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Aus der XY-Gefriertruhe: Filmfall-Review 1 - 07.06.1974, FF 1: Mord an Paul S., zuständig: Kripo Offenbach

in Filmfälle 13.02.2008 22:17
von Tatort • 20 Beiträge
...man will sich ja seinerzeit nicht umsonst die Finger wund geschrieben haben, deshalb hier ein paar Übernahmen von mir aus dem gaaanz alten Forum - nämlich mein Senf zu kultigen Filmfällen der Ära Ede:

XY-Sendung vom 07.06.1974, FF 1

Ich möchte mich zum Auftakt dem bisher hier wenig diskutierten XY-Jahrgang 1974 widmen, genauer gesagt dem ersten Filmfall aus der Junisendung 1974. Es ist bei XY eine Zeit des Nicht-Mehr auf der einen und des Noch-Nicht auf der anderen Seite: Die Sendung ist mehr als deutlich den Kinderschuhen entwachsen. Wenngleich aus Kostengründen noch immer in Schwarzweiß ausgestrahlt wird und das Studio in Unterföhring noch immer die bereits etwas angestaubt wirkende 60er-Jahre-Deko hat, haben die Filmfälle (zumindest der, den ich heute behandeln möchte) nichts mehr mit den Experimentalzeiten von XY gemein. Elemente wie der Spannungsaufbau in der Handlung und der Einsatz von Spannungsmusik tragen bereits jene professionellen Züge, die für die restliche Ede-Kurt-Ära prägend sein sollten. Aber nun zum Fall:

07.06.1974, FF 1: Mord an Paul S., zuständig: Kripo Offenbach

Der seit zehn Jahren in Offenbach lebende 37jährige Bulgare Paul S. (nicht zu verwechseln mit unserem XY-Freund Paul Schremser! ;-)) betreibt im Stadtteil Bürgel eine Autowerkstatt mit Abschleppunternehmen und plant den Aufbau noch weiterer Unternehmen, unter anderem die Pacht einer Diskothek. (Kurioserweise verwendet Wolfgang hier zur Beschreibung der Lebensumstände eines Menschen, der sich hochgearbeitet hat, noch nicht das später zum Kult avancierte Wortpaar „bescheidener Wohlstand“!) Als das spätere Opfer eines Abends seine Freundin mit dem Auto nach F-Hbf bringt (von wo aus sie mit dem Zug zur Arbeit nach Mainz fahren will), fällt selbiger auf, dass ihr Freund auffallend bedrückt wirkt. Sie fragt ihn nach den Gründen, doch er antwortet ausweichend – Müde sei er halt ein bisschen. Als sie nicht locker lässt, macht er ein paar obskure Andeutungen von einem 10000 Mark schweren Geschäft und Schwierigkeiten mit einem Mann, dem er einmal das Leben gerettet habe. Girlfriend kann sich zwar keinen Reim daraus machen, bohrt aber schließlich nicht weiter nach.

Als sie morgens gegen 5 Uhr 30 aus Wiesbaden zurückkehrt, muss sie beim Betreten der Wohnung mit Schrecken feststellen, dass es dort aussieht wie bei Wolfgang Thierse auf dem Kopf – Besuch war da, und zwar ganz offensichtlich kein lieber. Sie bekommt es mit der Angst, und als sie sieht, wie sich die Gardine der Balkontür bewegt, glaubt sie sogar, der/die Einbrecher sei(en) noch da. Sie verzieht sich also zum Telefon und verständigt leise und unauffällig die Schmiere. (beim Anblick der 70er-Jahre-Teppiche und Tapeten in der Wohnung ist man als heutiger Betrachter übrigens fast erleichtert, dass der ganze Kram noch nicht in Farbe gezeigt wird! ;-))
Die gesamte Szene besticht durch rekordverdächtige Unheimlichkeit. Die Kamerafahrt durch die durchwühlte Wohnung auf die sich leicht bewegende Gardine wird untermalt mit einer seltenen Spannungsmusik, eine Art Mix aus subtilem Rhumba-Trommelrhytmus mit tunnelartig wirkendem Orgel-Klangteppich. (Bin mir nicht ganz sicher, ob es derselbe Orgelsound ist, der im Mordfall Karin A. aus der Oktobersendung 1975 verwendet wurde – checkt es einfach mal, wenn ihr Bock habt!) Jedenfalls wird die Angst der Zeugin nahezu 1:1 auf den Zuschauer übertragen! Genialerweise bricht die unheimliche Spannung mit dem Eintreffen der beiden herbeigerufenen Polizeibeamten nicht etwa abrupt ab, sondern erhält durch deren gruselig-verzerrte Silhouetten hinter der Drahtglasscheibe der Haustür noch einen kleinen Nachhall. Bei der Untersuchung des Tatortes klärt sich dann auch das Geheimnis der bauschenden Gardine – die Scheibe der Balkontür war eingeschlagen worden, und die Gardine wurde dadurch vom Wind bewegt. Vom Täter selbst ist jedoch keine Spur mehr zu sehen. Mit dem Blick eines der Polizeibeamten „fällt“ auch die Kamera regelrecht auf das in einen Teppich eingewickelte Opfer Paul S., von dem nur die aus dem Teppich herausragenden Füße zu sehen sind – eine klassische XY-Schockerszene! Als dann einer der beiden Beamten den Toten sofort als Paul S. identifiziert, erzählt er seinem Kollegen, dass er noch wenige Stunden zuvor mit dem Opfer telefoniert habe, da selbiges einen Abschleppauftrag verpennt hatte.

An dieser Stelle leitet eine Wischblende dann die Tatrekonstruktion ein.
Nachdem Paul S. von besagtem Polizeibeamten telefonisch aus dem Schlaf gerissen und ob seines verpennten Auftrages ordnungsgemäß zusammengefaltet wurde, begibt er sich zu Bett. Doch der Anruf bleibt nicht die letzte Störung in dieser Nacht. Kurz nach 4 Uhr wird S. erneut geweckt, diesmal durch anhaltendes Türklingeln. Nach den Vermutungen der Kripo kannte er die Besucher, vermutlich zwei Männer, da er sich gewohnheitsgemäß zunächst per Sprechanlage über die Identität der Besucher informiert haben dürfte. Auch hatten die Männer vermutlich ein wichtiges Anliegen, da S. sie sonst vermutlich kaum um 4 Uhr morgens in die Wohnung gelassen haben dürfte. Mehr noch, er servierte ihnen sogar noch je ein Glas Whisky-O. Kurz darauf kam es dann zu einer tödlichen Auseinandersetzung, in deren Verlauf Paul S. brutal durch die Scheibe der Balkontür geschleudert und schließlich mit 27 Messerstichen ermordet wurde. Ein Nachbar wird zwar durch das Klirren wach, legt sich aber ahnungslos wieder schlafen, als sich der Lärm nicht wiederholt. Nachdem die Täter so ziemlich alles, was in der Wohnung nicht niet- und nagelfest ist umgegraben haben, verlassen sie den Tatort schließlich unbemerkt mit mehreren tausend Mark Bargeld und zahlreichen Wertgegenständen im Gesamtwert von etwa 20000 Mark. Vermutlich haben die Täter und die zurückkehrende Freundin des Opfers sich nur um wenige Minuten verpasst!

FAZIT:
Der Fall stellt ohne Frage ein gruseliges Meisterwerk von Kurt Grimm dar. Einerseits hat man das Gefühl, dass das XY-Team hier der filmischen Rekonstruktion mehr Zeit einräumt als in irgendeinem anderen Fall, andererseits muss man hinterher verblüfft feststellen, dass der Film mit etwa 14 Minuten Laufzeit nicht wesentlich mehr als Durchschnittslänge hat. Es ist Kurt Grimm hier also gelungen, einen durchschnittlich langen Film mit Spannung voll zu packen, ohne ihn zu überladen. Nicht eine einzige Filmminute scheint hier unüberlegt vergeudet worden zu sein. Reichhaltige Fülle ohne unangenehme Länge mit Spannung von der ersten bis zur letzten Minute – das halte ich wahrhaftig für eine Meisterleistung. Chapeau! ?

SONSTIGES:
In der Folgesendung berichtete Ede über die Festnahme eines Tatbverdächtigen. Die Kripo hatte ein auffälliges Feuerzeug mit den Initialen des Opfers bei ihm gefunden. der Rest ergab sich dann wohl...

Soviel zu meinem heutigen Review im Zeichen von entsetzlich gemusterten Tapeten, Schlaghosen, wilden Koteletten, Fönwellen, viel zu engen, aber bügelfreien Hemden, Bonanzarädern mit Bananensattel...(wer noch weitere 70er-Jahre-Klischees weiß – immer her damit!). Weitere Reviews werden folgen. Periodizität: Wie ich Zeit und Lust habe…;-)
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