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19.04.2007 FF2 (Kripo Potsdam) Mord an Helga Dieckmann
in Filmfälle 27.08.2010 02:48von bastian2410 • 1.734 Beiträge
Die 64-jährige Arzthelferin Helga D. hatte am 8. November 2006 ihren Mann im Klinikum besucht. Auf dem Heimweg war sie von einem Taschenräuber angegriffen worden. Der Täter stach mehrfach mit dem Messer zu. Helga D. wurde an der Willi-Sänger-Straße aufgefunden. Sie starb später im Klinikum. Ihm wird zunächst nur Totschlag und versuchter Raub vorgeworfen.
Am 30. Mai 2008 wird der 38-jährigen Angeklagten Remo M. wegen Raubmordes zu lebenslanger Haft. Staatsanwaltschaft hatte 12 Jahre gefordert, die Verteidigung Freispruch. Zum Tatzeit war der Angeklagte sehr stark betrunken, dieser Umstand wurde nicht berücksichtigt.
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2008/0530/brandenburg/0073/index.html
Im Dezember 2008 hebt der BGH zwar nicht den Schuldspruch auf, jedoch das Strafmaß. Laut BGH sei der Einfluss der Alkoholisierung von Remo M. auf dessen Steuerungsfähigkeit nicht genügend beachtet worden. In einer neuen Verhandlung geht es dann lediglich um das Strafmaß für die verurteilte Tat.
Das Urteil der zweiten Instanz liegt mir noch nicht vor, werde aber die Woche nach dem Urteil in den Sammlungen der Oberlandgerichte suchen.
Re: 19.04.2007 FF2 (Kripo Potsdam) Mord an Helga Dieckmann
in Filmfälle 18.03.2011 02:16von bastian2410 • 1.734 Beiträge
RE: 19.04.2007 FF2 (Kripo Potsdam) Mord an Helga Dieckmann
in Filmfälle 02.06.2026 23:10von bastian2410 • 1.734 Beiträge
Sendung vom 19.4.2007
FF 2 (Kripo Potsdam) Mordfall Helga Dieckmann
Der Marienberg- Mörder
Teil 1
Brandenburg an der Havel- etwa 70 km westlich von Berlin entfernt- ist eine kreisfreie Stadt und 2006 mit über 70000 Einwohnern die drittgrößte Stadt im Bundesland Brandenburg. Die Stadt ist bekannt für ihre gotischen Gebäude aus Backstein, darunter auch das Altstädtische Rathaus aus dem 15. Jahrhundert. In unmittelbarer Nähe befindet sich der Brandenburger Dom, dessen Kapelle eine barocke Orgel und eine bemalte Gewölbedecke hat. Das spätmittelalterliche Paulikloster beherbergt das Archäologische Landesmuseum. Wegen ihrer langen Geschichte und aufgrund ihrer namensgebenden Rolle für das Land Brandenburg wird sie auch als „Wiege der Mark“ bezeichnet.
Im Stadtteil Hohenstücken wohnt seit über 30 Jahren auch die 64-jährige Rentnerin Helga Dieckmann zusammen mit ihrem Mann Willi in einem Wohnblock in der Nikolaus-von-Halem Straße. Ganz in der Nähe hat sich das Ehepaar einen Schrebergarten zugelegt- das große Hobby der Rentnerin. Das Ehepaar ist gerade von einem 14-tägigen Urlaub aus der Türkei zurückgekehrt. Helga hatte dort ihren 64. Geburtstag am 23. Oktober gefeiert.
Helga Dieckmann hatte vor ihren Ruhestand als Sekretärin bei den Wasserwerken gearbeitet und ist Mutter von zwei erwachsenen Kindern. Trotz ihres Ruhestandes arbeitet die fitte und lebenslustige Frau stundenweise in einer Arztpraxis in Brandenburg an der Havel. Sie hilft am Empfang, koordiniert die Termine und erledigt die Post. Sie ist beim Praxisteam und bei den Patienten sehr beliebt und gilt als die gute Seele der Praxis.
Auch am Mittwoch, den 8. November 2006 arbeitet die Rentnerin bis 17 Uhr in der Praxis. Danach will sie noch ihren Mann im Krankenhaus besuchen. Willi Dieckmann hatte sich an diesem Morgen in das Städtische Krankenhaus begeben. Dort war für den Tag eine lange geplante Nierenoperation geplant. Eigentlich ein Routineeingriff, Helga Dieckmann rechnet sogar damit, dass sie ihren Mann noch an diesem Abend mit nach Hause nehmen kann. Allerdings hatte Herr Dieckmann bei der OP viel Flüssigkeit verloren und musste an einen Tropf angeschlossen werden. Die Ärzte raten daher, dass der Ehemann noch einen Tag zur Erholung und zur Beobachtung im Krankenhaus verbleiben solle.
Helga Dieckmann leistet ihrem Mann noch beim Abendessen Gesellschaft und verabschiedet sich gegen 18 Uhr. Man verabredet sich für morgen.
Je nachdem welchen Weg die 64-jährige für den Heimweg zu ihrer Wohnung in der Nikolaus-von-Halem-Straße einschlägt, dauert der Fußweg 20 bis 30 Minuten. Helga Dieckmann hätte zwar auch ein Taxi nehmen können, sie liebt jedoch das Laufen. Zudem wohnt das Ehepaar in einer ruhigen Wohngegend, größere Straftaten finden hier nicht statt. Die Polizei kann zunächst nicht feststellen, welchen Weg die Rentnerin genommen hat- es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder sie lief vom Krankenhaus die Bergstraße herunter und bog dann in die Willi-Sänger- Straße in der Nähe des Parkplatzes am Krematorium ein. Oder sie nahm die Abkürzung durch den Marienberg und durchquerte die unbeleuchtete, leicht hügelige Parkanlage zum Parkplatz am Krematorium.
Ein Anwohner in der Willi- Sänger- Straße wird in dieser Nacht zum wichtigsten Zeugen. Er wartet an diesem Abend auf seine Frau und die Kinder, die zum Einkaufen gefahren sind. Aufgrund eines lauten Geräusches auf der Straße begibt sich der Mann- in Annahme seine Familie kehrt zurück- auf die Straße. Hier begegnet er im Vorbeigehen eine Gruppe von 4-6 Jugendliche, die die Willi-Sänger-Straße heruntergehen. Dann erkennt der Anwohner auf dem Parkplatz des Krematoriums eine winkende Frau, die auf ihn schwankend zuläuft. Jetzt erst erkennt er die Frau: Es ist seine Nachbarin Helga Dieckmann, die in seinen Armen zusammenbricht. Bevor die Rentnerin das Bewusstsein verliert, teilt sie noch mit, dass sie überfallen wurde.
Der Zeuge ruft sofort den Notarzt, obwohl er keine Verletzungen feststellen kann. Als der Rettungswagen eintrifft, ist Helga Dieckmann noch am Leben, aber nicht mehr ansprechbar. Jetzt erst stellen die Ärzte fest, dass das Opfer eine Stichwunde im Oberkörper aufweist. Die 64-jährige wird sofort in das gleiche Krankenhaus gebracht, in dem auch ihr Mann liegt und wird notoperiert. Noch während der OP stirbt Helga Dieckmann an ihren schweren inneren Verletzungen.
Gegen halb 1 wird der Ehemann des Opfers geweckt und in ein Einzelzimmer gebracht. Hier informiert die Polizei ihn über den Tod seiner Frau.
Jetzt erst ermittelt auch die Kripo Potsdam. Erst gegen 22.30 Uhr- also 4 Stunden nach dem Mord- wird der Tatort rundum die Willi-Sänger-Straße weiträumig abgesperrt und abgesucht. Da Helga Dieckmann erstochen wurde, wird mit Metalldetektoren rundum den Marienberg und dem anliegenden Stadtpark nach der Tatwaffe gesucht. Tatsächlich findet die Kripo in Tatortnähe 4 Messer, ein Messer sogar mit Blutflecken. Kaum zu glauben: Die kriminaltechnische Untersuchung ergibt, dass alle Messer als Tatwaffe ausscheiden. Die Polizei erhofft sich zudem von Befragungen in der Nachbarschaft viel. Helga Dieckmann kam auf ihrem Heimweg an mehreren Supermärkten und Geschäften vorbei, die gegen 18.30 noch geöffnet waren- die Willi- Sänger- Straße ist zu dieser Zeit eine ziemlich belebte Straße.
Die Kleidung des Opfers wird beim LKA Brandenburg kriminaltechnisch untersucht. Auf der Winterjacke wird zwar eine biologische Spur extrahiert, die aber nach den damaligen Methoden nicht untersucht werden kann. Auf der Handtasche des Opfers werden keine DNA- Spuren bzw. Fingerabdrücke gefunden. Da es in der Tatnacht sehr kalt war, geht die Kripo davon aus, dass der Täter Handschuhe getragen hat.
Der Mord von Marienberg verbreitet sich wie ein Lauffeuer in Brandenburg und die Angst der Bewohner vor weiteren Überfällen wächst, auch weil die Polizei keine heiße Spur zum Täter findet. Zwar meldet sich ein Zeuge, der zur Tatzeit zwei Radfahrer gesehen haben will, die auf dem Marienberg Richtung Parkplatzt am Krematorium unterwegs waren- von einem Radfahrer kann sogar ein Phantombild angefertigt. Die Suche nach den Radfahrern bleibt ebenso erfolglos wie die Fahndung nach den 4 bis 6 Jugendlichen, die zur Tatzeit in Tatortnähe gesehen wurden.
Doch eine Woche nach dem Mord- am 15.11.2006- kommt es zu einer Situation, die die Kripo Potsdam ein großes Stück weiterbringt. Beim Rewe-Markt im Tschirchdamm- ca. 3 km vom Tatort entfernt und ein beliebter Treffpunkt in der Sprayer-Szene – vertraut sich ein junger Mann einer Person an und beichtet, dass er bei dem Mord im Stadtpark dabei gewesen sei. Er habe „Schmiere“ gestanden. Sein Komplize sei dann ausgerastet, als die Rentnerin sich wehrte und ihre Handtasche nicht hergeben wollte. Dieser angebliche Mittäter, dessen richtiger Name nicht bekannt ist, ist in der Sprayer- Szene nur unter seinem Graffiti- Tag UMS bekannt. Danach verschwindet der junge Mann wieder.
Der Zeuge wendet sich bereits am nächsten Tag an die Polizei. Mit seiner Hilfe kann die Kripo ein Phantombild anfertigen. Der stämmige Mann ist zwischen 17 bis 21 Jahre alt und hat ein besonderes Merkmal: er hat eine auffällige Narbe neben der Nase. Zudem spricht er erkennbar Berliner Dialekt.
In den nächsten Wochen konzentriert sich die Kripo auf die Suche nach UMS und ermittelt in der Sprayer- Szene. Die Ermittlungen nach dem Mittäter gestalten sich jedoch schwierig. Die Nachforschunge im Sprayer- Milieu führen nicht zur Identifizierung von UMS. Viele Sprayer schweigen gegenüber der Polizei wegen ihrem Ehrenkodex, nie mit der Polizei zusammen zu arbeiten. Insgesamt überprüft die Polizei über 2400 Personen aus dem Graffiti- Milieu, die vom Alter her auf die Beschreibung von UMS passen- ohne Erfolg.
Kurz nach der Tat werden auch drei Obdachlose von der Polizei vernommen, unter ihnen auch der 37-jährige Reno M., die sich regelmäßig auf dem Friedhof des Krematoriums am Marienberg aufhalten. Sie sagen aus, von der Tat nichts mitbekommen zu haben. Da die Kripo die Aussagen nicht widerlegen kann und auch nichts Strafrechtliches gegen die Männer vorliegt, wird diese Spur nicht weiter verfolgt.
Trotz einer hohen Belohnung von 5000 Euro gehen in den 5 Monaten nach der Tat nur etwas mehr als 50 Hinweise ein. Ein halbes Jahr nach dem Mord in Brandenburg an der Havel wird der Fall in Aktenzeichen xy vorgestellt. Im Vordergrund steht die Identifizierung von UMS und die Suche nach dem Fahrradfahrern und den Jugendlichen, die am Tattag in unmittelbarer Nähe des Tatortes gesehen wurden und als wichtige Zeugen gelten. Zudem erhofft sich die Polizei, dass sich noch Zeugen melden, die Helga Dieckmann auf den Weg vom Krankenhaus nach Hause gesehen haben.
(Im FF wird dargestellt, dass der Räuber die Handtasche des Opfers tatsächlich mitgenommen hat. Dies ist jedoch nicht so, der Täter hat nach dem Messerstich die Handtasche losgelassen und am Tatort zurückgelassen)
Tatsächlich gehen viele Hinweise zum Phantombild ein. Ein Anrufer erklärt, dass UMS mit ihm auf die gleiche Schule in Nord gegangen ist. Dies sei die Oberschule Brandenburg Nord gewesen. (diese Spur erweist sich jedoch nach weiteren Ermittlungen als „kalt“)
Ein anderer Zeuge meldet sich und sagt aus, dass UMS im Ausland untergetaucht sei.
Sogar der Fahrradfahrer meldet sich und macht eine interessante Aussage. Er will die mutmaßlichen Täter auf seiner Fahrt gesehen haben. Der Mann war auf der stadtauswärts rechten Seite der Willi-Sänger-Straße unterwegs und wollte an der Sprengelstraße abbiegen. Plötzlich liefen zwei Männer vor sein Rad. Es kam zu einer Kollision. Die beiden Fußgänger rappelten sich auf und eilten in Richtung August-Bebel-Straße davon. Der Zeuge ist sich sicher, dass einer der Männer der gesuchte Mittäter mit dem Spitznamen UMS ist und identifiziert den Mann anhand des Phantombilds. An den anderen Verdächtigen hat der Radfahrer jedoch keine konkrete Erinnerung. Er war damit beschäftigt, sich wieder aufzurappeln, während seine Unfallgegner davonliefen. Als er weiterfahren wollte, habe er dann das Blaulicht eines Rettungswagens in Nähe des Krematoriums gesehen.
Im Juni 2007 meldet sich dann eine Frau auf der Polizeiwache in Brandenburg an der Havel und gibt dem Fall dann die entscheidende Wendung: Ihr gegenüber soll ein Mann den Mord an Helga Dieckmann in einen Supermarkt gestanden haben.
Teil 2: Jetzt hat die Polizei einen Namen, jedoch lässt eine Festnahme noch auf sich warten. Die Kripo versucht, den entscheidenden Tatnachweis zu ermitteln. Die Fahndung der Polizei führt weiterhin durch ein verwirrendes Labyrinth aus offenen Fragen. Und kann auch der mysteriöse UMS identifiziert werden?
Zwei Fälle, die wieder einmal nachdenklich machen, gerade im Hinblick auf das Anhalterunwesen." (Zitat Zimmermann FF 3 17.01.1986)
RE: 19.04.2007 FF2 (Kripo Potsdam) Mord an Helga Dieckmann
in Filmfälle 05.06.2026 15:27von bastian2410 • 1.734 Beiträge
Sendung vom 19.4.2007
FF 2 (Kripo Potsdam) Mordfall Helga Dieckmann
Der Marienberg- Mörder
Teil 2
Am 15. Juni 2007 erreicht die Beamten der Kripo einen Anruf einer Frau, die angibt, dass ein Mann den Mord am Marienberg ihr gegenüber gestanden hat. Obwohl der Anruf am späten Nachmittag bei der Kripo eingeht, lässt sich die Polizei zunächst nicht blicken. Erst gegen 22 Uhr bitten die Beamten die Zeugin in ihrer Wohnung zur Vernehmung.
Sie sagt aus, dass ihr heute ein gewisser Reno M., den sie mal in einer Kneipe kennengelernt hatte, aber sonst keinen näheren Kontakt gehabt hätte, in einem Plus- Markt in Hohenstücken in der Willibald-Alexis-Straße beim Einkaufen gebeichtet habe, dass er im November letzten Jahres bei einem Handtaschenraub eine ältere Frau getötet hat. Die Polizei habe ihn sogar schon vernommen wegen der Sache, habe M. ihr erzählt. Sie sei zunächst perplex und schockiert gewesen, wollte jedoch näheres zur Sache wissen. Reno M. habe ihr sogar gezeigt, wie lang das Tatmesser gewesen sei: etwa 30 Zentimeter. Er habe die Frau nicht töten wollen, sie sei ausgerastet und ihm ins Messer reingelaufen.
Insgesamt drei Stunden habe sie mit Reno M. gesprochen. Bei einer günstigen Gelegenheit habe sie dann ihren Bruder angerufen, der M. ebenfalls vom Namen her kennt. Er sollte dann die Polizei verständigen.
Jetzt hat die Polizei einen Namen. Kurz nach dem Mord wurde Reno M. bereits von der Polizei verhört. Reno M. ist 2006 37 Jahre alt, gelernter Mauerer und Vater von vier Kindern. Er ist seit mehreren Jahren arbeitslos und verkehrt im Obdachlosen- Milieu. M. ist zwar polizeilich bekannt, hat jedoch keine Vorstrafen.
Trotzdem wird Reno M. nicht sofort verhaftet- der entscheidende Tatnachweis fehlt noch. Die Kripo Potsdam beantragt beim Landgericht Brandenburg eine Telefonüberwachung und observiert den Verdächtigen. Zudem wird ein sogenannter V- Mann auf Reno M. angesetzt, der weitere Informationen besorgen soll und ebenfalls aus dem Obdachlosen- Milieu stammt. Die Aktion geht jedoch schief. Bereits beim ersten Treffen entlarvt Reno M. den Spitzel. Die Polizei erfährt davon aus einem Telefongespräch mit der Freundin von Reno M.- der V- Mann wird sofort abgezogen.
Auch wird gut 8 Monate nach der Tat der Tatort rundum der Willi- Sänger Straße erneut abgesucht. Dabei wird der Suchradius gegenüber der ersten Tatortabsuche erheblich erweitert. Grund ist die Aussage eines Radfahrers, der am Tattag mit den mutmaßlichen Tätern zusammengestoßen war- die Polizei sucht jetzt auch den möglichen Fluchtweg dieser beiden Männer akribisch ab. Ziel ist es, die Tatwaffe zu finden, die seit dem Verbrechen verschwunden ist. Das Tatmesser bzw. Spuren, die im Zusammenhang mit dem Mord an der Rentnerin stehen, werden allerdings erneut nicht gefunden.
Die Kripo Potsdam kann dann auch zwei Wachmänner ermitteln, denen gegenüber Reno M. die Tat ebenfalls gestanden hat. Anke L. hatte die Wachmänner in den Plus- Markt in einem unbeobachteten Moment angesprochen und sie auf Reno M. aufmerksam gemacht. Die Wachmänner haben ihr dann gegenüber erwähnt, dass Reno M. ihnen bereits am Vormittag die gleiche Geschichte erzählt hätte- allerdings hätten sie ihm nicht geglaubt und auch nichts weiter unternommen. Beide Männer bestätigen in der Vernehmung diese Aussage. Reno M. hatte dem Wachmännern früher am Tag mehrfach kleinlaut und gar nicht prahlend erzählt, dass er einen großen Fehler gemacht und die Frau abgestochen habe.
Auf den Tag genau 1 Jahr nach der Tat- am 8. November 2007- wird Reno M. dann nicht unweit des damaligen Tatortes festgenommen. Dem Verdächtigen wird Totschlag und schwerer Raub mit Todesfolge vorgeworfen- das Amtsgericht Potsdam erlässt am 9. November 2007 Haftbefehl und ordnet Untersuchungshaft an.
In den ersten Vernehmungen leugnet Reno M. zunächst jede Tatbeteiligung. Als die Beamten den Verdächtigen mit seinen Geständnissen gegenüber anderen Personen konfrontieren, gibt M. zwar zu, diese Aussagen getätigt zu haben. Er habe jedoch an diesem Tag sehr viel Alkohol getrunken und habe nach Aufmerksamkeit gesucht. Daher habe er mit Anke L., die er flüchtig kennen würde, das Gespräch gesucht. Alles was er gesagt habe, soll jedoch „totaler Blödsinn“ gewesen sein.
Für die Ermittler ist die Beweislage schwierig. Es gibt keine unmittelbaren Augenzeugen, keine Spuren am Tatort, die auf Reno M. hindeuten und auch keine Tatwaffe. Trotzdem erhebt die Staatsanwaltschaft Ende März 2008 gegen den 37-jährigen Tatverdächtigen Anklage wegen Totschlag und schweren Raub mit Todesfolge. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, Helga Dieckmann habe sterben müssen, weil sie sich dagegen wehrte, dass man ihr die Handtasche rauben wollte.
Am 6.5.2008 beginnt vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Potsdam der Prozess gegen Reno M.- das Gericht hat insgesamt 6 Verhandlungstage angesetzt.
Laut Anklageschrift soll der jetzt 38-jährige Angeklagte am 8. November 2006 gegen 18.20 Uhr die 64-jährige Rentnerin und Arzthelferin Helga Dieckmann mit einem Stich ins Herz am Marienberg getötet haben, weil sich das Opfer gegen einen Handtaschenraub wehrte. Eine Stunde nach der Tat starb das Opfer nach einer Notoperation im Städtischen Klinikum Brandenburg an ihren schweren inneren Verletzungen. Nach Ansicht der Anklage seien die Ermittlungen schwierig gewesen, weil die Kripo in Milieus ermitteln musste, die in der Regel nicht kooperativ mit der Polizei zusammenarbeiten. Auch fehlen unmittelbare Tatzeugen und objektive Spuren, zudem konnte ein mutmaßlicher Mittäter aus der Sprayer- Szene bis heute nicht ermittelt werden. Jedoch sei die Anklage davon überzeugt, dass Reno M. für den Tod der Frau verantwortlich ist.
Nachdem der Angeklagte das erste Mal von der Polizei befragt wurde, habe sich bei ihm ein innerer Druck aufgebaut und er musste sich offenbaren. Mehreren Personen habe er dann die Tat am Marienberg gestanden. Dabei habe er in den Gesprächen Wissen offenbart, das nur der Täter haben konnte. Zum Beispiel über die Beschaffenheit der Mordwaffe- einem Messer.
Ein genaues Motiv für die Tat haben die Ermittlungen nicht ergeben, daher klagt die Staatsanwaltschaft zu Gunsten des Angeklagten nur Totschlag und schweren Raub mit Todesfolge an. Die Beweisaufnahme wird ergeben, ob die Tat eventuell eine andere Bewertung nötig macht.
Reno M. will sich trotz Nachfragen der Kammer nicht zum Anklagevorwurf äußern und beantwortet nur Fragen zu seinem Lebenslauf. Der gebürtige Brandenburger wuchs bei seinen Großeltern in Netzen und bei der Mutter in Nord auf. Nach der achten Klasse lebte er ein Jahr lang in einem Heim nahe Leipzig, ehe er zur Maurerlehre in einem Stahlwerk in seine Heimat Brandenburg zurückkehrte. Ein Jahr verbrachte er bei der Armee, dann wieder bis 1992 in dem Stahlwerk seiner Heimat. Nach der Wende hatte das Werk Schwierigkeiten und viele Leute der Belegschaft wurden entlassen. Auch er wurde dann gekündigt, hatte noch einmal für ein paar Monate Arbeit und ist seit rund 14 Jahren fast unentwegt arbeitslos. Unterbrochen nur von Arbeitsamtslehrgängen und Ein-Euro-Jobs.
Mit verschiedenen Frauen hat Reno M. insgesamt 4 Kinder. Dann habe er erneut eine Frau kennengelernt und sei mit ihr seit einigen Monaten verlobt. Ob er seine jetzige Verlobte auch heiraten wolle, fragt der Richter. „Weil sie gern einen trinken tut, zögere ich noch. Immer am Monatsanfang, wenn es Geld gibt, säuft sie Schnaps, das ist, was
mich so nervt,“ vertraut Reno M. dem Gericht an. Er selbst trinke zwar auch bis zum Vollrausch, doch das geschehe nicht jeden Tag.
Die Verteidigung gibt den Hinweis, dass das Alkoholverhalten des Angeklagten in der Verhandlung noch eine Rolle spielen wird. Sie merkt an, dass ihr Mandant alkoholkrank sei und daher seine gemachten Aussagen über die Tat gegenüber den anderen Zeugen als „Prahlerei“ zu werten sind.
Dann ist der Anwohner geladen, in dessen Armen Helga Dieckmann zusammengebrochen ist. Roland H. sei im Keller gewesen und habe auf seine Familie gewartet. Dann sei er stutzig geworden, als er ungewöhnliche, beunruhigende Schreie von draußen hörte. Er glaubte, eine männliche Stimme als Urheber vernommen zu haben. Aus dem tiefsten Inneren seien diese drei Aggressionsschreie gekommen. Draußen auf der Straße seien ihnen zunächst aber nur eine Gruppe von 4 bis 6 Jugendliche aufgefallen. Die hätten sich aber ganz normal verhalten, seien auch nicht gerannt oder ähnliches. Erst dann habe er aus einiger Entfernung Frau Dieckmann gesehen. Sie sei auf ihm zugetaumelt, jedoch hätte er die Situation zunächst falsch eingeschätzt. Erst als sie vor ihm zusammenbrach und noch sagte, sie sei überfallen worden, habe er den Ernst der Lage erkannt. Er habe dann sofort den Notarzt gerufen, obwohl er keine Verletzungen oder Blut erkennen konnte.
Teil 3: Keine Spuren, keine Tatwaffe und kein Geständnis. Jetzt kommt die wichtigste Zeugin der Anklage- die Frau, der gegenüber der Angeklagte die Tat gestanden hat.
Zwei Fälle, die wieder einmal nachdenklich machen, gerade im Hinblick auf das Anhalterunwesen." (Zitat Zimmermann FF 3 17.01.1986)
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