#16

Re: Fahrkarte erhobener Daumen - die Anhaltermorde bei XY

in Filmfälle 01.02.2012 20:15
von Ludwig • 531 Beiträge
Fahrkarte erhobener Daumen - Teil 3:

24.04.1981 FF1: Erika H.

Der Sommer steht vor der Tür, und in den Monaten Mai bis September hat die Fahrt per Anhalter wieder Hochkonjunktur, wie auch das im Hintergrund eingeblendete Bild beweisen soll. Die Warnung vor den Risiken ist aber nur ein Nebenaspekt des Beitrags, der einen Fall aus dem Raum Heidelberg aufgreift, der mutmasslich zu einer Serie von fünf ungeklärten Verbrechen in dieser Region gehört. Warum das so ist, obwohl die Kripo in Bad Kreuznach zuständig ist, das zeigt uns laut EZ der Film.
Erika H., ein 22-jähriges blondes "Mädchen" mit modischer Kurzhaarfrisur, arbeitet seit einigen Monaten als Schuhverkäuferin in Heidelberg, wo sie selbstverständlich bei der Geschäftsleitung und Kollegen recht beliebt ist, denn sie beherrscht auch die Kunst des Zusatzverkaufs recht souverän. Allerdings hat sie erst vor kurzem auf den Pfad der Tugend zurückgefunden, denn nach einer "etwas unruhigen Entwicklungsphase" von ein bis zwei Jahren Dauer und häuslichem Exodus hat sie wieder in den Schoß der Familie und die Einordnung in den Alltag zurückgefunden. Dieser ist eher patriarchalisch geprägt; nach dem Abendessen spült die Mutter das Geschirr und Eva soll dabei helfen, verweigert dies aber mit dem Verweis auf ihr nahendes Date mit ihrem Freund Klaus und der Möglichkeit, ihr Bruder Hans-Dieter könne dies übernehmen, was diesen aber nicht sonderlich inspiriert. Eva jedenfalls will der Kälte wegen per Anhalter zu ihrem Freund, was ihr Vater zwar widerwillig, aber resignierend zu Kenntnis nimmt. Schnell noch die schwarz-weiss-gemusterte Stola um den Hals, und dann verlässt sie am Donnerstag, den 27.11.1980 um 19.30Uhr das Haus. Ihre Sehnsucht scheint an diesem Abend aber nicht besonders ausgeprägt gewesen zu sein, denn etwa eineinhalb Stunden später wird sie in der Bahnhofstraße in Sandhausen von einem heimkehrenden Bundesbahnbeamten gesehen, wie sie mit dem Fahrer eines dunkelgrünen VW Golf mit Bad Kreuznacher Kennzeichen spricht; ihm entgeht aber, ob Eva tatsächlich eingestiegen ist. Im Raum Heidelberg ist dieser Golf in den Tagen zuvor dadurch aufgefallen, dass er mehrfach Anhalterinnen mitgenommen hat.
Drei Tage später, am 30.11.1980, finden spielende Kinder am Rande eines Freizeitgeländes bei Bad Kreuznach, der sogenannten Opelwiese, die Leiche einer mit mehreren Messerstichen getöteten und vermutlich missbrauchten jungen Frau. Dafür, dass sie nichts angefasst haben, bekommen die Buben ein pädagogisch geschickt eingeflochtenes Sonderlob. Die Hände der Toten sind auf dem Rücken gefesselt, sie hat keine Papiere bei sich; die weitere Tatortarbeit wird eingeleitet: Fingerabdrücke (erst in der Gerichtsmedizin) und Absuchen des Fundorts, was den Kommissaren auch noch nasse Füsse beschert.
Da aber die junge Dame in ihrer wilden Zeit erkennungsdienstlich behandelt wurde, gelingt die Identifizierung mithilfe des BKA schon nach zwei Tagen und beschert den Beamten eine Dienstreise nach Heidelberg, da die Vermisste in Sandhausen gemeldet ist. Die Eltern-Befragung erbringt Hinweise auf vermisste Gegenstände, einen schwarzen langen Mantel, einen Schal und eine Tasche aus Bast, "wie sie junge Leute heutzutage haben". Nur den Klaus, den kennen sie nicht, aber dieser hat ein "astreines Alibi". Also bleibt nur die übliche undankbare Kleinarbeit für die Kripo, über deren Erfolgsaussichten sich der Heidelberger Kollege schon skeptisch äussert, denn aufgrund mancher Parallelen ist von einer Serie mit vier toten und einem vermissten jungen Mädchen auszugehen.
Im Studio werden die von den Eltern schon angesprochenen vermissten Gegenstände gezeigt, wobei sich der Schal als "Beduinentuch" entpuppt und in der Basttasche ein "Discotäschchen mit Schminkutensilien" und der Personalausweis transportiert wurde. Es wird noch nach dem grünen Golf gefragt, aber erfolglos, der Mord wurde nicht aufgeklärt.


24.07.1981 FF1: Doris M./Doris E.

Wieder ein Anhalterbild an der Wand, aber EZ variiert seine Einleitung diesmal: viele junge Menschen hätten die Gefährlichkeit des Trampens erkannt und weichen nach Möglichkeit auf andere Fahrgelegenheiten aus, aber in besonderen Situationen setzen sie sich über eigene Bedenken hinweg. Und diese Haltung hat zwei junge Mädchen im Raum Goslar das Leben gekostet - so können zwei Fälle gezeigt werden, ohne dass damit eine Serientat behauptet wird.
Zum Film: seit einigen Wochen - es ist Februar 1981 - arbeitet die in Vienenburg bei ihren Eltern lebende 22-jährige Doris M. als Einrichterin in einer Textilfabrik, d.h sie verteilt zugeschnittene Stoffteile auf unterschiedliche Kisten, eine Tätigkeit, die aufgrund ihrer Komplexität mittlerweile nur noch in China ausgeführt werden kann, aber das nur am Rande als Anmerkung zur Industriegeschichte. Sie beherrscht ihr Metier und ist schon nach kurzer Zeit bei der Betriebsleitung und den Kollegen.....aber das können wir uns schon denken. Für die Fahrt zu ihrer Arbeitsstelle benutzt Doris den Bus.
Am Freitag- und Samstagabend kümmert sich die junge Frau um den zweiten Teil des Begriffs "work-life-balance", und zwar seit Jahren ausschliesslich in der Discothek "Ricardo" in Goslar, die dank der aktuellsten Hits wie z.B. Kim Wilde: "Kids in America" über mangelnden Publikumszuspruch nicht klagen kann, und von den Gästen ist sie aufgrund ihrer langjährigen Präsenz mit den meisten bekannt oder befreundet. Für die 11 Kilometer lange Fahrt nimmt sie entweder den Bus oder aber sie fährt meistens im Auto von Bekannten mit. Am Samstagmorgen besteht noch ein gewisser Schlafbedarf, und darum taucht sie erst mit deutlicher Verzögerung am blau-weiss-kariert gedeckten Frühstückstisch der Familie M. auf, an dem sie dann ankündigt, nachmittags mit einer Freundin zu einer Wohnungsbesichtigung zu gehen, dem altersgemässen Streben nach Autarkie entsprechend.
Am Samstagabend, den 14. Februar 1981, dann das übliche Procedere: Doris erkundigt sich in der nahegelegenen Gaststätte "GermaniaQuelle" nach einer Mitfahrgelegenheit nach Goslar, doch weder die freundliche Unterstützung des Wirtes, Herrn K., noch ein Anruf bei der Freundin Bärbel führen zu einer Lösung des Transportproblems. Aber da nun mal die Freuden des Discobesuches die Gefahren des Trampens überwiegen, macht sich die junge Frau gegen 20.15Uhr zu einer Bushaltestelle am Ortsausgang auf, die von Anhaltern häufiger genutzt wird.
Um 20.20Uhr wird sie dort zuletzt von einem Ehepaar gesehen (aber nicht mitgenommen!), wie sie etwas unbeholfen versucht, Autos anzuhalten. Als kurz darauf ein weiteres Ehepaar, Kurt und Marion M. aus der Gegenrichtung an der Haltestelle vorbeikommen, ist Doris schon weg, aufgelesen von ihrem Mörder, von dem nur die Stimme zu hören ist, was bedeutet, dass man von ihm absolut nichts weiß. Die in der Disco vermisste junge Frau wird schon am nächsten Morgen in einem unwegsamen Gelände neben der Strasse von einem besonders glaubwürdigen Jagdpächter, diesmal in Person von Michael Brennicke, noch mit ihrer schwarzen Cordjacke und -hose bekleidet, erschlagen aufgefunden, wobei es für die Jahreszeit atypisch warm ist. Trotz aller Bemühungen kommt die Polizei keinen Schritt weiter. Genau einen Monat später, am 14.März 1981, verpasst die 17-jährige Doris E. abends in Osterode den Bus nach Bad Lauterburg, wo sie der Eröffnung eines Jugendraumes beiwohnen will. Sie ruft ihren Freund aus einer Telefonzelle an der Schnellstrasse an und teilt ihm mit, dass sie ausnahmsweise trampen will; aber aus "bis gleich" wird "nie mehr"; sie bleibt verschwunden.
Im Studio wird vermutet, es könne sich um denselben Täter handeln.
Gezeigt werden die Gegenstände, die Doris M. abhanden gekommen sind, eine weinrote Umhängetasche aus Velours, ein rechteckiger markanter Schlüsselanhänger ihrer Stammdisco, ein Werbeartikel-Feuerzeug einer anderen, ihre Geldbörse mit etwa 20.-DM Inhalt sowie ihr Personalausweis. Eine Fotomontage wird eingeblendet: Doris mit der von ihr zuletzt getragenen Kleidung. So wird uns auch das zweite Opfer Doris E., offiziell "nur" vermisst, präsentiert. Von ihr könnten eine silberne Damenarmbanduhr der Marke Prätina mit LCD-Anzeige (so was war damals hip!) und eine silberne Kette mit einem Anhänger in Form einer Mini-Trillerpfeife aufgetaucht sein.
Auch der XY-Beitrag half bei der Aufklärung nicht weiter.
Erst viele Jahre später konnte der Mord an Doris M. durch eine DNA-Analyse geklärt werden; hierzu siehe xy wiki und den dort genannten Artikel: http://www.newsclick.de/index.jsp/menuid/2048/artid/10707943
Sehr informativ ist auch:
http://www.abendblatt.de/region/norddeutschland/article734740/Moerder-gefunden-nach-24-Jahren.html
und www.polizei.niedersachsen.de/dst/pdbs/Goslar/Aktuelles/Mundt.pdf
Letztgenannter Artikel ist wirklich hervorragend.
Endgültige rechtskräftig ist das Urteil erst seit 2010:
http://www.newsclick.de/index.jsp/menuid/2048/artid/12661750
Der Mord an Doris E. wurde nicht aufgeklärt, ihre vergrabene Leiche aber gefunden:
http://azxy.communityhost.de/thread/?thread__start=121&thread__mid=189711972


29.10.1982 FF3: Andrea L./Ramona Sch.

Die beeindruckende Einleitung von EZ, die liebevolle Verfilmung mit den vielen Sätzen aus dem XY-Textbaukasten samt pädagogischer Einschübe - der "Discothek-Europa"-Doppelmord kann in vieler Hinsicht als "der" klassische XY-Anhalterfall gelten, doch der Reihe nach...
Was EZ zu Beginn in der Hand hält, ist nicht etwa eine besonders dicke Ermittlungsakte, sondern die polizeiliche Kriminalstatistik für das Jahr 1981, in der ihm ein Satz besonders aufgefallen ist: Von allen Vergewaltigungen und sexuellen Nötigungen wird der überwiegende Teil an Anhalterinnen oder im Anschluß an einen Gaststättenbesuch verübt, d.h. von mehr als 11.000 Delikten incl. Sexualmorde mehr als die Hälfte ! (Anm. d. Verf.: Man sieht, wie bedeutsam das Problem tatsächlich ist, und dabei ist die Dunkelziffer und z.B. normale Verkehrsunfälle noch gar nicht berücksichtigt !) Laut EZ gibt es also eine größere Anzahl von Männern, die bei sich bietender Gelegenheit Frauen "aufpicken". Wehren sich diese dann gegen Zudringlichkeiten, hat das für sie einen oft tödlichen Ausgang zur Folge. Auch im folgenden Fall zweier nach einem Discobesuch ermordeter Mädchen ist unklar, ob die Tat von vornherein geplant oder eine Kurzschlusshandlung war.
Am Sonntag, den 19.Juli 1981, dem letzten Tag in ihrem Leben, gehen die 17-jährige Andrea L. und ihre 14-jährige Freundin Ramona Sch. aus Zeiskam bei Landau/Pfalz ihrem "üblichen Wochenendvergnügen" nach. Das besteht in einem Besuch in der Discothek "Europa" in Offenbach an der Queich, deren Einzugsbereich zwar nicht ganz so groß ist wie ihr Name verheisst, sich aber doch auf die südliche Pfalz erstreckt. Den Weg dorthin legen sie wie alle anderen ohne Auto auch per Anhalter zurück, denn in den ländlichen Teilen der Republik ist der öffentliche Nahverkehr oder gar ein Discobus zu jener Zeit noch nicht erfunden. An jenem Abend steigen sie auf der Hinfahrt in einem roten R4, dessen ortsfremder, da aus Karlsruhe stammender Fahrer sich auf der Strassenkarte von den "beiden Hübschen" zeigen lässt, wo sie hinkutschiert werden möchten, und da ihm der Umweg vertretbar erscheint, nimmt er die Mädchen mit. Oftmals wird man auch von Bekannten mitgenommen, denn "die Welt ist klein in dieser Gegend", so wie zwei andere Mädchen, die zu einem Freund in einen knallorangen Opel Kadett C Coupé steigen, der hinter einem VW Passat mit Passauer (???) Kennzeichen hält. Für Andrea und Ramona geht es zunächst bis Bellheim, während der Fahrt entwickelt sich der vertraute Anhalterdialog: "Habt ihr denn keine Angst?" - "Wir sind zu zweit, da passiert schon nichts." Von Bellheim aus lotsen sie ihren Chauffeur über die "übliche Abkürzung" nach Offenbach. Diese führt nach einer scharfen Linkskurve, vor der Andrea den Fahrer noch vorbildlich warnt, über einen Bach, zuvor aber an einem unübersichtlichen Gehölz vorbei, das "in der kommenden Nacht noch eine entscheidende Rolle spielen wird". Wie alle anderen auch, so treffen die beiden Mädchen vor dem "Tanz-Cafe Europa" ein, und wir können ausgiebig den Fuhrpark der Discogänger jener Jahre bewundern: eine Porsche 924, einen Mini, einen Golf, einen Scirocco und den schon erwähnten Opel mit zwei besonders reizvollen Zusatzscheinwerfern auf der vorderen Stossstange. Die beiden Mädels bedanken sich noch bei ihrem Fahrer, der es jetzt eilig hat, schliesslich will er zum "Hitchcock" rechtzeitig zuhause sein. Und dann strömt die Meute in die Disco: während drinnen schon "Rock'n Roll Gypsy" von Helen Schneider läuft, heisst es, am Eingang einen Getränkegutschein zu erwerben, um den obligatorischen Stempel kommt Ramona wegen ihrer Stempelfarbenallergie herum. An der Theke setzt sie sich zu der ebenfalls trampenden Blondine aus dem Kadett, und es entspannt sich nach der Getränkebestellung ein Dialog über die Gefahren des Trampens, der so zwar unter Garantie nicht stattgefunden hat, aber aus pädagogischen Gründen hier angebracht erschien: "Neulich bin ich vielleicht mit einem Knacker mitgefahren...", "...die Andrea hat immer ein Messer dabei, wenn wir uns mal wehren müssen." Und Andrea verteilt auch noch gleich einen Korb beim Tanzen, denn "den kenn' ich doch überhaupt nicht". Viel lieber tanzt sie mit Ramona zu "Boys from New York City" (The Manhattan Transfer), denn "sie sind nicht auf Männerbekanntschaften aus". Die Discobesuche sind "eine willkommene Abwechslung von einem relativ eintönigen Alltag". Sie können "unter sich sein und niemand macht ihnen Vorschriften". An der Garderobe läuft der "astgeile"(???) Hitchcock im Fernseher, in dem gerade Cary Grant alias Roger Thornhill erfolgreich und von den Kommentaren der Zuschauer begleitet ("Das grenzt ja an Umweltverschmutzung.") um sein Leben kämpft; danach gibt es, wie könnte es anders sein, noch die "heute"-Spätausgabe. Genau zu dieser Zeit, d.h. um 23.45Uhr (und zu: Take that look off your face von Marti Webb) müssen die beiden Mädchen unbeobachtet die Disco verlassen haben, denn das Ende des "Unsichtbaren Dritten" hilft der Polizei später, die Zeugenaussagen "zeitlich zu fixieren". Denn nach Ende des Films führt das nur wenige hundert Meter entfernt wohnende Ehepaar Doppler seinen Hund Gassi, der sein Bedürfnis bis zum Ende des Films beherrschen musste. Und die Eheleute beobachten zweifelsfrei, wie den beiden Mädchen bei der Suche nach einer Mitfahrgelegenheit ein "schneller Erfolg" beschieden ist: sie steigen in ein helles Auto mit Fliessheck und Germersheimer Kenzeichen, kommen aber in dieser Nacht nicht zuhause an.
Am nächsten Tag bemerkt ein Passant auffällige Veränderungen am Gehölz wie abgebrochene Zweige u.dgl. und vermutet, dass wie schon früher ein gestohlenes Fahrrad oder Mofa entsorgt wurde. Seine Nachschau erbringt eine "grausige Wahrheit": vor ihm liegen, gedrosselt, mit Stichverletzungen und mit Steinbrocken erschlagen, die beiden Mädchen, vollständig angezogen, aber mit verlorenen Schuhen, ein auffallender Mokassin von Andrea fehlt. Die Polizei vermutet anhand der Spuren, dass der Kampf im Auto begonnen, sich am Wegrand fortgesetzt und an der Fundstelle geendet hat. Auch nach Abschluß der Tatortarbeit bleibt der Schuh verschwunden, trotz des Einsatzes eines sensenschwingenden Bauern, er müsste also im Auto der - man geht von mindestens zwei aus - Täter verblieben sein. Sein Verbleib klärt sich schon kurz darauf, denn er wird von einem Unbekannten, von dem wir nur die Füsse sehen, nachts am Tatort entsorgt.
Im Studio wird zunächst dieser Schuh gezeigt, ein weisser Mokassin mit indianischem Motiv, und die zwei grundsätzlichen Möglichkeiten über dessen Ablage am Tatort erörtert. Zum einen kommt der Täter hierfür in Frage, zum anderen auch ein Unbekannter, der ihn nach Bekanntwerden des Verbrechens wieder zurückgebracht hat und der dringend gebeten wird, sich zu melden. Andernfalls müsste er im Wagen des Täters, der im Innenraum Spuren eines heftigen Kampfes aufweisen dürfte, zurückgeblieben sein. Es wird nach dem hellen Auto mit Fliessheck ("vielleicht ein VW Passat") gefragt, ein Vergleichsstück von Andrea's vermisstem Schweizer Offiziersmesser samt Auffälligkeiten gezeigt und die Fotos der beiden Mädchen eingeblendet. Als Gedächtnisstütze gibt es noch die Erwähnung des Hitchcock-Films im ZDF; EZ erwähnt noch die Möglichkeit eines Fahrzeugwechsels und damit zusammenhängende Beobachtungen.
Bereits in der (leider nicht mehr online ansehbaren) Folgesendung wird der entscheidende Durchbruch bei den Ermittlungen verkündet.
Es gibt (versehentlich) zwei Filmfall-Threads:
http://azxy.communityhost.de/thread/?thread__mid=516584780
http://azxy.communityhost.de/thread/?thread__mid=158238040
Leider habe ich auch nur den Spiegel-Artikel gefunden:
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13508458.html
Es bleiben also noch viele offene Fragen, so z.B. nach dem Ausgang des Prozesses gegen den mutmasslichen Täter, nach dem hellen Fliessheck-Auto usw. Selbst mit dem vollen Namen des Tatverdächtigen bin ich nicht weitergekommen. Aber da das nächste Forums-Treffen ja bei schorsch in Landau um die Ecke ist, biete sich eine Vor-Ort-Recherche geradezu an...
Für mich ist dieser Fall einer der "grössten" Anhalter-Disco-Fälle, auch weil das Lebensgefühl der jungen Leute in jener Zeit so authentisch vermittelt wird. Übrigens: am jenem 19.Juli 1981, einem heissen Sonntag, habe ich bei meinem ersten Fussballspiel in der Herren-Mannschaft die beiden Ehrentore zur 2:6-Heimniederlage geschossen...


11.05.1984 FF1: Ulrike R.

EZ hält diesmal die Einleitung ganz kurz: Nicht zum ersten Mal wird in dieser Sendung vor den Gefahren des Trampens gewarnt, das Opfer ist diesmal Ulrike R. aus Mömlingen.
Am Donnerstag, den 3. November 1983, packt die 21-jährige Ulrike R. am elterlichen Esstisch in Mömlingen, etwa 15km südlich von Aschaffenburg, ihre Schulsachen in ihre Basttasche, um ins Bachgau-Gymnasium nach Babenhausen zu fahren, eine "Art Schulzentrum" mit regionaler Bedeutung und architektonisch von ausgesuchter Hässlichkeit.
Üblicherweise wird sie dorthin von ihrer Freundin in derem roten VW Käfer 1300 mit Lammfelllenkradhülle mitgenommen, wobei noch ein Zwischenstop an der örtlichen Sparkasse eingelegt wird, da Ulli, wie sie genannt wird, noch shoppen will (Bluse und Rock) und daher noch 300.- DM abhebt; nach ihrer abgebrochenen Lehre als Industriekauffrau wird sie von ihren Eltern "unterstützt". Deshalb kann sie sich auch eine "Wohngemeinschaft" mit einem Freund in Habitzheim leisten.
An besagtem Tag hat sie im Gegensatz zu ihren Freundinnen schon um 11.25Uhr Schulschluß, was selbst in Vor-G-8-Zeiten eine Rarität war und ihr einen freien Nachmittag beschert. Das dabei entstehende Mobilitätsproblem löst sie mit dem Daumen, was ihr den üblichen Tadel einbringt ("Du immer mit Deinem Trampen"). Dennoch steht sie, von ihrer Freundin dorthin verbracht, am "Tramper-Eck", einer für derartige Vorhaben vielversprechenden Stelle an einer Strassengabelung in Babenhausen. Vermutlich auf diese Weise muss sie nach Aschaffenburg gelangt sein, denn dort wird sie um 15.00Uhr von einem Bekannten gesehen, mit dem sie ein ebenso kurzes wie belangloses Gespräch führt. Eine halbe Stunde später steht sie allerdings schon wieder am Tramper-Eck. Zur selben Zeit ist die Sekretärin Maria W. in ihrem braunen Honda und seriösem Hahnentritt-Blazer auf dem Heimweg von ihrer Arbeitsstelle in Frankfurt, als ihr in Babenhausen der Fahrer eines schwarzen Golf I die Vorfahrt nimmt. Sie nimmt zwei Antennen und zwei auffallende Zierstreifen am Fahrzeug wahr, aber vom Kennzeichen nur AB für Aschaffenburg; dieses Manko ist typisch für die hier behandelten Fälle. Bis zum Trampereck fährt sie ihm hinterher, und dort fast ins Heck, als er aprupt wegen Ulrike bremst, deren Einsteigen Maria W. nach ihrem Ausweichmanöver aber nicht mehr beobachten kann.
Wenige Stunden später, der genaue Zeitpunkt kann nicht mehr ermittelt werden, ist Ulrike R. schon tot, erdrosselt und mit achtzehn Messerstichen in einem Wäldchen zwischen Babenhausen und Langstadt abgelegt - die Dunkelheit kann auch der Dramaturgie geschuldet sein -und mit Zweigen notdürftig zugedeckt, der Tascheninhalt daneben verstreut, allerdings ohne das fehlende Bleistiftmäppchen.
Am nächsten Tag ist Helga K. aus Langstadt samt Hund und Kindern in diesem Wäldchen unterwegs. Doch nicht etwa Sohn Markus oder Schäferhund Branko finden die Leiche; es ist Helga K. selbst, die zunächst die verstreuten Gegenstände und danach die teilweise bedeckte Leiche bemerkt und messescharf schliesst, "dass etwas Schlimmes geschehen sein muss". Eilends geht es nach Hause, "Papa wartet schon".
Im Studio wird zunächst eine Fotomontage von Ulrike mit ihren zuletzt getragenen Kleidungsstücken gezeigt; die "Birkenstock-Schuhe" Anfang November sind aber etwas unüblich. Es wird gefragt, wer das Mädchen am Tattag am Tramper-Eck bzw. an der B26 Babenhausen-Aschaffenburg gesehen hat; Hin- und Rückweg sind noch nicht bekannt.
Der schwarze Golf mit den gelben Zierstreifen wird eingeblendet; er soll einem jungen Mann gehört haben, der Autos "aufmöbelt" und weiterverkauft und die Zierstreifen prompt entfernt haben soll. Aus Ulrikes Besitz fehlen das schon genannte Mäppchen, ihre Geldbörse mit "Atomkraft-Nein-Danke-Aufkleber" (und mindestens 300.-DM) und ihr Schülerausweis. Die Schreiberin eines maschinengeschriebenen anonymen Briefes wird gebeten, sich aufgrund ihrer Gefährdung mit der Polizei in Verbindung zu setzen.
Die hieraus resultierende Annahme, der Fall stünde kurz vor der Klärung, erwies sich aber als irrig.
Im Anschluss wird ein weiterer Anhalterfall, der Mord an der 17-jährigen Gudrun Sch., als Studiofall gezeigt.


02.11.1984 FF3: Marion H.

ist online nicht mehr verfügbar


30.11.1984 FF1: Ulrike H.

fehlt ebenfalls


12.04.1985 FF3: Angelika S.

Wir nähern uns dem Zeitraum, in dem Anhaltermorde Hochkonjunktur hatten, und darauf spielt EZ in seiner Einleitung wohl an, dass kaum ein Thema in dieser Sendung in letzter Zeit so oft behandelt wird wie das Fahren per Anhalter. Auch wenn man sich dadurch bei jungen Menschen unbeliebt mache, immer wieder vor den Gefahren des Trampens zu warnen, so gelte es doch, jene Leute zu erwischen, die das Trampen so gefährlich machen. Auch die Kriminalpolizei in Aachen versuche seit einem dreiviertel Jahr ein Verbrechen zu klären, das das Lebensglück einer Familie aus einem kleinen Ort bei Erkelenz zerstört habe.
In diesem kleinen Ort, zehn Kilometer von Erkelenz entfernt - namentlich wird er nicht genannt, aber es scheint sich um eine bayerische Enklave zu handeln - bringt der Postbote im Mai 1984 ein Päckchen (deswegen auch keine Zustellgebühr!) für die beiden Töchter der Familie S., Angelika und Beate, die sich bei einem Versender ("Weekend Kleidung") eigens für sie hergestellte Anoraks bestellt haben. Von ihrer Mutter gerufen eilen sie auch gleich die Treppe herunter, um auszupacken und anzuprobieren, was in Angelikas Fall der eben nach Hause kommende, von der Schule ausgehungerte Bruder wenig schmeichelhaft kommentiert ("Siehst aus wie 'ne Fledermaus"), womit er wenig Kompetenz für die seinerzeit modische Schnittführung beweist. Auch der Vater kommt hinzu, im blauen Monteurskittel mit eingestecktem Kuli, und ist angesichts der pinkfarbenen (Angelika) und schwarzen (Beate) Kapuzenjacken wenigstens insofern beruhigt, als dass für die Anschaffung das Taschengeld der Mädchen ausgereicht hat.
Der Freundeskreis der Mädchen ist über die nächsten Ortschaften verstreut, im Fall Angelika zählt die bildhübsche Margit K. aus Erkelenz dazu, mit der sie am 31. August 1984 telefoniert und das gemeinsame Abendprogramm bespricht. Vorgesehen ist der Besuch der Rockfabrik in Boscheln, denn "da tut sich was"; als Treffpunkt wird der Bahnhof in Erkelenz vereinbart, von dort soll es per Anhalter weitergehen. Bevor sich Angelika sich auf ihr weisses Damenrad schwingen kann, muss sie noch die väterlichen Ermahnungen über die Gefahren des Trampens über sich ergehen lassen, denen sie wenig Plausibles entgegenzusetzen hat ("Wir passen schon auf."). Nach den Erörterungen über den öffentlichen Nahverkehr, mit denen uns der Sprecher vertraut macht, treffen sich beide Mädchen am Fahrradständer, um gemeinsam eine Mitfahrgelegenheit zu suchen, denn 35 Kilometer mit dem Fahrrad sind entschieden zu viel. Von Erkelenz nach Boscheln gibt es zwei Alternativen, die sich durch geschicktes Postieren an der Strasse vebinden lassen. Angelika hat als erste Glück, ein dunkler Ford Escort hält an, Margit darf mit einsteigen, und da das Gespräch auf gemeinsame Bekannte kommt, werden die Mädchen von dem netten jungen Mann nicht nur nach Hückelhoven, sondern gleich bis zur Discothek chauffiert, in der er selbst auch den Abend verbringt. Die Rockfabrik selbst ist, wie ihr Name schon andeutet, schwermetalllastig, daher läuft AC/DC: Dance Night. Andere Titel gibt es nicht, obwohl die Mädchen mehrere Stunden in der Discothek verbringen. Gegen Mitternacht bricht Angelika überstürzt auf, möglicherweise durch zwei unbekannte Männer dazu veranlasst. Margit nimmt ihre Handbewegung noch wahr, klärt schnell den Rücktransport und will zu Angelika, die die Discothek bereits verlassen hat, doch diese ist schon spurlos verschwunden. Eine halbe Stunde später wird sie aber noch vor einem erleuchteten Autohaus in Geilenkirchen von einer Autofahrerin gesehen, die wegen ihr anhält, sie aber nicht mitnimmt, da sie nicht nach Erkelenz fährt. Dort - und auch zuhause - ist Angelika nicht angekommen. Am nächsten Tag bemerkt Margit das abgestellte Fahrrad ihrer Freundin am Bahnhof. Darüber verwundert, ruft sie bei der beunruhigten Familie S. an. Die väterliche Ursachenforschung ist schnell, aber treffend ("Dieses verdammte Trampen!"), Mama eher hilflos ("Das arme Kind"). Und wiederum der Vater (auch als Hinweis, wie in einer solchen Situation zu verfahren ist): "Da hilft jetzt alles nichts, da muß die Polizei her."
Das Auffinden der fast unbekleideten Leiche am nächsten Tag etwa drei Kilometer von Geilenkirchen entfernt bleibt uns erspart; EZ teil es uns im Studio mit.
Es wird nach dem Autofahrer gefragt, der Angelika von der Rockfabrik bis Geilenkirchen mitgenommen hat, vor allem aber nach Zeugen, die das Mädchen an der L42 gesehen haben, als es in Richtung Randerath in ein Auto stieg. Schon kurz darauf, in Süggerath, ist ihr Mörder in ein kleines Waldstück abgebogen - die Karte ist eingeblendet.
Der zweite Fragenkomplex richtet sich nach den vermissten Gegenständen: eben jener bereits erwähnten rosafarbenen Kapuzenjacke, ihrem Schlüsselbund mit Fusssohlenanhänger, Feuerzeug und "Samson"-Tabak (Feuerzeug und Zigaretten hatten wir in anderer Angelegenheit schon mal...), mehrfach ausgebesserte Bluejeans (heute: "vintage-look"), Birkenstock-Schuhe mit Gesundheitsfussbett in Gr. 41 und eine Rodenstock-Brille "Junge Linie".
EZ kündigt noch ein "Erlebnis der besonderen Art" an, durch das dieser Fall unvergesslich geworden sein dürfte, und der folgende Filmfall-Anhang ist besonders prägnant: Der Studio-Kommissar und sein Kollege nahmen an der Beerdigung in Erkelenz teil, um festzustellen, ob evtl. ein Unbekannter anwesend wäre - dies war nicht der Fall, nur die Familie, Verwandte, Freunde und eine große Zahl von Mitschülern. Die Polizisten blieben bis fast zum Schluß, als viele schon gegangen waren. Als sie in ihr Auto stiegen und auf die Landstrasse einbogen, standen da mehrere junge Leute, die soeben von Angelikas Beerdigung kamen, und versuchten, "ihr Transportproblem per Autostop zu lösen". Für EZ ist dies eine eindrucksvolle Bestätigung für die wiederholten Warnungen vor den Gefahren des Trampens, und er verbindet damit die Hoffnung, dies sei "in dem einen oder anderen Fall gelungen".
Erst viele Jahre später wurde dieser Fall durch eine routinemäßig abgenommene DNA-Analyse geklärt.
Filmfall-thread: http://azxy.communityhost.de/thread/?thread__mid=643054488
Viele Artikel zu dem Fall sind zu finden, wenn man "Würger von Aachen" googelt. Er hat sogar einen eigenen Eintrag bei Wikipedia!
Lesenswert ist z.B. http://www.focus.de/politik/deutschland/verbrechen-die-stumpfe-wunderwaffe_aid_220134.html
Literarische Aufarbeitung und vermutlich ausführliche Aufbereitung:
http://www.l-iz.de/Bildung/B%C3%BCcher/2010/10/Vier-authentische-Kriminalfaelle-Dem-Leben-entrissen.html
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#17

Re: Fahrkarte erhobener Daumen - die Anhaltermorde bei XY

in Filmfälle 01.02.2012 21:03
von TheWhite1961 • 1.160 Beiträge
Auch von mir ein Riesenlob an Ludwig für die viele Arbeit und Mühe. Ich habe zu jener Zeit übrigens im Nachbarlandkreis von Bad Kreuznach gelebt und mir im Juni 1982 genau so einen Golf gebraucht gekauft. Das Vorgängerkennzeichen war KH gewesen. Wahrscheinlich hatte die Polizei damals die Besitzer aller in Frage kommenden grünen VW Golfs mit KH Kennzeichen überprüft.
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#18

Re: Fahrkarte erhobener Daumen - die Anhaltermorde bei XY

in Filmfälle 01.02.2012 21:49
von Ludwig • 531 Beiträge
Hallo Thomas,

auch ich hatte 1980 mein erstes Auto, einen Golf GL in papyrusgrün und mit getönten Scheiben, Schiebedach und Sportsitzen. Die grassierende Korrosion hat dieser ersten Auto-Liebe aber ein frühes Ende bereitet.

viele Grüße
Ludwig
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#19

Re: Fahrkarte erhobener Daumen - die Anhaltermorde bei XY

in Filmfälle 06.02.2012 21:52
von Ludwig • 531 Beiträge
Hallo zusammen,

Teil drei ist fertig!
Jetzt gestatte ich mir erst einmal ein schöpferische, gut einwöchige Pause.

viele Grüße
Ludwig
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#20

Re[2]: Fahrkarte erhobener Daumen - die Anhaltermorde bei XY

in Filmfälle 07.02.2012 11:58
von XY Chris • 16 Beiträge
Ludwig>Hallo zusammen,

Ludwig>Teil drei ist fertig!
Ludwig>Jetzt gestatte ich mir erst einmal ein schöpferische, gut einwöchige Pause.

Ludwig>viele Grüße
Ludwig>Ludwig

Tolle Doku Ludwig!!
Da ich in Offenbach/ Queich lebe habe ich zum Fall Diskothek Europa mal ein Tatorte hautnah gemacht, dass aber hier aber leider nicht mehr veroeffentlicht wurde. Wenns Dich interessiert mail ich Dir das, und gern auch anderen Interessenten.

LG Christoph
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#21

Re: Fahrkarte erhobener Daumen - die Anhaltermorde bei XY

in Filmfälle 08.02.2012 12:20
von Ludwig • 531 Beiträge
Hallo Chris !

Zunächst einmal herzlichen Dank für Deine wohlwollende Rezension!
Natürlich bin ich an den Bildern interessiert; Du kannst mir sie gerne mailen: Ludwig.Wolf@traxsoft.de (P.S.: Meine mail-Adresse werde ich hier wieder löschen, wenn ich sie habe.)
Dann gibt es ja immer noch unseren Webmaster:
webmaster@zuschauerreaktionen.de.
Wenn Du willst, kannst du die Bilder auch auf einem Server Deiner Wahl hochladen und im "Tatorte Hautnah"-Thread (bei Filmfällen an zweiter Stelle) einen link dazu einstellen.

Vielen Dank im Voraus, darauf
Ludwig
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#22

Re[2]: Fahrkarte erhobener Daumen - die Anhaltermorde bei XY

in Filmfälle 10.02.2012 07:10
von XY Chris • 16 Beiträge
Ludwig>Hallo Chris !

Ludwig>Zunächst einmal herzlichen Dank für Deine wohlwollende Rezension!
Ludwig>Natürlich bin ich an den Bildern interessiert; Du kannst mir sie gerne mailen: Ludwig.Wolf@traxsoft.de (P.S.: Meine mail-Adresse werde ich hier wieder löschen, wenn ich sie habe.)
Ludwig>Dann gibt es ja immer noch unseren Webmaster:
Ludwig>webmaster@zuschauerreaktionen.de.
Ludwig>Wenn Du willst, kannst du die Bilder auch auf einem Server Deiner Wahl hochladen und im "Tatorte Hautnah"-Thread (bei Filmfällen an zweiter Stelle) einen link dazu einstellen.

Ludwig>Vielen Dank im Voraus, darauf
Ludwig>Ludwig

Du hast Post, ich hoffe 20 mb ist nicht zu gross..;-))
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#23

Re: Fahrkarte erhobener Daumen - die Anhaltermorde bei XY

in Filmfälle 21.02.2012 22:17
von Ludwig • 531 Beiträge
Fahrkarte erhobener Daumen - Teil 4:

17.01.1986 FF3: Anja F./Anke Sch.

Diese Morde sind in einem review von Bastian eingearbeitet; hier ist der link dazu:
http://azxy.communityhost.de/thread/?thread__mid=526319717&thread__start=1#msg672564947


21.02.1986 FF1: Ingrid K./Angelika S.

Die Freiburger Martinstor-Fälle: leider muß ich Euch vertrösten, da die Folge auf dem bekannten Videoportal nicht mehr verfügbar ist. Dies gilt ebenso auch für die folgenden drei Fälle:


20.06.1986 FF3: Silke B.


18.07.1986 FF1: Britta H.


07.11.1986 FF1: gesperrte Folge


08.05.1987 FF1: Dieter H.

EZ spricht einleitend davon, dass sich die Sendung immer wieder mit Verbrechen an Anhaltern und vor allem an Anhalterinnen beschäftigen muß; nicht ganz so häufig ist aber die "umgekehrte Variante", Verbrechen an Autofahrern, verübt von Anhaltern, wie es in diesem Fall den Anschein hat; das Opfer: ein junger Lehrer, der seinen Beruf sehr ernst nimmt. Und schon sind wir im Film, der den letzten Tag im Leben des Opfers darstellt:
Dieter H., ein 29-jähriger Lehrer an einer Realschule, ursprünglich aus dem Allgäu stammend, bei Kollegen und Schülern sehr beliebt, ist am Sonntagmorgen, den 9. November 1986 mit Bettenmachen, Kleideraufhängen und sonstigen hausmännischen Verpflichtungen in seiner kleinen Eigentumswohnung in Sindelfingen beschäftigt, da er Junggeselle ist und eine Frau und in dieser Folge mehrere Kinder sich noch nicht eingestellt haben, obwohl er "nichts dagegen" hätte. Daher muß er auch einen Kuchen für die in Deutschland lebende Südamerikanerin Nina L. selbst backen, die an diesem Tag Geburtstag hat und die er in Reutlingen, seinem ehemaligen Studienort, besuchen will wie er das gelegentlich auch mit anderen Freunden aus der Studienzeit macht. Also packt er den Kuchen ein, schlüpft in seinen Parka, der so aussieht, als sei er vom großen Bruder geliehen, und macht sich auf den Weg.
Das Kaffeekränzchen in doppelter weiblicher Gesellschaft belegt ein altes Vorurteil, wonach Lehrerinnen nicht unbedingt zu den attraktivsten Vertreterinnen ihres Geschlechts zählen, dafür aber klassische Musik und ein Kaffeservice mit Zwiebelmuster sowie Kerzenlicht bevorzugen. Nach erfolgter "Kalorienschlacht" beschliesst das Trio auf einen Vorschlag von Dieter H. hin noch einen Stadtbummel im nasskalten Tübingen, der sich bis etwa 18.00Uhr hinzieht, aber hinsichtlich der Shopping-Ausbeute ohne greifbares Ergebnis bleibt. Danach chauffiert er die beiden Damen nach Reutlingen zurück, und zwar in seinem weissen Golf, der dank der Heizung innen schnell warm wird und bei dem aufgrund diverser obskurer, nicht Realschullehrer-adäquater Anbauteile davon ausgegangen werden muß, dass er ihn günstig gebraucht erworben haben dürfte. Entgegen seiner Ankündigung fährt Dieter H. doch noch nicht nach Hause, sondern taucht bei einem Kollegen und dessen Frau in Stuttgart-Möhringen auf, wo sein Klingeln das Ehepaar beim Betrachten der ZDF-Gewinn-und-Verlust-Rechnung der Hamburger Bürgerschaftswahl am selben Abend unterbricht. Der Kollege kommentiert die Verluste der SPD in Höhe von 9,8% mit der Bemerkung: "De habbe ganz schee was uff da Deggl kriagt." Eigentlich will Dieter H. nur kurz bleiben und sich um 20.15Uhr den Fellini-Film zuhause in Farbe ansehen, da er für die schwarz-weisse Variante beim Kollegen nach Ansicht von dessen Frau zu anspruchsvoll ist. Da aber ein "Fingerhut" voll nicht schaden kann, nimmt er als Abstinenzler doch die Einladung zur Probe des neuen Likörs an, vielleicht aber auch des enttäuschenden Wahlergebnisses wegen, bei dem die SPD mit 41,4% (das waren noch Zeiten!!!) hinter der CDU mit 41,6% (dito!!!) zurückgefallen war. Zum Abschied um 21.30Uhr ("Dafür war's schee bei Euch.") gibt es noch ein Kompliment wegen des frisch erworbenen Parkas; es ist nicht das erste an diesem Tag, schon seine Backkünste stiessen auf einhellige Begeisterung. Als er das Haus verlässt und in sein Auto steigt, ahnen wir schon, welches Schicksal ihm bevorsteht, denn für die etwa 15-minütige Fahrt nach Sindelfingen gibt es zwei etwa gleich lange Alternativen, die uns mit einer in den Film eingeblendeten Skizze (meines Erachtens ein Novum) veranschaulicht werden.
Am nächsten Tag veranlasst der Lärm aus dem Klassenzimmer der 9b einen weiteren Kollegen, dort nach dem rechten zu sehen. Die Schüler sitzen auf den Bänken, wobei auffällt, dass die Mädchen mit ihren auftoupierten Haaren alle beim selben Friseur waren. Die eigentlich anstehende Sozialkundestunde hat noch nicht begonnen, denn "der Huber, der Herrn Huber ist noch nicht da", wie ein Schüler bemerkt. Der Herr Huber komme aber bestimmt gleich, und solange solle der Klassensprecher für Ruhe sorgen, doch weder das eine noch das andere passiert. Gegen 10.15Uhr wächst im Lehrerzimmer beim kollegialen Austausch an der unvermeidlichen Kaffeemaschine die Besorgnis: mehrere Anrufe zuhause bei Dieter H. waren ohne Ergebnis geblieben. Herr H. bleibt trotz Nachfragen bei Polizei und Krankenhäusern verschwunden, nicht aber sein Auto, wie die nächste Szene zeigt: Eine Polizeistreife samt Abschleppwagen stehen beim Golf, der verkehrsgefährdend in einer Autobahnausfahrt in der Nähe von Singen am Hohentwiel, etwa 150 Kilometer südlich von Stuttgart, abgestellt wurde. Der Halter ist schnell festgestellt; ihm soll mitgeteilt werden, dass sein Auto nach Engen abgeschleppt werden soll. Den Feststellungen des anderen Streifenpolizisten zufolge ist das Handschuhfach offensichtlich durchsucht worden, alles liegt auf dem Boden und auch eine "halbe Brille" ist dabei. Die Versuche, den Halter zu erreichen, bleiben erfolglos; erst als aufgrund einer Vermisstenanzeige der Lehrerkollegen die Kripo ein systematisches Absuchen der Umgebung der Fundstelle des Fahrzeugs veranlasst, wird Dieter H. am 13. November versteckt hinter dichtem Gestrüpp tot gefunden. Er wurde erdrosselt, mit einem Messer schwer verletzt, und zuvor gefesselt und schwer misshandelt. Bei der Tatortarbeit wird die funktionierende Zusammenarbeit zwischen Streife und Kripo vorgeführt: Bilder des Fahrzeugs werden gezeigt, als Grund für das Abstellen des Golfs ein bereits länger bestehender Motorschaden genannt (kein Wunder bei den Anbauteilen), über den Grund für die Fahrt (vielleicht nicht freiwillig) gerätselt und die Beobachtung mit dem ausgeräumten Handschuhfach vermeldet. Die Pressemeldung über den Leichenfund und die damit zusammenhängenden Fragen erbringen ein schnelles Ergebnis: es meldet sich ein Autofahrer, der in der Nacht zum Montag zwei Anhalter in der Ausfahrt Engen gesehen hat. Daraufhin sperrt die Polizei die Autobahn Richtung Bodensee genau ein Woche später, am 16. November von 22.00Uhr an, leitet den Verkehr über einen Parkplatz um und befragt alle Autofahrer, die dieselbe Strecke am Sonntag zuvor auch befahren haben. Die Befragungen ergeben nach und nach folgendes Bild: zwei Anhalter seien auf der Standspur unterwegs gewesen, ohne Gepäck, einer wesentlich ("einen Kopf") größer als der andere, beide mit Parkas bekleidet und eindeutig von der Ausfahrt Engen kommend.
Diese beiden Anhalter sind laut EZ von "besonderem Interesse". Der zuständige Staatsanwalt erhofft sich wegen des "internationalen Charakters der Sendung" Hinweise auch aus der Schweiz und aus Österreich; die Karte wird eingeblendet. Es werden weitere Zeugen gesucht, die die beiden Anhalter (Beschreibung: 18-25 Jahre alt, einer 1,80m groß, der andere einen Kopf kleiner, ohne Gepäck) zwischen Engen und dem Autobahndreieck Singen gesehen haben. Eventuell seien sie am Vormittag oder am Vortag in Richtung Stuttgart unterwegs gewesen. Im Golf hat es einen Kampf und einen Fahrerwechsel sowie einen Fluchtversuch von Dieter H. auf dem Beifahrersitz gegeben; nach entsprechenden Beobachtungen wird gefragt, ebenso danach, ob das Opfer angehalten hat, um Anhalter mitzunehmen oder um nach dem Motor zu sehen. Vieles spricht dafür, dass Dieter H. seine Mörder schon in der Nähe von Stuttgart mitgenommen hat, eventuell an einem der beiden Tramperstandorte Degerloch oder Vaihinger Kreuz. Das Auto mit dem auffälligen Kennzeichen BB-AY 111 wird gezeigt. Vielleicht hat er auch seine Heimfahrt unterbrochen und seine Mörder dabei kennengelernt. Dieter H. war mit Blue-Jeans und einer Jeans-Jacke mit rot gefütterter Kapuze bekleidet. Die Tatwaffe wird eingeblendet: ein Messer der Marke P.A.C. mit schwarzem Griff und einer Klingenlänge von 7,5cm; in "recht geringer Stückzahl" ausschliesslich bei Horten verkauft. Es fehlt der Rest der zerbrochenen Brille, Modell "Neostyle Action", und ein Schlüsselbund aus dem Besitz des Opfers.
Es melden sich weitere Zeugen, die die Anhalter gesehen haben; einer hat sie sogar mitgenommen. Trotz dieser "vielversprechenden Hinweise" kommt die Polizei bei ihren Ermittlungen nicht entscheidend weiter; das grauenhafte Verbrechen an Dieter H. ist bis heute nicht geklärt.


04.12.1987 FF1: Christina W.

Durch den makabren Leichenfund ist dieser Fall sicherlich allen im Gedächtnis geblieben, doch auch andere Aspekte tragen dazu bei, dass man von einem "highlight"-Fall sprechen kann.
Doch der Reihe nach: EZ erzählt zu Beginn, wenn er junge Leute auf die Gefahren des Trampens aufmerksam mache, bekomme er oft von jenen zu hören, wie sie denn sonst irgendwohin kommen sollen. Diese unbefriedigende Situation sei insbesondere abends in ländlichen Gegenden den unzureichenden öffentlichen Verkehrsmitteln geschuldet. Daher entwickelten junge Leute eine erstaunliche Perfektion, wenn sie so mobil sein wollen wie es die Zeit nun einmal erfordere. Anhand der Rekonstruktion des ersten Falles könne der Zuschauer dies feststellen; das Opfer: ein 18-jähriges Mädchen aus dem Kreis Darmstadt-Dieburg.
Die 18-jährige Christina W., von allen nur Tina genannt, und ihre zwei Jahre jüngere Freundin Elke machen sich am Freitag, den 22. Mai 1987 in Tina's Zimmer in Eppertshausen, einer kleinen Ortschaft, die im weiteren Fall der XY-Geschichte noch einmal von Bedeutung sein wird (Sendung vom 14.12.2011, Mord an Nilüfer G.) im hessischen Landkreis Darmstadt-Dieburg zum Ausgehen fertig. Elke bedient sich dabei leihweise aus dem umfangreichen Fundus von Tina leihweise mit einer Jeans, einem Pulli und Stiefeln, die sie sogar geschenkt bekommt, da sich Tina diese in der ihr passenden Größe 37 nochmals selbst gekauft hat. Tina's ältere Schwester kommentiert die umfangreichen Schminkbemühungen wenig charmant, aber folgenlos: "Fallt bloß nicht in den Schminktopf!". Tina selbst arbeitet in Babenhausen beim Instrumentenhersteller VDO, wie sich später herausstellen wird, und kann über ihren Verdienst ganz verfügen, d.h. sie spart auf den Führerschein, der Großteil des Geldes geht aber für Klamotten und die fast allabendlichen Besuche in einem der zahlreichen "Musiklokale" der Gegend drauf. Selbstverständlich werden die Fahrten per Anhalter zurückgelegt, so auch an diesem Abend, als die beiden Mädchen nach Dieburg in die Discothek "Magic's" aufbrechen, in der Tina sich mit ihrem Freund Werner K. treffen will, und wohin sie von einer Autofahrerin recht schnell mitgenommen werden. In Dieburg im "Magic's" wartet aber eine Überraschung auf die beiden: am Eingang wird das Alter der Gäste kontrolliert ("So'n Mist, die kontrollieren"), weswegen Elke ("Und was mach' ich jetzt?") draussen bleiben muß. Tina aber muß wegen ihrer Verabredung hinein, und daher trennen sich beide Mädchen vor der Disco; Elke will nach Eppertshausen ins "Empire", und das schlechte Gewissen bewegt Tina, ihrer Freundin noch ein paar Mark als Trostpflaster in die Hand zu drücken. Im "Magic's" selbst ist um diese Zeit oder vielleicht auch wegen der Musik (Umberto Tozzi: "Gloria") noch nicht viel los, und Tina erkennt sofort, dass ihr Freund nicht da ist. Aufgrund eines Missverständnisses hockt Werner K. in seiner Stammkneipe in Oberroden am Tresen und muß sich der wenig einfühlsamen Kommentare der Bedienung erwehren ("Hat Dich wohl versetzt, die Kleine?"..."Vielleicht bist'e abgeschrieben."). Tina trampt also zurück nach Eppertshausen ins "Empire", wo sie zwar Elke, nicht jedoch ihren Freund trifft. Zu dessen Stammkneipe will Elke jedoch nicht mitkommen, da ihr der Sinn eher nach einer Pizza steht, und daher trennen sich die beiden Mädchen erneut gegen 22.30 Uhr. Tina muß recht schnell eine Mitfahrgelegenheit gefunden haben, allerdings nicht nach Oberroden, sondern ins entgegengesetzt gelegene Groß Umstadt, wo sie um 23.00Uhr in ein weiteres Auto steigt, dessen Fahrerin sie aufgrund der Initiative ihrer Co-Pilotin mitnimmt, auch wenn sie nicht die Hilde ist, sondern nur eine Kollegin bei VDO, wie der Smalltalk später ergibt. Über das Fahrtziel besteht Einigkeit: Richtung Odenwald nach Hoechst ins "Flair". Dort trifft das Trio gegen 23.30Uhr ein; Tina lehnt das Angebot, wieder mit zurückzufahren, noch ab; im "Flair" verliert sich zunächst ihre Spur, vielleicht ist sie dort schon auf ihren Mörder getroffen.
Sie muß aber noch mindestens eine Woche gelebt haben, denn am Samstag, den 30. Mai 1987 wird sie von Gabi Sch., einer früheren Mitschülerin, die von Tina's Verschwinden noch nichts weiß, zweifelsfrei in Babenhausen in Begleitung eines jungen Mannes gesehen. Tina erwidert Gabi's Gruß nur mit einem sparsamen Winken, was möglicherweise eben dieser Begleitung geschuldet sein könnte.
Drei Wochen später, am 23. Juni 1987, haben ein Landwirt und seine Ehefrau in Weibersbrunn, etwa 40 Kolimeter von Hoechst entfernt, ein Entsorgungsproblem: am Rand ihrer sicherlich einzigartigen Almweide im Spessart (zu erkennen am Geläut der Kuhglocken) liegt an der Straße ein längliches verschnürtes Paket. Nach dem Dialog der beiden ("So'ne Schweinerei!"..."Vielleicht 'n totes Tier, wär' ja nicht das erste Mal."..."Das muß weg."..."Was willst Du machen?"..."Da fällt mir schon was ein.") fahren sie erst einmal im typischen Bauern-Mercedes jener Jahre (220D, weiß) weg. Bis zum Abend hat der Bauer auch tatsächlich eine Inspiration, wie er sich des missliebigen und unangenehm riechenden Pakets entledigen kann: mit einer Forke zieht er es einfach auf die andere Straßenseite in der Hoffnung, dass es dort bei den gerade laufenden Erdarbeiten zu einer neuen Böschung zugeschüttet wird. Zwei Tage später ist dort tatsächlich der Bautrupp zugange, und da dessen Umweltbewußtsein dem des Bauern entspricht, wäre das Paket tatsächlich beinahe vergraben worden: Allerdings reisst beim Bewegen mit der Baggerschaufel die Folie auf, und ein nackter Fuß ragt heraus, was dem Baggerführer blankes Entsetzen abnötigt ("Sieht aus wie 'n Fuß."). Nach einer kurzen Teambesprechung mit den Kollegen von der manuell arbeitenden Fraktion wird die Polizei verständigt. Schnell stellt sich heraus, dass in der verschnürten Folie die Leiche von Tina W. verpackt wurde.
Es ist das "tragische Ende eines Discothekenbummels" (Zitat EZ). Wie und wann Tina W. ermordet wurde, ließ sich nicht mehr feststellen. Fest steht, dass sie noch einige Zeit nach ihrem Verschwinden noch gelebt haben muß, was sich aus dem Obduktionsbericht und den Aussagen der Schulfreundin ergibt. Ihr Begleiter wird als junger, etwa 1,80m großer recht muskulöser Mann mit auffallend langer Nase beschrieben. Tina trug zum Teil noch dieselbe Bekleidung wie am Abend ihres Verschwindens: ein intensiv gelbes, breit geschnittenes Hemd, eine Blue Jeans mit Lederbesatz an den Seiten sowie die Westernstiefel in Größe 37. Diese Teile sind ebenso verschwunden wie ihre Jeans-Jacke mit aufgesetzten Brusttaschen und weissem Innenfutter, ihre silberfarbenen Ohrstecker mit drei unterschiedlich langen Ketten, die weinrote Geldbörse samt Personalausweis, ein Buntbart- und ein Sicherheitsschlüssel mit einem Garfield-Anhänger. Tina's Leiche muß längere Zeit in einem umschlossenen Raum (Wohnung/Schuppen) gelegen haben; als Tatort und Versteck der Leiche wird der Großraum Darmstadt/Aschaffenburg angenommen, die Karte wird eingeblendet. Zum Schluß wird noch nach dem Autofahrer gefragt, der Tina W. von Eppertshausen nach Groß Umstadt mitgenommen hat.
Brauchbare Hinweise gehen nicht ein, auch nicht nach der Folgesendung, in der die Belohnung von privater Seite verdoppelt wurde, so dass auch dieser Mord ungeklärt blieb.
Filmfall-tread gibt es keinen, ebenso gibt das Internet nichts Verwertbares her. Der Fall wird am Rande dort thematisiert:
http://www.allmystery.de/themen/km80085#id6715990


13.01.1989 FF1 Regina F.

EZ's Einleitung ist ganz kurz, aber Spannung aufbauend: Die Kripo Celle bearbeitet seit fünf Monaten einen Mordfall mit einer "besonders tragischen Komponente". Dem Opfer, einer 20-jährigen jungen Frau, ist offensichtlich ihre Hilfsbereitschaft zum Verhängnis geworden. Und schon erleben wir die letzten Stunden in ihrem Leben mit:
Wie üblich, arbeitet Regina F. am Freitag, den 23. September 1988 in einem Supermarkt in Nienhagen bei Celle an der Käsetheke, wo sie auf den Kundenwunsch wie heute alle Mitarbeiterinnen an einer Käsetheke fragt: "Geschnitten oder am Stück?" Die Kundin möchte ihr "Viertel Emmentaler" aber doch in Scheiben, und dazu nebenan bei Regina's Freundin Angelika noch fünf Elsässer. Regina arbeitet seit vier Jahren in dem Geschäft, zusammen mit eben ihrer Freundin, beim Vekauf von Backwaren oder in der Käseabteilung. Erstaunlicherweise ist die junge Frau noch nicht verheiratet, hat aber seit Jahren einen festen Freund, mit dem sie im Nachbarort Wathlingen seit kurzem zusammenlebt. Hierbei handelt es sich um den 21-jährigen Gernot M., der sich als Zeitsoldat bei der Bundeswehr verpflichtet hat und seine Dienstzeit als Stabsunteroffizier in einer Sanitätseinheit in der Panzertruppenschule Munster, die aber im Film anders aussieht als im Original, verbringt und von der er regelmäßig ins gemeinsame Nest nach Wathlingen pendelt; in Ermangelung eines Führerscheins dank kameradschaftlicher Chauffeurdienste, gelegentlich wird dafür auch die Liebste eingespannt. So auch an diesem Freitag, an dem er mit seinem unverwechselbaren oberbayerischen Akzent bei Regina im Laden anruft und dank der XY-Textbausteine schnell klarstellt, dass er um "Viertel vor zehn" am Haupttor abgeholt werden möchte.
Regina F. fährt einen hellen Ford Escort, dessen dann schon frontgetriebenes Nachfolgemodell in einem weiteren Anhalterfall noch eine Rolle spielen wird. Zunächst aber nimmt sie ihre Freundin Angelika nach vollbrachtem Tagwerk mit nach Wathlingen, was nur wenige Minuten in Anspruch nimmt und so kommen die beiden jungen Frauen gegen 19.00Uhr zuhause an. Angelika betätigt sich noch als Wetterprophetin ("Das gibt noch was heute abend.") und kündigt noch einen möglichen späteren Besuch bei Regina an, um ein paar entliehene Sachen zurückzubringen. Diese fährt ihren Escort noch nicht in die Garage, weil sie gegen 20.45Uhr aufbrechen will, um Gernot abzuholen. Wie sie die nächsten drei Stunden verbringt, kann nur vermutet werden. Zunächst hält sie sich in ihrer doch recht konventionell eingerichteten Wohnung auf, um ihre Schuhe zu wechseln und eine Tüte Milch in den Kühlschrank zu stellen. Als sie zwischen 20.30Uhr und 20.45Uhr ihre Wohnung verlässt, tobt ein schweres Unwetter. "Sie ist zu einer 60 Kilometer langen Fahrt aufgebrochen, bei strömendem Regen und orkanartigen Winböen" (Isolde Thümmler).
Der Sturm heult, der Regen prasselt: über die Fahrt wird eine Strassenskizze geblendet, um die wahrscheinliche Fahrtstrecke zu veranschaulichen: von Wathlingen zurück nach Nienhagen, von dort auf die B3, nach Celle und dann Richtung Norden. Konzentriert sitzt Regina hinter dem Steuer; das Unwetter "zwingt sie zu einer extrem vorsichtigen Fahrweise", eine Nahaufnahme zeigt das Kennzeichen.
Vielleicht hat sie das Unwetter veranlasst, entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit jemanden mitzunehmen, einen durchnässten Anhalter oder einen Autofahrer mit einer Pannedenn als die Kamera von Regina auf den Beifahrersitz schwenkt, erwartet uns einer der gruseligsten Anblicke der XY-Geschichte: dort sitzt einer, dessen bleiche Killervisage das bevorstehende Unheil schon vorwegnimmt. Dieser Unbekannte zwingt Regina, auf halber Strecke vor Hassel an der B3 links in einen Waldweg abzubiegen und nach 150 Metern anzuhalten.
Gegen 21.45Uhr kommt auch der Sanitäts-VW-Bus in die Kaserne zurück, doch Gernot hält vergeblich nach Regina Ausschau ("Sie müsste längst da sein."), lässt sich von einem Kameraden aber für's erste unter Verweis auf das Unwetter vertrösten und fährt mit in die Kaserne.
Wieder kommt Regina durch die Windschutzscheibe ins Bild: ihr Mörder zwingt sie, sich auszuziehen, ihr Shirt und ihr BH fliegen auf den Rücksitz, dann wird sie im Auto vergewaltigt.
Gernot wartet wieder vor der Kaserne, doch auch der Wachsoldat hat den hellen Escort mit Celler Kennzeichen nicht gesehen, wie er brüsk kundtut: "Nein, nicht dass ich wüsste." Und zuhause erreicht er telefonisch niemanden.
Wieder eine unvergessliche gespenstische Szene: nur noch mit Socken bekleidet, kann die junge Frau aus dem Auto Richtung B3 fliehen, wird aber eingeholt und mit einem Knüppel niedergeschlagen. Noch einmal kann sie sich losreissen, wird aber wieder eingeholt und niedergestochen; von mehreren tödlichen Messerstichen in Brust und Rücken getroffen, bleibt sie im Wald liegen.
Gegen 22.30 Uhr kommt das von Gernot M. bestellte Taxi vor der Kaserne an, das er Richtung Celle dirigiert, aber nicht zu schnell, da seine Freundin unterwegs mit dem Wagen liegengeblieben sein könnte.
Seine Suche bleibt vergeblich, wie EZ im Studio bemerkt. Am nächsten Morgen wird Regina's Leiche gefunden; vom Täter keine Spur. Dennoch ist die Kripo recht zuversichtlich, neue Zeugen zu finden, ist doch die B3 eine zu jeder Tages- und Nachtzeit vielbefahrene Strasse, die von Einheimischen und Auswärtigen als Zubringer zur Autobahn genutzt wird. Die Strassenskizze wird eingeblendet und gefragt, wie der Täter zwischen 21.00Uhr und 23.00Uhr vom Tatort weggekommen ist, es könnte aufgefallen sein, dass er blutige Kleidung und stark verschmutzte Schuhe und Hosenbeine gehabt hat. Regina's Bild wird eingeblendet und gesagt, dass unbekannt ist, wo und wie die junge Frau Kontakt zu ihrem Mörder aufgenommen hat, ob es sich um einen Anhalter oder einen Autofahrer gehandelt hat, der eine Panne oder eine Notlage vorgetäuscht hat. Daher wird ganz allgemein nach anhaltenden oder liegengebliebenen Fahrzeugen gefragt und die Fahrstrecke auf der Karte noch einmal gestrichelt nachvollzogen. Ein Originalfoto von der Einmündung des Waldweges in die B3 wird gezeigt und gefragt, ob jemand das an dieser Stelle verbotene Linksabbiegen bemerkt hat. Schliesslich wird noch das Auto der Ermordeten gezeigt, ein älterer viertüriger Ford Escort mit gelben und braunen Dekorstreifen.
Trotz der hervorragenden Fallaufbereitung und der grossartigen Sprechertexte wurde der Mord bis heute nicht aufgeklärt; viele entscheidende Fragen blieben unbeantwortet.
In Erinnerung der Zuschauer bleibt das Verbrechen auch deswegen, weil zum ersten Mal bei den Anhaltermorden die Tat selbst dargestellt wurde. Für mich ist dieses Verbrechen eines der erschütterndsten in der langen XY-Geschichte.

Etwas Lektüre hierzu:
http://azxy.communityhost.de/thread/?thread__mid=784782916
http://www.allmystery.de/themen/km84311
http://www.polizei.niedersachsen.de/dst/pdlg/celle/regina_fischer/kontakt.html
http://www.abendblatt.de/hamburg/article655574/Hamburgs-Moerdern-auf-der-Spur.html
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#24

Re: Fahrkarte erhobener Daumen - die Anhaltermorde bei XY

in Filmfälle 27.02.2012 22:10
von Ludwig • 531 Beiträge
Hallo zusammen!

Die Fälle Dieter H., Tina W.(Plastikpaket) und Regina F. sind hinzugekommen.
Viel Spaß beim Lesen!

Ludwig
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#25

Re: Fahrkarte erhobener Daumen - die Anhaltermorde bei XY

in Filmfälle 29.02.2012 20:17
von Ludwig • 531 Beiträge
Fahrkarte erhobener Daumen - Teil 5:

07.04.1989 FF1: Kerstin Sch.

Den ersten neuen Fall leitet EZ mit dem Blättern in einer Akte und einigen Stichwörtern ein: "Es geht um Mord. Das Opfer: eine 21-jährige Frau, Tatzeit: November 1988, Motiv: unbekannt, zuständig: das LKA Wiesbaden. Für die Polizei beginnt der Fall an der Rastanlage Herborn-Dollenberg an der Sauerlandlinie Richtung Norden."
Dort wundert sich eine Polizeistreife im Standard-Audi-80-Dienstwagen über einen schon seit dem Vortag abgestellten hellen Escort mit Rüdesheimer Kennzeichen, dessen Licht wegen der mittlerweile leeren Batterie nicht mehr brennt. Die Nachschau ergibt eine offene Fahrertür, wundersamerweise verhält es sich mit der Beifahrertür ebenso, was instinktiv die richtige Vermutung auslöst: "Da stimmt doch was nicht." Im unordentlichen Innenraum findet sich eine Handtasche, auch die Schlüssel stecken noch. Die eingeleitete Halterüberprüfung ("positiv") bei "Hessen 1631" ergibt, dass "etwas vorliegt" und das Fahrzeug, bei dem sich auch ein merkwürdiger Sprung in der Scheibe zeigt, auf die Firma Dittmann in Taunusstein zugelassen ist. Die Fahrerin Kerstin Sch., deren Paß im Auto liegt, ist seit zwei Tagen als vermisst gemeldet; ebenso das Fahrzeug.
Wie das letzte Opfer auch, so hat Kerstin Sch. nicht nur einen hellen Escort, sondern auch einen Freund bei der Bundeswehr, von dem sie sich am Mittwoch, den 16. November 1988 (Buß- und Bettag) gegen 19.00Uhr am Frankfurter Hauptbahnhof verabschiedet. Der Wehrdienstleistende Jens H. muß nach ein paar Tagen Urlaub bei Kerstin in Waldems/Steinfischbach wieder zurück nach Braunschweig. Die Fernbeziehung ist belastend, aber "die paar Monate schaffen wir auch noch". Der Abschied - dass es einer für immer ist, ahnen wir schon - ist kurz (auch wegen der Parkplatzsuche) und XY-konform standardisiert: das Versrpechen, anzurufen, ein Kuß, die Ermahnung: "Tschüß Kleines, paß' auf Dich auf." "Ganz sicher." Und unter gegenseitigem Winken fährt der Zug ab; es ist ein Intercity, gezogen von einer wunderschönen rot-beigen Lokomotive der Baureihe 103 mit Scheren-Stromabnehmern (eine kleine hommage an Bernhard).
Den Abend verbringt sie zuhause bei den Eltern, in deren grosszügigem Haus sie und auch ihr älterer Bruder jeweils eine eigene kleine Wohnung haben. Aber auch die erwachsenen Kinder halten sich gern bei den Eltern und Mama's Rundumversorgung auf. Die kleine Schwester Sonja im Schlafanzug möchte noch mit zu Kerstin, doch der zeitunglesende Papa (der uns aus vielen anderen Fällen wohlvertraut ist) im Fauteuil unterbindet diesen Wunsch mit Verweis auf Kerstin's Ruhebedürfnis. Auch Papa bekommt noch ein Bussi und das Versprechen, dass "Jens die Prospekte aus Braunschweig mitbringt"; die kleine Sonja muß ins Bett und Kerstin noch in ihrer Wohnung die "Sachen für morgen herrichten". Sie arbeitet seit eineinhalb Jahren bei der Firma Dittmann in Taunusstein als Vertreterin in Hessen und im Rheinland; für den morgigen Tag hat sie eine Tour in den Raum Kassel geplant.
Am nächsten Morgen um 07.30Uhr, es ist Donnerstag, der 17. November 1988, bricht sie dorthin auf und verabschiedet sich von ihrer besorgten Mutter ("So 'ne lange Tour.") und verspricht, anzurufen, selbst wenn es spät wird ("auch wegen Jens"). Bis jetzt ist immer alles gut gegangen, doch Frau Sch. hat jedes Mal Angst, wenn ihre Tochter allein unterwegs ist. "Und dieses Mal ist die Sorge auch berechtigt, viellicht sogar eine Vorahnung, denn Frau Sch. wird ihr Kind nicht wiedersehen" (Isolde Thümmler). Zunächst tankt Kerstin das Auto voll und stellt den Tageskilometerzähler für die spätere Reisekostenabrechnung auf Null, was der Polizei später hilft, mittels einer komplexen mathematischen Operation die gefahrenen Kilometer "genau zu ermitteln". Die junge Frau fährt den Escort allein und plant ihre Touren so, dass sie abends immer zuhause ist. Die erste Etappe auf der Autobahn ist recht lang; im 190 Kilometer entfernten Kassel besucht sie drei Grossmärkte. In einem davon, der SB Union im Industriegebiet, erleben wir einen Anachronismus, eine noch nicht EDV-gestützte Warenwirtschaft. Diese wird vom Gedächtnis des Einkäufers geleistet, der die von Kerstin als "ganz pikant" beworbenen - und auch heute noch erhältlichen - "Soleier im Glas" noch vorrätig hat, dafür aber "10 mal 12 Dosen grünen Pfeffer" und "10 mal 12 Gläser Perlzwiebeln" benötigt, aber auch drei Dosen Parmesan umtauschen will. Von 11.00Uhr bis 12.00Uhr dauert dieser Termin, nachher wird Kerstin noch in der Feinkostabteilung desselben Grosshändlers gesehen, wo sie als gewissenhafte Mitarbeiterin nachsieht, ob auch ja genügend Dittmann-Produkte im Regal stehen. Irgendwann danach - wir sehen sie noch beim Einsteigen - muß die junge Frau weitergefahren sein, wohin, weiß niemand.
Abends ruft ihr Freund zuhause bei ihrer heulenden Mutter an und befürchtet Schlimmes: "Da muß was passiert sein." Nach Beendigung des Gesprächs ("Vielleicht versucht sie gerade jetzt, hier anzurufen.") sitzt sie die ganze Nacht am Fenster und wartet darauf, dass Kerstin nach Hause kommt (Dieser eine Satz mit dem vergeblichen Warten am Fenster illustriert für mich das Leid der Angehörigen viel intensiver als jede noch so reisserische Darstellung heutzutage, Kommentar d. Verf.).
In der Werkstatt wird von einem grau bemantelten Experten der Escort untersucht; Tank und Batterie sind vollständig leer, 466 Kilometer sind seit dem letzten Tanken damit gefahren worden, also 100 Kilometer mehr als eigentlich aufgrund der kürzesten Entfernung Steinfischbach-Kassel-Dollenberg zu erwarten, wie der Kripobeamte blitzschnell überschlägt. Und auf noch etwas macht der Meister die Kripo aufmerksam: einen Fussabdruck bei der geborstenen Scheibe, was aber laut der Aussage eines Kripobeamten kein gutes Zeichen ist, selbst wenn sich keine Blutspuren finden.
Kerstin bleibt verschwunden, Tage und Wochen voller Ungewissheit vergehen für ihr Familie und ihren Freund, wobei insbesondere ihre Mutter mit der Situation nicht fertig wird und von der Jüngsten getröstet wird. Im Wohnzimmer wird die ganze Hilflosigkeit vorgeführt: "Ich halt' das nicht mehr aus." "Was willst Du machen?" "Hast ja recht." (Dialog Freund-Bruder)
Drei Wochen später, am Donnerstag, den 8. Dezember 1988 wird aus den Befürchtungen Gewissheit: ein spazierengehender Rentner im Lodenmantel und Hut findet in einem Waldstück bei Bad Hersfeld südlich von Kassel die Leiche von Kerstin Sch.; die junge Frau ist erschlagen worden.
Im Studio ist Laut EZ kein Motiv für die Tat erkennbar; Raubmord scheidet eigentlich aus, da nichts geraubt worden ist. Kerstin's Passbild wird eingeblendet, ihre Fahrtroute farbig gestrichelt auf einer Karte nachvollzogen. Es wird gefragt, wen sie noch getroffen hat, da ihre Termine sich nicht lückenlos rekonstruieren liessen. Eine Fotomontage mit ihrer Bekleidung wird gezeigt: brauner, weit geschnittener Mantel, blau/weisses T-Shirt, beige Hose, schwarze Stiefel.
Vermutlich wurde sie schon tot am Fundort bei Obergeis (Karte) nördlich von Bad Hersfeld abgelegt; nach Beobachtungen am Fundort wird gefragt. Mit einem Foto des Autos und einer weiteren Karte (die aber die Lage der Raststätte verdächtig nahe bei Gießen lokalisiert) wird der Sicherstellungsort des Fahrzeugs 170 Kilometer vom Leichenfundort entfernt gezeigt und mit Verweis auf die gegenüber der kürzesten Strecke zwischen Steinfischbach, Kassel und Dollenberg mehr gefahrenen 100 Kilometer gefragt, wo der Escort sonst noch gesehen worden ist. Das Abstellen an der Raststätte könnte auch eine bewusst gelegte falsche Spur sein, schliesslich hätten sich die Suchaktionen auf deren Umgebung konzentriert. Ferner ist von Interesse, wie der Täter wieder von der Raststätte weggekommen ist; er könnte am Nachmittag oder am Abend des 17. November 1988 per Anhalter gefahren sein.
Eine letzte Frage behandelt eine silberne Radkappe eines Subaru Justy, die einen Kilometer vom Fundort der Leiche am Ortsausgang von Obergeis gefunden wurde und der menschliches Blut anhaftete.
"Spät kommt Ihr, doch Ihr kommt" (Schiller, Wallenstein, Die Piccolomini), dieses Motto gilt auch für die Aufklärung dieses Falles: Fast 21 Jahre später konnte ein Tatverdächtiger festgenommen und in einem Aufsehen erregenden Prozeß auch verurteilt werden. In der XY-wiki gibt es einige links, die aber grossteils nicht mehr funktionieren, daher der Hinweis auf die sehr informativen Fall-Threads:
http://azxy.communityhost.de/thread/?thread__mid=15038501
http://azxy.communityhost.de/thread/?thread__mid=639239794
und einige Artikel:
http://www.rp-online.de/niederrhein-nord/dinslaken/nachrichten/mordprozess-opfer-stand-kurz-vor-der-hochzeit-1.1048187
http://www.augsburger-allgemeine.de/panorama/DNA-Analyse-ueberfuehrt-mutmasslichen-Moerder-id6268401.html
http://www.fuldaerzeitung.de/nachrichten/fulda-und-region/Fulda-Region-Auto-Personen-Damen-Drogen;art25,215076
und endgültig:
http://www.rp-online.de/niederrhein-nord/dinslaken/nachrichten/urteil-gegen-moerder-ist-rechtskraeftig-1.1087309


09.06.1989 FF1: Melanie P.

In einer längeren Einleitung spricht EZ von einem "Thema, das uns seit zwanzig Jahren immer wieder beschäftigt: das Fahren per Anhalter". Gegen diese gefährliche Unsitte scheine kein Kraut gewachsen zu sein. Viele Frauen würden zwar nicht mehr trampen, doch diese Beförderungsmethode sei insbesondere auf dem Land verlockend, wo die öffentlichen Verkehrsverbindungen zu wünschen übrig liessen. Und daher gehe es im nächsten Fall, für den die Kripo Lüneburg zuständig sei, nicht nur darum, den Täter zu finden, sondern auch darum, dass in Zukunft weniger Frauen und Mädchen in fremde Autos stiegen. Und damit zum Fall:
In der Gemarkung Tostedt im Raum Lüneburg arbeitet der Bauer Franz W. in Latzhose und Schiebermütze am 23. August 1988 auf einem Feld am Ufer der Wümme. Bei näherem Hinsehen entpuppt sich das Feld als Wiese, auf der der Ökonom mit seinem Deutz-Fahr (Modell vermutlich 45 06) mit Frontlader und heckseitig angebautem, aber nicht betriebenen Düngemittelstreuer relativ sinnfreie Runden dreht. Da er also nicht auf ein Arbeitsgerät achten muß, kann er seine Aufmerksamkeit dem Flusslauf widmen, in dem er alsbald eine schreckliche Entdeckung macht, weswegen er anhält, absteigt und erkennt, dass am gegenüberliegenden Ufer eine nackte Leiche bäuchlings in der Wümme liegt. Er schätzt die Situation richtig ein und verständigt umgehend das nächste Polizeirevier.
Die Kripo rückt auch umgehend mit einer Reihe von Fahrzeugen und Beamten für die Tatortarbeit an, die Fundstelle wird fotografiert, vorhandene Reifenspuren erwähnt und einer der Beamten holt sich sogar nasse Füsse, da er in das Flüsschen steigt. Diese Kneipp'sche Wassertreterei bleibt nicht unbelohnt, immerhin findet er das abgebrochene Teil einer Gürtelschnalle. Der Hubschrauber aus Oldenburg wird erwartet, der Bauer vernommen und die Getötete zum Abtransport vorbereitet. Der Hubschrauber verirrt sich aber nach Oberbayern, aber wenigstens ist die Funkverbindung intakt, so dass der Co-Pilot mit Kamera und Monster-Teleobjektiv doch noch ein paar Übersichtsaufnahmen machen kann. Über die Identität der Toten kann schon bald eine gesicherte Vermutung angestellt werden, hat doch das Ehepaar P. vor wenigen Stunden die 13-jährige Tochter Melanie als vermisst gemeldet. Deren Bekleidung fehlt zunächst noch vollständig, sie liegt aber kurze Zeit später auf dem Tisch im Büro der Kripo, nachdem sie hinter einem Brombeerstrauch gefunden wurde. Erste Hinweise gehen ein auf einen Mercedes in einem nicht originalen "marsrot" (das gab es meines Wissens auf jeden Fall beim Golf I), und für diese "Umspritztheorie" sprechen auch die breiten Reifen und das an anderer Stelle angebrachte Typenschild (Der Sinn dieses Tunings erschliesst sich mir nicht so ganz, denn dieser Heizöl-Ferrari hatte eine derart infernalische Beschleunigung, dass, wenn man Samstag Mittag Tempo 100 fahren wollte, man spätestens Donnerstag Abend losfahren musste.). Und mit einem Blick auf das Fahndungsplakat sind wir beim letzten Tag im Leben des jungen Mädchens, dem 22. August 1988. Die Rekonstruktion der letzten Stunden ergibt, soweit möglich, folgenden Ablauf: gegen 13.30Uhr kommt Melanie im Bus von der Schule in Lauenburg nach Hause. Dieser hält praktischerweise gleich vor dem Elternhaus, einem Bauernhof ausserhalb von Stemmen, den ihre Eltern zusammen mit einem weiteren Ehepaar gepachtet haben. Melanie gilt als "natur- und tierlieb, streichelt daher sie Ponys auf der Weide, ist aber auch laut Isolde in einer "etwas schwierigen Entwicklungsphase" und hat daher manchmal "wenig Verständnis" für das, was ihre Eltern von ihr erwarten. Gegen 15.30Uhr treten diese "gewissen Unstimmigkeiten" in einer Auseinandersetzung mit ihrem vollbärtigen und westentragenden Vater in dessen Rolle als früher Öko-Bauer am Esstisch auch offen zutage, der seiner Tochter einen Vortrag hält wie ihn wohl in ähnlicher Weise schon jeder von uns zu hören bekommen hat: dass sie sich nicht nur hinsetzen und bedienen lassen könne, dass es Zeit wird, die Zusammenhänge im Leben zu begreifen (Kommentar mit einem In-Adjektiv jener Jahre: "Ah, ätzend."), und man nur ernten könne, wenn man vorher gesät hat - da spricht halt der Bauer. Auch bei der hinzukommenden wäschestapelbeladenen Mutter findet Melanie keine Unterstützung, vielmehr solle sie ihr Fahrrad in der Scheune reparieren, wenn sie sich schon das andere hat klauen lassen. Kein Wunder, dass ihr dabei der Appetit vergangen ist, zumal Mama mangels Gelegenheit auch den Lieblingskäse nicht hat kaufen können. Angesichts dieses unerfreulichen Vorfalls beschliesst Melanie einen vorübergehenden Ortswechsel, den sie vermutlich per Anhalter ins neun Kilometer entfernte Scheeßel recht schnell bewältigt. Um 17.30Uhr will sie ihre Freundin Babsi besuchen, aber die ist auf Klassenfahrt und so zieht Melanie wieder ab und ziellos durch den Ort, ehe sie zuletzt in einem bei jungen Leuten recht beliebten Grilllokal gesehen wird, das sie aber trotz der ansprechenden Musik (Bruce Springsteen: I'm on fire) bald wieder verlässt. Am Ortsausgang von Scheeßel an der B75, an einer beliebten Anhalterstelle gegenüber der Molkerei wird Melanie um 19.00Uhr noch zweimal gesehen: zum einen von einer Autofahrerin in einem gelben Opel Rekord, die sie aber nicht mitnimmt, und zum anderen von einem Molkereiarbeiter, der in der vorindustriellen Zeit der Milcherzeugung noch mit 20-Liter-Kannen und noch nicht mit 30.000-Liter-Tankzügen hantiert und beobachtet, wie das Mädchen in einen roten Mercedes 200 steigt.
Was dann passiert, steht nicht mit letzter Sicherheit fest, sicher aber ist, dass der Autofahrer, ein blonder Unsympath, den Wegweiser nach Stemmen übersehen und einen anderen Weg eingeschlagen hat. Melanie wird sexuell missbraucht, in eine tödliche Auseinandersetzung verwickelt und nackt in die Wümme geworfen, was mit der schon bekannten gruseligen "Boden-Kamera-Perspektive" illustriert wird. Von Schlägen auf den Kopf ist die Rede; Todesursache ist Strangulieren und Ertrinken.
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#26

Re: Fahrkarte erhobener Daumen - die Anhaltermorde bei XY

in Filmfälle 02.03.2012 16:13
von schorsch • 162 Beiträge
Hallo an alle,
es ist ein Trampermord nach 21 Jahren geklärt. Zwar steht dieser Fall nicht auf der Liste von Ludwig und ich glaube auch nicht, dass er in XY behandelt wurde.
Es geht um den Fall Andrea Steffen. (63jähriger Täter kam aus der Uckermark und hielt dem Druck einer gross angelegten DNA- Untersuchung nicht mehr stand und beging Selbstmord).
Gruss vom Schorsch
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#27

Re[2]: Fahrkarte erhobener Daumen - die Anhaltermorde bei XY

in Filmfälle 02.03.2012 16:59
von bastian2410 • 1.543 Beiträge
schorsch>Hallo an alle,
schorsch>es ist ein Trampermord nach 21 Jahren geklärt. Zwar steht dieser Fall nicht auf der Liste von Ludwig und ich glaube auch nicht, dass er in XY behandelt wurde.
schorsch>Es geht um den Fall Andrea Steffen. (63jähriger Täter kam aus der Uckermark und hielt dem Druck einer gross angelegten DNA- Untersuchung nicht mehr stand und beging Selbstmord).
schorsch>Gruss vom Schorsch

Doch, lieber Schorsch, der Mordfall Andrea St. war ein xy- Fall. Allerdings wurde der Fall erst 20 Jahre nach der Tat in der Sendung ausgestrahlt, nämlich im Dezember 2011 als FF 3. Im Sendungsthread wurden Zeitungsartikel verlinkt, die über die Umstände der Aufklärung berichten.
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#28

Re: Fahrkarte erhobener Daumen - die Anhaltermorde bei XY

in Filmfälle 02.03.2012 22:04
von schorsch • 162 Beiträge
@ Bastian
Ja, Du hast recht - habe es kurz danach bemerkt. Da ich nicht so fit am Computer bin konnte ich mich nicht selbst korrigieren. Danke dass Du den Hinweis gegeben hast. Gruss vom Schorsch
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#29

Re[2]: Fahrkarte erhobener Daumen - die Anhaltermorde bei XY

in Filmfälle 10.03.2012 21:50
von Ludwig • 531 Beiträge
Ludwig>Fahrkarte erhobener Daumen - Teil 5:

Ludwig>07.04.1989 FF1: Kerstin Sch.

Ludwig>Den ersten neuen Fall leitet EZ mit dem Blättern in einer Akte und einigen Stichwörtern ein: "Es geht um Mord. Das Opfer: eine 21-jährige Frau, Tatzeit: November 1988, Motiv: unbekannt, zuständig: das LKA Wiesbaden. Für die Polizei beginnt der Fall an der Rastanlage Herborn-Dollenberg an der Sauerlandlinie Richtung Norden."
Ludwig>Dort wundert sich eine Polizeistreife im Standard-Audi-80-Dienstwagen über einen schon seit dem Vortag abgestellten hellen Escort mit Rüdesheimer Kennzeichen, dessen Licht wegen der mittlerweile leeren Batterie nicht mehr brennt. Die Nachschau ergibt eine offene Fahrertür, wundersamerweise verhält es sich mit der Beifahrertür ebenso, was instinktiv die richtige Vermutung auslöst: "Da stimmt doch was nicht." Im unordentlichen Innenraum findet sich eine Handtasche, auch die Schlüssel stecken noch. Die eingeleitete Halterüberprüfung ("positiv") bei "Hessen 1631" ergibt, dass "etwas vorliegt" und das Fahrzeug, bei dem sich auch ein merkwürdiger Sprung in der Scheibe zeigt, auf die Firma Dittmann in Taunusstein zugelassen ist. Die Fahrerin Kerstin Sch., deren Paß im Auto liegt, ist seit zwei Tagen als vermisst gemeldet; ebenso das Fahrzeug.
Ludwig>Wie das letzte Opfer auch, so hat Kerstin Sch. nicht nur einen hellen Escort, sondern auch einen Freund bei der Bundeswehr, von dem sie sich am Mittwoch, den 16. November 1988 (Buß- und Bettag) gegen 19.00Uhr am Frankfurter Hauptbahnhof verabschiedet. Der Wehrdienstleistende Jens H. muß nach ein paar Tagen Urlaub bei Kerstin in Waldems/Steinfischbach wieder zurück nach Braunschweig. Die Fernbeziehung ist belastend, aber "die paar Monate schaffen wir auch noch". Der Abschied - dass es einer für immer ist, ahnen wir schon - ist kurz (auch wegen der Parkplatzsuche) und XY-konform standardisiert: das Versrpechen, anzurufen, ein Kuß, die Ermahnung: "Tschüß Kleines, paß' auf Dich auf." "Ganz sicher." Und unter gegenseitigem Winken fährt der Zug ab; es ist ein Intercity, gezogen von einer wunderschönen rot-beigen Lokomotive der Baureihe 103 mit Scheren-Stromabnehmern (eine kleine hommage an Bernhard).
Ludwig>Den Abend verbringt sie zuhause bei den Eltern, in deren grosszügigem Haus sie und auch ihr älterer Bruder jeweils eine eigene kleine Wohnung haben. Aber auch die erwachsenen Kinder halten sich gern bei den Eltern und Mama's Rundumversorgung auf. Die kleine Schwester Sonja im Schlafanzug möchte noch mit zu Kerstin, doch der zeitunglesende Papa (der uns aus vielen anderen Fällen wohlvertraut ist) im Fauteuil unterbindet diesen Wunsch mit Verweis auf Kerstin's Ruhebedürfnis. Auch Papa bekommt noch ein Bussi und das Versprechen, dass "Jens die Prospekte aus Braunschweig mitbringt"; die kleine Sonja muß ins Bett und Kerstin noch in ihrer Wohnung die "Sachen für morgen herrichten". Sie arbeitet seit eineinhalb Jahren bei der Firma Dittmann in Taunusstein als Vertreterin in Hessen und im Rheinland; für den morgigen Tag hat sie eine Tour in den Raum Kassel geplant.
Ludwig>Am nächsten Morgen um 07.30Uhr, es ist Donnerstag, der 17. November 1988, bricht sie dorthin auf und verabschiedet sich von ihrer besorgten Mutter ("So 'ne lange Tour.") und verspricht, anzurufen, selbst wenn es spät wird ("auch wegen Jens"). Bis jetzt ist immer alles gut gegangen, doch Frau Sch. hat jedes Mal Angst, wenn ihre Tochter allein unterwegs ist. "Und dieses Mal ist die Sorge auch berechtigt, viellicht sogar eine Vorahnung, denn Frau Sch. wird ihr Kind nicht wiedersehen" (Isolde Thümmler). Zunächst tankt Kerstin das Auto voll und stellt den Tageskilometerzähler für die spätere Reisekostenabrechnung auf Null, was der Polizei später hilft, mittels einer komplexen mathematischen Operation die gefahrenen Kilometer "genau zu ermitteln". Die junge Frau fährt den Escort allein und plant ihre Touren so, dass sie abends immer zuhause ist. Die erste Etappe auf der Autobahn ist recht lang; im 190 Kilometer entfernten Kassel besucht sie drei Grossmärkte. In einem davon, der SB Union im Industriegebiet, erleben wir einen Anachronismus, eine noch nicht EDV-gestützte Warenwirtschaft. Diese wird vom Gedächtnis des Einkäufers geleistet, der die von Kerstin als "ganz pikant" beworbenen - und auch heute noch erhältlichen - "Soleier im Glas" noch vorrätig hat, dafür aber "10 mal 12 Dosen grünen Pfeffer" und "10 mal 12 Gläser Perlzwiebeln" benötigt, aber auch drei Dosen Parmesan umtauschen will. Von 11.00Uhr bis 12.00Uhr dauert dieser Termin, nachher wird Kerstin noch in der Feinkostabteilung desselben Grosshändlers gesehen, wo sie als gewissenhafte Mitarbeiterin nachsieht, ob auch ja genügend Dittmann-Produkte im Regal stehen. Irgendwann danach - wir sehen sie noch beim Einsteigen - muß die junge Frau weitergefahren sein, wohin, weiß niemand.
Ludwig>Abends ruft ihr Freund zuhause bei ihrer heulenden Mutter an und befürchtet Schlimmes: "Da muß was passiert sein." Nach Beendigung des Gesprächs ("Vielleicht versucht sie gerade jetzt, hier anzurufen.") sitzt sie die ganze Nacht am Fenster und wartet darauf, dass Kerstin nach Hause kommt (Dieser eine Satz mit dem vergeblichen Warten am Fenster illustriert für mich das Leid der Angehörigen viel intensiver als jede noch so reisserische Darstellung heutzutage, Kommentar d. Verf.).
Ludwig>In der Werkstatt wird von einem grau bemantelten Experten der Escort untersucht; Tank und Batterie sind vollständig leer, 466 Kilometer sind seit dem letzten Tanken damit gefahren worden, also 100 Kilometer mehr als eigentlich aufgrund der kürzesten Entfernung Steinfischbach-Kassel-Dollenberg zu erwarten, wie der Kripobeamte blitzschnell überschlägt. Und auf noch etwas macht der Meister die Kripo aufmerksam: einen Fussabdruck bei der geborstenen Scheibe, was aber laut der Aussage eines Kripobeamten kein gutes Zeichen ist, selbst wenn sich keine Blutspuren finden.
Ludwig>Kerstin bleibt verschwunden, Tage und Wochen voller Ungewissheit vergehen für ihr Familie und ihren Freund, wobei insbesondere ihre Mutter mit der Situation nicht fertig wird und von der Jüngsten getröstet wird. Im Wohnzimmer wird die ganze Hilflosigkeit vorgeführt: "Ich halt' das nicht mehr aus." "Was willst Du machen?" "Hast ja recht." (Dialog Freund-Bruder)
Ludwig>Drei Wochen später, am Donnerstag, den 8. Dezember 1988 wird aus den Befürchtungen Gewissheit: ein spazierengehender Rentner im Lodenmantel und Hut findet in einem Waldstück bei Bad Hersfeld südlich von Kassel die Leiche von Kerstin Sch.; die junge Frau ist erschlagen worden.
Ludwig>Im Studio ist Laut EZ kein Motiv für die Tat erkennbar; Raubmord scheidet eigentlich aus, da nichts geraubt worden ist. Kerstin's Passbild wird eingeblendet, ihre Fahrtroute farbig gestrichelt auf einer Karte nachvollzogen. Es wird gefragt, wen sie noch getroffen hat, da ihre Termine sich nicht lückenlos rekonstruieren liessen. Eine Fotomontage mit ihrer Bekleidung wird gezeigt: brauner, weit geschnittener Mantel, blau/weisses T-Shirt, beige Hose, schwarze Stiefel.
Ludwig>Vermutlich wurde sie schon tot am Fundort bei Obergeis (Karte) nördlich von Bad Hersfeld abgelegt; nach Beobachtungen am Fundort wird gefragt. Mit einem Foto des Autos und einer weiteren Karte (die aber die Lage der Raststätte verdächtig nahe bei Gießen lokalisiert) wird der Sicherstellungsort des Fahrzeugs 170 Kilometer vom Leichenfundort entfernt gezeigt und mit Verweis auf die gegenüber der kürzesten Strecke zwischen Steinfischbach, Kassel und Dollenberg mehr gefahrenen 100 Kilometer gefragt, wo der Escort sonst noch gesehen worden ist. Das Abstellen an der Raststätte könnte auch eine bewusst gelegte falsche Spur sein, schliesslich hätten sich die Suchaktionen auf deren Umgebung konzentriert. Ferner ist von Interesse, wie der Täter wieder von der Raststätte weggekommen ist; er könnte am Nachmittag oder am Abend des 17. November 1988 per Anhalter gefahren sein.
Ludwig>Eine letzte Frage behandelt eine silberne Radkappe eines Subaru Justy, die einen Kilometer vom Fundort der Leiche am Ortsausgang von Obergeis gefunden wurde und der menschliches Blut anhaftete.
Ludwig>"Spät kommt Ihr, doch Ihr kommt" (Schiller, Wallenstein, Die Piccolomini), dieses Motto gilt auch für die Aufklärung dieses Falles: Fast 21 Jahre später konnte ein Tatverdächtiger festgenommen und in einem Aufsehen erregenden Prozeß auch verurteilt werden. In der XY-wiki gibt es einige links, die aber grossteils nicht mehr funktionieren, daher der Hinweis auf die sehr informativen Fall-Threads:
Ludwig>http://azxy.communityhost.de/thread/?thread__mid=15038501
Ludwig>http://azxy.communityhost.de/thread/?thread__mid=639239794
Ludwig>und einige Artikel:
Ludwig>http://www.rp-online.de/niederrhein-nord/dinslaken/nachrichten/mordprozess-opfer-stand-kurz-vor-der-hochzeit-1.1048187
Ludwig>http://www.augsburger-allgemeine.de/panorama/DNA-Analyse-ueberfuehrt-mutmasslichen-Moerder-id6268401.html
Ludwig>http://www.fuldaerzeitung.de/nachrichten/fulda-und-region/Fulda-Region-Auto-Personen-Damen-Drogen;art25,215076
Ludwig>und endgültig:
Ludwig>http://www.rp-online.de/niederrhein-nord/dinslaken/nachrichten/urteil-gegen-moerder-ist-rechtskraeftig-1.1087309


Ludwig>09.06.1989 FF1: Melanie P.

Ludwig>In einer längeren Einleitung spricht EZ von einem "Thema, das uns seit zwanzig Jahren immer wieder beschäftigt: das Fahren per Anhalter". Gegen diese gefährliche Unsitte scheine kein Kraut gewachsen zu sein. Viele Frauen würden zwar nicht mehr trampen, doch diese Beförderungsmethode sei insbesondere auf dem Land verlockend, wo die öffentlichen Verkehrsverbindungen zu wünschen übrig liessen. Und daher gehe es im nächsten Fall, für den die Kripo Lüneburg zuständig sei, nicht nur darum, den Täter zu finden, sondern auch darum, dass in Zukunft weniger Frauen und Mädchen in fremde Autos stiegen. Und damit zum Fall:
Ludwig>In der Gemarkung Tostedt im Raum Lüneburg arbeitet der Bauer Franz W. in Latzhose und Schiebermütze am 23. August 1988 auf einem Feld am Ufer der Wümme. Bei näherem Hinsehen entpuppt sich das Feld als Wiese, auf der der Ökonom mit seinem Deutz-Fahr (Modell vermutlich 45 06) mit Frontlader und heckseitig angebautem, aber nicht betriebenen Düngemittelstreuer relativ sinnfreie Runden dreht. Da er also nicht auf ein Arbeitsgerät achten muß, kann er seine Aufmerksamkeit dem Flusslauf widmen, in dem er alsbald eine schreckliche Entdeckung macht, weswegen er anhält, absteigt und erkennt, dass am gegenüberliegenden Ufer eine nackte Leiche bäuchlings in der Wümme liegt. Er schätzt die Situation richtig ein und verständigt umgehend das nächste Polizeirevier.
Ludwig>Die Kripo rückt auch umgehend mit einer Reihe von Fahrzeugen und Beamten für die Tatortarbeit an, die Fundstelle wird fotografiert, vorhandene Reifenspuren erwähnt und einer der Beamten holt sich sogar nasse Füsse, da er in das Flüsschen steigt. Diese Kneipp'sche Wassertreterei bleibt nicht unbelohnt, immerhin findet er das abgebrochene Teil einer Gürtelschnalle. Der Hubschrauber aus Oldenburg wird erwartet, der Bauer vernommen und die Getötete zum Abtransport vorbereitet. Der Hubschrauber verirrt sich aber nach Oberbayern, aber wenigstens ist die Funkverbindung intakt, so dass der Co-Pilot mit Kamera und Monster-Teleobjektiv doch noch ein paar Übersichtsaufnahmen machen kann. Über die Identität der Toten kann schon bald eine gesicherte Vermutung angestellt werden, hat doch das Ehepaar P. vor wenigen Stunden die 13-jährige Tochter Melanie als vermisst gemeldet. Deren Bekleidung fehlt zunächst noch vollständig, sie liegt aber kurze Zeit später auf dem Tisch im Büro der Kripo, nachdem sie hinter einem Brombeerstrauch gefunden wurde. Erste Hinweise gehen ein auf einen Mercedes in einem nicht originalen "marsrot" (das gab es meines Wissens auf jeden Fall beim Golf I), und für diese "Umspritztheorie" sprechen auch die breiten Reifen und das an anderer Stelle angebrachte Typenschild (Der Sinn dieses Tunings erschliesst sich mir nicht so ganz, denn dieser Heizöl-Ferrari hatte eine derart infernalische Beschleunigung, dass, wenn man Samstag Mittag Tempo 100 fahren wollte, man spätestens Donnerstag Abend losfahren musste.). Und mit einem Blick auf das Fahndungsplakat sind wir beim letzten Tag im Leben des jungen Mädchens, dem 22. August 1988. Die Rekonstruktion der letzten Stunden ergibt, soweit möglich, folgenden Ablauf: gegen 13.30Uhr kommt Melanie im Bus von der Schule in Lauenburg nach Hause. Dieser hält praktischerweise gleich vor dem Elternhaus, einem Bauernhof ausserhalb von Stemmen, den ihre Eltern zusammen mit einem weiteren Ehepaar gepachtet haben. Melanie gilt als "natur- und tierlieb, streichelt daher sie Ponys auf der Weide, ist aber auch laut Isolde in einer "etwas schwierigen Entwicklungsphase" und hat daher manchmal "wenig Verständnis" für das, was ihre Eltern von ihr erwarten. Gegen 15.30Uhr treten diese "gewissen Unstimmigkeiten" in einer Auseinandersetzung mit ihrem vollbärtigen und westentragenden Vater in dessen Rolle als früher Öko-Bauer am Esstisch auch offen zutage, der seiner Tochter einen Vortrag hält wie ihn wohl in ähnlicher Weise schon jeder von uns zu hören bekommen hat: dass sie sich nicht nur hinsetzen und bedienen lassen könne, dass es Zeit wird, die Zusammenhänge im Leben zu begreifen (Kommentar mit einem In-Adjektiv jener Jahre: "Ah, ätzend."), und man nur ernten könne, wenn man vorher gesät hat - da spricht halt der Bauer. Auch bei der hinzukommenden wäschestapelbeladenen Mutter findet Melanie keine Unterstützung, vielmehr solle sie ihr Fahrrad in der Scheune reparieren, wenn sie sich schon das andere hat klauen lassen. Kein Wunder, dass ihr dabei der Appetit vergangen ist, zumal Mama mangels Gelegenheit auch den Lieblingskäse nicht hat kaufen können. Angesichts dieses unerfreulichen Vorfalls beschliesst Melanie einen vorübergehenden Ortswechsel, den sie vermutlich per Anhalter ins neun Kilometer entfernte Scheeßel recht schnell bewältigt. Um 17.30Uhr will sie ihre Freundin Babsi besuchen, aber die ist auf Klassenfahrt und so zieht Melanie wieder ab und ziellos durch den Ort, ehe sie zuletzt in einem bei jungen Leuten recht beliebten Grilllokal gesehen wird, das sie aber trotz der ansprechenden Musik (Bruce Springsteen: I'm on fire) bald wieder verlässt. Am Ortsausgang von Scheeßel an der B75, an einer beliebten Anhalterstelle gegenüber der Molkerei wird Melanie um 19.00Uhr noch zweimal gesehen: zum einen von einer Autofahrerin in einem gelben Opel Rekord, die sie aber nicht mitnimmt, und zum anderen von einem Molkereiarbeiter, der in der vorindustriellen Zeit der Milcherzeugung noch mit 20-Liter-Kannen und noch nicht mit 30.000-Liter-Tankzügen hantiert und beobachtet, wie das Mädchen in einen roten Mercedes 200 steigt.
Ludwig>Was dann passiert, steht nicht mit letzter Sicherheit fest, sicher aber ist, dass der Autofahrer, ein blonder Unsympath, den Wegweiser nach Stemmen übersehen und einen anderen Weg eingeschlagen hat. Melanie wird sexuell missbraucht, in eine tödliche Auseinandersetzung verwickelt und nackt in die Wümme geworfen, was mit der schon bekannten gruseligen "Boden-Kamera-Perspektive" illustriert wird. Von Schlägen auf den Kopf ist die Rede; Todesursache ist Strangulieren und Ertrinken.
Zunächst einmal begrüsst EZ die wegen der Tennis-Übertragung erst jetzt zugeschalteten ZDF-Zuschauer und weist sie auf die Wiederholung des Filmfalles im Anschluß an die Sendung hin, um gegebenenfalls die Fragen im Studio beantworten zu können; das in etwa dürfte er mit seinem Stoiber'schen "Transrapid"-Satzbau gemeint haben.
Diese Fragen betreffen in erster Linie die abgebrochene Gürtelschnalle, den roten Mercedes, sind aber auch allgemeiner Natur so wie die Frage nach dem Täter, der in der Tatnacht nasse Schuhe und blutverschmierte Kleidung gehabt haben müsste. Die abgebrochene silberne Gürtelschnalle wird eingeblendet, ebenso der Mercedes 200 im nicht Mercedes-originalen marsrot und dem Typenschild auf der rechten Heckseite sowie die Reifenspuren mit den zugehörigen Dunlop-Breitreifen. Die Karte wird eingeblendet und nach Zeugen gefragt, die Melanie gesehen haben. Eine Fotomontage des "mit 1,67m für ihr Alter recht grossen Mädchens" und ihrer Kleidung am Tattag (beiger Pulli mit blauen Querstreifen, schwarze Hose, weisse Turnschuhe mit Klettverschluß) wird gezeigt, dazu noch ein in der Nähe des Leichenfundortes gefundener brauner Lederhandschuh, von dem nicht feststeht, ob er mit der Tat in Zusammenhang steht. Und für alle, die es beim ersten Mal nicht verstanden haben, gibt es einen erneuten Hinweis auf die Wiederholung des Filmfalles.
Die Verfilmung selbst ist eher unspektakulär, die Texte von Isolde Thümmler sind aber herausragend.
Glücklicherweise konnte dieser Mord geklärt werden dank der Cleverness eines weiteren Opfers. Der passende Gürtel konnte sichergestellt werden, allerdings entpuppte sich der marsrote Mercedes als brauner 5-er BMW mit den passenden Breitreifen. Mehr als dazu in der XY-Wiki steht habe ich auch nicht gefunden; ich kann daher nicht sagen, mit welchem Urteil der Prozeß geendet hat. Wenn man aber von Frühling/Frühsommer 1993 für die Urteilsverkündung und lebenslanger Freiheitsstrafe, d.h. von etwa 15 Jahren, ausgeht, so könnte der Täter seit wenigen Jahren wieder in Freiheit sein; er dürfte aber schon über 70 Jahre alt sein. Für weitergehende belastbare Informationen bin ich sehr dankbar.
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#30

Re[3]: Fahrkarte erhobener Daumen - die Anhaltermorde bei XY

in Filmfälle 11.03.2012 02:38
von bastian2410 • 1.543 Beiträge
Mehr als dazu in der XY-Wiki steht habe ich auch nicht gefunden; ich kann daher nicht sagen, mit welchem Urteil der Prozeß geendet hat. Wenn man aber von Frühling/Frühsommer 1993 für die Urteilsverkündung und lebenslanger Freiheitsstrafe, d.h. von etwa 15 Jahren, ausgeht, so könnte der Täter seit wenigen Jahren wieder in Freiheit sein; er dürfte aber schon über 70 Jahre alt sein. Für weitergehende belastbare Informationen bin ich sehr dankbar.

Im April 1992 verurteilt das LG Stade einen 54 jährigen Kranfahrer und zweifachen Familienvater aus Tostedt zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe. Nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme hatte der Kranführer Melanie als Anhalterin in seinem Auto mitgenommen und zum Geschlechtsverkehr gezwungen. Danach stellte er seinen Wagen in Otter (Landkreis Harburg) ab, schlug und würgte das Mädchen, entkleidete es und warf es in die Wümme, wo das Kind ertrank.

Die Hauptindizien, die zur Verurteilung führten, waren:

1). Sperma konnte auf der Leiche sichergestellt werden. Dieses war mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit vom Angeklagten. (das hätte wegen der Fehlerquote bei dieser Methode für eine Verurteilung zur damaligen Zeit alleine noch nicht gereicht)

2). Die Reifenabdrucksspuren am Tatort stimmten mit dem Reifenprofil am Fahrzeug des Angeklagten überein.

3). Ein passender Gürtel zu eine abgebrochene goldfarbene Gürtelschnalle, welche am Tatort gefunden wurde, konnte die Kripo in der Wohnung des Angeklagten finden.

Die Gutachter hatten dem Angeklagten eine sexual-pathologische Störung attestiert. Als Elfjähriger sei er von einer erwachsenen Frau, vermutlich der eigenen Mutter, sexuell mißbraucht worden. Das Gericht verneinte jedoch eine verminderte Schuldfähigkeit.

Auf die Spur des 54 jährigen kam die Polizei nach dessen Festnahme im Oktober 1989, als wegen einer Vergewaltigung einer 15 jährigen in seinem Auto in der Nordheide in U- Haft genommen wurde. Dem Opfer hatte der Täter seine Adresse mitgeteilt, in der Hoffnung auf ein weiteres Treffen. Im April 1990 erhielt er eine Strafe von vier Jahren und sechs Monaten.

Da eine Gesamtfreiheitsstrafe aus beiden Verurteilungen verhängt wurde, befindet sich der Täter seit 3-4 wieder in Freiheit.

Ich hoffe, lieber Ludwig, ich konnte dein tolles ( ) Review ein wenig abrunden.
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