie in einem kleinen Café zwischen ortsüblichen Trachtenträgern wirkt wie ein Wesen von einem anderen Stern. Am Ufer der Rienz wird sie am nächsten Morgen ermordet aufgefunden.

In einer Publikation des Österreichischen Zentrums für Kriminalprävention finden sich Details zum unbefriedigenden Stand der Ermittlungen im Jahre 2001 (Seite 4). Weitere Schlagzeilen machte der Fall durch ein Haiku, das bereits etwa ein Jahr nach dem Mord am Tatort gefunden wurde; doch die 2006 aufgekommene Hoffnung, über das Gedicht eine Spur zum Täter aufnehmen zu können, erfüllte sich nicht. Anfang 2012 konnten neue DNA-Spuren isoliert werden, deren Untersuchung aber bislang nur zum Ausschluss vormals Verdächtiger geführt hat.

346 - 05.07.2002 - FF4 - Mord an Bordellbetreiber Klaus Peter H. in Eckernförde

"Eckernförde ist eine Kleinstadt in Schleswig-Holstein, direkt an der Ostsee. Zu ihren Attraktionen gehören Strand- und Freizeiteinrichtungen. Ein schillerndes Nachtleben gehört nicht dazu. Das Rotlichtviertel in Eckernförde besteht praktisch aus einem einzigen Haus, dem ehemaligen Hotel Kaiserhof. Seit dem Jahr 2000 beherbegt das Gebäude eine Nachtbar, das Blue Lights, und ein illegales Bordell."

Eine weißgestiefelte Blondine räkelt sich einladend an der Poledance-Stange, erst bekleidet, dann weniger, während die Drohungen gegen ihren philantropischen Chef, dem die Damen folgerichtig nur so zulaufen wie die Kätzchen, massiver werden. Der Fall ist von panoptikumösem Personal bevölkert: ein zöpfchentragender Gorilla, der den Eindruck macht, er würde seinen Schlagstock auch mit zum Duschen nehmen, weibliches osteuropäisches Fachpersonal, ein grimmiger Lude vergleichbarer Herkunft, dessen muskelbepackter Droh-Diener und dazwischen der eigeninitiativ umgeschulte Ex-Buchhalter Klaus Peter H., ein Fremdkörper in einer Welt, "mit der", so Rudi Cerne, "wohl kaum einer von uns was zu tun haben möchte". Komisch, dass das aussätzige Universum trotzdem so floriert, die Welt ist voller Wunder. Im November 2001 verschwand Klaus Peter H., fünf Monate später wurde seine Leiche gefunden, er war erschossen worden; die Tat wartet noch auf ihre Klärung.

Zehn Jahre Nackigkeits-Pause sind seither vergangen, bestenfalls kam es zu Varianten des seit Januar 1999 vertrauten "gemäßigten Animierprogramms"; man darf gespannt sein, wann sich mal wieder ein Regisseur einen Ruck gibt...
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#2

Re: (Fast) ein Tabu: Nacktheit bei Aktenzeichen

in Rund um XY 21.07.2012 17:33
von Heimo • 1.288 Beiträge
Da fehlt der 02.06.95

Der Limburger Sadistendoppelmord.

"Ich habe diese Geräte für Küchengeräte gehalten"
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#3

Re: (Fast) ein Tabu: Nacktheit bei Aktenzeichen

in Rund um XY 21.07.2012 17:48
von Oma Thürmann • 737 Beiträge
Danke, Heimo! Der Fall ist eingefügt.
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#4

Re: (Fast) ein Tabu: Nacktheit bei Aktenzeichen

in Rund um XY 31.07.2012 11:14
von Oma Thürmann • 737 Beiträge
Eine sozio-kulturelle Betrachtung zum Thema weibliche versus männliche Nacktheit aus der Zeit (27.07.2012).
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#5

RE: (Fast) ein Tabu: Nacktheit bei Aktenzeichen

in Rund um XY 02.11.2015 13:49
von Jack Snow • 1 Beitrag

Der Verbleib von Frl. Bayr lässt sich leicht aufklären: Sie färbte ihr Haar blond, verschob das Datum ihrer Geburt um acht Jahre und zog sich fortan unter dem Namen Cornelia Corba für TV und Druckerzeugnisse aus.

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#6

RE: (Fast) ein Tabu: Nacktheit bei Aktenzeichen

in Rund um XY 02.11.2015 15:39
von Oma Thürmann • 737 Beiträge

Vielen Dank für den sachdienlichen Hinweis, Jack Snow!


Auch die neuen Blumen wird Heidi B. mit sich herumtragen, bis sie verwelkt sind.
Sie besitzt keine Vase und auch keinen Platz, wohin sie die Blumen stellen könnte. (19.06.1970, FF 2)

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