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Aus der XY-Gefriertruhe: Filmfallreview 2 - XY_Sendung vom 5. Oktober 1990, FF 1 (FINNENMESSER)

in Filmfälle 13.02.2008 22:28
von Tatort • 24 Beiträge
In den 80er und 90er Jahren rückte bei XY eine bestimmte Opfergruppe näher ins Blickfeld:
Menschen, die einsam oder anderweitig in irgendeiner Art von psychischer Ausnahmesituation sind und dadurch zu unkritischen Kontaktaufnahmen neigen. Diese Rahmenbedingung, die Ede 1985 im Fall Ulrike G. sogar zu einer gewagten Opferrollen-Theorie verleitete und die im Juni 1990 bei dem Mord an Ivan P. auf klassische Art in Erscheinung trat, führte auch in der Oktobersendung 1990 dazu, dass ein Mensch auf dramatische Weise Opfer besagter Art der Kontaktaufnahme wird.
Mein heutiges Review soll sich dem ersten Filmfall der Sendung vom 05.10.1990 widmen, dem Mord an einem Mann aus Ex-Jugoslawien in Stuttgart.
Im Mittelpunkt der Fahndung steht ein vom Täter verwendetes Finnenmesser.

DER FALL:
Der Mann um den es geht, heißt Branko L. Er stammt aus Kroatien und lebt seit Ende der 60er Jahre in Deutschland. Sein Leben sei, wie Michael dem Zuschauer berichtet, keine Erfolgsstory – eine Anmerkung, die er sich Kurt sei Dank sogar fast hätte sparen können. Denn wenn man sieht, mit welch vielsagender Null-Bock-Miene das Opfer durch seine spartanische Einzimmerwohnung schlurft und die Überbleibsel des letzten Besäufnisses vom Tisch räumt, kann man sich als Zuschauer schon denken, was hier Ambach ist. Wie der Zuschauer weiterhin erfährt, kann Branko L. seit einem Herzinfarkt keiner regulären Arbeit mehr nachgehen und lebt seitdem mehr schlecht als recht von einer kleinen Rente. Er trägt sich sogar mit dem Gedanken, nach Jugoslawien zurückzugehen – und das will 1990 sicher was heißen! Wie es sich für ein typisches XY-Einsamkeitsopfer gehört, hat Branko L. natürlich auch zu seinen Nachbarn keinen Kontakt. Vielmehr sind selbige nicht sonderlich gut auf ihn zu sprechen, da er in letzter Zeit öfters Männer in ihr ehrenwertes Haus schleppt, die „nicht gerade einen vertrauenserweckenden Eindruck machen“ (Michael). L. gibt diese Gestalten seinerseits als hilfsbedürftige Männer aus, die er lediglich zum Essen einlade. Während Michael diese Situation schildert, steigt Branko L. in seinen roten…hmmm, Opel Ascona? Ford Escort? Zumindest für mich ist das eine offene Schlumpfauto-Frage. Anyway, das spätere Opfer steigt jedenfalls in seinen Wagen, nachdem es sich einen oberfiesen Gestapo-Ledermantel übergeworfen hat.

An dieser Stelle tritt das obligatorische XY-Zeugenehepaar in Szene: Sie Hausfrau, er Frührentner, und zumindest sie hat einen routinierten (Fenster)blick für jede Normabweichung in der näheren Umgebung. Er wartet passend dazu mit Kommentaren zum gesunden Volksempfinden auf. Der folgende Dialog bildet die Basis für eine herrliche XY-Episode aus dem Spießermillieu:
„Was isch´n da?“
„Ach, nix – der L. isch wegg´fahre.“
„Dann wird er bald wieder mit irgend so einem Penner nach Hause komme!“
„Na, soll er mache – hat ja sonscht niemand!“
„Trotzdem! Er braucht die Type net immer ins Haus bringe!“
Es fehlte eigentlich nur noch, dass Männe sich Notizen macht wie die Autohasser-Oma im November 1975 oder, noch krasser, die logbuchführende Nachbarin des nächtlichen Klavierspielers im September 1996.

Nach dem engagierten Frührentnerappell an irgendeine nicht genau definierte Ordnung wird jedenfalls der letzte Tag im Leben von Branko L. rekonstruiert: Dienstag, der 23. Januar 1990.
Am frühen Nachmittag dieses Tages besucht das spätere Opfer zunächst seinen Hausarzt. Mit dem Kamerazoom nach der Wischblende schafft es Kurt Grimm auf prägnante Weise, das dominierende Element in ärztlichen Wartezimmern zu fokussieren. Nein, nicht Herr Klausner mit den Sandalen über den Tennissocken, sondern langweilige Zeitschriften, die aktuellste davon aber immerhin vom 26. März 1955 ;-)

Nach dem Arztbesuch hält sich Branko L. eine Weile in der Stadt auf. Vermutlich hat er dort einen Mann kennen gelernt, mit dem er sich für den Abend zum Essen verabredet. Als er im Supermarkt die Zutaten dafür einkauft, beweist er Patriotismus, während er eine Paprikaschote nach der anderen begrabbelt: „Ist nicht von Yugoslavia, das Paprika?“ (Jau, genau so kaufe ich in England auch immer ein: „Ain´t they from Germany, these bananas?“) Nachdem die Verkäuferin ihm Spanien als Herkunftsland nennt, kauft L. schließlich trotz dieses schweren Vaterlandsverrates vier Stück.

Abends kurz nach 19 Uhr sitzt das eben beschriebene, über Branko L. wohnende Ehepaar dann zusammen mit einer Pflegelassie im Wohnzimmer vor der Glotze. Während es den 1976er-schlaghosentragenden Gatten ins Bett zieht, will sich seine Frau noch eine Sendung ansehen: „Die mit dene drollige Kinder!“ (gemeint ist „Dingsda“ mit Fritz Egner – nanu? Da war man ja wieder mal großzügig: In einem XY-Filmfall darf ARD geguckt werden und nicht zwangsläufig ZDF, bemerkenswert! ;-))

Währenddessen wird Branko L. von seinem Gast gründlich versetzt und isst schließlich verärgert allein. Gegen 19 Uhr 30 jedoch kommt sein Gast dann aber doch noch. Das Klingeln wird von der Hausfrau im Stockwerk darüber gehört. Was danach in der Wohnung von Branko L. geschieht, konnte nur lückenhaft rekonstruiert werden. Der Zuschauer sieht den Besucher ein relativ großes Messer zücken, und die Frau im ersten Stock hört einen Schrei und ein Poltern. Als sie ans Fenster tritt sieht sie, wie ein junger Mann mit langen Haaren das Grundstück fluchtartig verlässt. Branko L., der daraufhin das Haus verlässt und eine grässliche Ballonseiden-Joggingjacke trägt, schwankt zwar etwas, dass er aber schwerverletzt ist, sieht die Zeugin nicht.

Es folgt eine schonungslose und beklemmende Szene, in der das schwerverletzte Opfer mit einem Messer im Körper in Richtung eines nahegelegenen Krankenhauses torkelt. Zu allem Unglück zieht Branko L. das Messer auch noch aus der Wund und verschlechtert so noch zusätzlich seine Überlebenschancen. Die Szene wird von düsterer Spannungsmusik untermalt, was die Qualen des Opfers ziemlich authentisch rüberbringt. Auch der Darsteller überzeugt hier. Im Krankenhaus schließlich kann er nach einer dramatischen Aufnahme- und Namensnennungsszene („L. Branko, Yugoslavia, verstehen?“) gegenüber dem Arzt und den hinzugekommenen Polizeibeamten einige bruchstückhafte Angaben zu den Ereignissen machen: „War arme Mann aus DDR. Ich getroffen heute. Eingeladen zum Essen…auf sieben Uhr. Er kommt viel später…mit Messer! Großes Messer! Er sofort stechen…“ Die Personenbeschreibung fällt recht vage aus, die Beamten erfahren etwas von schwarzen Haaren, Schnurrbart, Jeans und einer Feldflasche.

„Branko L. konnte nicht gerettet werden, und seine Angaben waren leider zu spärlich, um den Täter zu ermitteln.“
Das teilt Ede dem Zuschauer mit, nachdem der Film kurtgerecht mit der sich schließenden OP-Tür endet und ein finnisches Jagdmesser als wichtigster Fahndungsansatz präsentiert wird.

FAZIT:
Alles in allem kann man den Film als gelungene Umsetzung einer tragischen Geschichte bezeichnen. Der Beginn kommt einem fast so vor wie eine Light-Version des Immobilien-Hochstaplers Lorenz D. (Mai 198. Der Fall lebt nicht so sehr von Gruseleffekten, sondern von Schonungslosigkeit. Die sehr akribische und stellenweise fast blutrünstige Darstellung des leidenden Opfers und die dramatische Krankenhausszene könnten manch einem stellenweise das Gefühl geben, RTL zu gucken. Doch Kurt Grimms geniale Kameraführung und der angemessene, wohldosierte Einsatz von Spannungsmusik bewahren den Film davor, ins Geschmacklose abzugleiten. Zudem macht der Hauptdarsteller seine Sache hier auch recht gut und bringt das desillusionierte, vom Leben gezeichnete Opfer durchaus überzeugend rüber.
Den drei Sternen in der Netakte kann ich zustimmen! :-)
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