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SF 2 20.10.1972 (Kripo Kiel) Der Lesbenmord von Schenefeld (Mordfall Wolfgang I.)

in Studiofälle 29.09.2020 02:36
von bastian2410 • 1.616 Beiträge

SF 2 20.10.1972
(Kripo Kiel) Der Lesbenmord von Schenefeld (Mordfall Wolfgang I.)

Teil 1


Es war nur ein Studiofall in Aktenzeichen xy, es ist aber unter Kriminologen einer der bekanntesten Kriminalfälle. Nur wenige in diesem Forum werden diesen Fall kennen, das liegt wohl daran, dass bei der xy- Fahndung nur die Suche eines PKW in Vordergrund steht- der Opfername wird nicht genannt. Als die Beamten Ende Oktober 1972 zu einem Tatort nach Schenefeld nahe Hamburg gerufen werden, kennen sie noch nicht die Geschichte, die hinter diesem Mord steckt. Zwei Frauen veranlassen den Mord an einem Mann, der ihre Liebe wohl im Weg steht. Nach der Verhaftung der Frauen steht nicht die Tat, sondern die sexuelle Gesinnung der Täterinnen im Vordergrund. Die Boulevardpresse schlachtet den Fall aus, die Bevölkerung ist gespalten; es beginnt eine Hexenjagd wie in früheren Jahrhunderten. Das Fotografien während der Verhandlung wird erlaubt und Eintrittskarten werden verteilt. Es ist aber auch die Geburtsstunde der Aktivistinnen der Frauenrechte. Sie stören zwar den Prozeß, machen aber auch auf die Rechte der Frauen aufmerksam. Und immer beachten: Wir sind im Jahre 1972- Homosexualität war teilweise noch strafbar und in der Gesellschaft verpönt.

(Anm: Opfer- und Täternamen werden nicht genannt, obwohl diese im Internet leicht zu finden sind- die juristische Aufbereitung in diesem Fall steht im Vordergrund. Es gab aber auch Nebenschauplätze außerhalb des Prozesses, auf die ich auch in Grundzügen eingehen werde. Ich möchte betonen: Prozeßreviews geben nicht meine persönliche Meinung wieder. Auch die Wortwahl (zB Lesbenmord) gehört nicht zu meinem Jargon, wurde aber von der Boulevardpresse so eingeführt und geprägt.)

Der Fall

Ort dieses Verbrechen ist Schenefeld, eine Stadt im Kreis Pinneberg im südlichen Teil des Bundeslandes Schleswig-Holstein und ein Teil der Metropolregion Hamburg. Obwohl Schenefeld zu Schleswig-Holstein gehört, gab und gibt es wegen der geografischen Nähe infrastrukturelle Anbindungen an Hamburg. Bis zum 1. Juli 1993 gab es eine gemeinsame Postleitzahl (2000), die Zugehörigkeit zum telefonischen Ortsnetz Hamburgs besteht bis heute. Anfang der 70er hat der Vorort von Hamburg ca. 15000 Einwohner.

Einer der Einwohner dieser Stadt ist auch der 38jährige Gemüsehändler Wolfgang I. Die Familie ist bekannt in Hamburg, da seine Familie seit mehreren Generationen einen Gemüseladen in Hamburg- Hamm betreibt. Wolfgang I. ist verheiratet mit der 29jährigen Marion und hat zwei Kinder. Marion, in Hamburg geboren, kommt als kleines Mädchen nach Kopenhagen zu Pflegeeltern, daher spricht sie Dänisch fast besser als Deutsch. Mit 14 Jahren kehrt das junge Mädchen zurück nach Hamburg und beginnt in einem Bäckerladen eine Lehre als Verkäuferin. Nur wenige Meter entfernt betreibt Wolfgang I. seinen Gemüseladen. Ihm fällt sofort das Mädchen auf, die öfters auch in seinem Laden einkauft und beide verlieben sich schnell ineinander.
Den Eltern von I. ist die Beziehung ein Dorn im Auge, sie halten Marion als Lebenspartnerin von Wolfgang als nicht standesgerecht. Trotzdem müssen beide heiraten, als Marion schwanger wird. Die Eltern von I. kaufen dem Paar in Altona einen Gemüseladen, der allerdings nicht sehr gut geht. Nach kurzer Zeit muss das Ehepaar Insolvenz anmelden und den Laden aufgeben.

Die Familie zieht nach Schenefeld und eröffnet erneut einen Gemüseladen. Dieser Laden läuft besser. Das Familienglück scheint nach der Geburt der zweiten Tochter nach außen hin perfekt. Jedoch häufen sich die Probleme in der Ehe und das Paar schreitet sich immer öfters. Marion fühlt sich in der Kleinstadt unwohl und will der kleinbürgerlichen Welt von Schenefeld entfliehen. Sie nimmt an Gewicht zu und vernachlässigt die Erziehung ihrer Kinder. Die ältere Tochter kommt daher zu den Pflegeeltern von Marion nach Kopenhagen.

Im September 1971- gut ein Jahr vor der Tat- verschwindet Marion. In der Wohnung hinterlässt sie einen Abschiedsbrief mit den Worten: „Ich fange ein neues Leben an." Im Mai 1972 kehrt sie nach Schenefeld und zu ihrem Ehemann zurück. Obwohl Gerüchte im Ort aufkommen, dass die zweite Tochter nicht von ihrem Ehemann stammt, nimmt sie Wolfgang I. wieder auf. Im Sommer 1972 schließt I. sogar eine hohe Lebensversicherung zugunsten seiner Frau ab.

Die Probleme bleiben jedoch, auch nach ihrer Rückkehr ist Marion I. das Leben in Schenefeld „zu klein“. Im Juli/August 1972 bittet sie daher ihren Mann um die Scheidung und reicht eine Klage wegen ehewidriges Verhaltens gegen ihren Mann ein. Wolfgang I. widerspricht jedoch ihren Wunsch und besteht- auch aufgrund seiner religiösen Erziehung und seinem Ansehen in der Gemeinde- auf Fortbestand der Ehe. Er macht deutlich, dass auch Marion nichts anderes übrigbleibt, als die Ehe fortzuführen. Im Falle einer Scheidung würde sie nicht nur die Kinder verlieren, sie stände auch ohne Geld da. Diese Tatsache macht ihr Wolfgang sehr deutlich.

Marion I. ist verzweifelt und bittet eine Freundin aus Dänemark ihr beizustehen. Judy A. kommt nach Schenefeld und zieht in das Haus der Familie I. ein. Im Laufe ihres Aufenthaltes kommt es immer wieder zu Streitigkeiten zwischen ihr und dem Ehemann von Marion und Judy A. wird Mitte Oktober 1972 von Wolfang I. aus dem Haus geschmissen.

Es ist der 20. Oktober 1972. Wolfgang I. macht gegen 8 Uhr seinen Gemüseladen auf. Der Vormittag verläuft normal. Gegen halb 1 schließt Wolfgang I. den Laden für eine Mittagspause für 2 Stunden zu. Die Mittagspause verbringt I. idR im Laden, daher hat er sich im Geschäft auch ein Hinterzimmer eingerichtet. Zunächst verbringt er die Pause mit seiner Ehefrau und seiner jüngeren Tochter Sabine. Als I. jedoch einschläft, bittet Marion ihre Tochter, sie in die Stadt zu begleiten, um Blumen für die Wohnung zu kaufen. Mutter und Tochter verlassen daher um kurz vor 14 Uhr den Gemüseladen.
Als Marion I. mit ihrer Tochter zum Gemüseladen zurückkehrt, ist bereits die Polizei vor Ort. Der Konditormeister Hartmut G.- eine Nachbar und Freund von I.- hatte eine offene Tür bemerkt und die Polizei verständigt. Wolfgang I. liegt tot in seinem Hinterzimmer auf einer Couch. Da er Kopfverletzungen und Stichverletzungen am Körper aufweist, wird sofort eine Soko eingerichtet. Die Beamten stellen fest, daß der Gemüsehändler durch sechs Stiche mit einem Messer ins Herz getötet worden war. Zudem muss sich das Opfer heftig gewehrt haben- ein blutbeflecktes Beil, dessen Stiel abgebrochen war, wird am Tatort ebenfalls gefunden. Vor seiner Flucht hat sich der Täter zudem an der Ladenkasse bedient, da dass Wechselgeld fehlt. Zudem fehlen fünf Automatenschlüssel, ein Opel-Etui mit Autoschlüssel, der Briefkastenschlüssel und vier flachen Sicherheitsschlüsseln sowie die Kienzle- Herrenarmbanduhr des Opfers, silberfarben mit schwarzem Lederarmband.

Nachdem Marion I. von dem Tod ihres Mannes unterrichtet wird, bricht sie zusammen und wird in ein Krankenhaus eingeliefert. Die weitere Tatortuntersuchung ergibt, dass der Täter auf sein Opfer im Haus gewartet haben muss, da eine Bierdose und Essenreste unter der Kellertreppe des Ladens gefunden werden. Auf der Bierdose wird ein Fingerabdruck sichergestellt, der Abgleich mit gespeicherten Fingerabdrücken in der Datenbank des LKA und BKA verläuft jedoch ergebnislos- der Fingerabdruck vom Tatort ist nicht gespeichert.

Zudem ist der Täter mit den Wagen von Wolfgang I. vom Tatort geflohen- einem metallic-braunen Opel Rekord 1900 mit dem Kennzeichen PI-C 213. Die Beamten der Kripo Kiel entscheiden sich, bereits 6 Stunden nach der Tat einen Fahndungsaufruf in Aktenzeichen xy zu starten. In der Sendung vom 20.10.1972 steht alleine die Suche nach dem PKW im Vordergrund- Hintergründe zu Tat werden nicht genannt.

In der Spätsendung berichtet Ede Zimmermann zwar, dass das Gebiet, in dem das Auto zu suchen ist, sich sehr deutlich verengt habe. Aber bereits zum Zeitpunkt der Spätsendung ist der Opel Rekord gefunden- er wurde vom Täter auf St. Pauli abgestellt. In der Sendung meldet sich zudem ein Zeuge, der den Wagen bereits eine halbe Stunde nach der Bluttat gegen 14.30 Uhr vor dem Haus Bernstorffstraße 74 in Altona gesehen haben will und auch den Fahrer begegnet ist. Aufgrund seiner Aussage wird ein Phantombild angefertigt: Der Mann soll 20 bis 25 Jahre alt und 165 bis 175 Zentimeter groß sein, hat dunkelblondes, mittellanges Haar und einen Oberlippenbart. Er trug eine dunkelblaue Stoffjacke, eine dunkle Hose und einen hellen Pullover mit etwa zwei Zentimeter breiten blauen Querstreifen.

Der Wagen des Opfers wir kriminaltechnisch von der KTU untersucht. Auch hier stellen die Beamten Fingerabdrücke sicher. Neben den Fingerabdrücken des Opfers und seiner Ehefrau finden die Beamten Abdrücke, die identisch sind mit den Spuren, die am Tatort vorgefunden wurden.
Die Kripo ermittelt auch im familiären Umfeld von Wolfgang I. und stellt fest, dass sich Marion I. von ihrem Mann scheiden lassen wollte- die Ehefrau hat somit nach Ansicht der Kripo ein Motiv. Der Verdacht lässt sich jedoch zunächst nicht erhärten, da Marion I. zum Tatzeitpunkt ein Alibi hat und die Tatortspuren gegen ihre Täterschaft sprechen.

Eine Woche nach der Tat wird Wolfgang I. unter großer Anteilnahme beigesetzt. Auch die Kripo Kiel ist vor Ort und beobachtet die Trauerfeier. Es wird nicht ausgeschlossen, dass auch der Täter unter den Trauergästen ist. Eigentlich läuft die Beerdigung ohne besondere Vorkommnisse ab, jedoch fällt den Beamten eine Sache auf: die Witwe von Wolfgang I. wird von einer jungen Frau begleitet, die sich von anderen Gästen abhebt: sie ist verschleiert und mit Minirock und Lackstiefeln bekleidet. Zudem fällt das sehr innige und zärtliche Verhalten der beiden Frauen auf. Beide Frauen halten während der ganzen Zeremonie Händchen und streicheln sich öfters über die Haare bzw. Gesicht.

Als die Beamten am nächsten Tag Marion I. für weitere Vernehmungen besuchen wollen, erfahren sie, dass diese Frau bei der Witwe seit dem Mord an Wolfgang I. in das gemeinsame Haus eingezogen ist. Marion I. sagt aus, dass diese Frau eine Freundin sei und ihr seit dem Mord an ihrem Mann zur Seite steht. Die Kripo erfährt, dass die Frau Judy A. heißt, 24 Jahre alt ist und aus Kopenhagen kommt. Beide haben sich bei einem Urlaub der Familie I. in Dänemark kennengelernt. Judy A. gibt an, dass sie lesbisch sei, verneint jedoch eine Beziehung zu Marion I. In einen Urlaub der Familie sei eine Freundschaft entstanden- auch zu Wolfgang I.- und jetzt wolle sie ihre Freundin in dieser Zeit beistehen.

Jetzt werden die Beamten der Kripo Kiel stutzig. Marion I. hat seit ihrer Kindheit Kontakte nach Dänemark- ihre Pflegeeltern wohnen in Kopenhagen- und zudem wohnt einer ihrer Töchter ebenfalls bei Pflegeeltern in Kopenhagen. Die Kripo erbittet bei Interpol ein Rechtshilfegesuch und schickt die vom Tatort gesicherten Spuren nach Kopenhagen.

Teil 2: Das Rechtshilfegesuch führt zu einer Festnahme in Dänemark. Eine unglaubliche Geschichte wird aufgedeckt. Mehrere Mordversuche hatte Wolfgang I. bereits überlebt- der letzte war jedoch erfolgreich. Aber die Story geht noch weiter…


Zwei Fälle, die wieder einmal nachdenklich machen, gerade im Hinblick auf das Anhalterunwesen." (Zitat Zimmermann FF 3 17.01.1986)
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#2

RE: SF 2 20.10.1972 (Kripo Kiel) Der Lesbenmord von Schenefeld (Mordfall Wolfgang I.)

in Studiofälle 01.10.2020 07:47
von ibbed • 26 Beiträge

Sehr interessanter Fall. ich freue mich schon auf Teil 2. :-)

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#3

RE: SF 2 20.10.1972 (Kripo Kiel) Der Lesbenmord von Schenefeld (Mordfall Wolfgang I.)

in Studiofälle 02.10.2020 03:44
von bastian2410 • 1.616 Beiträge

SF 2 20.10.1972
(Kripo Kiel) Der Lesbenmord von Schenefeld (Mordfall Wolfgang I.)
Teil 2

Und dann der Erfolg Ende Oktober 1972: der Fingerabdruck auf der Bierdose führt zu einem Täter. Am 2. November 1972 wird der 23 Jahre alte Däne Denny Swend P. im Hotel „Stadion" in Kopenhagen festgenommen. Er ist wegen mehrfachen Autodiebstahl vorbestraft, daher waren seine Fingerabdrücke gespeichert. Mit der Verhaftung von Denny P. kann auch eine Verbindung zu Judy A. hergestellt werden. Bereits am 15. September 1972 hatte P. versucht, mit einem gestohlenen Auto nach Deutschland einzureisen. An der dänisch- deutschen Grenze hätten Zollbeamte das Fahrzeug aber nicht durchgelassen. Die deutschen Beamten an der Grenze hatten jedoch nicht die Befugnis, P. festzunehmen. Die Grenzbeamten nehmen jedoch die Personalien der Insassen auf. Im Wagen sitzt auch Judy A.

Bereits beim ersten Verhör gesteht der Däne den Mord von Schenefeld. Denny P. behauptet vor der Kriminalpolizei, von der Frau des Gemüsehändlers und Judy A. für einen Lohn von 1500 DM zum Mord angestiftet worden zu sein. Mit Judy A. war er vor Jahren mal in einer Beziehung gewesen. Zwischen den beiden Frauen habe sich nach P.´s Angaben nach einem Urlaub der Familie I. in Dänemark eine intime Beziehung entwickelt, die auch das Motiv für die Anstiftung zum Mord gewesen sein soll. Nachdem das Verbrechen verabredet worden war, reiste P. mit den Frauen nach Hamburg. Am 20. Oktober wurde er von Marion I. um 9 Uhr morgens, als ihr Mann zum Gemüsemarkt gefahren war, durch eine Hintertür in das Haus des Händlers eingelassen. Dort gab ihm die Ehefrau die Mordwaffe, ein Beil, eine Flasche Bier, einen Apfel und eine Banane. Dann machte Marion I. ihm klar, dass sie gegen 12.45 Uhr gemeinsam mit ihrem Mann Mittagspause machen werde. Für diesen Zweck hatte sich das Ehepaar im Geschäft ein Hinterzimmer eingerichtet. Nur wenige Meter von der Kellertreppe entfernt, unter der sich Denny Svend P. versteckt hielt.

Kurz nachdem der Gemüsehändler eingeschlafen war, ging Marion I. mit ihrer Tochter Sabine spazieren. Es sei abgesprochen gewesen, dass dieser Ausflug ihr ein Alibi liefern sollte. Wenige Minuten, nachdem Mutter und Tochter das Haus verlassen hatten, habe er zweimal mit dem Beil auf den Schlafenden eingeschlagen. Als sich das Opfer noch regte, habe er dann mehrmals mit seinem Taschenmesser zugestochen. Nachdem er noch 40 DM aus der Ladenkasse genommen hatte, sei er mit dem Wagen seines Opfers nach Hamburg geflohen. Den Lohn für die Tat habe er allerdings nicht bekommen.
Keine 24 Stunden nach der Festnahme in Kopenhagen werden in Schenefeld Marion I. und Judy A. wegen des Verdachts auf Anstiftung zum Mord festgenommen. Judy A. gesteht nach 6 Stunden Verhör die Anstiftung. Da sich Wolfgang I. einer Scheidung widersetzte, reifte in den beiden Frauen der Plan, ihn zu töten. In einem Kopenhagener Café im Viertel Österbro war der "Mord auf Bestellung" geplant worden. Denny Svend P., Marion I. und Judy A. hatten sich dort im September 1972 getroffen. Die Freundinnen überredeten den jungen Mann, Wolfgang I. aus dem Weg zu schaffen und boten ihm 1500 DM und die Begleichung seiner Schulden an. Der Mörder wurde allerdings geprellt, denn Judy A. gibt bei der Vernehmung zu, daß der junge Däne nie einen Pfennig für die Tat bekommen habe und er „ohne einen Pfennig in der Tasche“ nach Dänemark zurückgekehrt war.

Bei der Vernehmung erfahren die Beamten zudem, dass beide Frauen bereits vor dieser Anstiftung versucht haben, einen Mörder zukaufen. Dem Mann, von dem nur der Vorname Helge bekannt ist, sollen 30000 Mark versprochen worden sein. "Helge" führte die Tat allerdings nicht aus, sondern informierte Wolfgang I. Der Gemüsehändler glaubte ihm jedoch kein Wort und warf ihn aus dem Haus.

Marion I. streitet eine Tatbeteiligung ab und gibt lediglich zu, dass in ihrem Haus mal ein fremder Mann gewesen sei. Sie wußte lediglich, dass er aus Kopenhagen kam und mit Judy A. bekannt war.

Gegen beide Frauen wird Haftbefehl wegen der Anstiftung zum Mord erlassen und die Tatverdächtigen werden in die JVA Lauerhof in Lübeck eingeliefert.
Am 3. November wird Denny D. in Kopenhagen den Haftrichter vorgeführt und wiederholt sein Geständnis. Er habe seit längerer Zeit im Hotel "Stadion" in Kopenhagen gelebt. Er war arbeitslos und lebte von Unterstützung. Im Hotel "Stadion" habe er auch die Kranführerin Judy A. wieder getroffen, mit der er mal eine Beziehung gehabt habe. Durch Judy A. kam er auch mit Marion I. und ihren in Dänemark lebenden Bekannten zusammen. „Wir müssen uns beeilen, der Mann muss weg!" Diesen Befehl habe ihm Judy A. am 17. Oktober in einem Kopenhagener Café gegeben.

Nachdem der Mord vereinbart worden war, sei er mit dem Zug zusammen mit Judy A. nach Flensburg gefahren. An der Grenze musste er jedoch aussteigen, weil er keinen gültigen Pass mit sich geführt habe. Er habe sich dann allein über die Grenze geschlagen und traf Judy A. und Marion I. in Schenefeld wieder. Durch eine Hintertür wurde er in den Keller des Hauses geführt und ihm das Hinterzimmer gezeigt. Da er den Mann nicht erdrosseln wollte, haben ihm die Frauen ein Beil gegeben. Sie sagten noch: „Mach es gut!" Hinter der Kellertreppe habe er dann über 4 Stunden gewartet. Als Wolfgang I. nach seinem Mittagsschlaf aufwachte, habe er mit dem Beil zweimal zugeschlagen. Als er sich noch regte, habe er sein Taschenmesser gezogen und dem Mann mehrere Male ins Herz gestochen. Danach nahm er aus der Ladenkasse des Geschäftes 40 Mark, die Autoschlüssel von I. und fuhr mit seinem Wagen nach Altona- dort habe er Judy A. getroffen. Judy sei nach Kopenhagen weitergefahren. Da er um seinen Lohn geprellt wurde, musste er sich vom dänischen Konsulat in Hamburg eine Fahrkarte nach Kopenhagen besorgen, da er keinen Pfennig hatte.

In den weiteren Vernehmungen gesteht schließlich auch Marion I. die Tat. Sie gibt zu, den Dänen Denny Swend P. am 17. Oktober 1972- 3 Tage vor der Tat- zusammen mit ihrer Freundin zum Mord an ihren Mann angestiftet zu haben. Ihr Motiv: Ihr Ehemann stand den intimen Beziehungen zu ihrer Freundin im Wege. Seit der Geburt ihrer zweiten Tochter habe sie unter sexuellen Störungen gelitten. Sie habe die Nähe zu ihrem Mann nicht mehr ertragen und wollte der spießigen Welt von Schenefeld entfliehen. Mehrmals habe sie versucht wegzulaufen, kehrte aber immer wieder zurück. Nachdem sie Judy A. bei einem Familienurlaub kennen und lieben gelernt hat, wollte sie die Scheidung. Für ihren Mann kam auch aufgrund seines Ansehens in Schenefeld dieses nicht in Betracht. Ab diesen Zeitpunkt reifte in ihr der Gedanke, ihren Mann zu töten. Ihre Freundin hatte sie schon lange davor versucht zu überzeugen, diesen Schritt zu gehen.

In ihrem Geständnis gibt Marion I. zudem zu, bereits 4 Wochen vor der Tat zusammen mit ihrer Freundin versucht zu haben, ihren Mann durch einen Auftragsmörder zu töten. Die treibende Kraft sei dabei ihre Freundin Judy gewesen. Bereits am 14. September hatte Judy A. versucht, im Kopenhagener Café Tinghuset zwei Auftragsmörder anzuheuern- nämlich Denny Svend P. und einen gewissen Svend Ove Wilhelm H., ein Kanadier dänischer Abstammung. Es sei geplant gewesen, ihren Ehemann mit einem Schlafmittel zu betäuben und seinen Kopf dann gegen einen Heizungskörper zu stoßen, damit es wie ein Unglücksfall aussehe. Am 15. September seien die Drei mit einem von P. in Kopenhagen gestohlenen Wagen Richtung Deutschland gefahren. An der dänisch- deutschen Grenze hätten Zollbeamte das Fahrzeug aber nicht durchgelassen. Die Beamten hatten damals die Personalien aufgenommen und konnten so eine Verbindung von Svend P. zu Judy A. und Marion I. herstellen. Festgenommen wurde jedoch keiner.

Nach dieser Aussage wird Svend Ove Wilhelm H. in Dänemark per Haftbefehl wegen versuchten Mordes gesucht. Er stellt sich keine 24 Stunden nach dem Fahndungsaufruf in Kopenhagen den Behörden und bestätigt die Fahrt nach Deutschland, streitet aber ab, von dem Mordplan gehört zu haben. Für ihn sei die Fahrt nach Hamburg ein Ausflug gewesen. Daher habe er sich auch freiwillig gestellt, weil er hörte, dass die Polizei ihn suche.

Am 2. Mai 1974 beginnt in Dänemark der Prozeß gegen Svend P. Zunächst wiederholt der Däne vor dem Geschworenengericht des Kopenhagener Oberlandesgerichts sein Geständnis, im Oktober 1972 den 38jährigen Gemüsehändler Wolfgang I. im Keller dessen Ladens in Schenefeld ermordet zu haben.

Zudem führt der Angeklagte weiter aus: „Mir ging es sehr schlecht an diesem Tag. Ich nahm vier Vitamintabletten. Halb betäubt von Alkohol und den Tabletten, wartete ich in einer Nische unter der Kellertreppe. Marion, die wir „Mutzi“ nannten, drückte mir erst eine Axt und dann noch ein Bier in die Hand. Danach entfernte sie sich mit den Worten: „Er schläft jetzt, und ich gehe Blumen kaufen. „Ich erinnere mich nur daran, die Axt geschwungen zu haben, nicht aber daran, wie und wie viele Male ich traf.“

Auf die Frage des Gerichts, warum er dann noch mehrmals mit einem Messer zugestochen habe, antwortet P:„ Ich konnte nach den Beilschlägen nicht mehr atmen und öffnete ein Fenster. Als ich den Raum verlassen wollte, vernahm ich plötzlich ein Stöhnen und dachte, dass der Mann mich möglicherweise verfolgen wird. Ich muss dann wohl in Panik geraten sein und stach mit einem Taschenmesser auf Wolfgang I. ein. Von diesem Augenblick an erinnere ich mich an nichts mehr."
P. behauptet allerdings auch, anfangs nur zum Schein auf den Mordanschlag eingegangen zu sein. Er habe die Tat jedoch ausgeführt, weil Marion ihm im Keller unter Druck gesetzt habe und er ohne Geld „verrecken“ würde in Deutschland.

Der Tatablauf in Schenefeld, die Indizien gegen den Angeklagten - wie zB der Fingerabdruck auf der Bierflasche- und Zeugenaussagen- auch von Judy A. und Marion I.- werden aus den Ermittlungsakten aus Deutschland verlesen. Zeugen werden nicht geladen.

Um den Geisteszustand von P. zu untersuchen, hat das Gericht Gutachter bestellt, um auch die Schuldfähigkeit des Angeklagten festzustellen. In dem Gutachten wird Svend P. als „charakterschwach und gefühlsarm" bezeichnet Er sei unreif, wenig widerstandsfähig und könne die Folgen seines Handelns nur in geringem Maße übersehen. Nach den Feststellungen der Mediziner hat P. ein zusätzliches X-Cromosom, dessen Träger nach einer bisher umstrittenen kriminologischen Auffassung von Natur aus zu kriminellen Handlungen neigen kann.
Der Däne, der als Dreijähriger Meningitis (Hirnhautentzündung) hatte, blickt außerdem auf eine schwere Kindheit zurück. Von der Mutter nicht geliebt und früh verstoßen, verbringt er die meiste Zeit seiner Kindheit in Heimen. Für eine Schuldunfähigkeit oder eine verminderte Schuldfähigkeit liegen jedoch keine Anzeichen vor, da P. trotz seiner Charakterschwächen durchschnittlich intelligent sei und auch Gut von Böse unterscheiden könne.

Die Anklage fordert in ihrem Plädoyer lebenslange Haft für den Angeklagten. Der „Mord auf Bestellung“ sei eindeutig bewiesen und P. aufgrund der Indizien und seines Geständnisses der Täter. Die Tat sei heimtückisch gewesen, da sein Opfer von diesem Angriff überrascht wurde und keine Chance gehabt hätte, sich zu wehren. Milderungsgründe seien nicht ersichtlich, wie auch von den Gutachtern ausgeführt wurde.

Die Verteidigung sieht den Anklagepunkt Mord ebenfalls für bewiesen an, fordert jedoch aufgrund der Einschätzung der Gutachter eine Sicherheitsverwahrung (in Deutschland würde das Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik bedeuten). Es sei nicht auszuschließen, dass P. zur Tatzeit vermindert schuldfähig war. Zudem sei der Angeklagte in diesem Fall das kleinste Rad- die treibenden Kräfte seien in Deutschland inhaftiert. Eine zeitliche Strafe sei daher gerechtfertigt und tat- und schuldangemessen.

Die Geschworenen ziehen sich zur Beratung zurück, kommen aber in einer ersten Abstimmung nicht zu einem Urteil. Sie bitten das Gericht um eine Kopie der Gutachterberichte, um den genauen Wortlaut nachvollziehen zu können und sich ein genaues Bild über die Schuldfähigkeit des Angeklagten machen zu können. Gegen den Protest des Staatsanwaltes und mit Zustimmung der Verteidigung überlässt der Richter den zwölf Geschworenen eine Kopie des medizinischen Untersuchungsergebnisses.

Die zweite Abstimmung führt dann zum Schuldspruch: Der Angeklagte Denny Svend P. ist schuldig des Mordes an dem 38jährigen Gemüsehändler Wolfgang I. aus Schenefeld. Er wird von den 12 Geschworenen zu 16 Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Die Geschworenen folgen im weitesten Sinne den Interpretationen der Verteidigung und können eine verminderte Schuldfähigkeit um Tatzeitpunkt nicht ausschließen. Auch sind sie der Ansicht, dass der Angeklagte mehr als Werkzeug von seinen Anstifterinnen benutzt wurde und nicht die treibende Kraft war. Eine Sicherungsverwahrung sei jedoch nicht erforderlich.
Nach kurzer Bedenkzeit nimmt P. das Urteil an. Eine Berufung in Dänemark kann sich nicht gegen den Schuldspruch, sondern nur gegen das Strafmaß richten.

Teil 3: Jetzt geht es los- der Prozess gegen die zwei Frauen in Itzehoe. Die Gerichtsbarkeit, die Presse und auch die Bevölkerung haben kurze Zeit nach dem Prozess von Lebach nichts gelernt. Es folgt ein Schauprozess. Das Filmen und Fotografieren während (!!!) des Prozesses ist erlaubt; das Liebesleben der Angeklagten wird vor Gericht und in der Öffentlichkeit ausgeschlachtet. Aktivistinnen stören den Prozess und sprechen von einem Hexenprozess, der mit der Frauenliebe abgerechnet habe. Und es tritt zum ersten Mal eine Frau auf, die später einmal sagen wird: „Wegen Schenefeld habe ich die Zeitschrift Emma gegründet“.


Zwei Fälle, die wieder einmal nachdenklich machen, gerade im Hinblick auf das Anhalterunwesen." (Zitat Zimmermann FF 3 17.01.1986)

zuletzt bearbeitet 02.10.2020 03:47 | nach oben springen

#4

RE: SF 2 20.10.1972 (Kripo Kiel) Der Lesbenmord von Schenefeld (Mordfall Wolfgang I.)

in Studiofälle 12.10.2020 02:42
von bastian2410 • 1.616 Beiträge

SF 2 20.10.1972
(Kripo Kiel) Der Lesbenmord von Schenefeld (Mordfall Wolfgang I.)
Teil 3


In den weiteren Ermittlungen und Vernehmungen der Tatverdächtigen deckt die Kripo insgesamt 5 Mordaufträge auf. Im Juli 1971 wirft Marion I. ihrem Mann ehewidriges Verhalten vor und reicht die Scheidungsklage ein, weil die Ehe unheilbar zerrüttet sei. Das ehewidrige Verhalten ihres Mannes begründet Marion I. so: Er habe ihr vorgehalten, sie hätte ein lesbisches Verhältnis mit Judy A.. Doch Wolfgang I. wollte sich nicht scheiden lassen. Ab diesen Zeitpunkt planten die beiden Frauen den Komplott.

Ihre Suche nach einem Mörder ist nicht vergeblich. Im Sommer 1972 kreuzt ein Däne in Schenefeld auf. Ein Transvestit (der sogenannte Helge). Er warnt Wolfgang I.: „Deine Frau will dich umbringen lassen." Doch der Gemüsehändler lacht nur und schlägt die Warnung in den Wind.
Im Spätsommer 1972 mischt ihm seine Frau ein Schlafmittel in den Abendtrunk. Judy A. sollte ihn dann mit einer Rohrzange im Schlaf töten. Doch die Dänin traut sich nicht, der Plan wird aufgegeben. Jetzt ist den beiden Frauen klar, dass ein anderer für die Ausführung der Tat gefunden werden muss.
Für den 2. September wird ein weiterer Mordplan ausgeheckt. Man hatte einen Dänen angestiftet, der mit Wolfgang I. Streit beginnen und ihn dann erschlagen sollte. Der Plan platzte: Der Killer war zu betrunken.

Am 15. September wird dann Denny P. zum ersten Mal angeheuert. Zusammen mit Judy A. und einem weiteren Dänen (Svend Ove Wilhelm H.) fahren sie in einem gestohlenen Volkswagen in Richtung Deutschland. An der Grenze endet das Unternehmen mit der Zurückweisung des Trios. Bei dieser Gelegenheit werden Denny P. die Fingerabdrücke abgenommen. Sie wandern in die Kartei der dänischen Polizei.

Am 18. Oktober soll ein weiterer Mordanschlag verwirklicht werden. In einem Café in Kopenhagen wird am 17.10.1972 zwischen den Parteien der Komplott vereinbart. Am Morgen des 18. Oktober 1972 fahren Denny P. und die zwei Frauen nach Hamburg. Der Däne hat Probleme bei der Anreise, schafft es jedoch ohne gültigen Pass über die Grenze. Am Abend soll sich Denny P. in der Garage des Gemüsehändlers verstecken und auf dessen Heimkehr warten. Doch Wolfgang I. stellt den Wagen so ab, dass P. sich nicht aus seinem Versteck rühren kann. Er flieht schließlich durch ein Garagenfenster.

Und schließlich die erfolgreiche Tat vom 20.10.1972, als Denny P. sein Opfer in dessen Gemüseladen tötet. Wegen diesem Fall erhebt die Staatsanwaltschaft Itzehoe im Frühjahr 1974 gegen Judy A. und Marion I. Anklage wegen der Anstiftung des Mordes an Wolfgang I. Aufgrund der eindeutigen Beweislage in diesem Fall verzichtet die Staatsanwaltschaft auf die Anklage der versuchten Fälle der Anstiftung in den Monaten vor dem 20. Oktober 1972. Die Anklage wegen Anstiftung wird stattgegeben und der Prozessbeginn für den 19. August 1974 datiert. Das Gericht lädt insgesamt 14 Zeugen und 4 Gutachter vor.

Am 19.8.1974 wird der Prozess gegen Marion I. und Judy A. vor dem Schwurgericht Itzehoe eröffnet. Die Staatsanwaltschaft wirft den beiden Frauen einen heimtückischen Mord aus Habgier vor. Da sich Wolfgang I. einer Scheidung widersetzte, reifte in den beiden Frauen der Plan, ihn zu töten. Sie wollten frei sein für ihre lesbische Liebe, der Wolfgang I. im Wege stand. In einem Kopenhagener Kaffee im Österbro war der „Mord auf Bestellung" geplant worden. Die Freundinnen überredeten einen jungen Mann aus Dänemark, Wolfgang I. aus dem Weg zu schaffen. Sie boten ihm 1500 Mark und die Begleichung seiner Schulden an. Svend P. brachte Wolfgang I. dann durch Beilhiebe und Messerstiche um und floh mit einem Bahnticket der dänischen Botschaft in Hamburg nach Kopenhagen.

Inzwischen hatte die Mordkommission Itzehoe die Suche nach dem Mörder des Gemüsehändlers aufgenommen. Für die Tatzeit hatte Marion I. ein wasserdichtes Alibi. Das machte die Kripo stutzig und ermittelte im näheren Umfeld von Marion I., aber noch gab es keine Verdachtsmomente gegen die Angeklagte. Am Tatort hatte die Polizei auf einer Bierflasche einen Fingerabdruck entdeckt- dieser musste vom Mörder stammen. Aber bei der deutschen Polizei war der Abdruck nicht registriert. Erst als dann Judy A. bei der Beerdigung auftauchte- auffällig gekleidet mit Lackstiefeln und Minirock- konnte die Beamten eine Verbindung nach Dänemark aufspüren. Nachdem die Tatortspuren an Interpol geschickt worden waren, konnte der Täter Denny P. in Kopenhagen festgenommen werden. Nachdem P. schließlich in Dänemark verhaftet worden war und ein erstes Geständnis abgelegt hatte, wurden auch die beiden Frauen festgenommen. Die Polizei überraschte sie in den frühen Morgenstunden des 2. November 1972 in der Schenefelder Wohnung der Kaufmannsfrau. Beide legten im Laufe der Zeit zumindest ein Teilgeständnis ab. Judy A. gab zu, die Anstifterin gewesen zu sein. Beide Frauen seien daher der Anstiftung zum Mord aus Heimtücke und Habgier anzuklagen.

In den ersten Verhandlungstagen steht zunächst die private Beziehung der Frauen im Vordergrund. Die beiden Frauen auf der Anklagebank würdigen sich kaum eines Blickes. Aus ihrer verhängnisvollen Liebe, die einst so stark war, dass sie alle Hemmungen auslöschte und vor einem Mord nicht zurückschreckte, scheint Hass geworden zu sein.

Zunächst sagt Judy A. aus. Im September 1972 nahm sie Kontakt mit dem Killer auf. "Es ging Marion nicht schnell genug", sagt sie aus "ich musste sie jeden Tag aus Kopenhagen anrufen und ihr über den Stand der Verhandlungen mit dem Mörder berichten. Wenn ich es einmal nicht tat, rief sie zurück und fragte: „Liebst du mich nicht mehr?'" Sie habe ihr Schallplatten geschickt. Eine von ihnen trug den Titel „Es fährt ein Zug nach nirgendwo“. „Spiel sie dir oft genug ab, damit du weißt, was es bedeutet“ habe Marion dazu geschrieben. In einer anderen Plattenhülle steckte ein Rosenkranz.
Marion I. habe ihr auch Briefe geschickt, in denen sie auf Vollstreckung des Mordplanes drängte. "Beweis mir deine Liebe, Judy", schrieb sie, „wenn Wolfgang nicht bald umgebracht wird, gehe ich mit meiner kleinen Tochter in den Tod."

Dann redet Judy A. über ihr eigenes Leben. Seit dem Tod ihrer Mutter habe sie immer Ersatz für Liebe gesucht. In Marion habe sie diese gefunden. Ihre Mutter habe sich immer mehr um Männer gekümmert als um ihr Kind. Marion I. habe daher große Macht über sie gehabt. „Ich sah in Marion meine verstorbene Mutter. Aber natürlich auch eine Frau. Die anderen Kinder lachten immer über mich, weil ich keinen richtigen Satz zusammenbrachte. Mit viereinhalb Jahren wurde ich von einem Bäckermeister missbraucht. Ich bekam ein Stück Kuchen und war ganz blutig. Ich hatte zudem viele Stiefväter. Meine Mutter war schwer krank. Sie hatte Blutkrebs. Vielleicht suchte sie auch nur das Glück wie ich."

Dann sagt am ersten Verhandlungstag Marion I. aus. Zunächst berichtet sie vor Gericht, während der Untersuchungshaft zum katholischen Glauben übergetreten zu sein. Marion I. gibt zwar zu, den Mordplan mit ihrer damaligen Geliebten ausgeheckt zu haben. Doch sie behauptet, von Judy gedrängt worden zu sein. „Ich sagte ihr, ich will nicht mehr. Lieber mache ich selbst Schluss. Aber Judy bestand auf dem Mord. „Ich lasse mir meinen Plan durch dich nicht zerstören'" soll sie gesagt haben.
Als ihre Geliebte dann einen Mörder gefunden hatte, versuchte sie weiterhin, die Tat zu verhindern. Sie habe Denny P. gebeten, den Mordplan fallen zu lassen. Er habe aber geantwortet, er brauche das Geld und werde das jetzt machen. Sie sei froh gewesen, dass der erste Versuch im Oktober 1972 nicht funktioniert hätte.

Als ihr Mann dann am 20. Oktober erschlagen wurde, habe sie die Zeit in einem Café mit ihrer Tochter verbracht. Als sie in das Gemüsegeschäft zurückkehrte, war die Mordkommission schon da. Sie sagt aus: „Als ich Wolfgang da so liegen sah, konnte ich es nicht fassen. Ich dachte, er ist nur verletzt. Mir kam alles so unwirklich vor. Ich war zu keiner Reaktion fähig. Ich fühlte mich wie eine Puppe."

Auch Marion I. berichtet von ihrer Kindheit. Sie sei ein unerwünschtes Kind gewesen. Ihre Mutter habe ihr das immer wieder zu verstehen gegeben. Der Vater war 1942 im Krieg gefallen. Nur Bilder habe sie von ihm. Zwei Jahre war sie dann bei einem dänischen Pflegevater. Ihn habe sie geliebt, habe sich das erste Mal in ihren Leben geborgen gefühlt. Aber dann musste sie wieder nach Hause zurück. Vielleicht wäre dann ihr Leben anders verlaufen.

Dann fragt das Gericht Judy A., was sie während der Tatzeit gemacht habe. Sie sei spazieren gegangen. In dieser Zeit seien ihr viele Gedanken im Kopf herumgeschwirrt. Sie habe immer überlegt, ob sie Wolfgang nicht anrufen sollte. Aber er hätte ihr wohl nicht geglaubt. Er wusste, dass sie lesbisch sei und mit Marion zusammenziehen wollte. Dann habe sie aber gedacht: „Wenn du A gesagt hast, musst du auch B sagen. Was soll Marion von dir denken? Sie hat große Macht über mich."

Am zweiten Tag in dem Prozess um den Mord an dem Gemüsehändler schildert die zierliche Dänin, wie sie ihre Mitangeklagte Marion kennenlernte. Sie liebte schon als kleines Mädchen Hosen. Röcke mochte sie nicht. Nur bei anderen Mädchen. „Aus Sparsamkeit musste ich die Röcke und Kleider meiner älteren Schwester auftragen." Sie wäre viel lieber ein Junge gewesen. Und auch ihre Mutter hätte sich einen Jungen gewünscht, weil ihr schon zwei Söhne gestorben waren. Aber sie war verurteilt, ein Mädchen zu sein. "Wenn ich mal eine Puppe kriegte, warf ich sie an die Wand", sagt sie aus. "Ich spielte am liebsten mit Autos und alten Radios. Auf die Frage des Gerichts, warum sie lieber Hosen getragen und sich als ein Junge gekleidet habe, antwortet sie, dass sie sich in Hosen besser abreagieren konnte beim Spielen.

Mit 18 Jahren habe sie ihre erste Geliebte, ein rothaariges Stubenmädchen, kennengelernt. „Ich weiß auch nicht, wie es kam, aber eines Morgens wachte ich in ihrem Bett auf,“ sagt A. aus. Ab diesem Zeitpunkt haben viele Frauen ihren Lebensweg gekreuzt, doch es sei nie die richtige Frau dabei gewesen- bis sie Marion kennenlernte.

Zunächst habe sie nach ihrer Ansicht einen sehr hochnäsigen Eindruck gemacht. Aber irgendwie habe sie sich von ihr angezogen gefühlt. Dann sei die erste gemeinsame Nacht passiert. „Mir war ein Knopf von meiner Hose abgegangen. Marion wollte ihn unbedingt selbst annähen. Ich genierte mich ein bisschen; aber dann zog ich die Hose aus. Sie umarmte mich, und da fing alles an."

Danach haben sich die Frauen öfter in St. Pauli getroffen, bei ihr -unter den Vorwand die Tochter von Marion zu treffen- in Kopenhagen oder bei Marion in Schenefeld. Sie habe immer ein schlechtes Gewissen gehabt, da sie verheiratet war, und ihr Mann jeden Augenblick auftauchen konnte. Aber Marion habe sie immer beruhigt und gesagt, sie habe ein Spezialschloss, ihr Mann müsse immer erst klingeln.

Dann bricht Judy A. in Tränen aus. Sie habe sich dann im Sommer 1972 mit Marion verlobt. Sogar Ringe seien ausgetauscht worden. „Marion hatte mich nach der Verlobung mit ihrem Mann betrogen. Ich stellte sie vor die Entscheidung: Entweder dein Mann oder ich." Der Richter fragt nach: „Ging es Ihnen bei einer Frau um eine Verbindung auf Dauer oder nur um eine kurze Lusterregung?" Judy erwidert: „Es ging mir nur um Zärtlichkeiten, das Sexuelle war nicht das wichtigste. Ich wollte jemanden haben, der immer für mich da war."

Am dritten Verhandlungstag sagt erneut Marion I. aus und berichtet über ihre Zeit vor der Beziehung mit Judy. Sie habe vor ihrer Liebe zu Judy A. 6 Männerbekanntschaften gehabt. Der erste Mann sei ein Bekannter ihrer Mutter gewesen und habe sie vergewaltigt. Marion war neun Jahre alt. Der zweite Mann sei ein gewisse Erwin gewesen. Er fuhr Motorrad, versprach sie zu heiraten und ging mit ihr ins Bett. Aber sie habe den Sex schrecklich gefunden und habe jedes Mal geweint. Als sie ihn an die versprochene Heirat erinnerte, lachte er nur. Sie sagt aus: „Ich war 15 Jahre alt. Ich liebte Erwin. In meiner Verzweiflung ging ich zu meiner Mutter. Aber sie lachte mich aus und sagte: So dämlich kannst du doch nicht gewesen sein, Mädchen, von wegen heiraten.“
Der dritte Mann sei ein Fernfahrer gewesen. Sie dachte, es sei die große Liebe. Aber dann habe sie ihn überrascht, wie er mit ihrer älteren Schwester im Bett lag. Dann stand ihre Mutter plötzlich hinter ihr. Sie haben alle gelacht. Marion I. bricht während ihrer Aussage in Tränen aus und die Verhandlung muss unterbrochen werden.

Nach einer Unterbrechung wird die Verhandlung fortgesetzt. Der nächste Mann im Leben von Marion war ein Trinker. Er wollte sie heiraten und versprach, dem Alkohol zu entsagen. Aber er schaffte es nicht. „Ich hoffte, in ihm den Mann gefunden zu haben, der es ehrlich mit mir meint. Ein Mann, der mich brauchte und glücklich machen würde. Aber ich musste die Verlobung lösen und war wieder allein."

Dann sei sie Wolfgang I. begegnet. Er sei ein leidenschaftlicher Tänzer gewesen. Aber er sagte, er sei impotent.- wegen zu vieler „Weibergeschichten.“ Eines Tages wollte er es beweisen, dass er doch noch ein ganzer Mann sei. Zum Sex sei es zwar gekommen, jedoch habe sie nichts dabei empfunden. Doch sei er glücklich gewesen, dass er es geschafft hatte. Dann wurde sie schwanger vom Wolfgang. Er meinte darauf: „Na schön, dann müssen wir eben heiraten.“ Seine Eltern waren gegen eine Heirat. Sie meinten: „Du bist kein Mädchen, das man heiratet. Mit dir amüsiert man sich bestenfalls. Außerdem hast du nichts. Du bist eine Halbwaise!"
Dann habe sie Wolfgang geheiratet und Tochter Caren wurde geboren. Ihre Schwiegereltern schickten nicht einmal eine Postkarte. Caren war zum Zeitpunkt des Prozesses 17 Jahre alt und lebte bei dänischen Pflegeeltern. Ihre Ehe sei ein Martyrium gewesen. Sie sei oft schwanger geworden, da ihr Mann Verhütungsmittel immer ablehnte. Wolfgang habe sie immer zur Abtreibung gezwungen. Sie sagt aus: „Ich hatte schreckliche Angst, mit ihm zusammen zu sein. Einmal hatte ich eine Fehlgeburt. Es war ein Junge. Und ich hatte mir immer einen Jungen gewünscht."

Während ihrer Ehe hatte Marion I. ein Verhältnis- und wurde schwanger. Damit bestätigt die Angeklagte, was jahrelang in Schenefeld ein offenes Geheimnis war. Die zweite Tochter war nicht das leibliche Kind ihres Ehemannes. Sabine war damals zum Tatzeitpunkt neun Jahre alt und lebte ebenfalls bei Pflegeeltern.

(Anm: Während des Mordes wohnte Sabine allerdings noch bei ihrer Mutter und Stiefvater in Schenefeld. Ob Wolfgang I. wusste, dass Sabine nicht seine leibliche Tochter war, ist nicht bekannt. Evtl. hat er jedoch gegenüber Dritten- besorgt um sein Ansehen in dem Dorf- bestätigt, dass er der Vater von Sabine sei)

Die Schwangerschaft war nicht geplant. Der Bekannte von Marion hatte vorher ein ärztliches Attest gezeigt, dass er zeugungsunfähig sei. Jedoch habe die Angeklagte immer gespürt, dass er der Vater von Sabine sei. Er habe sie zum ersten Mal richtig glücklich gemacht. Sie wollte sich scheiden lassen, um ihn zu heiraten. Marion I. bringt minutenlang kein Wort heraus und sagt sie schließlich: „Aber er verunglückte mit seinem Motorrad tödlich. Warum musste er so grausam umkommen?"

Und dann spricht Marion I. über die Beziehung zu Judy: „Sie hatte etwas in mir ausgelöst, dass ich nicht kannte. Ich war wie berauscht, wenn sie mich anfasste. Manchmal liebten wir uns heimlich den ganzen Tag. Ich war immer glücklich, wenn Judy mich liebte. Aber ich hatte auch immer ein schlechtes Gewissen, weil ich doch einen Mann und zwei Kinder hatte."

Der Richter unterbricht zunächst die Vernehmung der Angeklagten, weist aber darauf hin, dass das Gericht evtl. zu einem späteren Zeitpunkt auf die Aussagen der Angeklagten erneut eingehen will.

Der erste Zeuge, der vom Gericht geladen wird, ist der Bäckermeister Hartmut G. Er hatte die Leiche von Wolfgang I. am 20.10.1972 gefunden. Ihm sei die offene Tür aufgefallen und das alles ziemlich durchwühlt war. Trotzdem sei ihm zunächst nichts aufgefallen. Als er schon gehen wollte, fiel ihm jedoch ein, dass Wolfgang I. in der Mittagspause immer einen „Mittagsschlaf“ im Hinterzimmer machte. Er sah nach und fand die Leiche. Als Marion I. dann von ihren Einkäufen zurückkehrte, habe er sie über den Tod ihres Ehemannes informiert. Das Gericht fragt, wie die Angeklagte reagiert habe. Sie habe sich die Hände vors Gesicht geschlagen und leise „nein“ gestöhnt. Der Bäckermeister ein Freund der Familie, beschreibt Wolfgang I. als sehr ruhig und als alles andere als gewalttätig. Er sei jedem Streit aus dem Wege gegangen und habe auch von dem lesbischen Verhältnis seiner Frau zu Judy A. gewußt, aber nichts dagegen unternommen. Er sei bereit gewesen, sich mit seiner Frau auszusöhnen und an der Ehe festzuhalten.

Auch am vierten Verhandlungstag steht hauptsächlich das Liebesleben der Angeklagten im Vordergrund. Der Mord an Wolfgang I. rückt erneut in den Hintergrund. Jetzt wird das Liebesleben auch öffentlich ausgeschlachtet. Die Boulevardpresse veröffentlicht einen Artikel mit der Überschrift „Lesbenmord“. Auch die Öffentlichkeit findet die gleichgeschlechtliche Liebe der Frauen „abartig“. Erste Demonstrationen finden vor dem Gerichtsgebäude statt. Aktivistinnen der Frauenrechte kritisieren die Prozessführung des LG Itzehoe und empfinden die Berichterstattung in den Boulevardmedien als skandalös.

Teil 4: Der weitere Prozessverlauf. Das Liebesleben der beiden Frauen rückt immer mehr in den Vordergrund. Und dann haben auch die Gutachter das Wort. Ist die gleichgeschlechtliche Liebe eine Krankheit?


Zwei Fälle, die wieder einmal nachdenklich machen, gerade im Hinblick auf das Anhalterunwesen." (Zitat Zimmermann FF 3 17.01.1986)

zuletzt bearbeitet 12.10.2020 02:43 | nach oben springen


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